Kochbuch von Anjali Pathak: Indisch kochen

Kochbuch von Anjali Pathak: Indisch kochen ★★★★☆

Indisch kochen
Anjali Pathak
Fotos Martin Poole
Südwest (2015)

Charlotte Schrimpff

Von

Im August 2015 zeigte die BBC ein Experiment: Sie schickte eine fünfköpfige Familie auf kulinarische Zeitreise – sechs Wochen lang gab es für die Robshaws nur das zu essen, was in der jeweiligen Dekade üblich war: In der 1950er-Woche Einheitsbrot und Gemüse aus dem eigenen Garten, in der Folgewoche Erbsen in Aspik und die ersten Fertiggerichte der 1960er Jahre, eine Woche (und zehn Jahre) später: indisch. Der Besuch in einem alteingesessenen indischen Restaurant in London gehört zu den absoluten Geschmackshighlights der Zeitreisenden.

Dieses Beispiel zeigt zweierlei. Erstens: Ohne Einwanderer gibt’s nur das, was es immer schon gab – der „exotische“ Geschmack indischen Essens kam so richtig erst in den 1970ern in Großbritannien an. Zweitens: Den ganz großen Boom erleben diese Geschmäcker, sobald die nötigen Zutaten nicht nur Eingeweihten zur Verfügung stehen, sondern in (fast) jedem Supermarkt vorrätig sind. Und damit wären wir bei Anjali Pathak.

Familienbande

Die Enkelin indischer Immigranten ist nicht nur ausgebildete Köchin, sondern vor allem Erbin eines der größten Hersteller von indischen Convenienceprodukten in Großbritannien und Übersee. „Patak’s“, der inzwischen weltweit agierende Familienkonzern, ist Dreh- und Angelpunkt von Anjalis kulinarischer Entwicklung. Das findet sich nicht nur in der Namensgebung ihres ersten Kochbuchs wieder – „Secrets from my Indian Family Kitchen“ heißt es im englischen Original – sondern vor allem im Buch selbst. Immer wieder lachen einem Anjalis Eltern, Geschwister und Großeltern von alten Fotos entgegen. Diese Seiten wie aus dem Familienalbum werden in regelmäßigen Abständen zwischen die insgesamt 120 Rezepte gestreut – und das ist in dieser Fülle durchaus besonders.

Generell geht es in „Indisch Kochen“, wie Pathaks Erstling in der deutschen Übersetzung heißt, an mancher Stelle etwas anders zu, als man es kennt. Die Zutaten stehen zum Beispiel grundsätzlich über dem eigentlichen Rezepttitel – etwas, woran man sich erst gewöhnen muss. Die Hintergründe und Entstehungsumstände eines Gerichts, die man dort vielleicht eher vermuten würde, findet man dafür am Seitenrand.

Um die Grundlagen indischer Küche, typische Gewürze und Zutaten, ihre Anwendung und Lagerung, kümmert sich die Mittdreißigerin Pathak in Exkursen am Ende jedes Kapitels. Von denen gibt es insgesamt acht – einige recht sprechend betitelt, z.B. mit „Grillsommer auf Indisch“, andere, etwa „Wohlfühlfaktor“, mit deutlich mehr Interpretationsspielraum.

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„Indisch“, was ist das überhaupt?

Überhaupt sollte man keine allzu strengen Maßstäbe an Anjalis „indische“ Küche legen – zumindest Traditionalisten dürften sich ob der regelmäßigen Verwendung von Feta, Quinoa oder Chipotle-Chilis irritiert die Augen reiben. So, wie Bollywood zwischen den Erzähltraditionen indischen und amerikanischen Kinos changiert, so bedient sich die gebürtige Britin Anjali für ihre Rezepturen aus den Vorratskammern dieser Welt. Vermutlich trifft sie damit sogar eher den Kern der indischen Küche des 21. Jahrhunderts als all die Durchschnittsgastronomen mit ihren sahnigen Curries in blassgelb, blassorange und blassgrün. Ganz davon abgesehen, dass es „die“ indische Küche sowieso nicht gibt – jede Region hat schließlich ihre ganz eigenen Ernährungsgrundlagen und Spezialitäten.
Nichtsdestotrotz finden sich in Pathaks Repertoire auch echte Klassiker: Variationen von Paratha und Naan zum Beispiel, den traditionellen Beilagen bzw. Besteck-Ersatz-Broten, verschiedene Linsen-Gerichte, Chutneys und Speisekarten-Evergreens wie Chicken Tikka Masala.

Das alles ist mit herrlich geringem Beschaffungs- und Zubereitungsaufwand verbunden. Für allzu ungewöhnliche Gewürze schlägt Pathak gleich Alternativen vor, Handlungsanweisungen füllen selten mehr als eine Seite. Zwar reicht manches von dem, was schließlich auf dem Teller liegt, in Sachen Exotik und Raffinesse nicht über solide Alltagsküche hinaus – aber mehr will Pathak offenbar gar nicht, sonst hätte sie den Familienfreundlichkeitsaspekt nicht so vehement betont.

Patak’s, das Unternehmen, das Anjalis Großeltern gründeten, ist nicht umsonst so groß geworden, wie es inzwischen ist: Seit dem Erstkontakt mit Aromen aus den Töpfen Indiens ist schließlich fast ein halbes Jahrhundert vergangen – Zeit, in der sich der europäische Gaumen an Curry und Chutney nicht nur gewöhnt hat, sondern Geschmäcker wie diese nicht mehr missen mag. Wer beim Stamm-Inder an der Ecke manchmal ein bisschen Abwechslung vermisst, wird in Anjali Pathaks modernem indischen Kochbuch fündig: Mit einfachen Mitteln und einer gehörigen Prise Globalisierung erfindet sie die Klassiker ihrer Vorfahren neu – auch, wenn das Gefühl, richtig in diese faszinierende Ernährungstradition abtauchen zu können, dabei manchmal auf der Strecke bleibt.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Mai 2016

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