Kochbuch von Diana Henry: Crazy Water, Pickled Lemons

Kochbuch von Diana Henry: Crazy Water, Pickled Lemons ★★★★☆

Crazy Water, Pickled Lemons
Diana Henry, Mitchell Beazley (2002)

Annick Payne

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Für besondere Momente

Crazy Water, Pickled Lemons ist ein Band wie aus tausendundeiner Nacht, zum Träumen, Schwelgen und Sehnen. Mit Diana Henry reise ich zuerst in ihre Londoner Studentenwohnung, wo sie die Abende mit Kochbüchern auf dem Sofa verbracht und die exotischen Zutaten ihrer Sehnsuchtsküche verkocht hat. Von dort geht die Reise in zwölf Kapiteln durch Spanien, Italien, Griechenland, über die Türkei und Persien bis in den mittleren Osten. Schon beim Lesen kann ich mich dem imaginären Geruch der Gewürze, Blütenblätter und märchenhaften Orte nicht entziehen, denn Diana Henry ist eine Foodwriterin par excellence: sie verzaubert und beglückt mit jedem wohlgesetzten Wort.

Die aus Nordirland stammende Autorin sechs erfolgreicher Kochbüchern (u.a. Food from Plenty) schreibt als Journalistin für den britischen Telegraph auch über so sympathische Themen wie die ganz alltägliche Schwierigkeit, für ihre Kinder zu kochen, die nämlich nicht blödes orientalisches Essen, sonder n etwas “Richtiges” einfordern. Willkommen im Alltag! Doch zurück zur wunderbaren Welt verrückten Wassers und eingemachter Zitronen. Diana Henrys Kochbucherstling, zum zehnjährigen Jubiläum neuaufgelegt, lässt sich wunderbar querlesen und -kochen, ob man nun nach Rezepten aus einer bestimmten Gegend oder Ideen zu einzelnen Zutaten sucht. Die Gerichte dieses Bandes erfordern einen recht unterschiedlichen Aufwand an Zeit und Zutaten, es gibt alltagstaugliche Quickies und größere Kochabenteuer.

Die Kapitel sind einzelnen Zutaten gewidmet und tragen klanghafte Namen wie “Fruits of Longing” (Feigen, Quitten, Granatapfel und Datteln), “Heaven Scent” (Blüten und Blütenwasser) oder “Fragrance of the Earth” (Lavendel, Rosmarin, Thymian, Oregano). Jedes Kapitel beginnt mit einem poetischen Essay von bis zu vier übervollen Seiten Text, ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich der Autorin zustimme und mich über ihre sinnliche Art freue, mit Worten Bilder und Aromen vor meinem inneren Auge und meiner Nase entstehen zu lassen. Wahsinnstexte, illustriert mit den stimmungsvollen Fotos eines Jason Lowe und wie ein guter Braten gespickt mit vielen historischen Zitaten von Herodot bis Pablo Neruda. Dieser Satz stammt aus dem Kochbuch des Muhammad Ibn Al-Hasan Al-Katib Al-Baghdadi: “Pleasures may be divided into six classes, to wit, food, drink, clothes, sex, scent and sound. Of these, the noblest and most consequential is food.” Ganz meine Meinung.

Crazy Water – übrigens der Name eines italienischen Fischgerichtes – ist ein attraktives Kochbuch mit einer reichen Auswahl an exotischen Rezepten. Neben einigen bekannteren Grundrezepten wie Harissa und eingemachten Zitronen findet sich beglückend viel Neues, denn Diana Henry setzt ganz eigene Akzente. So verlassen beispielsweise ihre Joghurtdips das übliche Terrain, statt Zazikivarianten verbindet die Autorin Gurke mit Rosinen, Mandeln, Harissa und Koriander. Oder mit Dill, Sumach, getrockneten Sauerkirschen und Walnüssen. Es geht aber auch gurkenlos mit Granatapfel, Walnüssen, Minze und Rosenblütenwasser.

Für mich ist Crazy Water kein Band, aus dem ich täglich kochen will, sondern ein Buch für besondere Momente. Verlangte es mich nach Eis, dann hätte ich die Qual der Wahl zwischen: Leche Merengada mit Zitronenschale, Zimt und Brandy; Schokoladen-Rosmarinsorbet; Zitronen-Basilikumeis; Rosinen-Sherryeis; Mandelgranita; Crema Catalana Eis; Feigen-Berberitzeneis; Ricottaeis mit Granatapfel-Blutorangensoße; Grapefruit-Camparigranita; türkischem Rosenblüteneis. Nur das “Himmelseis” ist überhaupt kein Eis, sondern ein gekühlter Milchreis mit Mandeln, Rosenblättern und frischen Beeren.

Diana Henry inspiriert mich, mit geschärfter olfaktorischer Wahrnehmung durchs Leben zu gehen. Mission: Düfte einfangen. In meiner Küche verströmen die ersten Pfirsiche einen zarten Duft, doch als Boten der neuen Jahreszeit sollen sie pur genossen werden. Im Garten muss ich nur meiner Nase folgen, um Zutaten für neue Gerichte der Henryschen Art zu finden. Meine englischen Rosen? Ihre Blätter könnte ich mit den ersten Äpfeln zu Gelee verkochen, oder sie auf ein Türmchens aus Baiser und Sommerbeeren streuen. Auf marokkanische Lammtajine mit Quitten müssen wir zwar noch ein Weilchen warten, aber auch deren Duft kann ich mir bereits lebhaft vorstellen. Doch der Lavendel blüht bereits und sehnt sich nach mit Honig und Thymian gebratener Ente. Wenn er nicht im Orangen-Mandelkuchen landet. Oder lieber Schokoladentrüffel parfümiert? Wer bei den letzten Sätzen auch nur ein klein wenig ins Träumen geraten ist, darf sich auserwählt fühlen: für sie oder ihn hat Diana Henry ihr Buch geschrieben. Und wer neugierig geworden ist, kann hier einen Blick in Diana Henrys Küche werfen.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juli 2012

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