Kochbuch von April Bloomfield: A Girl and Her Pig

Kochbuch von April Bloomfield: A Girl and Her Pig ★★★★★

A Girl and Her Pig
recipes and Stories

April Bloomfield, Fotos David Loftus
HarperCollins Publisher (2012)

Annick Payne

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

April Bloomfield ist Großbritanniens heißester Amerikaexport, eine bodenständige, perfektionistische Köchin, die Rockstarcharme ohne die dazugehörigen Allüren verbreitet. Mit ihrem Partner betreibt sie drei New Yorker Szenelokale, das mit einem Michelinstern ausgezeichnete Spotted Pig, das Breslin und die John Dory Oyster Bar. April über April: „I like my animals whole and my veggies unpeeled.“

April mag starke Geschmacksrichtungen, mit Anchovies, Salz und Chili kann sie viel anfangen, gleicht morgens geht es herzhaft los, zum Frühstück dürfen es Pfannkuchen mit Speck und Chili, Eier mit Anchovies oder Porridge sein. Interessant finde ich ihre Art, mit Zitronensaft die Balance eines Gerichtes auszutarieren. Aprils Markenzeichen sind einfache Gerichte mit einer besonderen Note. Ins Sandwich kommt selbst zubereitete Rinderzunge, im Salat kann es auch mal ein knusprig fritiertes Schweinsohr sein. Oder doch lieber mit Mortadella gefüllte Miesmuscheln? Appetitlich sieht auch das Trifle aus Krebsfleisch, Tomatensoße und Green-goddess-dressing aus.

April ist eine Verfechterin der „Nose-to-Tail-Eating“ Philosophie, d.h. sie verwendet mit Vorliebe das ganze Tier. Die Liebe zu Innereien hat sie im Zweifelsfalle von ihrem Großvater geerbt, der auf Reisen stets Nierchen mitführte (in Großmutters Koffer: die Ginvorräte). Der Einstieg ins Kapitel „the not-so-nasty bits“ erfolgt recht harmlos mit Kalbsleber, bietet aber auch Bries oder die traditionellen „faggots“ (eine Art Klops aus Schweinebacke und Leber). Auf einem sehr appetitanregendem Foto habe ich erst beim vielleicht zehnten Blick den Lammkopf erkannt – und überlege seitdem immer wieder, wag ich’s? Je öfter ich daraufschaue, um so mehr verschiebt sich die Frage von ob zu wann. April behauptet, sie koche einfach, was ihr schmecke, und wenn dies den ein oder anderen überzeugen kann, sich mit den weniger beliebten Fleischstücken anzufreunden, sei es ihr recht.

Kochabenteuer mit April

Aprils anglo-mediterrane Küche ist u.a. vom Londoner River Café geprägt, in dem sie mehrere Jahre gearbeitet hat. Ihr Kochbucherstling enthält eine Sammlung verschiedenster, für den Hausgebrauch adaptierter Gerichte aus ihren Restaurants. Manches ist in der Tat einfach nachzukochen, für andere Rezepte braucht man Zeit, und – wie im Falle des abgefackelten Whiskeykuchens – auch eine Prise Mut. 225 ml Whiskey brennen lange, sehr lange …

Nach mehreren Monaten in meiner Küche schaue ich auf einige Kochabenteuer zurück und habe mich mit meiner Schlachterin über Wünsche wie Nierentalg für den echten Pie-Teig und Schweinefuß für die dazugehörige gelatinöse Brühe angefreundet; und ja, der Pie war besonders gut. An Aprils Kochbuch gibt es viel zu loben, besonders überzeugt mich ihr technisches Können und ihre nicht zu knapp gehaltenen Erläuterungen, warum sie dies oder jenes tut. Mittlerweile konsultiere ich ihr Buch auch, ohne ein ganzes Rezept nachkochen zu wollen, wenn ich Ratschläge zur Kochtechnik suche. Ich muss nur Steaks aus der Grillpfanne erwähnen, und alle, die diese mit mir nach Aprils Anleitung genießen durften, seufzen seelig. Einzig sollte man überlegen, ob die Mengen stets 1:1 umsetzbar sind; so musste ich meine Suppenzutaten zur Hälfte einfrieren, da auch mein größter Topf sich als zu klein erwies. Und ob ein ganzes Ferkel in meinen Backofen passt, wage ich zu bezweifeln – insbesondere nachdem ich April mit einem 10-Wochen alten Tier habe hantieren sehen (s.u. Video).

Ein Unikat – mit Liebe und Humor

Der Band ist liebevoll mit Zeichnungen von Sun Young Park illustriert, die Fotografien vom großartigen David Loftus sind simply delicious, der unaufgeregte Stil jedoch unterscheidet April von ihren Hochglanzkonkurrenten im Kochbuchgenre. Hier sind die Bilder matt, Gerichte werden in Farbe, die Autorin nur in schwarz-weiß abgebildet. Den Band durchziehen kleine Geschichten und ein sehr feiner, unaufdringlicher Humor. Zwischen zwei Salaten liest man April Theorie, dass Kochen  auch Anfassen bedeutet, d.h. ihre Salate bereitet sie am liesten mit der Hand („the claw“) zu. Etliche Seiten später habe ich mich sehr über ein kleines Foto ihrer zusammengekrallten „Klaue“ neben einem Teller mit einem klauenartigen Entenbein amüsiert.

April Bloomfield schafft es mit ihrer Rezeptauswahl, die Grenzen des Mainstream zu überschreiten, aber ohne sich einer Lesart zu verschreiben, auf die sich nur Extremfoodies einlassen mögen. Wer keinen Appetit auf den ganzen Lammkopf mit Hirn und Zunge hat, der kocht eben die gefüllte Kalbsbrust. Egal, für welches Rezept man sich entscheidet, lecker wird es sicherlich! Und ich bin mir sicher, von dieser Köchin werden wir noch viel hören.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im April 2013

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