Kochbuch von Judith Stoletzky und Maria Luisa Scolastra: Maria Luisa kann nicht anders

Kochbuch von Judith Stoletzky und Maria Luisa Scolastra: Maria Luisa kann nicht anders ★★★☆☆

Maria Luisa kann nicht anders: Von Platterbsen, weißen Trüffeln und einer Messerspitze Wahnsinn
Judith Stoletzky & Maria Luisa Scolastra, Fotos J. Krzyzanowska, Becker Joest Volk Verlag (2012)

Katja Böttger

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Lesefutter ja, Rezepte – tja

Eine kleine Alltagsflucht nach Umbrien gefällig? Dieses “Koch-Bilder-Lese-Buch” könnte das Ticket sein. Als Lesefutter ist das klug und witzig geschriebene und ansprechend gestaltete Buch ein Genuss. Wer jedoch die Maria Luisas umbrische Küche auf den eigenen Teller bringen und genießen will, muss einige unerwartete Herausforderungen meistern – und wird nicht immer dafür belohnt.

Maria Luisa Scolastras ist Köchin aus Leidenschaft, ja Besessenheit. Ihr Wirkungsort – oder besser Herrschaftsgebiet – ist die Villa Roncalli, die im umbrischen Städtchen Foligno ein kleines Hotel und Restaurant beherbergt. Dort zelebriert sie mit spiritueller Unterstützung von Heiligen und Verstorbenen ihre Interpretation umbrischer Küche.

Ihre “heilige Schrift” ist die beeindruckende Rezeptkladde ihrer verstorbenen Mutter, nach jahrzehntelangem Gebrauch mit einer veritablen Fettpatina geadelt, die handschriftlichen Notizen für Nichteingeweihte kaum noch lesbar – Grund genug, endlich daraus ein gedrucktes Kochbuch zu Papier zu bringen. Ein Exemplar davon liegt nun vor mir.

Den Einband ziert eine klassische weiße Tischdecke mit eingewebtem Blumenmuster, was die Assoziation von Tradition, Stil und gehobenem Anspruch weckt. Auch die Gestaltung der Innenseiten wirkt eher kühl, was stimmig mit den bodenständigen, engagierten und persönlichen Inhalten kontrastiert. Das Buch ist reich mit stimmungsvollen Fotos von Land und Leuten ausgestattet. Zwischendurch findet sich auch eine Doppelseite mit abgehacktem Hühnerfuß und Hackebeil – ich bin mir nicht sicher, ob ich das witzig oder geschmacklos finde, aber ich bewundere den Mut.

Kaum aufgeschlagen, habe ich mich auch schon festgestöbert in den lebendigen, zuweilen mit augenzwinkernd-spitzer Feder geschriebenen Portraits von Maria Luisa, Umbrien, der Villa Roncalli, ihren Gästen und Mitarbeitern, Hausheiligen und Geistern sowie in den klugen und manchmal witzigen kleinen Kapiteln über Platterbsen, Trüffeln, Linsen, Pinienkernen und anderen Hauptdarstellern der umbrischen Küche.

Ihr Credo ist, möglichst alles mit eigenen Händen und Produkten selbst zu machen, sie backt sogar das Brot jeden Tag höchstpersönlich, und was die Ländereien der Villa Roncalli nicht hervorbringen, sucht sie bei handverlesenen Zulieferern persönlich aus. Ihr missionarischer Eifer schreckt auch nicht vor ihren Gästen zurück, und auch ich darf amüsiert in den Spiegel schauen, wenn die Zielgruppe der großstädtischen Kochbuch-Käuferinnen karikiert wird, die sich mit dem Erwerb eines stilvollen Kochbuches gleich ein ganzes – bevorzugt mediterranes – Lebensgefühl einzuverleiben suchen.

Der Rezeptteil ist nach Jahreszeiten sortiert. Statt Insalata Caprese, Spaghetti Bolognese und Tiramisù werden Perlhuhn und Lamminnereien, Trüffel und Kastanien serviert. Die Gerichte sind fast durchweg fett- und fleischlastig, mit Unmengen an Parmesan und Olivenöl, Schweineschmalz sogar in Süßspeisen und Brot. Bedenken fegt Maria Luisa im Kapitel “Das Fett” vom Tisch. Im Sommerkapitel finden sich zudem nicht wenige Gerichte mit Meeresbewohnern – etwas überraschend für eine regionale Küche aus einem Land ohne Küste. Desserts gibt es zu jeder Jahreszeit, hier dominieren Gebäck, Küchlein, Schokoladiges und Alkohol, und ich vermisse Leichtigkeit.

Dann kam das Nachkochen – und damit ganz unerwartete Hindernisse!
Ich hatte den Ehrgeiz, die Rezepte genau nachzukochen, um die verborgenen Geheimnisse zu ergründen – und bin daran kläglich gescheitert. Die Zutatenlisten sind für den Hausgebrauch recht lang, und in beinahe jedem Rezept stolpere ich über mindestens eine Zutat, die ich weder im Vorrat finde noch spontan besorgen kann. Schweinebacke und Zucchiniblüten kann ich notfalls vorbestellen, bei Myrte und Pimpinelle wird es schon komplizierter, aber wer würde mir Perlhuhn-Innereien überlassen – und was zum Teufel sind “Gobbi, ersatzweise Kardonen”?!? Auch die Mengen einzelner Zutaten sind beachtlich – für ein paar Kleckse Pesto ein halbes Pfund Basilikum, für ein Rührei 80 Gramm Trüffel.

Gerne hätte ich nun geschrieben, der ganze Aufwand habe sich gelohnt, weil die Ergebnisse toll waren – aber so war es leider nicht. Die Rezepte haben (mit wenigen, verzeihlichen Fehlern) funktioniert, die Ergebnisse waren recht deftig, aber durchweg solide und füllten uns den Magen auf angenehme Weise, das “gewisse Etwas” haben wir jedoch nicht entdecken können, und so hat der verhältnismäßig große Aufwand das Ergebnis nicht immer vollends gerechtfertigt.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im September 2012

8 Kommentare

  1. Hilde

    Ich habe das Buch geschenkt bekommen und kann eure Rezension nur bestätigen. Die Rezepte sind unterschiedlich gut: beim Brotrezept fehlt die Angabe der Flüssigkeitsmenge, auch ich finde die Fettangaben viel zu hoch. Das Pizzarezept mit Zucchini gefällt mir allerdings sehr gut; ich belege mit gefüllten Blüten. Andere habe ich noch nicht nachgekocht.
    Bei der Gelegenheit möchte euch sehr loben, ich schaue häufig hier nach emfehlenswerten Büchern und Rezepte.
    Vielen Dank dafür

    • Katharina

      Liebe Hilde, wir freuen uns, dass Du unsere Einschätzung teilst und natürlich sehr über Dein herzliches Kompliment. Merci!

  2. Katharina

    Ja, das denken wir auch. Ganz sicher sogar. 🙂

  3. Sybille

    Die Medien waren sicher begeistert weil dieses Buch wunderbar geschrieben ist. Wer es zum “Kochen” will findet hier auf dem Blog sicher ein besseres Buch.

  4. Katharina

    Ja, überleg’ es Dir gut. Es gab Stimmen in den Medien, die waren sehr begeistert. Wir finden es für das Kochen nicht überzeugend.

  5. Maria

    Seit einigen Tagen habe ich einen Werbefolder vom Becker joest volk verlag herumliegen und bin auch gleich auf obiges Buch angesprungen – wollte Valentina schon bitten, aber ihr wart schneller!danke fürs Testen…wird nun eher nicht gekauft.

  6. Katharina

    Oh, danke, Sybille. Wir haben über das Für und Wider mehrmals gesprochen. Schön daher, dass Du unsere Einschätzung bestätigst.

  7. Sybille

    Deine Rezension ist mit meinen Erfahrungen absolut deckungsgleich.

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