Kochbuch von Julian Day: Die besten Rezepte aus dem Familienbackbuch

Kochbuch von Julian Day: Die besten Rezepte aus dem Familienbackbuch ★★★★★

Die besten Rezepte aus dem Familienbackbuch
Julian Day, Fotos Steve Painter
Thorbecke Verlag (2013)
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Sylvia Peters

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Eine Definition von Liebe besagt, dass sie nicht der Erwiderung bedarf, was in diesem Falle auch schwer möglich wäre – von einem Kuchen wird man nicht zurück geliebt. Man investiert viel Geduld, Zuneigung, Geld in Form von Zutaten, alle Sinne sind beteiligt, aber Gegenliebe? Fehlanzeige. Der Kuchen bleibt stumm. Dafür darf man ihn komplett auffressen, ihn zerkrümeln, den Nachbarn servieren, die ganze Wohnung damit beduften, er ist überall ein gern gesehener Partygast und Seelentröster, ein Wesen für All- und Feiertag und ultraflexibel. Insofern ist „Kuchenliebe“ ein viel schönerer Titel als der der englischen Originalausgabe „Meg Rivers Home Baking“.

Auf der Innenseite des Hardcovers lachen mich 17 Stück Brownies an, das Backpapier darunter hört man richtig rascheln, auf dem Messer finden sich Schokoladenschleifspuren. Schmatz! Beim ersten Durchblättern ist schon fast klar, wir beide werden richtig dicke Freunde, das 150 Seiten starke und kalorienmächtige Buchding und ich. Inzwischen wünschte ich mir, es käme jemand herein, der ruft, „Töpfkein steh“ oder „Backofen schweig“ oder etwas in der Art, denn ich backe mich komplett durch als fräße ich mich durch den Brei aus dem Märchen. Es gibt aber auch wirklich eine Menge zu tun – Familienkuchen, Kleine Kuchen, Brownies, Schnitten und Riegel, Kekse, Kastenkuchen und Brote und Tartes, so die Einteilung in Kapitel. Es folgt ein Register, alphabetisch nach Zutaten bzw. dem Namen des jeweiligen Gebäcks geordnet.

backbuch-kuchenliebe-julien-day-3Vorweg gibt es eine Einleitung, wie der Mann zum Kuchen kam. In Kürze – der Autor Julian Day, der einen Lebensmittelgroßhandel in Warwickshire betrieb, hat das Familienunternehmen von Meg Rivers‘ Familie übernommen samt zugehöriger und hier veröffentlichter Familienrezepte. Die Geschichte ist natürlich viel länger als hier dargestellt. Vielleicht noch so viel – Meg River hat das Backen in Mutters australischer Teestube gelernt und ist in den 80er Jahren nach England gezogen. Demzufolge gibt es hier auch Keksrezepte wie die Hokey Pokey-Plätzchen, die entweder neuseeländischer oder australischer Herkunft sind. Die Neuseeländer behaupten dies, die Australier jenes.

Jedenfalls waren genau diese Kekse die ersten, über die ich mich in der Küche und die Kinder sich im Folgenden hermachten, womit wir schon mittendrin im Backhandwerk sind. Diese Plätzchen enthalten, wie viele andere aus dem Buch auch, kein Ei, dafür Zuckerrübensirup, der hier in etlichen Rezepten Verwendung findet. Ebenso wie Ingwer, dunkler Vollrohrzucker, Haferflocken, viel, viel Schokolade sowie sämtliche erdenklichen Trockenfrüchte und viel Nüsse, besonders Pekannüsse. Es gibt auch ein, zwei, drei Obstkuchen wie etwa eine Birnentarte, eine Tarte Tatin (mit Äpfeln) und hier und da mal ein paar Früchtchen, aber im Großen und Ganzen werden die Kuchen mit Trockenfrüchten gebacken – mit Datteln, Ingwer, Orangeat und Zitronat, Rosinen, Sultaninen, kandierten Kirschen, getrockneten Aprikosen usw.

Fast alle Kuchen werden in 18-er Form gebacken, sind doppelt so hoch wie ein durschnittlicher deutscher Kuchen und man muss daher etwa die doppelte Backzeit einplanen. Man muss den englischen Backstil mögen, alle diese hohen, mächtigen Rührkuchen mit Trockenfrüchten, die Kekse und Riegel mit Haferflocken, die Früchtebrote, Karottenkuchen, die Bananen im „Brot“ und literweise Melasse, die mürben Kekse und das Shortbread. Ich mochte alles sehr gern, ich würde fast alles, was ich ausprobiert habe, sofort wieder backen, weil ich finde, dass alle Rezepte einen alltagstauglichen, für Freunde, Familie, Gäste gleichermaßen passenden Stil haben. Und hier soll die Sternvergabe einmal explizit begründet werden – nein, es war kein Superknaller-hab-ich-noch-nie-so-lecker-gegessen-Rezept dabei, aber diese schweren, sahnigdicken mit Karamell verzierten Schokoladen-Ungetüme, bei denen dann geschwärmt wird „sooo lecker“, aber „davon kann man wirklich nur eeeiiin Stück essen“, haben bei mir wenig Chancen. Ich will nämlich nicht nur ein Stück essen. Sondern lieber zwei oder drei. Und ich möchte auch am Montagmorgen noch Appetit auf den Sonntagnachmittagkuchen haben. Und den hat man hier. Weil die (ausprobierten) Kuchen alle lecker waren, weil sie simpel zu machen sind, weil man, hat man einmal Zuckerrübensirup, Natron, Nüsse und Trockenfrüchte vorrätig, jederzeit jedes erdenkliche Rezept aus dem Buch nachbacken kann.

Außerdem, man darf nie schläfrig bis müde werden, es zu betonen, gibt es zu jedem Rezept ein Foto. Und was für Fotos! Mir ist bewusst, dass es inzwischen bergeweise Kochbuchliteratur in diesem Landhausstil gibt, satt bebildert und mit ästhetischen Requisiten auf der Holztischbühne wie Silberlöffel und Teetässchen, gefalteten Stoffservietten in erdigen und Steinfarben, bemehlte Arbeitsflächen und Rührbesen, hier mal ein Lavendelsträußchen, da mal ein Ausstechförmchen und drumherum ein bisschen Rosamunde-Pilcher-Atmosphäre mit Landhäuschen, Pferd und Rosen. Dagegen ist rein gar nichts zu sagen.

backbuch-kuchenliebe-julien-day-2Eine Prise Kritik soll aber nun auch noch hinzugegeben werden – ich hatte immer Probleme mit den Backzeiten. Die Kekse waren beispielsweise mit einer Dicke von 1 cm angegeben und einer Backzeit von etwa 20 Minuten, da ich sie immer automatisch etwas dünner ausgerollt habe (im Foto scheinen sie auch maximal einen halben Zentimeter hoch zu sein), musste ich sie schleunigst nach etwa 10 Minuten rausnehmen, auch bei den Rührkuchen, die allesamt über eine bis anderthalb Stunden im Ofen ausharren sollten, bin ich immer deutlich unter der angegeben Backzeit geblieben aus Angst vor trockenen Kuchen. Aber das ist sicher Geschmackssache. Zum Tee kriegt man vermutlich alles runter, aber ich bevorzuge eine feuchtere Konsistenz. Außerdem habe ich bisher aus purer Sparsamkeit, oder nennen wir es Geiz, keinen der Kuchen mit Pekannüssen gebacken, was äußerst schade ist, da gerade diese 6 Rezepte vielversprechend aussehen. Hier mit Walnüssen zu operieren ist gar keine Alternative, der Geschmack ist einfach ganz anders.

Ein Rundumdieuhr-Sorglos-Backbuch für Menschen, die nicht gleich mit einem Aufschrei umkippen, wenn das überall frisch vom Baum in Jungfrauenhände gefallenes Bio-Obst auf dem Kuchen ist.

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Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im März 2014

4 Kommentare

  1. Simone

    Liebe Sylvia,
    herrlich deine Rezension, ich konnte dich förmlich hören! Allein nach deiner Beschreibung möchte ich das Buch gleich kaufen!
    LG, Simone

  2. Becky

    Das Buch ist wirklich klasse, man muss halt nur Trockenfrüchte mögen. 😉 Ich hatte mit den Backzeiten übrigens nicht solche Probleme und auch die Brownies wurden bei uns lecker…
    LG, Becky

    • Katharina

      Ah, gut zu wissen. Dank Dir!
      Ich habe mich über die Jahre in Trockenfrüchte reingekocht. Eigentlich kann man nicht anders, wenn das mit das saisonale Angebot ernst nimmt. Erstaunlich ist, zu welchen Konsistenzen sie fähig sind.

    • Sylvia

      Schön, dass dir das Buch auch gefällt! Mit den Backzeiten ist das eine heikle Sache – von deinen Brownies nehm ich dann gerne ein Stück 😉
      Sylvia

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