Kochbuch von Anne-Katrin Weber: Grünkohl trifft Kokos

Kochbuch von Anne-Katrin Weber: Grünkohl trifft Kokos ★★★☆☆

Grünkohl trifft Kokos – Vegetarische Crossover-Küche.
Aufregend neu und einfach unkompliziert
Anne-Katrin Weber
Fotos Wolfgang Schardt
GU (2016)
Mehr über den Verlag

Katharina Höhnk

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Die Welt der Sinne bewegt sich in einem Spannungsfeld. Eingängige Popperlen sind die All-time-Lieblinge, überraschende Beats die Würze inmitten des Alltäglichen. Sie sind das Thema von Grünkohl trifft Kokos. Ein Kochbuch, das einmalige Entdeckungen verspricht sowie Fortbildung in Sachen Aromen, während die Familie weiter bespeist wird.

Anne-Katrin Weber, gebürtige Stuttgarterin und in Hamburg lebende Autorin, ist auf Valentinas bekannt für ihre Kochbuch „Meine fabelhafte Bistro-Küche“. Hier hatte sie routinierte Klassiker vorgestellt, aber für dieses Buch reizte sie der Mauerfall im Kochtopf, wie sie schreibt, einmal ungewöhnliche Kochwege zu gehen.

Ein Inhaltsverzeichnis, dass sich an den Alltag anschmiegt

Der erste Blick ins Inhaltsverzeichnis ist ein erster Treffer, so nah schmiegt es sich an den Tagesrhythmus: Salate, Suppen, ein schnelles Abendessen und Großes Aufkochen – das klingt sehr praxistauglich. Gleich daneben platziert sind Verweise auf doppelseitige Exkurse unter dem Titel „Geschmack anders schmecken“ – die sechs Geschmacksrichtungen mit Süß, Salzig, Scharf, Bitter, Umami und Sauer werden erläutert.

autorenfoto-portrait-anne-katrin-weber-valentinasPicken wir uns eines heraus: Zu Bitter ist zu erfahren, dass ein gelungener Kompagnon die Fruchtsüße sei, dass weltweit bitter gewürzt würde – aufgrund der anregenden Verdauungswirkung – und dass dunkle Schokolade für die Geschmackstiefe ideal sei. (Links die Autorin)

Dieses Potpourri an Info-Petits-Fours setzt sich bei einzelnen Rezepten fort, wie z. B. beim Rezept für Puy-Linsensalat mit Pimientos de Padrón zu den Schlüssel-Zutaten. Das liest sich interessant, es ist eine nette Idee. Aber es hinterlässt bei mir keinen allzu großen Eindruck, vielleicht aufgrund der Kurzweiligkeit. Ich glaube, Anne-Katrin Weber könnte mehr erzählen. Kleine Essays wie von Jennifer McLagan in Bitter wären ein intensiveres Format, aus meiner Sicht.

Würzige Aromen & fruchtige Süße

Die eigentliche Bühne gehört natürlich den vegetarischen Rezepten. Sie sind wunderschön fotografiert von dem Meister des Lichts Wolfgang Schardt. Ich stürzte mich auf sie und notierte fleißig: Spargel mit Passionsfrucht-Vinaigrette, Möhren mit Walnuss-Butter und Fenchelcremesuppe mit Weintraubensalsa.

Anne-Katrin Weber bringt neue Kombinationen mit Zutaten, die die Gewürz- und Vorratsschränke zweifellos fordern. Schwarze Oliven und Sojasauce sollten übrigens unbedingt vorhanden sein. Eine Vorliebe für starke Aromen wie auch für die Verwendung von Früchten in herzhaften Gerichten, um die Tiefe auszuloten, ist unübersehbar.

kochbuch-anne-katrin-weber-vegetarische-crossoverkueche-inside-valentinasIch begann mit dem Spaghetti-Zucchini-Salat mit Cashew-Sprinkle mit schwarzen Oliven. Er sah mitnichten so schön wie auf dem Rezeptfoto aus – ich war etwas enttäuscht, da für ein Fest gedacht -, denn die 3 EL Teriyakisauce verdunkelten die Farbpracht und übertünchten auch all die zarten Aromen. So ging es mir auch bei dem Sushi-Reis-Salat (wiederum mit schwarzen Oliven zubereitet), der so fabelhaft klang.

Schließlich sortierte ich Rezepte mit Sojasauce und schwarzen Oliven gedanklich aus. Bei den nächsten beiden Rezepten anderer Art dominierte beide Male ein Aroma die sanfteren Aromen heftigst – einmal der Safran die Süßkartoffelsuppe, ein andermal die Passionsfrucht den zarten Spargel. So viel wurde klar: Anne-Katrin Weber erwartet von ihren Spielern eines Gerichts, dass sie in die Offensive gehen.

Das kann nur polarisieren und zwar umso mehr, desto stärker aromatisch akzentuiert wird, so meine Erfahrung. Häufig entscheidet auch die Menge des Gerichts: Ist es eine Vögelchen-Mahlzeit wie im gehobenen Restaurant, darf ein Gericht eher geschmackliche Ambivalenz ausspielen, ist es ein Mittagessen für einen arbeitenden Menschen, dann kann es plötzlich ein Zuviel sein.

Subtiles, das begeistert

Danach wählte ich noch wissender, ich hatte etwas über meinen Gaumen gelernt: bloß keine einseitigen Dominanzen. Und prompt ab dann wurde ich erhört und es gipfelte schließlich im besten Salat des Sommers – pure Eleganz mit Zuckerschoten, Avocado, Pistazien, Apfel, Kresse, Minze und Burrata.

Anne-Katrin Weber verlässt mit uns die Komfortzone aromatischer Popperlen zugunsten ungewöhnlicher, aber alltagstauglicher Kompositionen. Sie ist dabei eine sichere und mutige Autorin, stilistisch und handwerklich, so dass erst einmal alles fabelhaft gut klingt für alle, die Lust auf Anderes haben. Im Vordergrund stehen bei ihr Gerichte, die aromatisch intensiv sind – in der Würzung, in ihrer Fruchtigkeit, das kann nur zu eindeutigen Meinungen führen. Begeistert war ich, wenn sie dem Spannungsbogen Subtiles abverlangte.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Oktober 2016

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