Kochbuch von Karen Schulz: Das Tomatenbuch

Kochbuch von Karen Schulz: Das Tomatenbuch ★★★★☆

Das Tomatenbuch: Verführerische Rezepte
Karen Schulz, Fotos Klaus Arras, Edel Verlag (2010)
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Barbara Meyer

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Gelungene Rezepte und Fotos!

Tomaten und ich führen seit meinen Kindertagen eine enge und innige Liebesbeziehung. Meine Oma kredenzte uns regelmäßig zum Abendessen ihren „Tomatensalat“: Tomatenviertel gesalzen, gepfeffert und mit mindestens einer scharfen, gehackten Zwiebel angemacht. Dazu ein Graubrot mit Butter. Lecker. Tomaten waren schon deshalb ein tolles Lebensmittel, weil man ein kleines Loch in die glatte Haut nagen konnte, um dann anschließend die glitschigen Kerne durch das Loch herauszusaugen. Zeitweise war ich der Meinung, es reiche völlig aus, den Konsum auf die Kerne zu beschränken und war später tatsächlich ein wenig irritiert, als ich Rezepte entdeckte, die mich zum „Entkernen“ der Tomaten anhielten und nur das Fruchtfleisch weiterverwendeten.

Heutzutage ist das rote Gemüse weiterhin mein erklärter Favorit – auch wenn ich mich in der Regel zusammennehme und die Tomaten mit dem Messer entkerne, wenn es das Rezept denn vorsieht. Ich mag die Paradeiser in jedweder Form: roh, als Ketchup, getrocknet, im Salat, als Suppe, als Beilage, als Hauptgang, zum Frühstück, zu Nudeln, zum Mittagessen, als Pausensnack für Zwischendurch. Es gibt kein schnelleres Abendessen als meine aktuelle Variante von Omas Tomatensalat: eine Handvoll Kirschtomaten, etwas Salz, Pfeffer, ein paar gezupfte Basilikumblättchen und einen Spritzer Weißweinessig. Wenn ich es mir gerade mal kalorienmäßig leisten kann auch gerne noch ein bisschen Olivenöl – aber das muss nicht unbedingt sein. Dabei bin ich mir durch Urlaub in südlichen Gefilden und durch stolzen Eigenanbau durchaus der geschmacklichen Unterschiede zwischen der sonnengereiften Geschmacksexplosion eines veritablen Goldapfels und den traurigen Gewächshausfrüchtchen aus Holland bewusst.

Für einen erklärten Tomatenliebhaber wie mich kam das Tomatenbuch von Karen Schulz aus dem edel-Verlag somit gerade recht. Das Kochbuch enthält über 50 Rezepte, in denen die Tomate die Hauptrolle oder zumindest eine gewichtige Nebenrolle spielt. Es gliedert sich in die Kapitel „Saucen und Eingemachtes“, „Drinks“, „Salate“, „Suppen“, „Kleine Gerichte“, „Gebackenes“, „Vegetarisches“, „Pasta“ sowie „Mit Fisch und Fleisch“. Das Format des Buches ist handlich; die Rezepte sind übersichtlich gegliedert: Je Doppelseite ein Gericht für 4-6 Personen inklusive Zubereitungszeit, daneben eine appetitanregende Photographie desselben mit geringer Schärfentiefe von Klaus Arras. Wer ob des Untertitels des Buches auf ein außergewöhnliches Design oder eine wirklich inspirierende Gestaltung gehofft hatte, wird allerdings enttäuscht sein. Alles in allem ist das Layout des Buches eher langweilig-bieder.

Aber die Rezepte! Bei der Auswahl der Autorin kommt wohl jeder auf seine Kosten: Grundrezepte für Tomatensauce und Sauce Bolognese, drei alkoholische Tomatencocktails für all diejenigen, die schon lange nach einer Abwechslung zur Bloody-Mary gesucht haben, ein Smoothie mit Tomaten und Erdbeeren für die Schwangeren unter uns oder für diejenigen, die auch ohne Alkohol Spaß haben wollen, fünf Suppenrezepte, die das ganze Spektrum der Suppenküche abdecken (Gazpacho, klassische Tomantensuppe, klare Tomatenessenz, Tomaten-Birnen-Suppe, Tomaten-Kichererbseneintopf), göttliche Kleinigkeiten mit Tomaten in tragender Geschmacksrolle, insbesondere ein wunderbares Bruschetta-Rezept mit oder ohne Sardelle, ganz ungewöhnliche Zutaten- und Gewürzkombinationen (Tomaten-Melonen-Salsa, Tomaten-Vanille-Gemüse, Tomaten-Orangen-Couscous) und ganz Traditionelles mit Pfiff wie z.B. Spaghetti mit rohen Tomaten und Frischkäse. Fleisch und Fischliebhaber kommen mit immerhin drei Fisch- und fünf Fleischrezepten ebenfalls auf ihre Kosten (z.B. Dorade mit Ofentomaten, gegrillte Lammspieße, Rinderfilet in Schinkenhülle mit Tomatenconfit).

Die von mir nachgekochten Gerichte waren allesamt Volltreffer. Die Zubereitung wird genau beschrieben, die Zubereitungszeiten stimmten, die zum Teil ungewöhnlichen Zutaten- und Gewürzkombinationen überzeugten und machten deutlich, wie sehr sich die Tomate als Grundlage für Aromatisierungen durch andere Zutaten und Gewürze eignet. Dabei sind die Ingredienzien nicht schwer zu beschaffen. Man bekommt sie in jedem Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt. Der Clou der Rezepte liegt nicht in der Außergewöhnlichkeit oder besonderen Exklusivität der Zutaten, sondern in ihrer Kombination und exzellenten Mischung. Besonders befriedigend waren für mich die kleinen Gerichte für Zwischendurch, weil sie mit geringem Aufwand eine große geschmackliche Wirkung erzeugten. Ideal, wenn man wie ich an einem lauen Sommerabend erschöpft aus dem Büro kommt und wenigstens noch ein halbes Stündchen das schöne Wetter auf der Bank im Garten genießen möchte.

Schade ist allerdings, dass das Buch neben den schönen und ausgewogenen Rezepten ansonsten nicht allzu viel zu bieten hat. Als Einleitungstext gibt es eine kurze Lobeshymne auf die Tomate (So gesund! Gott sei Dank gibt es wieder gut schmeckende Tomaten! Achtung Solanin im Strunk!) sowie ein paar Küchentipps, die aber leider über solche Grundlagen nicht hinauskommen, die inzwischen selbst mir als Kochnovizin bekannt sind (z.B. Tomaten putzen, Tomaten überbrühen, das richtige Messer, Tomaten nicht in den Kühlschrank etc.). Die „Warenkunde“ am Ende des Buches besteht aus 21 Fotos ausgefallener, besonderer Tomatensorten und jeweils einer drei- bis vierzeiligen Erläuterung ihrer Eigenschaften (z.B. „enthält wenig Säure“, „schmeckt süßlich-würzig“, „ist zum rohen Verzehr oder zum Kochen geeignet“, „ideal zum Grillen und Überbacken“ etc.). Das ist zwar interessant, aber leider fehlen außer dem pauschalen Hinweis auf das Internet oder dem lapidaren Rat, man möge doch Ausschau halten nach „passionierten Tomatenzüchtern“ in der Umgebung Informationen über Bezugsquellen. Ich hätte mir auch gewünscht, dass außer den allgemeinen Tipps zur Verwendung der einzelnen Tomatensorten ein direkter Bezug zu den Rezepten des Buchs hergestellt worden wäre. Beim Rezeptverzeichnis ärgert es mich wie bei so vielen anderen Rezeptverzeichnissen auch, dass die Rezepte zum Teil ob ihrer alphabetischen Einordnung nicht auf Anhieb zu finden sind (so würde ich Sauce Bolognese unter „B“, nicht unter „S“ vermuten oder zumindest auf eine doppelte Einordnung hoffen). Das ist im vorliegenden Fall bei der überschaubaren Anzahl der Rezepte allerdings kein Beinbruch und stört nicht weiter.

Das Tomatenbuch – alles in allem ein solides Machwerk mit innovativen, erprobten Rezepten für Liebhaber des prallen roten Gemüses. Abzüge meinerseits gibt es in der “B-Note” für das leider etwas uninspirierte Layout und für die viel zu kurz gekommene Warenkunde.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im September 2010

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