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Katharina Höhnk

Kochbuch von Irina Georgescu: Carpatia ★★★★★

Carpatia – Eine kulinarische Reise durch Rumänien, Irina Georgescu, Fotos: Jamie Orlando Smith, Autorenfoto: Irina Georgescu, Ars Vivendi Verlag (2020)

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Katharina Höhnk

Von

Es gibt viele Gründe, sich für Kochbücher und das Kochen zu begeistern. Der Genuss ist sicherlich der naheliegendste Anlass. Gleich dahinter rangiert für mich aber auch das Eintauchen in Kulturen und Regionen. Denn eine Küche und ihre Rezepte führen geradewegs in die Geschichte, Geografie und Gesellschaft eines Landes. Das Kochbuch Carpatia ist in diesem Hinblick ein Traumkandidat, aber nicht nur deshalb.

Kochbuchautorin Irina Georgescu
Kochbuchautorin Irina Georgescu

Die Autorin Irina Georgescu (Foto links) ist gebürtige Rumänin, die heute in England lebt, wo sie Kochkurse gibt. Carpatia – Eine kulinarische Reise durch Rumänien ist ihr erstes Kochbuch. Angelehnt hat sie den Titel an den Gebirgszug des Landes, der die Trennung der historischen Regionen Moldau, Siebenbürgen und Walachei markiert. Bereits die Titelwahl ist Ausdruck ihres Anliegens. Die Autorin möchte nicht weniger als das Land und sein vergangenes Erbe kulinarisch sichtbar machen, aber auch Vorurteile ausräumen: „Obwohl Toleranz mehr und mehr an Boden verliert, hoffe ich doch, einige falsche Vorstellungen, Rumänien und seine Bewohner betreffend, ausräumen zu können“, erläutert sie eingangs ihre Hoffnung, die sie mit dem Buch verbindet, und betont die Kraft der Verbundenheit, die Kochen und Genuss auslösen können.

Zum Weiterlesen

Leseprobe beim Verlag

Website & Instagram der Autorin

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Von Rom bis Habsburg

Aber warum auch immer man sich dem Kochbuch zuwendet: Es öffnet den Blick auf kulinarisch Bemerkenswertes. Denn Rumänien zeichnet aus, dass die Vergangenheit es zu einem Schmelztiegel Europas infolge seiner wechselhaften Geschichte geformt hat. In der Küche finden sich nicht nur griechische, türkische und slawische Einflüsse aus dem Süden, sondern auch ungarische, österreichische und siebenbürgisch-sächsische Noten aus dem Westen, die bis heute lebendig sind.

Die Rezeptauswahl des Kochbuchs illustriert diese Breite, man muss fast Weite schreiben. Die Autorin ordnet für ihre Leser die Gerichte immer wieder nicht nur kulinarisch, sondern auch historisch ein. Das gibt dem Buch Tiefe und Sinn. So sei die Placinta cu carne, eine Hackfleisch-Pilz-Pastete, auf Griechen und Römer zurückzuführen, die kleinen Kohlrouladen namens Sarmale dagegen auf die Osmanen, die das Land lange besetzt hielten. Es ist heute übrigens das Nationalgericht Rumäniens.

Kochbuch von Irina Georgescu: Carpatia

Im Kapitel für Desserts und Kuchen zeigt sich dann Habsburger Opulenz: Die 6-Schichten-Dobos-Torte aus Biskuit, schokoladiger Buttercreme mit Karamellschicht und Walnüssen verdankt Rumänien der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Das aristokratische Rezept hätte sogar Eingang in kommunistische Kochbücher gefunden, bemerkt Georgescu spitz. Im Übrigen klammert die Autorin dieses politische Kapitel weitgehend aus, sie belässt es bei einigen Zeilen über ihre Kindheit im kommunistischen Bukarest.

Bors & Ciorba

Carpatia ist ein schönes Kochbuch. Auch ein paar idyllische Landschaftsaufnahmen gibt es. Sie rahmen die sechs Rezeptkapitel von Essen aus Geselligkeit, Brot, Hauptgerichte, Dessert und Eingelegtes ein.

Besonders erwähnenswert ist dabei das Kapitel für Bors und Ciorba. Beides seien Brühen mit saurer Note, die zwischen Vorspeise und Hauptgang gegessen würden, so Georgescu. Dabei sei Bors mit Kombucha, Kimchi und Miso hinsichtlich seines gesundheitlichen Wertes gleichzusetzen, fährt sie fort, da es fermentiert wird. Bors wird mit Weizenkleie, Maisgrieß, einer Scheibe Toast, Lorbeer, Petersilie und Liebstöckel angesetzt. Mehrere Suppen-Rezepte in Carpatia basieren darauf, aber es lässt sich auch als Booster am Morgen pur trinken.

Irina Georgescu über ihr Buch:

„Dieses Buch ist eine Hommage an die rumänische Küche und unser kulinarisches Erbe. Essen bedeutet für mich und viele andere, die fern ihrer Heimat leben, sich an die eigenen Wurzeln zu erinnern.“

Obwohl von mir sofort markiert, war das Rezept nicht mein Auftakt beim Nachkochen, sondern statt seiner das für Bulz. Hinter dem nicht minder charmanten Namen verbergen sich gebackene Polentabällchen mit Joghurt zubereitet und einer käsigen Füllung, die mit Backofentomaten serviert werden. Bemerkenswert an ihnen ist, wie gut der Polenta die Säure des Joghurts tut. Es ist übrigens eines von insgesamt elf Polentarezepten, denn Mamaliga, so der rumänische Name für den Maisgrieß, sei allgegenwärtiger Bestandteil der Küche.

Wissen & Handwerk

Anschließend habe ich mich an das Lamm im Pastrami-Stil gemacht, das mich wegen des außergewöhnlichen Gewürz-Rubs neugierig machte. Er wird aus Thymian, Paprikapulver, Koriander, Rohrzucker und Wacholderbeeren zubereitet: würzig, vielschichtig und super lecker.

Aus meiner Sicht stehen beide Gerichte für das Kochbuch: auf den ersten Blick Hausmannskost, aber Zutaten und Zubereitungen überraschen mit Besonderheiten und „moderner Note“, wie Georgescu schreibt. So ist es auch bei den blanchierten Brennnesselblättern mit Knoblauch und Kürbiskernen, dem in Wirsingblättern gebackenen Kartoffelbrot oder dem prächtigen Brioche-Käsekuchen mit Sultaninen und Orangenlikör.

Was das Kochbuch besonders auszeichnet: Irina Georgescu verfügt nicht nur über persönliches und historisches Wissen, sie beherrscht als Kochlehrerin auch das Handwerk – eine Bereicherung. Es lohnt sich bereits, die Rezepte zu lesen.

Das Kochbuch Carpatia von Irina Georgescu ist für mich eine bibliophile Sternstunde, wenn es um die Rolle des Genres als Kulturvermittler geht. Einerseits präsentiert es in den Rezepten die Geschichte des Landes, andererseits kommt man voll auf den Genuss. Wer wie ich in Kochbüchern seine ewige Sehnsucht bedient, andere Länder und Kulturen kennenzulernen, weil das Leben zu kurz ist, überall hin zu reisen, wird befriedigt werden wie am Ende eines wunderbaren Menüs und Rumänien mit anderen Augen betrachten.

Veröffentlicht im Mai 2021

4 Kommentare

  1. Ute

    Auch von meiner Seite herzlichen Dank für die Rezension. Nächste Woche werde ich den Chec-Kuchen backen.
    Bei dieser Rezension ist mir – wie bei vielen anderen auch – aufgefallen, dass die Kochbücher, in den verschiedene Regionalküchen vorgestellt werden, häufig von Autorinnen und Autoren stammen, die in Großbritannien leben, also oft Übersetzungen sind.
    Ich frage mich manchmal, warum es bei uns weniger Kochbuchautorinnen und -autoren aus diesen Ländern gibt. Oder liegt es an den Verlagen?

    • Katharina

      Liebe Ute, ja, das ist in der Tat sehr aufallend.

      Meine Einschätzung, es ist ein Mix: Viele dt Verlage übersetzen nur, haben also nicht die notwendigen Resourcen, eigene kulinarische Titel zu gestalten. Oder es stellt sich die Frage: Wenn es einen ausgezeichneten Lizenztitel gibt, warum selber machen? Schließlich die Erfolgsaussichten eines solchen Titels: Bei diesen Themen sind es eher kleine Auflagen, über die wir sprechen. Kochbücher sind aber wegen der Fotos aufwendig und teuer.

      Ich werde mich bei Gelegenheit auch bei anderen Experten erkundigen.
      Herzlichst Katharina

  2. Dorothea

    Danke für diese toll geschriebene Rezension – sie macht richtig Lust auf das Kochbuch und die Rezepte! Bin gespannt aufs Nachkochen. Liebe Grüße nach Berlin

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