Kochbuch von Harry Eastwood: The Skinny French Kitchen

Kochbuch von Harry Eastwood: The Skinny French Kitchen ★★★★★

The Skinny French Kitchen
Harry Eastwood
Fotos Laura Edwards
Bantam Press (2011)

Annick Payne

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Dem Dilemma, wie man gut essen kann, ohne kontinuierlich zuzunehmen, widmen sich diverse literarische Genres von Diätkochbüchern bis zu Erfahrungsromanen, die bestimmte Länderküchen und die dazugehörigen Essensgewohnheiten zur ultimativen Lösung des Figurproblems erheben. Ganz anders dagegen Harry Eastwoods “magere französische Küche”, in dem die Autorin versucht, französische Küchenklassiker zu verschlanken, ohne Abstriche am Genuss machen zu müssen. Mission Impossible? Keineswegs. Harrys Rezepte sind durchweg überzeugend, hier schmeckt nichts nach Verzicht. Diätprodukte lehnt sie weitestgehend als geschmacklich minderwertig ab, lediglich einige fettarme Milchprodukte kommen zum Einsatz.

Um es vorweg zu nehmen, ich bin diätunerfahren, Kalorienangaben sagen mir rein gar nichts und von einer gewissen Fluktuation zwischen Winterspeck und Sommerfigur lasse ich mich so leicht nicht aus dem Konzept bringen. Warum mich dieses Buch trotzdem interessiert? Weil es hier eben nicht darum geht, auf Gedeih und Verderb abzunehmen, sondern darum, zu schlemmen, ohne zuzunehmen. Eastwoods Konzept geschmacksintensiver, aber fett- und mengenreduzierter Mahlzeiten überzeugt mich als lustvolles Prinzip gesunder Ernährung. Ich begutachte das Buch unter dem Blickwinkel, ob ich hieraus genussvoll kochen kann, und sollte dies ein Genuss ohne Reue sein, habe ich natürlich nichts dagegen. Im Praxistest erweisen sich die Portionen meinem Appetit angemessen, zumal ich gerne dem Rat zu täglichen Salaten – zusätzlich, nicht anstatt! – folge. Viele Rezepte sind schnell und einfach, hier finde ich eine gute Inspirationsquelle, z.B. für ein kleines, aber anständiges Abendessen.

Bereits das Titelbild gibt einen Vorgeschmack auf die sehr gelungene Gestaltung dieses Bandes. Die Umschlaginnenseite zeigt einen Stadtplan von Paris mit wichtigen Adressen der Autorin, und das Buch ist gespickt mit Fotos, unter denen sich Stillleben, Bilder der Autorin und natürlich auch Fotos der einzelnen Gerichte finden. Gut gefällt mir, dass auch das Foto-Team, das an dem Band mitgewirkt hat, im Abspann vorgestellt wird. Den Schriftsatz empfinde ich als angenehm, die übergroß gedruckte Einleitung erweckt allerdings den Eindruck, man habe Seiten füllen wollen. Nicht, dass es an Inhalt fehlte!

Der Einleitung, die Harrys Ernährungskonzept erläutert, folgen rund hundert Rezepte in sechs Kapiteln Apéritif, Beilagen, Ein Tisch für zwei, Gemüse zum Mittag, Seelentröster, Nachtisch. Die Rezepte werden kurz anmoderiert, dann folgen links Zutaten, rechts Arbeitsschritte, den Abschluss bilden oftmals Kochtipps und das “Skinny Secret”. Letztere Rubrik diskutiert gerne Kalorien in zwei bis dreistelligen Zahlen (gähn!), aber enthält auch das ein oder andere interessante Faktum, beispielsweise dieses: Harrys Schokoladentrüffel bestehen aus sehr dunkler Schokolade, die weder durch Butter noch Sahne gemildert wird, sodass der Schokoladengeschmack besonders intensiv ist, man also weniger konsumiert und das auch noch fettärmer. Eine Win-Win Situation, wer wollte das bestreiten?

Die Rezepte sind durchweg verlockend, das Angebot reicht von Mini Quiche, Lachstartar, Buchweizenpfannkuchen, Kartoffelgratin über Innereien, Kaninchen und Froschschenkel bis zu diversen Süßigkeiten: Glühweinsorbet, Eclairs, Profiteroles. An einigen Stellen werde ich aber doch stutzig. Zum Beispiel verzichtet die Autorin auf Mürbeteig, den sie als zu fettig einstuft, und verwendet stattdessen Blätterteig. Aus Neugier rechne ich meine Standardrezepte durch, und siehe da, sie hat Recht, Mürbeteig enthält tatsächlich marginal mehr Butter. Aber, um beim Thema zu bleiben, es macht den Kohl nicht fett. Manches trifft nicht meinem Geschmack, so ist mir das Salatdressing (Öl:Säure im Verhältnis 1:1) schlicht zu sauer. Und dass Makronen als kalorienarm verkauft werden, halte ich für Augenwischerei. Sie mögen fettarm sein, dafür bestehen sie hauptsächlich aus Zucker. Insgesamt bin ich aber von diesem Buch sehr angetan.

Die große Stärke von Harry Eastwoods schlankeren Varianten beliebter Küchenklassiker sehe ich darin, dass sie ausnahmslos gut schmecken und auf Anhieb gelingen, da wirklich alles Nötige erklärt wird. Ich hätte beispielsweise nicht erwartet, beim ersten Versuch derart attraktive Makronen hinzubekommen. Man merkt es den Rezepten an, dass hier offensichtlich viel probiert und immer wieder verbessert worden ist, bis das Ergebnis perfekt war. Kompliment!

Wem ich dies Buch empfehlen würde? Jedem, der gerne französisch kocht, die klassische Cuisine aber als zu gehaltvoll empfindet. Oder der einfache, verlockende und halbwegs gesunde Alltagsrezepte mit dem gewissen je ne sais quoi sucht. Und der beim Schmökern ein wenig von Paris träumen will…

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juni 2012

Schreib' uns!

Meistgelesen

Themen A-Z