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Bon appétit!
Katharina Höhnk

Kochbuch von Kathleen und Ives Paccalet: Vergessene Klassiker ★★

Vergessene Klassiker: Köstliche Rezepte mit alten Gemüsesorten
Kathleen Paccalet und Ives Paccalet, Gerstenberg Verlag (2012)
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Zwei Sterne: Begeisterung sieht anders aus.

Sylvia Peters

Von

Janusköpfig ist dieser Bildband. Ist es ein Kochbuch mit Tipps zum gärtnerischen Sesshaftwerden alter Gemüsesorten? Oder ist es eher ein Buch für Hobbygärtner mit Kochrezepten? Ratlos und auch etwas ärgerlich hat es mich zurück gelassen, das eigentlich so glitzernde Versprechen zwischen Buchdeckeln.

Stolz und grazil wie Balletttänzerinnen an der Stange sind die Gemüse auf dem Cover aufgereiht. Aaach, ist das schön! Auch beim Weiterblättern – lauter Gemüse so anmutig in Szene gesetzt, dass man meint, gleich bewegt es sich. Aber dann, nanu? Was, bitteschön, ist das denn? Das sieht aus wie ein Präparat, vor dem jede sensible Medizinstudentin in Ohnmacht fallen würde, aber nein, es ist ein Auberginenauflauf mit Ananastomaten. Auch vier glibberige rohe Eigelb auf gestampften violetten Trüffelkartoffeln in Szene gesetzt, sehen alles andere als Appetit erweckend aus. Das Foto mit dem Romanesco auf griechische Art sieht aus wie in den Kochbüchern meiner Mutter. Wobei damit weder etwas gegen diese Kochbücher und schon gar nichts gegen meine Mutter gesagt sein soll. Die Diskrepanz zwischen dem Ballettgemüse und seiner Verwendung ist so eklatant, dass ich mich erstmal mit dem Impressum befasse. Da liegt der Hase im Pfeffer. Für die sehr ästhetische Optik hat ein anderer Fotograf gesorgt, als für die, naja, äußerst bodenständige Abbildung der Rezepte. Das ist wirklich schade, denn der Unterschied ist eklatant. Schon regnets die ersten Munispunkte.

Umfassend sind folgende Gemüsesorten erfasst: Rote Bete, Speiserübe, Karotte, Romanesco, Kohlrabi, Zucchini, Mangold, Aubergine, Tomate, Kartoffel, Cardy, Knollenkerbel, Kürbis, Knollenziest, Sonnenwurzel, Topinambur, Pastinake, Schwarzwurzel und Steckrübe – mit Hinweisen und Ausführungen jeweils zu Herkunft, Anbau, Lagerung, Sorten, Verwendung und ernährungsphysiologischen Eigenschaften. Das ist alles penibel beschrieben und sehr aufschlussreich, stellenweise sogar amüsant. Ich wusste beispielsweise nicht, dass man der Aubergine einstens den Beinamen “mala insana” (ungesunder Apfel) gegeben hatte, da man glaubte, das Gemüse mache die Menschen wahnsinnig. Wunderschön ist Bianca – eine ovale Auberginensorte mit rosaweißer Färbung. Auf dem ganzseitigen Foto sind zwei scheinbar riesige, eischalenweiße Vertreterinnen mit schlicht-grünem Hütchen abgebildet. Sooo schön! Warum, um Himmels willen, frage ich mich nochmals, hat der Fotograf nicht auch das foodstyling gemacht?

Besänftigt lese ich die Texte, um mich gleich wieder mit Grausen abzuwenden – Gemüse, so lesen wir da, wird geboren, lebt und stirbt für uns. Nun ja, das muss man ja nicht so sehen, klingt aber ziemlich esoterisch verschwurbelt für meinen Geschmack. Weiter muss ich erfahren, dass “uns die Natur erbarmungslos in unsere Schranken weisen wird, wenn wir unsere Überheblichkeit nicht ablegen”. So was möchte ich noch nicht mal in einem philosophischen Proseminar hören, geschweige denn in einem Kochbuch. Ich beginne, mich zu ärgern. Bei der Steckrübe, gegen die ja nun nicht wirklich etwas einzuwenden ist, darf ich lesen, dass wir sicher bald wieder Bedarf an diesem Gemüse haben werden (hier wird auf die schwierige Nachkriegszeit angespielt), da möglicherweise schwierige Zeiten auf uns zukommen. “Die Menschheit täte gut daran, sich auf ihre wahren Freunde zu besinnen.” Jetzt wird es aber absurd! Diesen säuerlichen, pädagogischen Imperativ finde ich unerträglich. Leicht vorgesäuert suche ich nun nach Rezepten, die ich auszuprobieren gedenke. Allein, die Fotos sind streckenweise so abschreckend, dass ich Mühe habe, etwas zu finden und bitte sogar eine nette Kollegin mitzutun.

Die Steckrübensamtsuppe hat es mir angetan, auch das Foto ist nett, mit silbernem Löffelchen und Sahnepünktchen auf der Suppe. Aber irgendwas kann hier mit den Mengenverhältnissen nicht stimmen – auf 300g Steckrüben und 1 Kartoffel kommen die etwa vierfache Menge an Flüssigkeit – ganze anderthalb Liter Hühnerbrühe und 200 ml Sahne: So groß kann die Kartoffel gar nicht sein, als dass nicht aus dem ganzen ein wässriger Auszug wird. Ich lasse es sein und suche weiter.

Beim nächsten Rezept sollen 800 g Steckrüben in 2 Esslöffeln Hühnerbrühe 20 Minuten kacheln. Hm.

Meine Kollegin probiert den Blauen Kartoffelkuchen mit Zitrone, hat viel Arbeit gemacht, meint sie – und kommt an unsere sächsischen Quarkkeulchen nicht ran. Bei anderen Rezepten scheitere ich schlichtweg daran, dass ich die Gemüse nicht zu kaufen bekomme – weder das “White Wonder”, eine Tomate mit weißer oder blassgrüner Schale, noch die Krimtomate, auch die “Weiße Küttinger”, eine weiße Schweizer Karottensorte, ist nicht erhältlich.

Das Wurzelgemüse Indische Art interessiert mich – die Gewürze Salz, Pfeffer, Muskatnuss, Ingwer und Curry müssen ausreichen, um das Rezept als indisch zu deklarieren, ebenso beim “Wurzelgemüse auf marokkanische Art” – Kurkuma und Ingwer müssen ausreichen. Unten steht dann lapidar, man solle das Gemüse auf einem Couscousbett anrichten und mit Kichererbsen garnieren. Irgendwie hat das etwas Liebloses, finde ich. Immerhin, die karamellisierten Karotten und Pastinaken mit Butter und Rosmarin und Schnittlauch gelingen leicht, und schmecken, hauen hier zu Hause aber auch niemanden vom Hocker.

Als letztes gebe ich dem Karottenbrot eine Chance – es sieht hübsch aus, riecht gut, die Konsistenz erinnert aber entfernt an Rührei und irgendwie schmeckt es auch so. Testesser gucken mich irritiert an und fragen, ob MIR DAS schmeckt??

Nun lege ich das Buch endgültig in die Ecke.

Veröffentlicht im Juni 2012

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