Kochbuch von Annette Kretzschmar: Die Wildfrüchteküche

Kochbuch von Annette Kretzschmar: Die Wildfrüchteküche

Die Wildfrüchteküche
Annette Kreztschmer, Thorbecke Verlag (2011)
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Katharina Höhnk

Von Katharina Höhnk

Es gibt Bücher, die so schön aussehen, dass man sich sofort zu ihnen hingezogen fühlt. Annette Kretzschmars Wildfrüchteküche gehört eindeutig in diese Kategorie. Ein Band, den in ich im Buchladen unweigerlich in die Hand nehmen würde, und auch ein erstes Stöbern enttäuscht nicht. Die Autorin, über die wir lediglich im Vorwort ein wenig erfahren, in dem sie ihre Erfahrungen beim Sammeln von Früchten und Erleben der Natur erläutert, hinterlässt einen sympathischen, unaufdringlichen Eindruck.

Jedes Kapitel widmet sich einer Frucht. Die Definition, was eine Wildfrucht ist, wurde bewusst vage gelassen. Einerseits bedeutet dies, dass nicht jedes Kapitel uns eine kuriose, unbekannte Größe näher bringt, aber dass die ein oder andere Frucht auch auf dem Markt gekauft werden könnte, macht die Rezepte um einiges zugänglicher. Mein Eindruck ist, dass “wild” hier im Sinne von potentiell sammelbar aufzufassen ist.

Mit einem kurzem Steckbrief beginnt jedes Kapitel, bestehend aus deutschem und lateinischem Namen, Synonymen, Familienzugehörigkeit, Wuchshöhe, Blüte, Reife und Vorkommen. Illustriert mit einem Foto, das die Frucht zeigt, allerdings nicht immer im selben Reifestadium. Der eigentliche Text teilt sich in vier Themen auf: Die Autorin beginnt mit Aussehen und Anbau der Frucht, gefolgt von der Verwendung in der Küche, Heilwirkung und Wissenswertes. Es folgen minimal ein, maximal sieben Rezepte.

Die Anzahl der Illustrationen variiert ebenfalls, sowohl Text wie auch einzelne Rezepte werden durch Fotos und teilweise historische Pflanzenzeichnungen bebildert. Die Fotos stammen alle von der Autorin und gefallen mir persönlich ausgesprochen gut. Hier werden Augenblicke der Natur und zubereitete Speisen stimmungsvoll eingefangen, ohne übermäßig in Szene gesetzt zu wirken. Ein Blick auf das Titelbild genügt, um zu sehen, was einen in diesem Kochbuch erwartet. Im Anhang finden sich übrigens noch Tipps, Erntetabelle, Rezeptregister, Internetlinks zu weiteren Informationen und Bezugsquellen sowie Literaturtipps. Gerade die Webadressen empfinde ich als sehr hilfreich, ein guter Startpunkt, um sich ausgiebiger zu informieren.

Die Rezepte selber klingen attraktiv und sind kurz und knapp beschrieben. An wenigen Stellen finde ich Ausdrücke, die sich mir dialektisch nicht vollkommen erschließen. Was, beispielsweise, ist “gewiegtes” Petersiliengrün? Ist eine Fettpfanne ein tiefes Backblech oder ein Bräter? Aber dies sind kleine Probleme, die von Koch oder Köchin souverän gelöst werden können. Was man aus Wildfrüchten kochen kann? Es liegt in der Natur der Sache, dass Früchte viel zu Süßspeisen und Likör verarbeitet werden, aber es gibt ebenfalls Hauptgerichttaugliches wie Zereshk Polo, ein persischer Hühnchen-Reis-Eintopf, Tajine mit Maulbeeren oder Entenbrust mit Zwetschgendip und Kokoscrepes.

Die Nachkochbarkeit der Rezepte wird durch zwei Faktoren eingeschränkt. Zum einen durch das naturgemäß saisonale Vorkommen der Früchte und zum anderen durch die Notwendigkeit der zweifelsfreien Bestimmung, um sich nicht unabsichtlich zu vergiften. Die Angaben in diesem Kochbuch sind für mich allerdings nicht ausreichend, um die Pflanzen eindeutig zu erkennen. Wer sich also auf Wildfrüchte einlassen möchte, aber keinerlei Erfahrung mitbringt, wird auf andere Ratgeber angewiesen sein.

In jedem Fall aber weckt die Autorin meine Lust, mich mit dem Thema Wildfrüchte auseinanderzusetzen. Vielleicht wäre das ein Anlass, ältere Nachbarn anzusprechen, und von ihnen zu lernen, was wo wächst? Wenn ich eines Tages ein Rezept für Felsenbirne, Berberitze oder Kornelkirsche brauche, weiß ich jedenfalls, wo ich fündig werde. Und wenn ich das nächste Mal an reifen Hagebutten vorbeischlendere, denke ich bestimmt nicht an Jugendherbergstee oder Juckpulver, sondern an Frau Kretzschmars “verschneite Eisenbahnschienen”, ein Mürbeteiggebäck mit Marzipan und Hagebuttenmarmelade, das einfach zum Anbeißen aussieht.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juli 2011

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