Kochbuch von Gabriele Gugetzer: Teatime – 80 Köstlichkeiten

Kochbuch von Gabriele Gugetzer: Teatime – 80 Köstlichkeiten ★★★★☆

Teatime: 80 Köstlichkeiten für die schönste Stunde des Tages
Gabriele Gugetzer, Fotos Julia Hoersch, Konzept Dietlind Wolfm, Umschau Verlag (2011)
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Simone Brokmeier

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Nah am Kitsch & herrlich auf der Kuchengabel

Eine „Teatime“ zelebriert man in unseren Breiten gewiss nicht täglich. Aber wenn Sie zum Tee laden wollen, dann sollten Sie dieses Buch von Gabriele Gugetzer parat halten! Denn wer statt Coffee-to-go lieber auf Entschleunigung und Genuss setzt und dieses traditionelle (dennoch fast Kult-) Getränk liebt, dem kann ich dieses schöne Buch nur ans Herz legen.

Obendrein sind die „80 Köstlichkeiten für die schönsten Stunden des Tages“ so breit gefächert, dass man auch zu anderen Gelegenheiten fündig wird. In vier Kapiteln stellt die Autorin, die in Los Angeles studiert und in London gelebt hat, neben Süßem und Fruchtigem auch Pikantes und Sättigendes zum Tee vor. (Die Stilton z. B. ergibt mit einem Salat auch ein köstliches Abendessen.) Ich würde das Buch somit auch gar nicht nur auf den 5-Uhr Tee beschränkt sehen, auch wenn es natürlich für diese Tradition aus dem Mutterland der Teatime vordergründig gemacht ist.

Woher der Brauch kommt, erfährt man im einleitenden Teil genauso wie etwas über die Teetraditionen in anderen Ländern und Wissenswertes und Kurioses rund um den Tee. Gabriele Gugetzer lüftet die Geheimnisse des TIF und MIF*, was Tee mit Wein gemeinsam hat und verrät Adressen von Tearooms zwischen Edinburgh und Paris, bevor es dann an die Planung einer eigenen Teatime nach englischem Vorbild geht. Teesorten und welche verschiedenen Häppchen traditionell gereicht werden ist eine Sache. Das Styling ist aber (fast) genauso wichtig. Hier spielen die Autorin und ihr Team (nahe am Kitsch) mit den Requisten und britischen Klischees. Das muss man mögen. Mein Mann war eher weniger amused von den vielen geblümten Tassen, Porzellan-Möpsen, Krönchen und Schleifen. Egal, das Thema ist sicherlich eher feminin angehaucht und die stylishen Arrangements sind zwar stets üppig, aber geschmackvoll und machen Lust in uns auch mal die Deko-Queen herauszukehren.

Also Teekanne vorgewärmt und los geht’s mit den Rezepten.
Bei den „Süßen Sachen“ hat mich sofort der mit (einer ordentlichen Portion) Sherry angerührte Teekuchen zum Nachbacken verleitet, denn ich liebe es, nach dem sonntäglichen „Kaffee und Kuchen“ mit der Familie (zu dem ich grundsätzlich Tee statt Kaffee trinke) ein Gläschen Sherry zu trinken. Und hier war schon beides vereint! Ungemein köstlich. Durch Schmand und Pflanzenöl wurde der Kuchen besonders saftig und locker, dazu ist die Zubereitung denkbar einfach. Von solchen Rezepten will ich mehr.

Nicht fehlen dürfen in diesem Kapitel die Klassiker wie Shortbread, Scones (hier mit Schokolade!) und Petit Fours. Wer etwas Neues probieren möchte, könnte Daisy Cakes (winzige Muffins mit Marzipan die wie Gänseblümchen – Daisies – dekoriert werden) anbieten oder Matchatee-Pralinen. Das Kapitel „Fruchtiges“ darf man nicht zu wörtlich nehmen. Hier finden sich Rezepte für die echte Orange-Marmalade und einen Trifle (mit Crème Anglais, Beeren und Seed Cake – ein Kuchenklassiker aus dem 18. Jhd. der dezent mit Kümmel aromatisiert wird) genauso wie für Mint Tea Mojito oder Apfel-Speck-Sandwich mit Zwiebelchutney. Und Sie dachten Teatime wäre einseitig?!

Beeindruckt haben mich die stets präzisen Anweisungen in allen Rezepten. Hier stimmt jeder Schritt, die Reihenfolge und Menge der Zutaten, die Backzeiten. Immer wieder gibt die Autorin, nähere Erläuterungen im Rezept, dass auch dem Laien keine Fehler unterlaufen: Masse abkühlen lassen, damit die Pralinenhohlkugeln später nicht schmelzen. Alles durchdacht, präzise und nachvollziehbar, da lernt man automatisch dazu. Ich hab mir auch einen Trick abgeschaut: die eiskalte Butter für den Mürbteig wird einfach mit der Gemüsereibe ins Mehl gerieben. Geht ganz schnell und gelingt tatsächlich prima!
Ein kleines Manko ist die Lesbarkeit: die graue, etwas kleine Schrift auf manchmal farbigem Hintergrund empfand ich als nicht besonders lesefreundlich.

Zur Hälfte der Rezepte gibt es Fotos, bei denen die Köstlichkeiten (wirkungsvoll inszeniert) im Mittelpunkt stehen. Puristen werden ihre weißen Teller vermissen: wie gesagt, blaues Wedgwood Porzellan, Blümchen und Goldrand sind hier Programm. Für mich verdient ein Kochbuch aber erst einen Platz in meiner prall gefüllten Sammlung, wenn ich mich spontan an ein Rezept erinnere, das ich noch unbedingt nachkochen möchte. Die Käsemuffins wollte ich doch noch ausprobieren und die eingelegten Birnen …

Tea in first / Milk in first

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im März 2012

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