Kochbuch von Anthony Bourdain: Appetites – Ein Kochbuch

Kochbuch von Anthony Bourdain: Appetites – Ein Kochbuch ★★★★★

Appetites – Ein Kochbuch
Anthony Bourdain
Fotos Bobby Fisher
Riva Verlag (2017)

Maria Kufeld

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Alles, bloß nicht langweilig! Das Enfant Terrible der amerikanischen Foodszene hat ein neues Kochbuch rausgebracht. Typisch Anthony „Tony“ Bourdain ist das kompromisslos anders – mit einem wilden Rezeptpotpourri, einmalig schönen Sätzen und Bildern, die definitiv Geschmackssache sind.

Wenn das Wort „unkonventionell“ auf jemanden zutrifft, dann auf Anthony Bourdain. Der Koch und Autor sorgte im Jahr 2000 mit seinen „Geständnissen eines Küchenchefs“ für Furore und startete mit diesem Buch eine New-York-Times-Bestsellerreihe. Sieben Jahre lang drehte er außerdem seine geniale, kulinarische Weltreisen-Serie „No Boundaries“. Seit 2013 nennt sich ein ähnliches, Emmy-prämiertes Konzept für CNN „Parts Unknown“.

Sogar bei den Simpsons hatte er in der Folge „FoodFellas“ einen Auftritt. Und 2019 eröffnet der Tausendsassa in seiner Heimatstadt New York einen riesigen Foodmarkt, der ganz unbescheiden „Bourdain Market“ heißen wird. Wie schön, dass der 61-Jährige da noch Zeit für ein Kochbuch gefunden hat.

„Appetites“ heißt das Meisterwerk und begeistert mit so großartigen Sätzen wie: „Nehmen Sie einfach ein Brot wie dieses fluffige, substanzlose, nährwertfreie, weißgebleichte sogenannte French bread“ oder: „So können Sie weniger Mayonnaise nehmen, wenn Sie eine Light-Version wollen (, was ich nicht unbedingt befürworte, aber zähneknirschend akzeptiere.)“. Auch schön finde ich diesen Hinweis: „Das Brötchen zuklappen … und mit schlechtem Kaffee genießen.“

Einen thematisch roten Faden hat das Buch auf den ersten Blick nicht. Dafür stellt Bourdain dem Leser auf 304 Seiten Lieblingsrezepte vor, die er in folgende Kapitel unterteilt: „Frühstück“, „Salate“, „Suppen“, „Sandwiches“, „Party“, „Hamburger-Kodex“, „Pasta“, „Fisch und Meeresfrüchte“, „Geflügel“, „Thanksgiving“, „Fleisch“, „Beilagen“, „Fonds, Saucen und Dressings“. Die eine Seite zum Thema „Dessert“ lasse ich bei der Aufzählung bewusst außen vor. Denn der Mann ist kein Süßer, sagt vielmehr: „Scheiß doch auf Desserts!“ Er will Käse. Und zwar nicht irgendeinen. Stilton muss es sein – mit einem guten Glas Portwein.

Ein wilder Rezeptmix mit allen Schwierigkeitsstufen

Zu den anderen, richtigen Gerichten liefert Bourdain oft eine launige Einleitung mit Anekdoten – wahlweise aus seiner Kindheit, Zeit als Küchenchef oder von einer seiner unzähligen Reisen. Ging es 2004 in „So koche ich im Les Halles“, das er mit Laurie Woolever schrieb (, seiner Assistentin und Co-Autorin beider Bücher), noch ausschließlich um gehobene, französische Bistroküche, präsentiert er jetzt eine wilde Rezeptmischung. Angefangen bei amerikanischen Klassikern wie gefüllten Eiern oder Clam-Chowder driftet er auch mal ab zu schrägen Sachen wie einem Austern-Sandwich mit Dillgurken. Dann wieder begegnet einem Internationales wie vietnamesisches Banh Mi, portugiesischer Grünkohleintopf oder koreanisches Knusperhuhn.

Für manche Gerichte in „Appetites: Ein Kochbuch“ braucht es keine fünf Zutaten, bei anderen schon mal 20. Auf die Angabe von Zubereitungszeiten wird verzichtet (Nur das Entenrillette wird mit dem Hinweis eingeleitet, dass es zwei Tage dauert). Dafür steht bei jedem Rezept die Portionen-Angabe, die tatsächlich stark variiert. Ich habe mich an einigen, vermeintlich simplen Gerichten versucht und war immer wieder begeistert, wie durchdacht sie sind, wie gut sie funktionieren. Als hätte es die Zeit gebraucht für die perfekte Bourdainsche Kochbibel.

Zum Weiterlesen

Leseprobe beim Riva Verlag

Bourdains Website bei Travel Channel

Bourdains Website „Parts Unknown“

Bobby Fisher Photography bei Instagram

Awardverdächtige Foodfotografie

Und wer dem Mann auf diversen Kanälen wie Instagram und Facebook folgt, weiß, dass auch das Visuelle bei ihm nicht zu kurz kommt. Für meinen Geschmack hätten es daher ruhig noch mehr üppige, oft düstere, bisweilen schräge Aufnahmen sein dürfen wie die Ramennudeln im Soldatenhelm oder eine gerupfte Ente im Heilbuttmantel. Die brachten Fotograf Bobby Fisher 2017 sogar eine Nominierung bei den James Beard Foundation Awards in der Kategorie „Buchfotografie“ ein.

Gibt es denn gar nichts auszusetzen an dem Buch? Ich finde nicht. Zwar bin ich auch Bourdain-Fan der ersten Stunde. Trotzdem habe ich mich gewissenhaft und möglichst objektiv durch die Kapitel gearbeitet. Vielleicht wird die nächste Auflage insofern überarbeitet, als dass Bourdain inzwischen zum zweiten Mal geschieden ist (und wieder neu liiert). Im Buch spricht er noch von seiner italienischen Frau, Ottavia Busia, einer leidenschaftlichen Kampfsportlerin und Mutter seiner Tochter Ariane. Aber das wird an der Grundidee des Buches nichts ändern. Oder wie er in der Einleitung schreibt: „Das ist meine Familie. Und das ist unser Kochbuch.“

Dieser Mann will niemandem gefallen. Das hat er auch gar nicht nötig. Entsprechend kompromisslos ist sein Kochbuch geworden. Ungesunde, besondere, gewöhnliche, exotische, aufwendige und einfache Gerichte machen „Appetites“ einmalig authentisch. Dazu kommen opulent inszenierte, arty Fotos, die ich so noch in keinem Kochbuch gesehen habe. Wer Anthony Bourdain mag, wird es lieben – und garantiert Lieblingsgerichte entdecken, die ins eigene Kochrepertoire übergehen.

 

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Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Dezember 2017

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