Kochbuch von Herbert Seckler: Die Originalrezepte der legendären Sansibar

Kochbuch von Herbert Seckler: Die Originalrezepte der legendären Sansibar ★☆☆☆☆

Strandküche: Die Originalrezepte
der legendären Sansibar
Herbert Seckler, Südwest Verlag (2010)

Barbara Meyer

Von

Ein Stern: Am besten umtauschen.

Auf meiner persönlichen Landkarte Deutschlands klaffen im nördlichen Teil im Allgemeinen und im Bereich der deutschen Nordseeinseln im Speziellen noch etliche weiße Flecke. Waren meine Eltern zunächst von der autofreien Insel Spiekeroog als besonders kinderfreundlicher Urlaubsinsel sehr überzeugt, hatten sie nach zwei verregneten Sommern mit gelangweilten, plärrenden Kindern offenbar die Nase voll. Seitdem verbrachten wir unsere Sommerferien dort, wo die Regenwahrscheinlichkeit im unteren Prozentbereich liegt. Und somit in keinem Fall nördlich des Weißwurstäquators. In späteren Jahren konnten es Deutschlands Küsten nicht mit meinem Fernweh nach fremden Sprachen, anderen Kulturen und exotischen Genüssen aufnehmen und auch Arbeit, Bekanntschaft oder Zufall haben mich seitdem nicht wieder in den hohen Norden geführt. Dass ich etwas gegen diese meine geographische Ignoranz tun muss, machte mir kürzlich meine älteste und beste Studienfreundin Nina deutlich und verpflichtete mich kurzerhand zu einem verlängerten Wochenende auf Sylt. Zu buchen bis Ende des Jahres.

Zur Einstimmung auf den Aufenthalt kam mir das im SüdWest-Verlag erschienene Kochbuch Strandküche von Herbert Seckler gerade recht. Über den Wirt, die gute Küche und den exquisiten Weinkeller der Sansibar in den Sylter Dünen hatte ich bereits einiges gelesen. Zudem schienen die 192 großformatigen Seiten ausweislich der Verlagsbeschreibung nicht nur Einblicke in das Rezeptregister der Edelstrandbude zu vermitteln, sondern darüber hinaus auch die erstaunliche Entwicklung der Sansibar zum Sylter In-Treff und zur eigenständigen Marke nachzuzeichnen. Angetan von den von Nikolai Buroh aufgenommenen Bildern der Insel, des Restaurants sowie von Gerichten mit Titeln wie „Lachs in der Grube“ und „Kalbskotelett mit Muskatnudeln und Apfelkompott“, war ich bereit, das leichte Unbehagen beiseite zu schieben, das mich beim ersten Anlesen der Texte und der vielen unübersehbaren Superlative überkam („prominentester Gastronom“, „meistbesuchte Lokal Deutschlands“): Klotzen gehört in Sylt wohl irgendwie dazu.

Das Buch startet mit einem Vorwort von Peter Lewandowski, dem langjährigen Chefredakteur der Glamour-Zeitschrift Gala. Danach wird zunächst die Sansibar, „die Kultbar in den Dünen“ und ihre Geschichte vorgestellt. Ab Seite 18 geht es dann in medias res: In acht Kapiteln geben Herbert Seckler und sein Küchenberater Axel Henkel ca. 100 Rezepte aus dem Sansibar-Rezepteregister preis: In „Am Strand und unterwegs“ finden sich Strand- und Grillpartytaugliche Gerichte wie z.B. ein Burger von Langostinen oder eine Blätterteig-Pizza mit Chicorée und Jamón Ibérico. In der „Aromaküche“ geht es weiter mit asiatisch-gewürzten Gerichten wie Teriyaki vom Lachs oder Hummer in Sakeglasur. Im Kapitel „Gaumenzauber“ soll es laut Beschreibung „sehr exotisch“ werden. Besondere Aufmerksamkeit erregt hier die „Bloody Mary von Meeresfrüchten“.

Dem Titel entsprechend finden sich Suppen wie z.B. ein Dünen-Süppchen mit Estragon-Algen-Landschaft“ im Kapitel „Löffellüste“. Weitere Kapitel sind die Rezept-„Favoriten“ der Sansibar-Gäste, eine Sammlung beliebter Dips in der „Stipp-Visite“, Beilagen in „Zugabe!“ sowie die „Finalisten“ für den Nachtisch. Dazwischen gibt es immer wieder mal eine Textseite, auf der über Sonne, Meer, das Sylter Strandleben, die Sansibar und ihren Wirt berichtet wird. Diese Texte sind für mein Empfinden ein echtes Manko des Buchs. Mir ist der Tonfall und die Attitüde der Autoren bereits nach einigen Seiten gehörig auf die Nerven gegangen. Ich habe großen Respekt vor der unternehmerischen Leistung Herbert Secklers und vor der Art und Weise, wie er sich gegen alle Widrigkeiten durchgesetzt hat. Unter etwas „Großem und Bedeutendem“ (Zitat aus dem Text) verstehe ich aber etwas anderes. Um das permanente Herausstellen der Sansibar_ als „In-Treff“ mit hoher „Prominentendichte“ und um die zum Teil recht holprigen Sätze zu ertragen, muss man wohl eingefleischter _Sansibar-Fan sein. Das ist schade, denn die Bilder zu den Texten erwecken durchaus den Eindruck, dass von Sylt und der Dünenbar ein besonderes, freundliches und bodenständiges Flair ausgeht, das der textlichen Schleimattacke gar nicht bedarf. Mein Favorit unter den Satzungetümen im Buch ist der folgende: „Wer gern gut isst und dazu das Geld hat – die Sansibar ist zwar nicht gerade billig, aber durchaus erschwinglich; sie liefert nach Einschätzung der allermeisten Gäste ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis-, hat meist Lust auf einen guten Wein“.

Je weniger mich das Buch textlich überzeugte, desto gespannter wurde ich auf die Rezepte.
Bei einer ersten Durchsicht zeigte sich schnell, dass die Sansibar-Rezepte vielfach nichts sind für „mal eben zwischendurch“. Sie erfordern oft viele Zutaten, die man nicht ohne weiteres vorrätig hat und nicht überall bekommt. Eine gewissenhafte Einkaufsplanung ist somit unumgänglich. Ich bin derzeit noch immer auf der Suche nach ungesalzenen, ungerösteten Macadamia-Nüssen für das Kokos-Pesto – diese aufzutreiben ist offenbar ein Ding der Unmöglichkeit. Dem Standort Sylt entsprechend sind die Rezepte stark fischlastig und zum Teil recht luxuriös. Wer den Geldbeutel dafür hat, kann sich an Hummer, Langusten und Baby-Steinbutt versuchen. Aber auch das eine oder andere Fleischgericht und viele kleinere Gerichte für Zwischendurch sind enthalten. Wenn man den Sansibar-Rezepten längerfristig verfallen sollte, dann empfiehlt es sich, immer einen Limettenvorrat im Haus zu haben. Auch Zitronengras sollte man zu seinem Kräutergärtchen auf dem Küchenbrett unbedingt hinzufügen.

Wie sind also nun die Rezepte? Zunächst einmal enthält das Buch kulinarisch wenig mehr als die Rezepte für jeweils vier Personen: Kein pädagogischer Anspruch. Nur spärliche Hinweise zur Erhältlichkeit von exotischen Lebensmitteln (Asia-Laden, Reformhaus), nur ab und an ein Tipp zur Aufbewahrung, zu möglichen Kombinationsmöglichkeiten. Keine Angaben zum benötigten Zeitaufwand. Keine weiterführenden Hinweise zur Zubereitung. Leider auch keine Weintipps (die hatte ich irgendwie erwartet, nachdem ich schon so viel von dem ausgezeichneten Weinkeller gelesen hatte). Sozusagen Rezepte pur. Ich war gespannt, ob ich als Kochnovizin mit dieser puristischen Vorgehensweise zurechtkäme.

Mein kulinarisches Sylt-Experiment begann ich mit dem Ratatouille-Salat mit Balsamico- und Sherryessig. Um es kurz zu machen: Das Ergebnis überzeugte unsere Grillgäste sehr, doch hatte mich die Zubereitung am Nachmittag erhebliche Nerven gekostet. Die Rezeptbeschreibung empfand ich als dermaßen unpräzise, dass ich während der ganzen Kocherei extrem unsicher war, ob am Ende überhaupt etwas Essbares herauskommen würde. Wie sich herausstellen sollte, ist dies symptomatisch für die im Buch enthaltenen Rezepte. Und wenigstens bei mir als Kochnovizin führten die sprachlichen Nachlässigkeiten dazu, dass am Ende nicht immer der kulinarische Superkracher auf dem Teller landete, sondern zum Teil ungenießbare Kreationen herauskamen (siehe Tops und Flops).

Man tut dem Buch aber unrecht, wenn man es in Bausch und Boden verdammt. Wenn die Gerichte „fluppten“, dann haben sie bei mir oft einen geschmacklichen „Aha“-Effekt ausgelöst. Und ich entwickelte Ehrgeiz. Manche Gerichte habe ich mehrmals nachgekocht. Am Ende war ich dann zwar nicht sicher, ob das Gericht nach den Vorstellungen der Autoren geraten war, hatte aber immerhin etwas geschaffen, womit ich und mein Umfeld zufrieden waren und ein bisschen mehr über das „freihändige“ Kochen gelernt.

Der Vollständigkeit halber auch noch der Hinweis, dass ich mich beim Nachkochen auf die schnelleren, möglichst unkomplizierten Gerichte konzentriert habe. Mir fehlten einfach Zeit und Gelegenheit für „was Großes“. Nach den ersten Rezepterfahrungen vielleicht auch ein bisschen das nötige Vertrauen in die Rezepte und meine Fähigkeiten, sie richtig zu interpretieren.

Um es kurz zu machen: Mehr Liebe zum Detail hätte dem Buch bzw. den Rezepten sehr gut getan. Die Rezepte sind keine Selbstläufer und wollen erarbeitet werden – „Strandküche“ ist somit kein Buch für Leute wie mich, die wenig Zeit für kulinarische Experimente und Probekochen haben und die auf präzise und verlässliche Vorgaben angewiesen sind. Köche mit etwas mehr Erfahrung, Zeit und Muße mögen in dem Buch eine gute Inspirationsquelle für ungewöhnliche Kreationen und Geschmackserlebnisse finden.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im August 2010

6 Kommentare

  1. Nicola Völker

    Der Bauer Verlag veröffentlichte Ende Juni eine Sonderausgabe seines Magazins “Lecker” mit dem Schwerpunkt “Sansibar – Sylter Sommer-Spezial\”. Die 90 Rezepte sind stimmig, relativ einfach gehalten aber doch raffiniert. Der Fokus des Magazins liegt weniger auf der Bauchpinselung Secklers, sondern deutlich auf Speisen, Getränken und dem Team, das den Erfolg der “Strandbude” überhaupt ermöglicht.
    Für EUR 6,90 habe ich schon lange nicht mehr so viele gute Rezepte und “was fürs Auge” (LayoutFotos) bekommen. Falls Ihr noch ‘ne Ausgabe ergattern solltet: unbedingt zuschlagen …

  2. Frau Schmunzel

    Vielen Dank für die Rezension – sie hat mich gerade ein wenig Geld gespart. Auf Grund einiger sehr interessanter Rezepte, die ich immer wieder mal in Gala und Co. abgedruckt fand, war ich kurz davor das Buch zu kaufen. Da sammele ich lieber weiter die Rezepte aus den Zeitschriften zusammen.

    • Katharina

      Mir gefällt die Rezeptauswahl der Gala auch immer wieder (mit dieser Ausnahme). Jetzt ist mir klar, auf wen das gute Gespür zurückgeht.

  3. Georg

    Liebe Frau Barbara Meyer,
    vielen Dank für Ihre differenzierte, wirklich gut geschriebene Buchkritik!

  4. Juliane

    Vielen Dank für diese ausführliche Rezension! Ich hätte wahrscheinlich nicht die Geduld aufgebracht, ein Rezept gleich 3x nachzukochen, wenn es beim ersten Mal nicht gelingt. Respekt!
    Viele Grüße und schöner Tag noch,
    Juliane

Schreib' uns!

Meistgelesen

Themen A-Z