Kochbuch von Anna & Fanny Bergenström: Under the Walnut Tree

Kochbuch von Anna & Fanny Bergenström: Under the Walnut Tree ★★★★☆

Under the Walnut Tree: Good Ideas from Our Kitchen
Anna & Fanny Bergenström, Hardie Grant Books (2012)

Annick Payne

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Wenn Mutter und Tochter Bergenström unter ihrem Walnussbaum von der nächsten Mahlzeit träumen, würde ich keine Wetten darauf abschließen wollen, aus welchem Land sie ihre Inspiration nehmen. Denn die beiden Globetrotter haben mindestens die halbe Welt bereist. Tochter Fannys umwerfende Fotos und Rezepte aus aller Herren Länder laden zu einer kulinarischen Weltreise ein: Skandinavien trifft Südamerika trifft Asien trifft – genau meinen kulinarischen Nerv.

Da die Rezeptauswahl eklektisch ist, orientieren sich die einzelnen Kapitel an einer Hauptzutat: Avocado, Tomaten, Blattgemüse, Kräuter, Chillies, Meerettich, Ingwer, Zitrusfrüchte, Nüsse, Kokosnuss, Kardamom, Birnen, Mango, Himbeeren, Vanille, Tee, Schokolade. Wer diese Zutaten mag, kann im Vollen schöpfen. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einleitung, die interessante Fakten und noch spannendere Bilder enthält. So hatte ich beispielsweise noch nie gesehen, wie frische Vanilleschoten in der Natur wachsen. Auch Tipps und Tricks zur Verarbeitung bzw. Lagerung der Zutaten liest man hier.

Rezept- und Bildseiten wechseln sich ab, trotz zahlreicher Fotos zeigen die Rezeptseiten ein traditionelles Layout, bis zu acht Rezepte stehen auf einer Doppelseite, d.h. der Text steht im Vordergrund und muss den Leser zuerst alleine überzeugen; nach dem dazugehörigen Foto muss man oft genug blättern. Mir gefällt diese Textlastigkeit gut, allerdings hätte ich mich über etwas weniger wortkarge Einleitungen zu den einzelnen Rezepten gefreut. Die einleitenden Worte, so es sie gibt, sind sehr knapp bemessen; aber wenn mir eine Salatsoße beispielsweise als „Nobis dressing“ vorgestellt wird, wüßte ich gerne, wer oder was Nobis ist.

Der Einstieg in so viel geballte Textualität fiel mir schwerer als bei den meisten Kochbüchern, denn man muss sich mit viel Rezepttext ohne nennenswerten Kontext auseinandersetzen. Hier sehe ich eine Hemmschwelle, die den ein oder anderen Leser frustieren könnte. Doch wer sich auf die Rezepte einlässt, wird mit aufregenden Reisen an vielfältige Geschmackdestinationen belohnt. Vieles, was ich aus diesem Band nachgekocht habe, konnte begeistern, und die oft scharfe und würzige Küche der Damen Bergenström trifft zielsicher meinen Geschmack.

Der Band liest sich wie eine Sammlung von Familienrezepten, unklar bleibt mir, ob und ggfs. welche Rolle dem Lesepublikum zugedacht ist. Der Stil wahrt eine permanente Distanz zum Leser, die Persönlichkeiten der Kochbuchautorinnen – die nicht auf einem einzigen Foto abgebildet sind – lassen sich nicht einmal erahnen. Dies ist quasi der Gegenentwurf zum Celebritykochbuch; kein schlechter Ansatz, aber ein paar zusätzliche, verbindliche Worte hätten an mancher Stelle nicht geschadet. Gut hat mir gefallen, dass sich manche Rezepte vielmehr als Ideen zu einem bestimmten Stichwort lesen, z.B. zu selbst hergestellten Kräutertees: dass mein Johannisbeerstrauch eine reiche Quelle für Teemischungen bietet, war mir neu, wird aber sicherlich ausprobiert, ebenso wie die vielen Varianten des Ingwertees.

Ein Manko fällt ins Gewicht: die Rezeptanleitungen sind so knapp, dass der Leser reichlich eigene Kocherfahrung mitbringen sollte, um nicht ein Fiasko nach dem nächsten zu erleben. Ich habe auf dieser Basis mein Waterloo mit Kartoffelmehlklüten erlebt, bei mehreren anderen Rezepten hat mich dagegen gerettet, dass ich vergleichbares, wie beispielsweise extrem feuchten Brotteig, schon in der Vergangenheit in und zwischen den Händen gehabt habe. Ich würde diesen Band daher ausdrücklich nicht für Kochanfänger empfehlen, doch erfahrene Köche, die Inspiration suchen, sich aber nicht unbedingt auf die Anleitung verlassen müssen, können viel Freude an einer kulinarischen Weltreise entlang den Bergenströmschen Rezepten haben. Bei uns warten noch einige Rezepte darauf, ausprobiert zu werden, so ein äthiopischer Hühncheneintopf und ein asiatisches Suppenbuffet mit dem charmanten Namen „aromatic broth with noodles and whatnot“. Whatnot indeed!

Die Bandbreite reicht von extrem einfach bis etwas aufwendiger, jedoch allgemein alltagstauglicher Kost, viele Getränke und Snacks bereichern zusätzlich das Repertoire. Anna und Fanny Bergenström scheuen sich nicht, viele Abkürzungen mit Fertigprodukten zu nehmen, was einerseits eine entspannte Grundhaltung der beiden signalisiert, aber an mancher Stelle etwas befremdet. Warum sollte ich beispielsweise teure Röstzwiebeln kaufen, wenn es ein Kinderspiel ist, selber welche herzustellen? Mich wird dieser Band sicher noch lange begleiten, zum gemütlichen Schmökern fällt meine Wahl allerdings doch eher auf andere Bücher.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Mai 2013

Schreib' uns!

Meistgelesen

Themen A-Z