Kochbuch von Julia Skowronek: Biergartenkochbuch. Bayerische Sommerküche

Kochbuch von Julia Skowronek: Biergartenkochbuch. Bayerische Sommerküche ★★★★★

Biergartenkochbuch. Bayerische Sommerküche
Julia Skowronek, Fotos Brigitte Sporrer
Dorling Kindersley Verlag (2014)
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Sylvia Peters

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Zwischen mir und dem Oktoberfest liegen Luftlinie etwa 400 Kilometer, und doch bin ich im Handumdrehen mittendrin. Wenn dann noch die Lieblingsnachbarn in Dirndl und kariertem Hemd vor der Tür stehen, kann die große Sause beginnen. Oder sagt man Jause?

Das Beeindruckendste des Biergarten-Kochbuchs, das mir das Oktoberfest so nahe bringt, ist die wollüstige Zurschaustellung von Fleischgerichten. Wenn es im Buch “Salat” heißt, dann handelt sich in den meisten Fällen um Wurstsalat. Ist das nicht herrlich? Hin und wieder kokettiere ich bei der um sich greifenden Fleischphobie mit dem Gedanken, nach Argentinien auszuwandern, aber ach, wie so oft, liegt das Gute ja viel näher.

Es mag nicht dem ganzheitlichen Ansatz zur bayerischen Biergartenkultur gehören, dass sich meine kleinen, gut gepflegten Stereotypen hauptsächlich auf Fleischverzehr beziehen, aber irgendwie ist es das, was mich aus dem Buch als erstes besonders fröhlich anlacht.

„Im Biergarten sind alle gleich!“

Eine sommergelbe und von der Sonne freundliche beschienene Maß neben Backhendl, Ente mit Zwetschgen, Biergulasch, Fleischpflanzerl, Schweinswürstel, Leberkäse und eben Wurstsalat. Aber keine Sorge, da ja im Biergarten, wie es im Prolog heißt, alle gleich sind, gibt es für jeden Geschmack etwas – folglich auch andere feine Sachen. Nein, falsch, eher deftige Sachen wie Radieschenblumen mit Quark-Dip, Krautsalat mit Speck oder Bohnensalat mit Schafkäse.

Auf der süßen Seite Zwetschgendatschi (was für ein schönes Wort! Und wie grob klingt dagegen Pflaumenkuchen mit seinem harten P und K!), Steckerleis und Kaiserschmarrn. Damit ist das kulinarische Angebot grob umrissen.

Inklusive Wörterbuch mit Saupreiß und Zamperl

Die Einteilung erfolgt nach Brotzeit, Suppen und Salaten, Warmen Gerichten und Biergartenklassikern und Süßen Sachen. Am Ende ist ein Bayerisch-Deutsch-Wörterbuch für den Biergarten angehängt, in dem man den “Saupreiß” – unangenehmer Mensch aus Nicht-Bayern neben dem “Zamperl” – kleiner Hund findet und erfährt, dass letzterer vom Wirt auch immer frisches Wasser kriegt. Was der “Saupreiß” bekommt, wird nicht erklärt, aber da ja “im Biergarten alle gleich” (siehe oben) sind, hoffen wir mal das Beste.

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Was aber ist nun das Beste? Ich hatte und habe eigentlich auf alles Appetit, was da so zwischen den Buchdeckeln klemmt, aber ich bin ein kleiner Fleischsünder und Vielfraß, insofern ist mein persönlicher Appetit kein Kriterium. In der Folge bin ich chronologisch vorgegangen und habe versucht, aus jeder Sparte etwas an Mann, Kindern und Nachbarn zu testen. Der Grapefruit-Russ`n (oder muss es im Falle des Genusses durch weibliche Testern “Grapefruit-Russin” heißen) war uns sowohl historische Belehrung als auch getränketechnische Offenbarung – das erste Hefeweizen meines Lebens genossen mit Grapefruitsaft (eigentlich sollte es Limonade sein).

Die Russ`n-Maß soll während der Münchner Räterepublik 1919 erstmalig gemischt worden sein. Der Name des Getränks entstammt dem Volksmund, der die Anhänger der Revolution als “Russ`n” bezeichnet.

Nicht mit jedem Getränk oder jeder Speise saugt man so viel Historie ein. Ich habe meinen ersten “Obatzda” selbst zusammengerührt und das Bier aus der Vorratskammer für mein erstes Bierbrot benutzt, Haselnusstreusel über Pflaumen gestreuselt und Tafelspitz gekocht. Alles gelang und sorgte für heiter, zufriedene Gesichter.

1a-funktionierende Anweisungen

Alle Rezepte sind bebildert (man darf nicht müde werden, auf diesen scheinbar so selbstverständlichen Punkt hinzuweisen), es fehlen weder Angaben zu Menge noch zur Zubereitungszeit, es gibt Tipps (“Brezenknödel werden wie Semmelknödel zubereitet, schmecken aber kräftiger.”) und Varianten (“Für Paprika-Schafskäse … fein zerbröselten Schafskäse untermischen” – statt Paprika-Sesam-Aufstrich), viele blau-weiß-karierte Tischdecken und Deckchen und Kastanienbäume und hundertprozentig und 1a-funktionierende Anweisungen zur Zubereitung.

Ein Kochbuch für Bayern-Fans mit Herz, Freunde von herzhaftem, schnörkellosen Essen und dem unbedingten Wunsch, Freunde und Familie einzuladen. Und wenn ich richtig gelernt habe, dann heißt das auf bayerisch so: Ja mei, des is a Kochbuch fei für Saupreißn und Zuagroaste zwengs dera Brotzeit, die fei bschdäin, zutzeln, sich zuabrosdn und aufbrezln wollen.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Mai 2015

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