Kochbuch von Jamie Oliver: Zu Gast bei Jamie

Kochbuch von Jamie Oliver: Zu Gast bei Jamie ★★★★☆

Zu Gast bei Jamie von Jamie Oliver
Fotos David Loftus, Dorling Kindersley Verlag (2011)
Mehr über den Kochbuch-Verlag

Katharina Höhnk

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Ein echter Jamie

Deutschland und England haben Gemeinsamkeiten. Ihre kulinarische Traditionen werden vor allem zuhause geliebt. Über die Grenzen hinaus schwappt die Begeisterung, na sagen wir mal, nicht so recht. Es sei denn, jemand namens Jamie Oliver ist mit von der Partie.

Unsere Küchen sind natürlich liebenswert, aber sie brauchen meist ein persönliches Band. Wie die deutsche Großmutter, die beim amerikanischen Dampfnudel-Liebhaber meist nicht weit ist. Das Nicht-so-Geliebtwerden ändert natürlich nichts an UNSERER Liebe. Aber – und das ist ein Vorteil – wir verfallen auf diese Weise nicht in hemmungslosen patriotischen Stolz auf unsere kulinarischen Wurzeln. Das macht blind für die anderen Reichtümer dieser Welt. Denkt an die „armen“ Italiener. Stellt Euch nur vor, die ganze Welt wäre sich einig, wie ganz besonders und einzigartig unsere Küche ist. Wir würden uns auf dem Mount Everest wähnen. Alles andere – pille-palle. Lohnt sich nicht auszuprobieren. So – ist unsere keine Länderküche zu fern.

England hat aber einen Vorteil. Es hat Jamie Oliver. In seinem Gefolge ist ein wirklich aufregender Homecooking-Kochbuchmarkt entstanden. Für mich ist er der Erfinder des Feel-good-Kochbuchs. Er hat den erhobenen Zeigfinger, die hauswirtschaftliche Sachlichkeit und klinische Objektfotografie ausgemottet. Seine Bücher machen Laune.

Aber mal ganz ehrlich? Wie lange kann man das Konzept wieder und wieder, in dichter Folge und etwas neuem Gewand auf den Markt werfen? Das habe ich mich gefragt als Zu Gast bei Jamie eintraf. Aber dann machte es wieder Klick.

Jamie war die ganzen Jahre ausgezogen in die Welt. Vor allem Italien war seine Rezeptheimat. Kleine englische Rezept-Streusel gab es schon immer. Aber nun, pünktlich vor der Olympiade in England, wenn die Welt zu Gast ist, ist er auch zu Hause angekommen. Clever. Er hat einen Riecher, wenn die anderen noch ein Mittagsschläfchen einlegen.

Bubble & Squeak, Crumpies, Lincolnshire-Poacher-Pie, Cornish Pasties, Shepards Pie, Leigh-on-Sea-Seezunge – das klingt nach „urenglisch“. Oh, ein Käsefondue mit Bier gehört auch zu dieser Kategorie. Außerdem Ofengemüse-Vindaloo, Bombay-Hähnchen und andere etwas „frischer“ beheimateten Klassiker. Das Buch ist kein konservativer Spiegel der englischen Küche. Hier geht es nicht um Tradition bewahren, sondern mit zeitgemäßen Interpretationen Appetit zu machen. Einen englischen Bezug stellt Jamie immer her, so universell das Rezept auch sein mag. Manchmal sehr fantasievoll. Sei es, dass seine ENGLISCHEN Azubis gerade ein Schoko-Seminar hinter sich haben. Schwups, das samtige Schokoladenmousse mit Brandy und Sommerfrüchten ist im Buch. Es geht locker zu.

Besonders viel Spaß machten mir die Doppelseiten mit Fotos und Kurzvorstellung von passionierten Metzgern, Winzern, Restaurantinhabern, einmaligen Ortschaften, Institutionen wie das Pub oder kulinarischen Eigenheiten wie die Pastetenküche. Das bricht die Einzeldarsteller-Vorstellung auf. Das Pendel schlägt dann wieder etwas mehr nach England als zu Oliver. Die Idee, vom Ruhm etwas abzugeben, hat Oliver auch in anderen Büchern verwirklicht und ist sicher ein Teil seines Erfolgs. Absoluten Unwillen löste seine Passion für Jäger in Form eines Kapitels Aus Feld und Wald bei mir aus. Mir ist ein Rätsel, was daran Spaß macht, einem schönen wehrlosen Reh eine Kugel zwischen die Augen zu schießen. Mister Oliver, wie ist es mit Ihnen?

Zu Gast bei Jamie ist ein echter Jamie. Das Stöbern machte Spaß. Das Kochen machte Spaß. Die Rezepte waren gut beschrieben. Es schmeckte allen. Es blieb in keinster Weise hinter meinen anderen Jamie-Kochbuch-Erlebnissen zurück. (Außer meinem ersten natürlich.) Meine England-Sympathie, mitgebracht aus den letzten beiden Sommer-Urlauben, fühlte sich pudelwohl. Es war wie immer mit ihm – und doch mit einer Prise Neuem. Genau das, was treue Fans erwarten.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juni 2012

8 Kommentare

  1. Fabienne

    Ich möchte auch noch gerne etwas zur Jagd hinzufügen. Ich bin eine Jägerstochter. Mein Vater ist Jäger, mein Grossvater war es auch (ich bin es übrigens nicht). Es gibt immer und überall schwarze Schafe, und leider auch viele bei den Jägern. So wie ich jedoch seit meiner Kindheit mit der Jagd in Berührung gekommen bin kann ich diese Pauschalisierung nicht gutheissen. Mein Vater hat grossen Respekt vor dem Wild,d ass er erlegt. Lieber wird einmal zuwenig geschossen vielleicht nicht 100% zu treffen. Das tote Tier wird mit Jagdhorn und dem sogenannten Bruch (zweig ins Maul legen) geehrt. Und die Jagd ist wichtig und nötig. Ich komme aus der Schweiz. Frag mal einen Förster, wie es um seinen Wald bestehen würde, gäbe es keine Jäger? Der Wald würde überaltern, denn sätmliche Triebe neuer Bäume würde von den Rehen gefressen. Und ein Jäger geht nicht nur im Herbst auf Fleisch-Jagd. Seine Hegepflicht nimmt er das ganze Jahr war. Im Winter werden Salzlecken für Rehe eingerichtet, im Frühjahr Rehkitze aus den Feldern geholt, bevor die Bauern sie zermähen. Bei uns gibt es jedes Jahr strikte Vorgaben, von welchem Wild wie viele geschossen werden dürfen. Wie gesagt, es gibt immer scharze Schafe! So wie ich die Jagd jedoch kenne, und das ist für mich die einzig legitime Jagd, ist sie äusserst naturnah und respektvoll und eine ganzjährige Verpflichtung zur Hege und Pflege. P.S: unsere Hunde wurden und werden NIE an die Kette gelegt. Sie leben bei uns im Haus und sind Familienmitglieder!

    • Katharina

      Das ist schön, dass Du das schreibst, weil es schön ist, dass es das gibt. Ich wünschte, ich würde das auch mal so herum erleben. 🙂

  2. Helma

    Habe gerade die Yorkshire Puddings mit der Räucherforellencreme aus dem Kochbuch probiert! Herrlich! Die britische Küche ist einfach herrlich! Und den Jagdfetisch finde ich btw auch ein wenig suspekt, auch die ganze Hobbyjagerei.

    • Katharina

      Mmmh, dann können ja die Olympischen Spiele starten. Gestern war gerade ein Special in er Süddeutschen mit Fish&Chips-Adressen in London. Fast hätte ich spontan gebucht. 🙂

  3. Gudrun

    Ich finde es sehr schade, dass ein Kochbuch Blog, der ja auch für kulinarische Vielfalt steht, leider der einseitigen Sicht erliegt, dass Jagd etwas Böses ist solange es sich um Bambi und Klopfer handelt. Bei Rind, Schwein und Huhn ist es egal wie sie geschlachtet werden, die kommen ja so schön verpackt im Supermarkt an. Wenn sich carnivore Menschen aber damit auseinander setzen müssen, dass man um Fleisch zu essen auch töten muss oh weh, dann kommt das große Jammern. Die bösen Jäger die das arme Tierchen herzlos erschießen. Mir ist ein Reh, geschossen in seiner natürlichen Umgebung lieber als ein Schwein (und sei es auch bio), dass erstmal zum Schlachter geschleift werden muss

    • Katharina

      Hm. Ich fühle mich da etwas missverstanden. Mir geht es vielmehr um den Sport Jagen aus der Perspektive des Jägers. Dass das früher notwendig war – keine Frage. Dass es für ein Tier angenehmer ist vom Jäger als vom Metzger erlegt zu werden – da bin ich ganz bei Dir.
      Aber mir ist es persönlich ein Rätsel, wie man am Tierschießen in der Freizeit Freude empfindet. Ich kenne viele Jäger. In meiner Heimat gab und gibt es regelmäßig Jagden. Wenn sich die Herren zusammentun, um sich am Sonntag zum Schießen zu treffen, dann war es weniger um die Sorge für einen würdevollen Tod des Tieres, sondern um ihren männlichen Ritual nachzugehen mit viel Hochprozentigem im Anschluss. (Manchmal war das Fleisch wg der vielen Schrotkugeln im Hintern des Hasen eh ungenießbar.)
      Es waren genau jene, deren Hunde gerne an der Kette lagen, und die jedem Hundebesitzer den Tod ihres Hundes androhten, wenn der frei gesehen würde. In Sorge, dass sie ein Tier weniger abschießen konnten. Eine sonderbare Gesellschaft. Da ich auch weiß, wie diese Jäger, die meist Landwirte waren, ihre Kühe hielten – nein wirklich, das Jagen hatte bei Ihnen nichts mit dem Respekt vor dem Tier zu tun. Manchmal fragte ich mich und das tue ich noch heute, wo deren Respekt vor dem Tier ist.
      Ich hoffe, ich konnte Deine Zweifel ausräumen, dass ich mich vor dem Töten eines Tieres grusele. Ich war bei beidem schon anwesend: bei der Geburt und beim Tod eines Tieres und habe schon selber Hand angelegt. Aber die Freude am Töten und das freiwillige Betreiben – das kann ich nicht verstehen. Für das Jagen in meiner Heimat bestand kein Grund. Es gab keine Überpopulation oder ähnliche Gründe, die ein Abschießen notwendig machte. Und hinterher wusste man häufig nicht so recht, wo hin mit dem Fleisch. Die Gefriertruhen der dazugehörenden Frauen waren übervoll, dass es quasi verschenkt wurde. Also, denen ging es nicht um das Jagen, wie es im besten Fall stattfindet. Es ging und geht ihnen um ihren Spaß.

  4. Cornelia

    Eine sehr schöne Rezension, die den Nagel für mich auf den Kopf trifft. Auch oder besonders was die Beschreibung rund um JO im Allgemeinen betrifft.
    Übrigens finde ich, dass man der Englischen Küche oft sehr unrecht tut, wenn man sich angewidert abwendet. Sie hat viel mehr zu bieten als man glaubt. In 1 Woche geht es für uns übrigens wieder ab nach Cornwall. Weil es vor 3 Jahren so schön war und uns das Essen so gut geschmeckt hat. 🙂

    • Katharina

      Danke! Freut mich. Cornwall, da fallen mir sofort wieder köstliche Sachen ein. Ich finde übrigens auch, dass es mit den guten kulinarischen Adressen genauso wie in Deutschland ist. Man sollte vorbereitet sein, wissen wohin. In Frankreich/Italien ist das anders. Da kann man den Zufall den Weg überlassen. Viel Spaß!!

Schreib' uns!

Meistgelesen

Themen A-Z