Kochbuch von Ava Fellmann & Emil Levy Z. Schramm: Raus und kochen!

Kochbuch von Ava Fellmann & Emil Levy Z. Schramm: Raus und kochen! ★★☆☆☆

Raus und kochen! Urbane Küche unter freiem Himmel
Ava Fellmann & Emil Levy Z. Schramm
Fotos Emil Levy Z. Schramm
Delius Klasing Verlag (2017)

Heike Pethe

Von

Zwei Sterne: Begeisterung sieht anders aus.

Das urige Landleben ist unbestritten der heimliche Sehnsuchtsort vieler Städter. Und wenn ich schon meinen Couchtisch mit Titeln wie „Walden“, „Hütten“ und dem „Großen Gartenbuch“ bedeckt habe, so soll „Raus und kochen!“ nicht fehlen. Ein Titel, bei dem ich mir relativ unkomplizierte Rezepte für den Schrebergarten oder für das Picknick vorstelle. Sie sollen ohne elaboriertes Equipment gelingen und nicht zu sehr vom Outdoor-Erlebnis ablenken …

Das Buch ist in 11 Kapitel aufgeteilt, in denen jeweils verschiedene Akteure ein paar verwandte Rezepte vorstellen. Viele sind in Berlin in unterschiedlichsten Berufen vom Sänger bis zum Koch tätig. Viele haben Freude an internationalen Gerichten. Alle scheinen begeisterte Köchinnen und Köche, die für ihre Lieben, Freunde sowie auch für Fremde und zahlende Gäste kochen. Den deutschen Campingpärchen folgt ein türkischer Grillabend, ein Nachmittag in Brandenburg vor dem Räuchertopf, ein Tag im Schrebergarten und, und, und… bis die Geschichten mit einem herbstlichen vietnamesischen Grilltag abrundet werden.

Die Optik – sehr atmosphärisch

Das Buch ist gut und übersichtlich gestaltet. Es enthält perfekte Fotos – wie ein Coffee Table Book zum Verschenken und zum Träumen über die möglichen Abenteuer und Feuerstunden. Sehr spektakulär sieht der sogenannte Flammlachs aus, bei dem ein Fischfilet auf ein Brett genagelt und dieses dann schräg über ein offenes Feuer gesetzt wird.

Das Buch wirft einen frischen Blick auf alte, bisher ein wenig vergessene Techniken. Räuchern in unterschiedlichen, selbst gefertigten Räucherkesseln bietet für DIY-Begeisterte ein neues Betätigungsfeld wie auch das Kochen über dem offenen Feuer.

Als Frau im mittleren Alter zögere ich hier, sofort die Hemdsärmel hochzukrempeln und meine großen Töpfe mit Löchern zu versehen. Zu sehr fürchte ich, dass ich nach zwei aufwendigen Räuchersitzungen die Freude daran verlieren oder die notwendige Balance zwischen Rauch, Wärme und Feuer nicht finden werde. Besser gleich einen professionellen Räucherschrank, in dem der Abstand zwischen Räucherkabine und Feuerplatz bewährt und ausgetüftelt ist, kaufen? Für eine gelungene Umsetzung halte ich hier ausführlichere Anleitungen für notwendig, um zu wissen, wie groß beispielsweise der Abstand zwischen Glut, Räucherasche und Räuchergut sein sollte. Oder besser die minimalistische, kostengünstige Räuchervariante in einem Wok auf dem Balkon? Das findet sich im Buch nicht. Aber hier müsste ich nicht mal „Raus“.

Auf die Ausrüstung kommt es an!

Ich entscheide mich gegen eines der Räucher- und Bratrezepte über dem offenen Feuer, auch wenn das Buch in diesem Bereich viel Inspiration liefert. Doch meine Skepsis ist zu groß und gleichzeitig bin ich vom Aufwand abgeschreckt. Beim Draußenkochen hatte ich mir etwas Einfacheres vorgestellt, wie ein paar leckere, einfachere Picknikrezepte oder ein paar Tricks, wie ich in meinem Schrebergarten mit einfachen Mitteln mit zum Beispiel einem einflammigen Kocher ein paar neue, schmackhafte Mahlzeiten zaubern kann. Schließlich hatte derselbe Verlag vor ein paar Jahren ein sehr köstliches und zugleich raffiniertes Kochbuch für Segler herausgebracht.

Die Rezepte, von denen ich denke, dass sie sich umsetzen lassen, wähle ich aus. Auch diese Rezepte lassen sich dann oft nur im urbanen Kochumfeld zubereiten. Für die Kräutercreme brauche ich einen Küchenmixer, für das Chili einen gut trimmbaren Herd, der auf niedrigster Stufe mein Chili über fünf Stunden am Köcheln lässt, für das Reispapier vier Liter warmes Wasser. Und für die meisten Rezepte noch eine erfahrene Kochfreundin oder -freund, der oder die die verbliebenen letzten Positionen der Zutatenliste in die Kochanleitung einordnen kann, weil die angegebenen Zutaten in der Anleitung nicht weiter erwähnt werden.

Mein Fazit: Für draußen sind die meisten Rezepte nur mit Einschränkungen geeignet, da man mal Werkzeuge, mal elektrischen Strom oder eine sehr gut kontrollierbare Hitzequelle benötigt.

Mein Highlight: der Walnusslikör

Mit den Rezepten lässt sich draußen der Hunger stillen. Die Mahlzeiten sind achtbar, selten spektakulär oder gar raffiniert. Eine Ausnahme bildet hier jedoch der Walnusslikör. Für ihn werden Kornbrand und frische Juninüsse 1,5 Monate lang zu einem aromatischen und geschmackvollen Likör angesetzt. Schon alleine das Pflücken und Riechen an den frischen Walnüssen bringt so viele verschiedene aromatische Düfte zu Tage, dass man dies unbedingt allen Ahnungslosen auf die To-do-Liste setzen möchte.

Manchmal, wie beim Chili, ist der zeitliche Aufwand groß und auch die Zutatenliste ungewöhnlich spektakulär. Rinderbrust wird in 2,5 Litern Kaffee fast 5 Stunden geschmort und am Schluss mit Zartbitterschokolade verfeinert. Zwei Monate hatte ich mich gefragt, ob das Ergebnis dieses Rezepts schmecken würde. Die Antwort ist: Ja, das Resultat ist gut essbar. Der Kaffee macht im Gegensatz zum klassischen Rotwein das Rindfleisch dumpf und verleiht dem Gericht eine leicht bittere Note. Meine Gäste und ich aßen viel von dem Gericht. Dennoch waren wir uns einig, dass wir das Rindfleisch in Zukunft lieber wieder in Rotwein aufleben lassen.

So, wie die neue urbane Literatur wie „Walden“ mich regelmäßig in „die Natur“ lockt und mich zu einem besseren natürlichen Leben in der Natur anhält, so gibt uns „Raus und kochen!“ ein paar Träume am Sofatisch an die Hand. Und so freue ich mich am Layout, den schönen Bildern, den Geschichten zu den Köchen und den Ideen zum Räuchern, Rösten und Feiern. Mit dem leckeren Walnusslikör in der Hand ist das doch gemütlich?

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Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Mai 2018

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