Kochbuch von Emma Hearst & Sarah Krathen: Schwesterherz

Kochbuch von Emma Hearst & Sarah Krathen: Schwesterherz ★☆☆☆☆

Schwesterherz – Die heißeste
Küche jenseits von Neapel
Emma Hearst & Sarah Krathen
Fotos Anaïs & Dax
Edition Fackelträger (2015)
Mehr über den Verlag

Sylvia Peters

Von

Ein Stern: Am besten umtauschen.

Die heißeste Küche jenseits von Neapel – nur hier bleibt der Ofen kalt.

Um Himmels Willen, dachte ich errötend, als ich das Titelbild sah. Da gabelt die eine Schwester äußerst lasziv Spaghetti in den halbgeöffneten, knallrot geschminkten Mund der anderen Schwester. Lasziv sage ich, “Softporno” sagen der Mann und der Lieblingsnachbar einstimmig.

Die beiden Damen Sarah Krathen und Emma Hearst, die im Übrigen keine Schwestern sind, aber mit der titelgebenden Bezeichnung ihre Verbundenheit ausdrücken wollen, haben in New York ein Restaurant geführt, in dem sie, laut Einleitung, ihre Gäste ins Piemont der Gegenwart versetzen wollen. Neapel liegt zwar nicht so direkt im Piemont, aber da wollen wir mal nicht so kleinlich sein. Die Welt ist ein Dorf.

Die beiden wollen kochen, wie man es sich so gemeinhin bei einer italienischen Großmutter vorstellt, und plaudern im Buch so über dies und jenes – das Kennenlernen, den chaotischen Tag der Eröffnung, ein bisschen übers Essen, über Cocktails, Einlassungen über die Notwendigkeit von Pilates in ihrem Beruf und über die Playlist in der Küche. Na, bitte sehr, das mag so mancher mögen.

Posiererei und wogende Busen

Garniert ist das Ganze mit einem für meinen protestantischen Geschmack Zuviel an aufreizender Posiererei. Auf einem Foto hält eins der beiden hübschen Kinder mit nacktem Kaninchen und ebenso (halb)nacktem wogenden Busen, wozu noch sinnlich geschielt wird, dass einem angst und bange werden kann. Als kochende Frau hat man’s aber auch nicht leicht. Steht man bieder in Küchenschürze mit praktischem Kurzhaar in Birkenstocks am Herd, zieht man ebenso Gespött an wie auf Plateauheels im geblümten Mini. Ich war jedenfalls, man muss das leider so sagen, etwas negativ voreingenommen, ob die wirklich filmreif aufgerüschten Damen denn auch was Anständiges auf den Tisch kriegen.

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Die Rezepte, die bis auf zwei, drei Ausnahmen alle bebildert sind, sehen toll aus. Viel versprechend. Appetit anregend. Fantasievoll. Lecker. Was will man mehr? Gefüllte Zwiebel mit Fondue, Amaretti und Salbei, Lamm-Koteletts mit Curry-Herbstgemüse, Gegrillte Wachtel, Endiviensalat mit Haselnüssen und Pecorino, Honig-Bergamotte-Butterkekse, Risotto, Spaghetti, Zucchini, Gnocchi … alles da, was man nachkochen möchte.

“Teil der Sorella-Erfahrung” – keine

Eingeteilt wird das Ganze in Einleitung, Cocktails, Qualcosina (etwas Kleines), Un pro di Pasta (ein bisschen Pasta), Staesera abbiamo (heute Abend haben wir …), Contorni (Beilagen), Dolci & Pani, Eingemachtes & Basics, Ausstattung & Vorräte, gefolgt von einem kleinen Register.

Höchst interessiert lese ich die Seite zum Thema “Grissini”, die “Teil der Sorella-Erfahrung” sind. Der hier angepriesene Knochen wird einem dann aber direkt verwehrt – es gibt kein Rezept dazu. Ärgerlich. Dann eben das Sorella-Fladenbrot. Ich rühre Mehl, Backpulver, Salz, Olivenöl und Petersilie zusammen – allein, es will sich kein rechter Teig ergeben. Egal, ich verfahre, wie beschrieben. Schneiden, wie verlangt, lässt sich der Teig nicht. Auch nach der angegebenen Ruhezeit erhalte ich eine bestenfalls bröselige Masse, die in der Konsistenz etwa an Heidesandkekse erinnert. Ich versuche, das Ganze trotzdem zu backen. Der Teig zerbröselt und bildet mitnichten kleine Bläschen wie auf dem Foto zu sehen. Verschwendete Zeit, verschwendete Zutaten (besonders ärgerlich das gute Olivenöl) und verschwendete Energie. Nützt nichts – das nächste Rezept muss getestet werden. Beim Hin- und Herblättern sortiere ich etliche Rezepte aus – es wird unglaublich viel frittiert, Brokkoli, Kartoffeln, Zwiebeln – das ist nichts für mich. Auch ein halber Liter (!) Whisky auf 2 Kilo Entenkeulen ist nicht meins.

10 große Eigelbe?

Nächstes Kriterium der Abwahl – schwer zu beschaffende Zutaten – die Nierenzapfen sehen köstlich aus, aber ich kriege keine. Vielleicht könnte man sie durch Rinderfilet ersetzen, aber in keinem der Rezepte werden Alternativen zu irgendwelchen Zutaten angegeben. Auch Palmkohl, diverse spezielle Käsesorten und verschiedenfarbige rote Bete – Fehlanzeige. Ich schaue mir die Nudelrezepte an – hier wird immer auf die Basisvariante eines Hartweizenteiges verwiesen. Man nehme 140 Gramm Mehl, 90 Gramm Hartweizengrieß, etwas Salz und Olivenöl und 10 (!) große (!) Eigelb. Echt jetzt?

Von den Nudeln lasse ich erst einmal ab und widme mich dem Rezept fürs Lammragu. Die 250 Gramm Tomatenmark auf 1 Kilo Lamm wundern mich, aber vielleicht habe ich bisher einfach zu sparsam gewürzt. Dann lese ich von einem Viertelliter Milch, Fenchelsamen und Kardamom in den Zutaten, die aber im Rezept nirgendwo auftauchen. Außerdem soll ich aus dem Ragout eine Orange herausnehmen, die nie zugegeben wurde. Auch dieses Rezept koche ich nicht nach. Auch beim Rosenkohl-Salat kann irgendwas nicht stimmen. Ich soll dafür Zwiebeln (am besten auf dem Holzkohlegrill) anrösten, bis sie weich sind und Grillstreifen haben. Und zwar exakt eine (!) auf ein Kilo Rosenkohl. Na klar, sagt man sich, Druckfehler, nimmt man halt paar Zwiebeln mehr. Aber mir vergeht zusehends der Appetit.

Beim Spinat-Kohl-Dip (in den man übrigens das Fladenbrot dippen soll), stehen 60 Gramm Paniermehl, die es in Butter anzurösten gilt. Im Rezept steht – “so lange rösten, bis das Brot goldbraun ist” – vermutlich ein Übersetzungsfehler, sicher ist das Paniermehl gemeint. Aber nun habe ich wirklich fast keine Lust mehr.

Letzter Versuch – Rucola-Birnen-Salat. Das klingt fein. Was mich gleich zu Beginn auch hier stört, ist der fast in jedem Dressingrezept verwendete Reisessig – es gibt so viele wunderbare Essigsorten, hier wird gar nicht variiert. Parmaschinken auf einem Rucola-Bett, Sonnenblumenkerne und Pecorino klingt schon mal nach einer tollen Kombination – darauf kommen eingelegte Birnen. Das Rezept für die “eingelegten” Birnen entpuppt sich aber als Birnenkompott (und wird auf der entsprechenden Seite auch so bezeichnet). Das will nun gar nicht so recht passen. Einzig und allein das Dressing, für das man die Birnen im Ofen in ihrem eigenen Saft, so vorhanden, köcheln lässt und sie dann mit Essig, Öl und rosa Pfefferkörnern püriert, ist nun wirklich köstlich.

Aber ich bin mit dem Buch fertig. Das Restaurant in New York ist übrigens seit 2014 geschlossen.

Veröffentlicht im Mai 2016

3 Kommentare

  1. Sylvia

    Und wie uns das freut 😊

  2. Alexandra

    Ich liebe diese Seite. Hätte alles von den Rezepten geschmeckt oder wäre umzusetzen, könnte man sich ja das Buch mit einer Hülle seiner Wahl einfach einschlagen.
    Alles was ich auf eure Empfehlungen bis jetzt gekauft haben hat mich immer glücklich gemacht. Also danke für die Warnung und bitte weiter so! Obwohl es regnet starte ich vergnügt in den Sonntag. Ich muss immer noch lachen, herrlich geschrieben.Danke,danke

    ALEXANDRA

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