Kochbuch von Carolyn Caldicott: Bombay Lunchbox: Indische Leckerbissen

Kochbuch von Carolyn Caldicott: Bombay Lunchbox: Indische Leckerbissen ★★★★☆

Bombay Lunchbox: Indische Leckerbissen
Carolyn Caldicott, Fotos Chris Caldicott
Freies Geistesleben (2014)

Katja Böttger

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

„Bombay Lunchbox“ – was für ein Titel, ich werde schwach! Meine Fernweh-Fieberkurve steigt, mir läuft das Wasser läuft im Munde zusammen. Diagnose: Ein akuter Fall kulinarischen Fernwehs – nur sofortiges Nachkochen verspricht Linderung.

Bombay – oder Mumbai – diese einzigartige Megacity am indischen Ufer des Arabischen Meeres, ein gigantischer Moloch mit vibrierender Energie, unglaublich hässlich, wahnsinnig schön. Ein Buch über Mumbai im 21. Jahrhundert, ihr Streetfood, indisch, urban und multikulturell stand schon länger auf meiner Wunschliste. Da kommt das neuste Buch der Caldicotts wie gerufen.

Die Caldicotts gehören zu den Pionieren vegetarischer Kochbuchliteratur. Mit ihrem „World Food Cafe“ haben sie internationale Garküchen an den heimischen Herd geholt und sich eine große Fangemeinde erobert. Einige Kochbücher später (wir erinnern uns auch an die Vintage Tea Party) tauchen sie nun mit „Bombay Lunchbox“ in die Welt der „Tiffin“ ein, in bewährter Arbeitsteilung mit Carolyn als Autorin und Chris als Fotograf.

„Tiffin“ sind in gleich zweierlei Hinsicht der rote Faden. Zum einen sind dies diese robusten mehrstöckigen Transportgefäße, die indische Version des Henkelmann, die zu Mumbai gehören wie wohl zu keiner anderen Stadt. Die legendären Dabbawala sammeln sie jeden Tag zu Hunderttausenden in den Wohnvierteln ein, liefern sie an den Arbeitsplätzen in der City aus und bringen sie am Abend zurück, dies alles mit einer Zuverlässigkeit, die jedes moderne Logistik-Unternehmen vor Neid erblassen lässt (sehenswert: der Spielfilm Lunchbox). „Tiffin“ nennen die Inder aber auch ihre kleinen Mahlzeiten zwischen Frühstück und Abendmahl, meist unterwegs genossen, ein zweites Frühstück etwa, das Lunch, herzhafte Streetfood-Snacks, Tee, Kaffee oder eine süße Leckerei auf die Hand.

kochbuch-lunchbox-caldicottGut, dass dies ein schmales Büchlein ist, denn Orientierungshilfe gibt es nicht. Die vier Kapitelüberschriften „Anglo-indische Klassiker“, „Lunch in a Box“, „Tiffin am Nachmittag“ und „Kleine Zwischenmahlzeiten“ sind nahezu austauschbar. Das äußerst magere Rezeptverzeichnis listet die Rezepte nur alphabetisch nach ihrem vollen Titel – wenn ich mich also nicht erinnere, ob ich ein „Dattel-Papaya-Raita“, ein „Raita mit Papaya und Datteln“ oder ein „Papaya-Dattel-Raita“ suche, greife ich besser gleich zur Daumenkino-Technik.

Das Büchlein ist reich bestückt mit hübschen Fotos, die mich allerdings stutzen lassen. Eine kräftige Brise kolonialer Nostalgie und vergangener Maharaja-Herrlichkeit durchweht die Seiten. Straßenszenen und Einblicke in typische Garküchen werden bunt vermischt mit prunkvollen Palast- oder Hotelterrassen und feudalen Picknickplätzen, das Personal steht schüchtern lächelnd bereit, gekleidet wie Statisten aus „Der Tiger von Eschnapur“. Ein Foto zeigt feinstes Teegeschirr, very british mit Rosendekor und Goldrand, ein anderes Teepflückerinnen bei der Arbeit – einen halben Kontinent von Mumbai entfernt? Beliebige Indien-Klischees werden hier bedient, während das moderne, urbane Bombay/Mumbai praktisch überhaupt nicht vorkommt. Schade.

Irritiert bemühe ich mich, ein merkwürdiges Gefühl auszublenden und widme mich den Rezepten. Und ja, hier ist dieses Büchlein wirklich stark! Die Zusammenstellung ist diesmal nicht vegetarisch, aber Fleisch spielt naturgemäß keine große Rolle. Dass ein Grundstock der typischen Gewürze benötigt wird, versteht sich von selbst. Bei der Zubereitung darf ich Pfefferkörner und Gewürznelken einzeln abzählen und rätseln, wie ich einen „knappen Teelöffel“ Kreuzkümmel bemesse. Diese Präzision ist für mich ungewohnt, aber erfolgreich – es schmeckt uns vorzüglich! Und plötzlich ergibt auch der spezielle anglo-britische Twist einen Sinn, der mich bei den Fotos so irritiert hatte. Kardamom-Scones mit Erdbeermarmelade und Rosensahne, Gurkenhäppchen mit Minze-Koriander-Chutney – auf dem kulinarischen Gebiet ist diese Mélange auf jeden Fall eine Bereicherung!

Hat hier ein anglo-indischer Fremdenverkehrsverein aus dem vorletzten Jahrhundert seine Hand im Spiel? Bombay/Mumbai, die einzigartige Stadt, ist hinter der farbigen Indien-Folklore kaum zu erahnen. Dennoch – die großartige Ausbeute an stimmigen Rezepten spricht für sich. Zur Linderung akuten kulinarischen Fernwehs ist diese Bombay Lunchbox bestens geeignet.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Januar 2015

2 Kommentare

  1. Petra Zanger

    Vielen Dank fuer Ihre schoene und interessante Webseite. Mittlerweile schaut und kocht meine Tochter in Boston USA auch bei Ihnen herein und kocht viele Rezepte nach.
    Ich bin immer dankbar fuer Fischrezepte, da ich in der Bretagne wohne.
    Es macht viel Spass, bei Ihnen zu stoebern.
    Freundliche Gruesse
    Petra Zanger

    • Katharina

      Das freut mich außerordentlich. Ganz lieben Gruß an Euch beide.
      PS: Fisch – oh ja, als Nordlicht liebe ich ihn auch. Da habe ich ein Auge drauf. 🙂

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