Kochbuch von Elisabeth Luard: A Cook’s Year in a Welsh Farmhouse (engl.)

Kochbuch von Elisabeth Luard: A Cook’s Year in a Welsh Farmhouse (engl.) ★★★★☆

A Cook’s Year in a Welsh Farmhouse
Elisabeth Luard, Fotos C. Richardson, Bloomsbury Publishing (2011)

Annick Payne

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Die Waliser sind die Ostfriesen Großbritanniens: eine eigene Spezies, die in Witzen nicht besonders gut weg kommt. Sie sprechen eine Sprache voller charmanter Wörter wie “Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch”. Übersetzt heißt das in etwa: „Marienkirche (Llanfair) in einer Mulde (pwll) weißer Haseln (gwyn gyll) in der Nähe (ger) eines schnellen Wirbels (chwyrn drobwll) und der Thysiliokirche (llantysilio) bei der roten Höhle (ogo goch).“ Das ist der Name eines kleinen Ortes in Wales. Ich kann nur hoffen, dass die waliser Küche zugänglicher als die Sprache ist…

Was die Waliser heutzutage wohl essen? Lauch und Lamm wären mir spontan eingefallen, aber abgesehen vom Welsh Rarebit, einem überbackenen Käsetoast, habe ich noch nie bewusst walisisch gegessen. Gänzlich vorurteilslos folge ich daher Elisabeth Luards Einladung, sie und ihre Enkelkinder ein Jahr kulinarisch zu begleiten. Luard kocht einfach und bodenständig, das Besondere steckt in kleinen Details. Hier gibt es keine ausgefallenen Zutaten aus dem Feinkostgeschäft (Ausnahme: indische Gewürze. Sie sind allerdings in Großbritannien verbreiteter als bei uns!), auf den Tisch kommt, was in der Umgebung ihres entlegenen Gehöfts wächst, gejagt oder gefischt werden kann.

Elisabeth Luard arbeitet als Journalistin, Radiomoderatorin und Kochbuchautorin. Abgesehen vom Kochen gilt ihre Leidenschaft dem Reisen und Zeichnen, wie sowohl ihr spärlich bestückter Taste & Travel Blog als auch der vorliegende Band belegen. Zwölf Kapitel führen durchs Jahr, ein jeder Monat beginnt mit einem Foto der jahreszeitlichen Landschaft und einer vierseitigen Einleitung, in der sich Anekdoten, Beobachtungen zu Flora und Fauna nebst entzückenden Aquarellzeichnungen der Autorin finden. Hierfür alleine verdient der Band das Prädikat wunderschön. Mit 22,8 × 16,8 cm ist das Buch etwas kleiner als gewöhnlich, sehr handlich, wie ich finde. Hochwertig auch die zwei Lesebändchen und das Papier, das in unterschiedlichen Farbtönen handgeschöpftes Papier nachempfindet. Lebensnahe, rustikale Fotografien vervollständigen das Layout.

Erst einmal lese ich mich durch Luards Essays, um dieses kulinarische Neuland mit dem rechten Schuhwerk zu betreten. Ich lerne viel über das Landleben in Wales, ein wenig über das Leben der Elisabeth Luard, v.a. dass sie begeistert mit ihren Enkeln kocht. So richten sich einige Rezepte ganz bewusst an Kinder und Eltern: es wird Brot und Stockbrot gebacken, Marmelade gekocht und Ravioli gemacht. Viele einfache Rezepte machen das Buch zu einem alltagstauglichen Familienkochbuch. Selten, dass ein Rezept länger als eine Seite ist, beim Kochen werde ich immer wieder überrascht, wie verblüffend einfach vieles daherkommt. Prawn Laksa? Die wenigen Handgriffe gehen so schnell, dass ich kaum das Gefühl habe zu kochen. Tomatenrisotto? Kein umständliches Enthäuten, die Tomaten werden schnell gerieben.

Die Rezepte sind international geprägt, aber basieren auf einfachen, ländlichen Zutaten, viel frischem Fisch, Obst, Gemüse. Natürlich wird gejagt: Rebhuhn, Kaninchen, Wildente, Taube, Fasan, aber auch Eichhörnchen! Aus dem Garten kommen Brennesseln, essbare Blüten von Blumen und Gemüsepflanzen, selbst Gartenschnecken werden eingefangen, auf Diät gesetzt und mit Käse und Apfelbrandy verspeist. Aus Wildobst wird Gelee gekocht, Misteln werden zu Honig verarbeitet. Faszinierend – und im Gegensatz zur modernen Wildfrüchte- bzw. Wildkräuterküche, die fundierte Botanikkenntnisse verlangt, erkennt auch der Städter die meisten hier verwendeten Zutaten. Schade nur, dass bei mir vor der Haustür keine Trüffel wachsen!

Ohne großes Trara bergen viele Rezepte zusätzlich nützliche Tipps. Hochprozentigen Alkohol für Ansatzliköre beispielsweise gewinnt man aus Vodka, indem man ihn einfriert, bis der Wassergehalt gefroren ist, dann den Alkohol abgießt. Luard erklärt, wie man Blüten kandiert und aus Äpfeln Flüssigpektin für Gelees gewinnt. Überhaupt, ihre Gelees können sich sehen lassen: Kräuter, Chilli, Balsamico, Portwein winken verlockend. Ich freue mich schon auf den Winter, damit ich endlich ihren Cranberry-Essig-Sirup herstellen kann, angeblich eine gute Vitamin-C-haltige Medizin gegen Erkältungen.

Luards “Jahr in einer walisischen Bauernküche” ist ein empfehlenswertes Kochbuch für Liebhaber einfacher, ländlicher Küche. Bis auf eine Ausnahme haben mich alle Rezepte überzeugt, und es gibt noch viel zu entdecken. Beispielsweise Wildblüten sammeln und für Kräutertees trocknen. Walderdbeereis mit Rosengeranienblättern. Wildreis mit Pilzen und Thymian. Traubengelee. Schwarzwurzelsuppe. Topinambursalat mit schwarzen Oliven. Karibischer Pfeffereintopf. Veilchenpudding. Holunderblüten-Zitronenkuchen. Nur die einheimischen Eichhörnchen müssen sich keine Sorgen machen, die sind vor mir sicher!

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Oktober 2011

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