Kochbuch von Clea: Veggie

Kochbuch von Clea: Veggie ★☆☆☆☆

Veggie
Französisch vegetarisch
Clea, Fotos Éric Fénot
Stiftung Warentest (2014)

Sabine Cikic

Von

Ein Stern: Am besten umtauschen.

Wenn Sie auf der Suche nach einem Kochbuch sind, in dem Sie schwelgen können und schon bald gar nicht mehr wissen, was sie zuerst nachkochen sollen, dann sind Sie hier leider falsch. Sinnlichkeit ist scheinbar fehl am Platz, wenn es darum geht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und mehr Menschen dazu zu bringen, einer pflanzenbasierten Ernährungsweise den Vorrang oder zumindest Hauch einer Chance zu geben.

Autorin Clea ist sich sicher: auch SIE schaffen das! Denn Clea schafft es ja auch! Auf beinahe jeder Seite in diesem Buch prangen ihre Affirmationen, ein Wunder, dass sie uns nicht empfiehlt, sie in die tägliche Meditation einzubauen (wie, Sie meditieren nicht?): „ich kann vegetarische Menüs ausgewogen zubereiten“, „ich kann energiegeladene Gerichte für Frühstück und Brunch zubereiten“, „ich kann ein schnelles Tellergericht für den Abend zubereiten“. Usw. usw. So ist übrigens das Buch strukturiert. Ich sehe schon, Sie zweifeln noch.

Also fangen wir doch mal von vorne an. Auf etwa 40 Seiten erfahren wir zunächst die wichtigsten Grundlagen. Ich darf doch Du sagen? Also schau mal, ohne Ernährungswandel werden wir den Klimawandel nicht aufhalten können. Schau Dir mal die Tabelle auf Seite 15 an und wie viel mehr CO2 durch konventionelle im Vergleich zu ökologischen Lebensmittelproduktionen ausgestoßen wird. Oh, da steht für Tofu, andere Sojaprodukte, Hülsenfrüchte, Reis und Bohnen gar keine Vergleichszahl? Gibt es diese Produkte denn auch aus ökologischer Produktion? Naja, aber Du siehst schon, wie schlimm die Zahlen für Fleisch und Milchprodukte sind, oder? Und außerdem geht es ja auch um Deine Gesundheit. Damit Du das verstehst, erkläre ich Dir, woher Deine Vitamine kommen, wenn Du kein Fleisch mehr isst, und dann machen wir noch ein bisschen Warenkunde. Ich liste Dir auf, was Du alles in Deinem Vorratsschrank haben solltest, damit Du nicht laufend einkaufen musst, und dann ist es natürlich wichtig, dass Du über eine solide Grundausstattung an Geräten verfügst (ja, am Anfang musst Du schon ein bisschen in Deine Gesundheit investieren). Aber keine Sorge, mit meinem Saisonkalender lernst Du, Obst und Gemüse nur dann zu kaufen, wenn es auch wirklich reif ist und idealerweise aus der Region kommt, dann kannst Du wieder ein bisschen Geld sparen.

Mama Clea erklärt uns die Welt. Wir erfahren, dass wir nur „Bio-/Öko-Backpapier“ verwenden sollten, denn das „beschichtete Backpapier ist chemisch behandelt und daher eher bedenklich“ (S. 36). What? Ich gehe sofort auf die Webseite der Stiftung Warentest, die haben das Buch schließlich in Deutschland rausgebracht, und suche nach einem Backpapier-Test. Ich werde nicht fündig, dafür aber beim „Konkurrenten“ Ökotest, ein Test aus dem Jahr 2005 zwar, aber puh, alles ok. Von zwölf getesteten Backpapieren sind elf sehr gut, eines gut. Aufatmen. Und außerdem: man kann Backpapier doch ganz oft vermeiden, ist das nicht am besten?

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Wir erfahren auch, dass Weizenmehl Type 812 das zuverlässigste und universellste Mehl sein soll (S. 38). Im Internet finde ich irgendwo eine Anleitung, wie man aus den Typen 405 und 1050 Typ 812 mischen kann. Und dann kommt Besseresserin Clea und sagt uns, dass wir bspw. „ein wirklich vollwertiges Nudelgericht zubereiten“ können – mit einem Lasagne-Rezept (S. 159), für das doch nur die gewöhnlichen Totmehl-Fertig-Nudelplatten ohne Vorkochen verwendet werden. Aaaaha.

Die Rezepte sind mal für eine Person, mal für zwei, vier oder sechs Personen berechnet. Da wird für die lieben Kleinen auch schon mal ein Croque Monsieur gezaubert und für eine Portion der Ofen auf 180°C hochgeheizt (S. 167). Oder für eine Portion Saft der Mixer eine halbe Stunde angeworfen (S. 71). Wie, Clea, war das bitte mit dem CO2?

Eine einfache Kennzeichnung, ob ein Rezept vegetarisch oder vegan ist, fehlt. Das würde vielleicht aber auch nicht so gut aussehen, denn dann würde man trotz der schlechten Bilanz für Milchprodukte sehen, dass Clea ohne sie eigentlich nicht kann. Zumindest Ziegen- und Schafskäse tauchen sehr oft in ihren Rezepten auf, vielleicht soll das das typisch Französische an ihren Rezepten sein, Zutaten wie Umeboshi-Essig und -Paste, Cashewmus, Miso, Algen und Seitan, allesamt auch sehr häufig verwendet, sind es ja eher nicht.

Und dann die Mengenangaben: zum Abmessen verwendet Clea immer wieder Gläser, und zwar mal „1 Glas“, mal „1 kleines Glas“, mal „1 großes Glas“. Mich nervt das.

Das Register am Ende ermöglicht eine Suche nach Hauptzutaten oder klassisch alphabetisch. Bei dem Wust an Rezepten und unterschiedlichsten Mengenberechnungen wären zusätzliche Sortierungen nach Personenzahlen, nach z.B. sojafreien Rezepten, oder – vor allem – nach den gängigen Topics Suppe, Salat, Hauptspeisen usw. mehr als hilfreich.

Alles in allem ist das kein Buch für mich, und um es in Cleas Worten zu sagen: Ich kann auch ohne dieses Buch gesund und vegetarisch-vegan kochen.

Fazit: Ein Buch für alle, die Mamis mahnende Stimme vermissen, man solle doch mehr Gemüse essen, „Algencreme mit Haselnussöl“ probieren wollen, oder sich einfach mal trauen wollen, ihren Kids „Rosa Brioches mit Sprossen“ zu servieren.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juli 2014

4 Kommentare

  1. Gabi

    Du hast sowas von recht, Sabine – ICH habe dieses Buch umgetauscht 🙂 Ich hatte mich so auf französische Regionalküche ohne Fleisch gefreut und kriege Seitan-Wokgerichte, erhobene Zeigefinger und Gerichte ohne Salz, Pfeffer oder andere Gewürze. Ach nö…

  2. Birgit

    Von mir 5 Sterne…..für die Rezension. Danke!

  3. Stefanie

    Fantastisch geschrieben! Hab Tränen gelacht!!!

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