Kochbuch von Caroline Craig & Sophie Missing: The Little Book of Lunch

Kochbuch von Caroline Craig & Sophie Missing: The Little Book of Lunch ★★★★★

The Little Book of Lunch
Caroline Craig & Sophie Missing
Square Peg (2014)

Katja Böttger

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Meine Mittagspause findet in einer kulinarischen Parallelwelt statt. Ein belegtes Brötchen oder ein Süppchen, ein Milchkaffee, das muss meist reichen. Caroline Craig und Sophie Missing drücken es drastischer aus: Kaufen – wegatmen – und dann so tun, als sei es nie passiert. Und sie wollen dies ändern – mit dem unscheinbaren Little Book of Lunch, nicht weniger als ein Manifest für das hausgemachte Lunchpaket. Liebe Currywurst, lieber mediterraner Gartensalat mit Tofuwürfeln, jetzt bekommt Ihr ernsthafte Konkurrenz!

Ein schlichtes Büchlein liegt vor mir, auf dem Cover ein natronbraunes Lunchpaket, verschnürt mit heller Paketschnur – weniger geht nicht. Auch die Innengestaltung ist minimalistisch, mit viel Weiß und Rezeptfotos, auf denen abgewetztes Holzmobiliar, einsame Pflanzentöpfchen, Emaille-Schreibtischlampen und akribisch angeordnete Bleistifte und Reißzwecken die Amtsstubenatmosphäre vergangener Zeiten atmen.

Der Blick, mit dem die Autorinnen die büroarbeitenden Stadtbevölkerung aufs Korn nehmen, ist dagegen überhaupt nicht retro-getrübt. Treffsicher und mit trockenem Witz sezieren sie die urbanen Mittagsrituale zwischen Sandwich und Wrap, Asia-Imbiss und Vortagsresten aus der Tupperdose: Das Angebot ist riesig – aber wo bleibt das „gewisse Etwas“?

Die Rezepte sind in Kapiteln wie „Wholesome and healthy“ oder „Indulgend and decadent“ eher lose zusammengehalten. Quer durch das Büchlein finden sich Rezepte für belegte Brote, Suppen und Salate, viele Gerichte auf der Basis von Reis, Kartoffeln, Pasta, Couscous und Hülsenfrüchten, dazu Frittata und Tarte, und nicht zuletzt ein paar Leckereien aus der Rubrik „Wie besteche ich die Kollegen?“

Und mittendrin ein echtes Highlight für wohl jedes Kind der 70er: „The Enid Blyton“ – ein Lunchpaket aus Ginger Beer in dunklen Bügelflaschen, Radieschen, hart gekochtem Ei und Sandwich – bevorzugt draußen zu genießen. Spätestens an dieser Stelle hat das Buch endgültig mein Herz erobert. (Auf die Nachkochliste hat „The Enid Blyton“ es leider trotzdem nicht geschafft – es gab einfach kein Ginger Beer in braunen Bügelflaschen. Aber das hole ich dank Dietmars Fundstück nach.)

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Dazu gibt es praktische Tipps: Wie transportiere ich das Essen am sichersten (Tupper – „der Volvo“), am schicksten (Emaille-Dose – „die Chanel-Handtasche“) oder preisgünstig improvisiert (1-Liter-Eisbehälter und Schraubglas tun’s auch)? Was sollte ich im Vorratsschrank haben? Wie könnte mein Wochenplan aussehen – wahlweise vegetarisch, exotisch, mediterran, gesundheitsbewusst, für kalte oder heiße Tage, preisbewusst oder für minimalen Aufwand?

Tatsächlich ist es den Autorinnen gelungen, Rezepte auszugraben, die fix von der Hand gehen. Die Mengen sind meist auf eine Portion berechnet, die Zutatenlisten kurz, die Zutaten meist in Reichweite, die Zubereitung schnörkellos. Lediglich einige Fertigzutaten wie Falafel würde ich persönlich lieber durch Selbstgemachtes ersetzten. Die Gerichte lassen sich gut transportieren und nehmen auch ein paar Stunden ohne Kühlung nicht übel, die meisten schmecken auch bei Zimmertemperatur und benötigen nicht einmal die Mikrowelle.

Einige der Testkandidaten habe ich seither bereits mehrfach zubereitet. Die Rezepte waren so stimmig und schlüssig, dass sie sich auch für nächste und übernächste Gelegenheiten anboten – was als Lunchpaket taugt, kann auch gute Dienste leisten auf Picknickausflügen, für langen Zug- und Autoreisen oder als Beitrag zu einem Mitbring-Büffet. Oder für ein fixes Essen zuhause, natürlich.

„The Enid Blyton“ ist das wohl beste Beispiel für das eigentliche Erfolgsrezept der Autorinnen – die Inszenierung macht den Unterschied. Auch ein simples Butterbrot kann mit ein paar gekonnten Pinselstrichen zu etwas Besonderem veredelt werden. Und ob das natronbraune Packpapier nach grauer Bürosteinzeit aussieht oder nach schickem New York Deli, liegt ja schließlich auch ganz allein in den Augen der Betrachterin.

Das Buch hält, was es verspricht: Originelle, pfiffige Rezepte, die sich tatsächlich leicht in den Arbeitsalltag integrieren lassen – die schnell von der Hand gehen, nicht gleich eingeschnappt sind, wenn sie eingesperrt einen längeren Transport überstehen müssen, ohne Herd und Kühlung auskommen und auch bei Zimmertemperatur passabel schmecken. Dazu: Ein stilsicher gestaltetes, charmant und klug geschriebenes kleines Büchlein. Mein Herz hat es im Sturm erobert.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Dezember 2014

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