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Katharina Höhnk

Kochbuch von Hawa Hassan & Julia Turshen: Ma Africa ★★★★

Ma Africa – 75 Originalrezepte & Geschichten aus den Küchen afrikanischer Großmütter, Hawa Hassan mit Julia Turshen, Fotos: Khadija M. Farah, Jennifer May, Illustrationen: Araki Koman, Christian Verlag (2021)

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Ming Cao

Von

Mit der afrikanischen Küche hatte ich bisher wenig Berührung – höchstens als Streetfood auf Straßenmärkten. Das sollte sich nun mit dem Kochbuch Ma Africa ändern. US-Autorin Hawa Hassan lässt Großmütter – Bibis – acht afrikanischer Nationen über ihre Leben und ihre Leibspeisen erzählen. Ihr Wunsch ist es, dass ihr Kochbuch eine Brücke zwischen den Kulturen schlägt.

Hawa Hassan wurde in Mogadischu (Somalia) geboren und floh mit ihrer Familie vor dem Bürgerkrieg nach Kenia. Als Siebenjährige erhielt sie die Chance auf ein neues Leben. Ihr wurde angeboten, im Rahmen eines Flüchtlingskontingents in die USA zu emigrieren wo sie noch heute lebt. Der Preis: Hawa musste ihre Mutter und Geschwister zurücklassen.

Kochbuchautorinnen Julia Turshen & Hawa Hassan (© Jennifer May)
Kochbuchautorinnen Julia Turshen & Hawa Hassan (© Jennifer May)

Die Autorin: Essen ist Sprache

Hassan wuchs in Seattle im Bundesstaat Washington bei einer Gastfamilie auf. Dabei verlor sie ihre afrikanischen Wurzeln aus den Augen, wie sie schreibt. Das änderte sich, als sie nach 15 Jahren endlich ihre Mutter in Norwegen wiedersieht, die dorthin migriert war. Die beiden begannen zunächst, gemeinsam zu kochen. Und das belebte Hassans Verbindung zu ihrem Geburtsland Somalia, und zwar nachhaltig: In dieser Zeit gründete sie ihr Start-up Basbaas, das einer somalischen Sauce gewidmet ist. Für sie sei das ihr persönlicher Beitrag, um US-Amerikaner:innen die afrikanische Kultur näherzubringen, erklärt sie.

Für Hassan ist Essen heute zu einem Anker geworden – und damit eine „mächtige Sprache“, die es ihr ermöglicht, ihre Geschichte mit anderen zu teilen, die ebenfalls den Verlust der Heimat erlebt haben. Aus dieser Erfahrung und dem Wissen ist das 281-Seiten-Kochbuch Ma Africa entstanden, aber seine Idee geht darüber hinaus.

Zum Weiterlesen

Leseprobe beim Verlag

Instagram von Hawa Hassan & Julia Turshen

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So interviewte Hassan gemeinsam mit der Food-Autorin Julia Turshen und der Fotografin Khadija M. Farah Bibis von Eritrea bis Südafrika. „Wir glauben, dass das Sammeln der Geschichten dieser Großmütter nicht nur helfen wird, ihr Erbe zu bewahren, sondern auch neue Traditionen für Sie – die LeserInnen – und Ihre Familie schaffen wird.“

Die Rezepte: bodenständig und unkompliziert

Darauf lasse ich mich gerne ein und wende mich den 75 Rezepten des Kochbuchs zu. So exotisch der afrikanische Kontinent auf mich wirkt, die Rezepte sind es erstaunlicherweise nicht. Beim ersten Durchblättern des Kochbuchs fallen mir die alltäglichen Lebensmittel und kurzen Zutatenlisten auf.

Bei den eingebrachten Rezeptvorschlägen halten sich die meisten der Großmütter an das lebenskluge Credo: Hauptsache, einfach zubereitet! Denn als Matriarchinnen meist größerer Familien liegt es in ihrer Verantwortung, die Familie satt und glücklich zu bekommen – neben der vielen Familienarbeit.

Mit Interesse lese ich aber auch, wie die geografische und wirtschaftliche Lage eines Landes die kulinarische Tradition prägt. So wird vor allem in Ländern entlang des Indischen Ozeans mit Gewürzen gehandelt. Folglich wird hier großzügig mit Kardamom, Gewürznelken, Vanilleschoten oder Zimt gewürzt. Überraschend für mich ist dabei, wie präsent und selbstverständlich fremde Einflüsse von den einzelnen porträtierten Länderküchen aufgenommen wurden. Ein Pluspunkt bei der Rezeptauswahl ist übrigens die reiche Anzahl vegetarischer Rezepte.

Das Nachkochen: einfach und überraschend

Beim Nachkochen überzeugt mich dann die redaktionelle Sorgfalt: Die Anleitungen sind umsichtig, die einzelnen Schritte nachvollziehbar und besondere Kniffe machen es spannend.

Kochbuch von Hawa Hassan & Julia Turshen: Ma Africa
Kochbuch von Hawa Hassan & Julia Turshen: Ma Africa

Zum Beispiel beim Kachumbari: Der Tomaten-Zwiebel-Salat mit Avocado ist mir bezüglich der Zusammensetzung zwar vertraut. Aber durch das Köcheln der Zwiebeln in Salzsud erlebe ich die Avocado als besonders cremig. Der frische Salat hat eine mir völlig neue, subtile Textur.

So erging es mir auch beim Gericht Doro Wat. Das ist ein curryähnlicher Eintopf. Er bekommt durch die Berbere-Gewürzmischung eine ungewöhnliche, reichhaltige Note. Vor meinem geistigen Auge stelle ich mir eine äthiopische Familie vor, die diese würzige Mahlzeit an einem besonders heißen Tag genießt.

Bei anderen Rezepten, hätte ich keinen afrikanischen Hintergrund vermutet. Und gerade die unscheinbaren, kleinen Rezepte funkeln in diesem Kochbuch für mich besonders hell. Die Somalische Grüne-Chili-Koriander-Sauce stellt eine Version von Basbaas’ grüner Sauce dar. Sie ist so gut! Zweifellos eine Sauce, die ich zu allem essen könnte.

Zu diesen raffinierten „Hidden Champions“ des Kochbuchs gehört für mich auch der Wassermelonensaft mit Limette, Ingwer und Minze von den Komoren. Der Aufwand ist minimal und mit Eiswürfeln serviert avancierte die Mischung schnell zu unserem „Getränk des Sommers“. Auch mein Mann, der ansonsten Wassermelonen verschmäht, kann dieses Getränk an heißen Sommertagen literweise trinken.

Die Interviews: Denkanstöße, aber auch viele Wiederholungen

Das Kochbuch ist nach Ländern strukturiert, die Kapitel werden jeweils mit Interviews eingeleitet. Sie vermitteln einen Eindruck über die Rolle der Großmütter und ihre Beziehung zum Essen. Auch die Rezepte werden in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet. Letzteres finde ich deutlich spannender als die Interviews, die gewisse Redundanzen aufweisen oder in der Kürze letztlich an der Oberfläche bleiben.

Hawa Hassan:

„Bei Ma Africa geht es nicht darum, was neu ist oder als Nächstes kommen wird. Es geht darum, ein kulturelles Erbe zu bewahren und zu erkennen, wie Essen und Rezepte zum Erhalt von Kulturen beitragen können, egal ob die Träger dieser Kulturen noch in ihrer Heimat wohnen oder anderswohin verdrängt wurden.“

Spannend ist aber auch der Background der Großmütter. Denn nicht nur in Afrika lebende Bibis werden vorgestellt, sondern auch solche mit Migrationshintergrund, die heute in den USA und anderswo leben.

Inspiriert hat mich die tiefe Zufriedenheit und Genügsamkeit, die die Bibis mit Essen verbinden und das Kochbuch prägen. Shiro (Kichererbsen-Püree) sei das von den Eritreern am meisten geliebte und geschätzte Gericht, so Ma Gehennet – „jeder liebt Shiro“. Auch für Ma Abeba, die aus Eritrea stammt, ist es die Leibspeise aus ihrer Kindheit. Für andere Bibis sind das Reis, Fladenbrot oder Bohnen. Das stimmt mich geradezu demütig, als ich das nächste Mal vor den vollen Lebensmittelregalen meines Supermarkts stehe.

In Zeiten der Coronakrise lässt uns Ma Africa kulinarisch weit, sehr weit verreisen. Das Kochbuch des Autorenduos Hawa Hassan und Julia Turshen bietet eine wunderbare Auswahl an Rezepten und Biografien von Bibis, afrikanischen Großmüttern. Mein kulinarisches Erlebnis war raffiniert und zufriedenstellend – und machte Lust auf mehr. Für mich waren vor allem die kleinen Rezepte die Stars des Kochbuchs.

Veröffentlicht im Dezember 2021

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