Kochbuch von Jamie Oliver: Jamie kocht Italien

Kochbuch von Jamie Oliver: Jamie kocht Italien ★★★☆☆

Jamie kocht Italien – Aus dem
Herzen der italienischen Küche
Jamie Oliver
Fotos: David Loftus
Dorling Kindersley Verlag (2018)
Mehr über den Verlag

Christiane Schwert

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Jamie Oliver ist eine Größe. Sein Können unbestritten, ja weltberühmt, seine Kochbücher gefeiert und seine Liebe zur italienischen Küche allseits bekannt. Doch funktioniert auch sein mittlerweile 21. Kochbuch (und 2. italienisches) nach bewährter Erfolgsformel?

Meine letzte Begegnung mit Jamie Oliver ist schon ein Weilchen her. Sein erstes Kochbuch (Kochen mit Jamie Oliver, 2002) war damals ein Must-have für mich. Meantime hat sich Oliver vom „jungen Spitzenkoch“ zum Goldjungen gemausert: Ein megasympathischer, sozial engagierter Schwiegermutterliebling, aber auch Zugpferd eines stattlichen wirtschaftlichen Unternehmens. Mit seinem neuen Buch kehrt er zu seinen Wurzeln zurück: Denn Olivers Kochkarriere begann bei Carlo Carluccio in London.

Nonne & Mamme

Nun reist Jamie Oliver (Foto links) mit seinem Mentor Gennaro Contaldo, den er bei Carluccio kennenlernte, nach Italien, um die Küche des Mittelmeerzipfels erneut zu erkunden. Dabei nimmt er eine Veränderung wahr: Kulinarische Traditionen und überlieferte Rezepte scheinen zu verschwinden. So trifft Oliver nonne und mamme, kocht mit ihnen und entlockt ihnen ihre Küchengeheimnisse. Dieser inhaltliche Aufhänger gefällt mir. Denn Oliver nimmt sich zurück und stellt die alten Damen und ihre Küchenweisheit mit einem Hauch von Ehrerbietung in den Vordergrund. Er begegnet der Küche Italiens dabei mit viel Respekt, die Bewahrung bedrohter Küchentraditionen scheint ihm ein Anliegen.

Zur Ästhetik der Oliver’schen Bücher ist schon viel gesagt worden. Da strahlen Können und Routine aus jeder Seite. Die Rezepte werden jeweils in zwei, drei Sätzen eingeleitet. Er trifft dabei, ganz Profi, genau die Balance von Nähe, ohne jedoch geschwätzig zu werden. Wie angenehm, wenn jemand weiß, was er tut. Am Seitenende – wenn es das für mich auch nicht bräuchte – eine kleine Übersicht über Kalorien, Fett etc. pro Portion.

Auch hier wieder einige, wenn auch wenige, Fotografien des Haus- und Hoffotografen David Loftus. Insgesamt schöne, appetitlich-schlichte Foodfotografien zu jedem Rezept, unprätentiös angerichtete Teller, in Vogelperspektive fotografiert. Außerdem: sympathische Porträts der nonne, nette, lustige Freundschaftsfotos von Oliver und Contaldo. Das Buch selbst ist 400 Seiten schwer, wertig, mit mattem Papier. Auch ein goldenes Lesebändchen darf die Lieblingsrezepte markieren.

Versalzen wird hier nichts …

Das reicht natürlich nicht. Post-Its müssen her. Da sieht einiges gut aus. Der mit Wurst, Hackfleisch, Brot und Kräutern gefüllte Staudensellerie zum Beispiel. Mit ihm will ich starten. Und ja, es schmeckt nicht schlecht. Die Fülle ist mir allerdings zu brotlastig, der Staudensellerie nach der angegebenen Zeit nicht weich, und warum werde ich nirgends zum Salzen aufgefordert? Wo ich doch gerade bei Samin Nosrat gelernt habe, wie essenziell wichtig selbiges für das Gelingen eines Gerichtes ist. Doch weder in den Zutaten, noch in der Beschreibung für Fülle und Sauce kommt das kleinste Körnchen vor. Komisch.

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Ich wende mich den Klassikern zu: Pizza geht immer! Doch der Teig für den neapolitanischen Pizzaboden ist nicht wie beschrieben „weich“, sondern so flüssig, dass es mir schier unmöglich ist, ihn in die geforderten sechs Kugeln zu formen. Beherzt kippe ich ihn auf die bemehlte Arbeitsfläche, nur um ihn schnellstmöglich wieder in die Schüssel zu bugsieren, bevor er mir in die Schublade läuft. Habe ich etwas falsch gemacht? Manchmal liegt es ja auch am Mehl. Hier taucht das Salz zwar nicht in der Zutatenliste, aber schließlich in der Beschreibung auf. Was fehlt, ist die Angabe, was mit dem Teig geschieht, wenn man ihn nach der Gare über Nacht im Kühlschrank herausholt. Noch mal gehen lassen? Direkt weiterverarbeiten? Nichtsdestotrotz, die Pizza schmeckt. Ehrlich! Ich wähle zunächst die Variante: Klassische Margherita. Und ich will nicht kleinlich sein, aber auch hier: kein Salz, kein Pfeffer …

Gelingsicherheit?

Auch bei dem Rezept für Pesto scheint etwas verrutscht: 30 g Kräuter, 100 g Nüsse, 6 EL Olivenöl und 50 g Parmesan ergaben nur eine sehr krümelig-trockene Nusspaste, da half auch der Saft der halben Zitrone nicht mehr (Samin Nosrat spricht übrigens von 100 g Kräutern, 100g Käse, 55g Nüssen, 175 ml Olivenöl).

Die Dessertauswahl überzeugt mich leider auch nicht recht: Bei 9 von 14 Rezepten ist Alkohol im Spiel, hier mal 100 ml Marsala, da ein Fläschen vin santo oder ein Sirüpchen aus 750 ml Limoncello oder ein Löffelchen Grappa. Na denn, Prost!

Doch lasse ich mich nicht verdrießen, dies ist schließlich Jamie Oliver! Und siehe da, ich werde belohnt mit einem sehr feinen Spaghetti-Carbonara-Rezept bei dem vor allem das knusprige Topping (Speckschwarte, getrocknete Steinpilze, Rosmarin und altbackenes Brot) der Hit ist. Auch die Tränenspätzle haben einen schönen Biss und das Zeug, mein bisheriges Spätzle-Rezept abzulösen. Und das langsam geschmorte Rindfleisch ist zwar nach meinem Dafürhalten kein Ragù, sondern einfach ein Braten, dafür aber überaus köstlich.

Der neue Jamie Oliver hat mich also zunächst etwas ratlos gemacht. Denn zwar ist er, wie immer, schön anzusehen, war aber nicht durchweg von Gelingsicherheit geprägt. Aber dann dennoch so gut, dass ich eigentlich noch mehr ausprobieren möchte.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im März 2019

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