Kochbuch von Anna Brones: The Culinary Cyclist

Kochbuch von Anna Brones: The Culinary Cyclist ★★★☆☆

The Culinary Cyclist – A Coookbook
and Companion for the Good Life
Anna Brones
Illustrationen Johanna Kindvall
Elly Blue Publishing (2015)

Katja Schmid

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

„The Culinary Cyclist – A Cookbook and Companion for the Good Life“, das klingt nach stylischen Picknickkörben und Knickerbocker. Sofort muss ich an die stylischen Radfahrer in London denken, die Horst A. Friedrichs in seinem Bildband „Cycle Style“ portraitiert hat (siehe Cover unten). Oder an die raffinierte kleine Weinflaschen-Halterung aus Leder, die ich kürzlich in einem Kreuzberger Fahrradladen erspäht hatte. Doch das Büchlein, das aus dem Briefumschlag fällt, zielt in eine ganz andere Richtung.

Das fängt damit an, dass Anna Brones nichts übrig hat für handgeschmiedete Fahrradrahmen und ausgefeilte Fahrradtaschen und endet mit einem Appell an den geneigten Leser, seine Essgewohnheiten zu überprüfen, die so genannte Komfortzone zu verlassen und sich öfter mal aufs Fahrrad zu setzen.

Gedanken und 19 Rezepte

Das Buch ist eigentlich ein Büchlein – im Gegensatz zu diesem, sehr leicht und handlich, mit gerade mal 94 Seiten bringt es rund 100 Gramm auf die Waage. Enthalten sind 19 Rezepte, allesamt glutenfrei, die meisten auch vegan, oft gibt es Varianten. Gezählt habe ich sieben Kuchen- bzw. Keksrezepte, vier Getränke, einen Salat, vier Pasten, dazu Cracker und Kale Chips, eine Marmelade und ein Ei, das in einer Avocado gebacken wird. Das meiste kennt man eigentlich schon, das Besondere ist auch weniger die Ausführung als der Überbau. Dazu muss ich etwas ausholen.

Cycle Style von Horst A Friedrichs

Die Autorin Anna Brones stammt aus Portland, Oregon, ein US-amerikanischer Bundesstaat am Pazifik, der bei Präsidentschaftswahlen bislang zuverlässig für den demokratischen Kandidaten gestimmt hat. Die Hauptstadt heißt zwar Salem und liegt etwa eine Autostunde südlich von Portland, doch die Stadt am Columbia River ist wesentlich größer, aufregender und hatte schon in den 80er Jahren eine ausgeprägte Alternativkultur.

Fahrradfahren in Portland

Ich weiß das aus erster Hand, weil ich damals als Austauschschülerin ein Jahr lang in Salem zur High School ging. Samstags mit der Gastfamilie zum Flohmarkt nach Portland zu fahren und später in ein Kaffeehaus zu gehen, war einer der kulturellen Höhepunkte. Am allerbesten gefiel mir der gigantische Buchladen Powell’s, der sowohl Neuware als auch antiquarische Werke Seite an Seite in unendlich langen, alten und wunderschönen Holzregalen anbot. Dazu gab es Spielzeug – Stretch-Aliens! -, Kaffee, Tee, Kuchen und Kekse. Und das in den 80er Jahren! An diese Art der Kaffeehaus-Kultur in einem Buchtempel war in Deutschland seinerzeit nicht zu denken.

Obwohl die öffentlichen Verkehrsmittel in Portland – zumindest im Zentrum – keinen Cent kosten (!!!) und obwohl es einige Hügel gibt, hat es sich inzwischen zur Fahrradstadt entwickelt. Auch das wundert mich kaum, denn ich erinnere mich noch an die unzähligen Fahrradrennen in der Region, an denen mein Gastvater seinerzeit teilnahm. Den schönsten Namen hatte das Chilly Hilly (wörtlich: Frostig Hügelig), das seit 44 Jahren jeweils am letzten Sonntag im Februar von Seattle aus über unzählige Hügel führt.

kochbuch-anna-brones-twitterKokosöl statt Butter

Anna Brones bewundert Julia Child und zitiert sie wiederholt, dennoch ist ihr Büchlein mehr oder weniger butterfrei (Julia Childs berühmtestes Zitat: „You can never have too much butter!”). Stattdessen setzt sie auf Kokosöl oder selbstgemachte Walnussbutter (Walnüsse mit etwas Öl pürieren). Die Autorin selbst lebt nicht strikt vegan, und sie ist auch nicht gluten-intolerant. Als sie 17 Jahre alt war, stellte sich heraus, dass ihre Mutter Zöliakie hat, daraus ergab sich dann alles Weitere. Dass sie sich „gesund“ ernährt, wurde ihr erst spät bewusst, für ihre aus Schweden stammende Mutter war es einfach normal, mit frischen Zutaten und glutenfrei zu kochen. Vom Vater wiederum hat sie ihre Begeisterung fürs Fahrradfahren.

Die Rezepte versteht sie als Anregung, so wie sie ihr ganzes Büchlein als Anregung versteht, sich Gedanken zu machen über die Art und Weise, wie man essen und leben möchte. Das fängt an mit dem morgendlichen Kaffee, geht über Essen aus der Region und Einkaufen ohne Verpackung bis hin zum Transport von Sektgläsern auf dem Fahrrad und der abendlichen Tasse Tee. Ihr Schreibstil ist leicht und freundlich, aufgelockert wird das Ganze durch kleine Illustrationen von Johanna Kindvall und diverse eingestreute Zitate zum Essen und Radfahren.

Warum nur erinnert mich das Büchlein dermaßen an die 80er Jahre in West-Deutschland? Weil es mit ganz wenigen Änderungen genau so schon damals hätte erscheinen können. Das Papier, die Aufmachung, die Illustrationen: so ähnlich sahen die ersten vegetarischen Kochbücher aus, die man seinerzeit in Dritte-Welt-Läden kaufen konnte. Dieser Retro-Ansatz ist süß, er schwebt geradezu in der Luft. Aber wirklich brauchen tut man das Büchlein nicht.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im April 2016

2 Kommentare

  1. Christina

    Hallo zusammen,
    ich liebe Eure Seite ( deine Seite, Katharina) und ihre unzähligen Anregungen. Eben wollte ich gerne erfahren, warum dieses Buch nur 3 Sterne hat. Nach der Lektüre der Rezension hatte ich den Eindruck , ich würde höchstens 2 geben. Irgendwie habe ich den Eindruck am Ende des Artikels fehlt ein „nicht“ oder habe ich etwas missverstanden?
    Ich widme mich jetzt lieber mal der Tarte für alle Fälle von Nigel. Sonnige Feiertagsgrüße, Christina

    • Katharina

      Vielen Dank an die aufmerksame Leserin. Wer nur hatte das „Nicht“ verschluckt … 🙂
      Genau, da soll das Nicht hin. Viel Freude bei der Tarte. 🙂

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