Kochbuch von Diana Henry: Simple

Kochbuch von Diana Henry: Simple ★★★★★

Simple – Kleiner Aufwand, grandioser Geschmack
Diana Henry
Fotos Laura Edwards
Foto der Autorin: Chris Terry / Contour by Getty Images
Ars Vivendi (2017)

Sylvia Peters

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Mit Valentinas ist es ein bisschen so wie mit der Wende. Es gibt die Vorwende und die Nachwendezeit, die sich aus landläufig bekannten Gründen deutlich voneinander unterscheiden. So richtig klar wurde mir das, als die Nachbarin empört ausrief: „Kreuzkümmel??? So was hab ich nicht im Haus!“ Was würde sie wohl sagen, wenn sie wüsste, dass das quasi noch die leichteste der Gewürzübungen ist.

Das vorliegende Kochbuch von Diana Henry (Foto unten) lässt einen wegen der signifikanten Diskrepanz zwischen Titel und benötigtem Rohmaterial vor Ehrfurcht erstarren. Neben Perldinkel, Rollgerste und Fregola brauchen wir Pul Biber (Aleppopfeffer), weiße Misopaste, Daikon-Rettich, Edamame-Bohnen, schwarzen Reis, Sumach und Burrata, dann hier mal ein knuspriges kleines Noriblatt, da ein oder zwei Medjool-Datteln oder etwa `Nduja, eine kalabrische Schweinswurst.

Anfangs fand ich das recht abschreckend, obwohl ich das Glück habe, einen ausgesprochen gut sortierten Markt in der Nähe zu haben. Aber ein einzelnes Noriblatt habe ich eben nicht gerade mal zur Hand, auch Limabohnen oder Tamarindenpaste gehören nicht zum ständigen Vorrat des Hauses. Aber langsam. Die Wende kam auch nicht über Nacht, sondern vorbereitet durch die Montagsdemos – soll heißen, nach vielen rezensierten Kochbüchern betrachte ich so etwas eher als Herausforderung.

Rühreier mit Datteln?

Das erste Rezept, das mir in die Augen stach, waren persisch inspirierte Eier mit Datteln, Chili, Spinat und Koriander. Rühreier mit Datteln??? Und dazu noch griechischer Joghurt? So ging es lustig weiter. Zu Eiern mit Bratkartoffeln soll es eben `Nduja, eine kalabrische Spezialität, sein, für den Gurkensalat braucht man violette und rote Radieschen, Erbsensprossen und ungespritzte Rosenblütenblätter. Das sieht toll aus, aber das sind doch recht ambitionierte Rezepte, die ich nicht erwarten würde, wenn ich in der Buchhandlung einen Band mit dem ebenso – aber in entgegengesetzter Richtung – ambitionierten Titel „Simple“ sehe.

Es ist bekanntermaßen das Einfache, das schwer zu machen ist. Dramatisch ist, dass die Autorin (bei Valentinas schon längst keine Unbekannte mehr) oft den Schluss nahelegt, dass man, sollte man die eine oder andere Zutat nicht parat haben, es lieber lassen soll, das Rezept nachzukochen. Nach dem Motto „Friss oder stirb“. Auch bei der Zubereitung ist sie streng: „Haben Sie keine Zeit zum Marinieren, kochen Sie etwas anderes!“

Henry will, dass es schmeckt. Richtig schmeckt.

Ebenso streng ist sie bei den Grundprodukten : „Wenn Sie es sich nicht leisten können, essen Sie etwas anderes – gönnen Sie sich Schweinekoteletts nur hin und wieder als etwas Besonderes.“ Da knallt man die Hacken zusammen und denkt an den Imperativ, den man (un)gern hin und wieder in der gehobenen Gastronomie zu hören bekommt: „Genießen Sie es!“ – in Klammern: Sie armes Würstchen können es sich eh nur einmal alle zwei Jahre leisten.

Aber nachdem wir nun gehörig über das Buch abgeledert haben, ist festzustellen, die Autorin hat ihre Leser wirklich lieb. Sie will, dass es schmeckt, dass man sich entspannt und dazu reichlich Alkohol zu sich nimmt. Neben den scheinbar strengen Ansagen finde sich viele Bemerkungen wie „großartig für Fernsehabende“, „Sie werden ein kaltes Bier dazu haben wollen“ und dergleichen mehr. Sie sagt, warum das Gericht gut schmeckt, wann es sich eignet und was das Besondere daran ist. Die kleinen Einführungssätze, zwei, drei zu jedem Rezept, sind nett zu lesen und machen Laune. (Links ein Foto der durchaus machbaren Crostata mit Aprikosen und Amaretti.)

Da ich mich nicht entscheiden konnte, habe ich mich chronologisch durchs Buch gearbeitet, bin aber gar nicht so weit gekommen – weil ich die Rezepte immer wieder gekocht habe, eins besser als das andere. Es ist alles „einfach“ lecker. Der Mann war glücklich mit den Babykartoffeln mit Räucherforelle, Eiern und Kaviar auf einem köstlichen Soßenspiegel aus saurer Sahne, Mayonnaise, Senf und etwas Zitrone – ein wunderschönes Gericht, aufgrund dessen ich mir extra eine neue große Servierplatte zum Geburtstag gewünscht habe.

Potenzial zu Lieblingsgerichten

Der Lieblingsnachbar schwelgte im Tomatensalat, den ich gar nicht mehr anders essen möchte als mit Granatapfelsirup, Dillspitzen und Feta. Alle Erwachsenen mochten die indischen Süßkartoffeln mit Kichererbsen, bei dem man sogar die Absolution der Autorin bekommt, naheliegenderweise statt Süßkartoffeln Kürbis zu verwenden. Und dem Sohnemann musste ich die Huevos Rotos (spanische zerbrochene Eier) vor der Nase wegräumen, weil er uns zwei Drittel davon vor dem Frühstück direkt aus der Pfanne – mit Verlaub – weggefressen hat.

Die Autorin liebt Eier, weshalb das Eröffnungskapitel selbigen gewidmet ist. Dem folgen die Kapitel Salate, Toast, Hülsenfrüchte, Pasta & Getreide, Fisch, Ofengerichte, Koteletts & Würste, Hähnchen, Gemüse, Fruchtige Desserts und Süßspeisen. Die Desserts sind nicht unbedingt die Stärke des Buches – viele gegrillte oder in Alkohol marinierte Früchte mit diversen Saucen oder einfach heiß serviert.

Aber alle anderen Rezepte haben das Potenzial zu Lieblingsgerichten. Abgesehen von den oben genannten Zutaten gibt es durchaus leicht zu bewältigende Rezepte, wie Honighähnchen mit Ingwer, Orzo (diese kleine, reisförmige Pasta) mit Zitrone und Petersilie, Lachsfilet mit Dillbutter, Kartoffeln und Fenchel im Backpapier oder geschmorter Lauch mit Erbsen.

Kein einziger Fehler wurde gefunden.

Befolgt man die Arbeitsschritte und misst genau ab, kann eigentlich nichts schiefgehen. Ich habe nicht einen einzigen Fehler gefunden, und ich bin wirklich sehr kleinlich bei diesen Dingen, weil ich es noch wichtiger als die Optik finde. Gegen diese ist wirklich gar nichts vorzubringen. Der Band hat einen hochwertigen Einband, es hat fast den Anschein, als wäre er in Holz gebunden. Nur wenige Rezepte sind unbebildert, ansonsten haben die Fotos diesen leichten Shabby Chic mit viel Rustikalem als Dekor und einer einfachen, aufs Gericht fokussierten Optik, mal mit Silberlöffelchen, mal mit Gläschen. Wirklich schön. Dicke Seiten für eine angenehme Haptik.

Die über 300 Seiten haben exklusives und explosives Potenzial, das die Geister scheiden mag, aber wer die Optik, die Art und Weise der Zubereitung und diese Granatapfel-Feta-Koriander-Joghurt-Tahinisaucen-Thematik von Ottolenghi mag, wird dieses Buch lieben. Natürlich sind die Rezepte dem leichten Zugang zu allen Küchenregionen der Welt, den man in London auf dem Weg zwischen Arbeit und Zuhause so im Vorbeigehen mitnimmt, zu verdanken und hier wohl nur in Großstädten in Gänze umzusetzen – aber es ist jeden Umweg wert.

Merken

Merken

Merken

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im August 2017

Meistgelesen

Themen A-Z