Kochbuch von Cettina Vicenzino: Dolci Italiani

Kochbuch von Cettina Vicenzino: Dolci Italiani ★★★★☆

Dolci Italiani – Süße Verführung
auf Italienisch
Cettina Vicenzino
Fackelträger Verlag (2016)
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Katja Schmid

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Dieses Buch wird mir allein deshalb schon in Erinnerung bleiben, weil unser Gas-Backofen mittendrin den Geist aufgab. Die Ofentür wollte nicht mehr aufgehen. Einfach so. Das heißt: das Scharnier war gebrochen. Zum Glück hatte ich gerade Cantucci im Ofen, Toskanisches Mandelgebäck, das wie Zwieback zweimal gebacken wird: erst als Laib, dann in Scheiben geschnitten. Da ist es nicht so schlimm, wenn das Gebäck etwas länger im ausgeschalteten Ofen bleibt als geplant.

Dumm nur, wenn man die Cantucci für eine Party bäckt und dringend los muss. Kleiner Tipp: Ofentüren lassen sich von außen abnehmen. Ein kräftiger Ruck, und der Spuk ist vorbei. Das Backvergnügen allerdings auch. Inzwischen haben wir Ersatz, wobei der neue Ofen viel stärker gedämmt ist. Die Folge: die mitgelieferten Bleche sind höchstens halb (!) so groß wie die früheren. Die Energieeffizienz hat eben auch ihre Schattenseiten …

Tiramesù – so wie es sein soll

Doch nun zum Buch: ‚Dolci Italiani‘ ist wunderschön und bietet trotz der handlichen Maße auf insgesamt 143 Seiten eine Fülle an Klassikern und Überraschungen. Außen mutet das Buch fast altmeisterlich an, innen kommt ein modernes Layout im Web-Stil zum Einsatz. Die Fotos sind ungemein appetitlich, die Rezepte passen immer auf eine Seite, so dass man jedes Dolce auf einer Doppelseite im Blick hat. Dafür ist die Schrift ein wenig klein geraten. Das Register ist hervorragend, die Rezeptauswahl zeugt von großer Sachkunde, die selbst meine italienische Schwägerin beeindruckte. Sogar der Überklassiker Tiramesù wird hier korrekt geschrieben, wie sie anerkennend feststellte.

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Die Autorin Cettina Vicenzino (Foto links) stellt die Naschwerke nach Regionen vor. Die Reise beginnt im Norden mit Mont Blanc (Maronencreme in Baiser) und Strudel di mele (Apfelstrudel), führt über Zentrum und Süden auf die Inseln und landet schließlich bei ‚Weltstar-Dolci‘ wie Tiramesù, Panna cotta und Gelato. Den Abschluss bilden ‚Festtags-Dolci‘ wie Torta mimosa, einer Torte für den Frauentag am 8. März, Panettone und Zeppole di San Giuseppe, ein Schmalzgebäck für den Vater- und Josefstag am 19. März. Das Buch ist also frei von Gender Bias, und obwohl es traditionelles Naschwerk im Blick hat, findet man sowohl vegane als auch glutenfreie, eifreie und laktosefreie Köstlichkeiten.

Le Minne di Sant‘ Agata

Jede Region wird kurz in Bild und Text kulinarisch vorgestellt, immer im Hinblick auf die Dolci, natürlich. Jedem Rezept geht ebenfalls ein kleiner Infotext voran, der über die Historie des Naschwerks Auskunft gibt. Doch Vorsicht: die Erläuterungen sind zwar stets informativ, doch nicht immer harmlos. So verbirgt sich hinter den brustförmigen Törtchen mit dem aufreizenden Namen ‚Le Minne di Sant‘ Agata‘ (wörtlich: Die Brüste der Heiligen Agatha, im Buch: Kleine Cassatatörtchen zu Ehren der Sant‘ Agata) die Legende der Heiligen Agatha, Schutzpatronin der Stadt Catania, die sich den Avancen des geldgierigen Statthalters Quintianus standhaft widersetzte und dafür unter anderem mit der Abtrennung ihrer Brüste bestraft wurde. Dieser Hintergrund ist vielen Italienern nicht geläufig, was wohl die Erklärung dafür ist, dass ihnen die süßen Törtchen nicht im Halse stecken bleiben.

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Die nachgebackenen Rezepte sind allesamt gelungen, wobei ich mir für die Kennenlernphase mit dem neuen Ofen erst einmal schlichte, handfeste Rezepte aussuche. Die Pardulas, kleine Ricottasternchen mit Safran und Zitrusschale in einer knusprigen Hülle, sind ein Hit; Amor Polenta klingt toll, schmeckt aber eher Erwachsenen, wobei die als Begleitung empfohlenen Birnen in Zabaione geradezu sensationell sind. Zartere Backwerke wie die Agatha-Törtchen oder die ‚Falschen Pfirsiche‘, die aussehen wie gemalt, habe ich mir für später aufgehoben.

Auf der Jagd nach Alchermes

Die Grundzutaten sind leicht erhältlich, Schwierigkeiten hatte ich allerdings bei den teils erforderlichen Spirituosen, mit denen die Teige getränkt werden. Wochenlang war ich zum Beispiel auf der Jagd nach Alchermes, einem blutroten Kräuterlikör, der seine Farbe der Kermes-Beere verdankt. Ich klapperte italienische Einzel- und Großhändler ab, doch ach, die Lieferung muss irgendwo am Brenner festsitzen. Zum Glück hat mir meine italienische Schwägerin eine Flasche aus dem Heimaturlaub mitgebracht. Damit werden die Pfirsiche außen bepinselt. Ich kann es kaum erwarten.

Ebenfalls auf meiner Wunschliste steht ein süßer Auberginenauflauf mit Schokosauce, eine Gianduia-Torte und Delizie al limone, Zitronencremetörtchen aus Campanien. Wer jetzt noch keinen Appetit bekommen hat, dem ist einfach nicht zu helfen.

Sie essen nichts Süßes? Auch das ist keine Ausrede: Das Buch ist eine Augenweide und lässt sich wie ein kulinarischer Reiseführer lesen. Ich würde sagen: ein perfektes Geschenk für alle Italien-Liebhaber und jene, die gerne backen und auf Nachtisch nicht verzichten können.

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Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Januar 2017

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