Kochbuch von Henry Dimbleby & John Vincent: Leon. Natürlich Fast Food

Kochbuch von Henry Dimbleby & John Vincent: Leon. Natürlich Fast Food ★★★★☆

Leon – Natürlich Fast Food
Henry Dimbleby & John Vincent, Dumont Buchverlag (2011)
Mehr über den Kochbuch-Verlag

Christiane Schwert

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

LEON ist eine englische Schnellimbiss-Kette, die es sich zum Ziel gemacht hat, frische, leckere Gerichte für ein breites Publikum anzubieten. Das dazugehörige Kochbuch führt dieses Konzept nun für den homecook weiter. Die message dabei lautet: Trau dich zu kochen, es ist ganz einfach! Für meinen Geschmack vielleicht etwas zu einfach …

Henry und John, wie sie im Kochbuch genannt werden, die Betreiber von LEON, haben eine Vision: schnelle, gute und gesunde Rezepte für Jedermann! Ihre Sammlung haben sie unterteilt in Gerichte, die nach maximal 20 Minuten auf dem Tisch stehen und in solche (Langsames Fast Food), die man gut vorbereiten und bei Bedarf aufwärmen kann. Doch Leon ist nicht bloß Imbiss oder Kochbuch, Leon ist ein Konzept. Und als solches nimmt es seine Leser auf gleicher Augenhöhe an die Hand. Ich hatte beinah das Gefühl bei einem guten Freund einen Blick in Küche und Speisekammer zu werfen. Zunächst geben die Autoren Anregungen zur Vorratshaltung, zeigen die eigene Speisekammer und machen Vorschläge zur Befüllung des Gefrierschranks. Und natürlich folgen auch sie dem gegenwärtigen Trend von saisonal und regional, veggie und wenig Fleisch, und geben auch noch Tipps fürs zeitgeistige Urban Gardening, also für den Eigenanbau auf Balkon oder Garten.

Die versammelten Rezepte sind von Henry und John, aber auch aus ihrem Freundes- und Familienkreis. Und die Familie ist groß: LEON scheint in der englischen Kochbuch-Szene bestens vernetzt. So hat die „orientalische“ Größe Claudia Roden („Die orientalische Küche“) ein Rezept beigetragen, es findet sich ein abgewandeltes Gericht von Simon Hopkinson („Alles Gemüse“) und Johns Mutter Jossy Dimbleby, die auch einige Rezepte beigesteuert hat, ist in England wohl eine bekannte Kochbuch-Autorin.

Die Vielzahl der Rezeptgeber hat mich persönlich etwas verwirrt. Denn wer von welcher Reise welches Rezept mitgebracht hat, ist mir eigentlich beinah zuviel Information. Das verleiht dem Buch aber auch eine unheimliche Authentizität. Hier haben sich kulinarisch begeisterte Menschen zusammengesetzt und etwas ganz Eigenes geschaffen. Ein liebevoll gestaltetes Kochbuch mit persönlichen Fotos, Anekdoten und wirklichen Alltagsrezepten, die gekocht werden wollen und meist kaum Vorbereitung benötigen.

Hier liegt allerdings auch meine persönliche Kritik: Insgesamt sind mir viele Gerichte etwas zu basic. Das macht natürlich ihre Alltagstauglichkeit aus, und auch dieses Zurückgenommene hat seinen Reiz und ist schmackhaft. Zumal LEON am Ende mancher Rezepte Aufpepp-Tipps gibt (Kräuter, Nüsse, Gewürze…). Jedoch fehlt die Raffinesse oder das gewisse Etwas. Die getesteten Rezepte sind gut und lecker, in ihrer Zusammenstellung aber auch ein buntes Durcheinander. Mir ist bis jetzt unklar, wie denn eigentlich die Speisekarte von Leon aussehen könnte. Vieles scheint mir arg einfach, wie z.B. das Rezept Joghurt mit Rosenmarmelade, das eben aus Joghurt und Rosenmarmelade besteht. Oder zu trashig: Erdnussbutter mit Weintraubenhälften als Brotaufstrich… Dafür brauche ich keine Anleitung, da genügt die Listung der Zutaten. Ich möchte von einem Kochbuch immer auch etwas lernen und bin durchaus bereit etwas Zeit und Arbeit zu investieren. Das kann natürlich keine grundsätzliche Kritik sein, sondern hat einfach damit zu tun, dass meine Bedürfnisse über das hinausgehen, was LEON bietet. Denn der Ansatz an sich ist absolut zeitgemäß, gesund und nachhaltig ohne belehren zu wollen. Die Rezepte werden zuverlässig angeleitet und die Zutatenlisten sind übersichtlich. Und LEON ist ein echter Allrounder, neben jedem Rezept findet sich ein Symbol zum Gehalt tierischer Fette, Zucker, Gluten, Milch… das nenne ich serviceorientiert! Aber ich bin eben schon überzeugt, dass Kochen Spaß macht, gar nicht so schwer und gesund und lecker ist.

In der stylishen Gestaltung wurde eine ganz eigene ästhetische Handschrift gefunden. Und die Macher haben Mut bewiesen. Denn die Foodfotografie hat nichts mit der landläufigen Auffassung von schön zu tun, sondern ist eben auch ziemlich retro. Mich hat das, wenn auch ironisch gesprochen, sehr an Kochbücher aus den 70ern erinnert! Das hat mir viel Freude gemacht! Mit Liebe zum Detail illustriert, steckt hier eine starke gestalterische Idee dahinter und gewiss eine Menge Zeit, aber auch Spaß und Freude an der Sache! Das merkt man und schaut dieses Buch einfach gern an. Schönes festes Papier, ein handliches Format und zwei Lesebändchen runden das Leseglück ab.
LEON ist übrigens bei Dumont erschienen, einem Verlag, der sich bisher nicht unbedingt der Kulinaristik verschrieben hat, aber hier echtes Gespür beweist.

Ginge es nur ums Äußere, würde ich LEON sofort in die Ränge von Valentinas-Besten erheben. Denn dies ist ein sehr persönliches Buch mit einem Anliegen und einem sehr gelungenen Layout. Vom Rezeptniveau ist es in meinen Augen allerdings eher ein Geschenk für den coolen Neffen, der gerade seine erste Studentenbude bezieht, Lust hat, zu kochen, gut und gesund zu essen, ohne sich jedoch zeitlich und organisatorisch zu verausgaben.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juli 2011

2 Kommentare

  1. Ulrike

    Hallo,
    ich kann der Bewertung von Layout und Rezepten nur zustimmen, möchte aber Kritik an der Übersetzung anbringen:
    Was soll z.B. „selbst aufgehendes Mehl“ z.B. in den Backrezepten? Das gibt es zwar in England als „self raising flour“, bei dem Backpulver schon beigemischt ist, aber bei uns hätten sich die Übersetzer die Mühe geben sollen, Mehl plus die entsprechende Menge Backpulver in die Zutatenliste zu schreiben.
    Bei so einer tollen Ausstattung (zwei Lesebändchen, super praktisch, und dazu noch Aufkleber im Buch) hätte ich auch etwas bei der Übersetzung mehr Liebe zum Detail erwartet.

    • Katharina

      Liebe Ulrike, danke für den Hinweis. Da kann ich nur sagen: „Ja“. :-/

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