Kochbuch von Birgit Weidt: Das kreolische Kochbuch

Kochbuch von Birgit Weidt: Das kreolische Kochbuch ★★★☆☆

Das kreolische Kochbuch. Bilder, Geschichten, Rezepte
aus La Réunion, Guadeloupe und Martinique

Birgit Weidt
Fotos Birgit Weidt, Ariane & Kornelia Bille
Jacoby & Stuart Verlag (2015)
Mehr über den Verlag

Jens Werkmeister

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Die Küche der Kreolen, wer denkt da nicht an exotische Speisen unter einer glühenden Tropensonne und lästige Insekten? Folgerichtig vereint bereits das Titelbild diese drei Erwartungen, wobei die Sonne durch einen goldgelben Kokosflan dargestellt wird, der von tropischen Gewürzen und Schmetterlingen umrahmt wird. Etwas zwiegespalten betrachtete ich die dargestellten Falter, war unsicher, ob ich die dargestellten Falter als eine subtile Anspielung auf die Nahrungsgewohnheiten der Ureinwohner oder die paradiesische Fauna der Tropen deuten sollte.

Der Untertitel „Bilder, Geschichten, Rezepte aus La Reunion, Guadaloupe und Martinique“ ist bei diesem Buch Programm. Hier schreibt eine Globetrotterin, die auf Réunion gelebt und die diese Zeit als Fest für die Sinne erlebt hat.

kochbuch-das-kreolische-kochbuch-birgit-weidt-inside-valentinas-2Als „meine Heimat“ werden die verschiedene Inseln der östlich von Madagaskar liegenden Maskarenen mit den kleinen Antillen der Karibik von ihr vorgestellt. Zwischen Guadeloupe und Réunion liegen dabei 13.300 km Luftlinie; der geografische wie kulturelle Bogen wird somit zunächst ganz weit aufgespannt, aber erfährt inhaltlich letztlich eine Fokussierung auf den Wohnort der Autorin – Réunion.

Persönliche Reisereportage

Jedes Kapitel des Kochbuches wird mit einer Reisereportage, beispielsweise über typische Picknicks, die Vanilleschoten oder die traditionelle Meersalzgewinnung abgeschlossen. Auf mich wirkte das Buch zunächst vor allem als kulinarischer Reiseführer, der Urlaubsstimmung verbreiten will, so dass der Kochbuch-Charakter eher die Hintergrundsmusik anstimmte.

Das gilt leider nicht für die grafische Umsetzung. So sehr die Worte der Autorin Sinnlichkeit versprühen möchten, so sehr verweigerte mir die Optik diese Stimmung. Fast fühlte ich mich an einen Gesundheitsratgeber erinnert. Ich überlegte, ob ich wohl als Mann einfach nicht der richtige Adressat sei und holte gewissenhaft Rat von weiblicher Seite ein, aber auch der führte nicht zu einer anderen Einschätzung.

Über die Einflüsse

Zum Kulinarischen: Die kreolische Küche, so eröffnet das Buch, ist so abwechslungsreich wie die Inselbewohner, deren Vorfahren ursprünglich freiwillig aus Frankreich und unfreiwillig aus Afrika kamen oder, im Falle der indischstämmigen Maskarenen, weder freiwillig noch unfreiwillig, sondern von ihren Karmas geleitet wurden, um mit den Ureinwohnern Erbgut, Kultur und Rezepte zu tauschen.

Das östlich von Madagaskar gelegene Réunion wurde nach den Ureinwohnern neben Franzosen von Chinesen, vor allem aber Indern besiedelt. Hier ist Reis das wichtigste Grundnahrungsmittel, Erbsen, Bohnen und Linsen die wichtigsten Gemüse. Fleisch weniger typisch als Fisch und die Schärfe und Kombination der Gewürze typisch indisch, also exotisch und scharf. Auch die Samoussas genannten kleinen Teigtaschen, die man gerne als Vorspeise oder zwischendurch isst, sind ebenso lokale Interpretationen der indischen Küche wie diverse Currys.

In der Küche der Kleinen Antillen von Martinique und Guadeloupe hingegen zeigt sich der französische Einfluss stärker, weswegen die Küche für Europäer vertrauter ist. Absolute Ausnahme ist das „Kaninchen in Senf-Kakaocreme“, ein Rezept bei dessen bloßem Namen mir die riesige Distanz zwischen Westfalen und Martinique bewusst wurde.

kochbuch-das-kreolische-kochbuch-birgit-weidt-inside-valentinas Auf beiden Inselgruppen wächst Zuckerrohr, der nicht nur zur Herstellung des Süßstoffes, sondern auch Basis des Rums ist. Im Selbstversuch gelang mir der Beweis, dass sich nach dessen Genuss auch bei gestressten Mitteleuropäern die oft beschworene Herzlichkeit, Lässigkeit und Schicksalsergebenheit von Tropen-Insulanern einstellt.

Mein Favorit: der Vanille-Papayapunch

Insekten fand ich nicht auf den Zutatenlisten (war ich erleichtert oder enttäuscht?) und im positiven Gegensatz zu manch anderen exotischen Kochbüchern wurden die Zutaten der Rezepte den Einkaufsmöglichkeiten des deutschen Einzelhandels angepasst. Leguane oder Gürteltiere führt unsere Supermärkte ja sowieso nicht, daher ließ die Autorin diese Zutaten weise unter den Tisch fallen.

Hatte ich mich erstmal von der optischen Atmosphäre der Sachlichkeit gelöst, wurde es interessant – erst recht, als die Gerichte und Drinks auf der Tafel standen. Birgit Weidt entpuppte nach dem ersten Eindruck der persönlichen Reisejournalistin als sichere Kochbuch-Autorin: Die Rezepte waren einfach umzusetzen, bewahrten ihren exotischen Kern und schmeckten von ausgezeichnet bis zufriedenstellend. Der Vanille-Papayapunch ist ein Hit, der Kokosflan vom Titelbild ein Dessert, der absolut köstlich ist, und auch wenn mir die Falafel-ähnlichen Kichererbsentaler nicht gelangen, der Geschmack war eine Bereicherung.

Wer sein Fernweh nach den französischen Überseedepartements kultivieren möchte und neugierig auf die Kombination pikanter indischer Gewürze mit afrikanischen Aromen und der klassischen französischer Küche ist, findet hier authentische, unkomplizierte Rezepte und erste neugierig machende Einblicke auf ferne Inseln. Die feminine Optik muss man allerdings mögen. Das gilt ebenso für das Genre Reiseführer meets Kochbuch, der hier persönlich interpretiert wird. Mich hat der kulinarische Aspekt überzeugt.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im September 2015

Meistgelesen

Themen A-Z