Kochbuch von Angelo Sosa: Geschmack entscheidet

Kochbuch von Angelo Sosa: Geschmack entscheidet ★★★★☆

Geschmack entscheidet

Meine außergewöhnliche Aromenküche
Angelo Sosa, Fotos William Brinson
Thorbecke Verlag (2013)

Mehr über den Kochbuchverlag

Katja Böttger

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Kofferpacken ist angesagt – eine kulinarische Reise steht auf dem Programm. Die Welt der Aromen ist das Ziel, „Süß“, „Salzig“, „Rauchig“, „Bitter“, „Sauer“, „Umami“, „Scharf“, „Erdig“ und „Nussig“ heißen die Stationen. Ich bin gespannt, was mich dort erwartet!

Wer ist Angelo Sosa, dieser gut aussehende Mensch auf dem Umschlagfoto, dessen Erstlingswerk auch noch mit einem freundlichen Vorwort vom großen Alain Ducasse persönlich geadelt wurde?

Eine Karriere wie eine Achterbahnfahrt hat der US-Amerikaner mit den dominikanischen Wurzeln bereits hingelegt. Von Sterneküche bei Jean-George Vongerichten und Alain Ducasse über eine chinesische Sandwich-Bar in New York bis zu einem respektablen zweiten Platz in der US-amerikanischen Profi-Kochshow Top Chef hat er keine Herausforderung ausgelassen.

„Geschmack entscheidet“ ist sein erstes Kochbuch. Ein schlankes, hochformatiges Buch liegt vor mir, freundlich und unaufgeregt aufgemacht, in warmen Beerentönen und hellem Schiefergrau.

Geschmack ist tatsächlich das einzige formale Ordnungsprinzip, nach dem Sosa sein Buch aufgebaut hat: Neun Kapitel beherbergen insgesamt rund 100 Rezepte zu den Geschmacksrichtungen süß, salzig, rauchig, bitter, sauer, umami, scharf, erdig und nussig, die meisten begleitet von schlichten, ansprechenden Fotos.

Jedes der Rezepte ist zudem mit einem „Aromenakkord“ beschrieben, der auf der jeweiligen Hauptgeschmacksrichtung aufbaut, etwa ein koreanischer Krautsalat mit Sesam als „nussig/scharf/blumig“ oder Butternut-Kürbis mit Würzkaramell als „süß/erdig/bitter“.

Jedem der neun Kapitel stellt Sosa außerdem einige persönliche Gedanken voran. Er erzählt von seiner Familie, seiner Herkunft, von seiner Kochphilosophie und den Quellen seiner Inspiration, seinen Stationen und Förderern, von Schlüsselerlebnissen, Niederlagen und Glücksmomenten – „süß“ die Erinnerungen an seine Tante Carmen, sein ganz persönlicher „Nordstern der Inspiration“, „umami“ die liebevolle Strenge seiner Eltern, „bitter“ die verkorkste erste Station als Küchenchef.

Und als kleines Extra legt er uns noch eine „Geschmackskarte“ in das Reisegepäck: Auf einer Doppelseite finden sich die neun zentralen Geschmacksrichtungen als Orientierungspunkte, darum gruppiert jeweils eine kleine Wortwolke mit den wichtigsten Gewürzen und Zutaten, die sich dann im Rezeptteil wiederfinden.

kochbuch-angelo-sosa-inside-valentinasWow, der traut sich was, ist der Gedanke, der sich beim ersten Blättern bei mir festsetzt. Ungeniert greift Sosa in alle Schubladen von Asien bis Mexiko, von Sterneküche bis Fast Food. Unter Austern, Schwertfisch und Rindertartar mischt er Burger, Hot Dog und Schaschlik, ja nicht einmal vor „Thunfisch auf Dosenart“ scheut er zurück. Bunt gemixt finden sich Snacks, hauptgangtaugliche Fleisch- und Fischzubereitungen und kleine Zugaben, ein paar vereinzelte Getränke, Desserts und Süßigkeiten, dazu Gewürzmischungen und Saucen – kurz: ein wahrhaft kunterbuntes Sammelsurium.

Es macht mir Spaß, anhand der Aromenakkorde buchstäblich „vorzukosten“, und so sind meine Testkandidaten schnell gefunden. Die Zutaten lassen sich leicht beschaffen, wobei Sosas Hang zur asiatischen Küche mich immer wieder in den Asiashop führt. Auch die Rezepte sind ohne größere Hürden zu bewältigen und führen zu interessanten, bereichernden Ergebnissen. Oder wer hätte gedacht, dass Banane und Dill zusammen passen? Ich jedenfalls nicht, das ist mal sicher!

Und was kommt heraus, wenn man als einziges Ordnungsprinzip die neun Geschmacksrichtungen nimmt und sich ansonsten nicht um Tages- oder Jahreszeiten, Anlässe, Alltags- oder Festtagstauglichkeit, Gänge, Länderküchen, Festes oder Flüssiges schert?

Wenn alle Scheinwerfer auf den Geschmack gerichtet sind, bleibt die Umgebung zwangsläufig im Dunkeln. Wissenswertes rund um die Lebensmittel, regionale und ländertypische Eigenarten, geeignete kulinarische Begleiter, Tricks und Techniken – all das bleibt auf dieser atemlosen Jagd nach dem ultimativen Geschmackserlebnis zwangsläufig auf der Strecke. Sosa lässt mir keine Zeit, irgendwo anzukommen, durchzuatmen und zu verweilen. Kaum angekommen, geht es atemlos zum nächsten Kick. Aber etwas anderes hat er auch nicht versprochen – Geschmack entscheidet!

Angelo Sosa ist ein persönliches und durchaus charmantes Buch gelungen. Wer auf Alltagstauglichkeit wert legt, sollte dieses Buch lieber nicht kaufen. Wer aber den ultimativen Geschmackskick jagt, liegt hier genau richtig. Das Buch bietet viele kleine Anregungen, spannende und raffinierte Geschmackskompositionen auszuprobieren und zu experimentieren. Zusätzlich gibt er Rüstzeug mit an die Hand, um sich auch auf eigene Faust auf Aromenexpedition zu begeben. Hierfür ist das Buch ein gelungener Auftakt.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Februar 2014

9 Kommentare

  1. Corinna

    Hallo Katherina,

    erst einmal vielen Dank für diese wunderbare Seite.

    Ich muss ehrlich sagen für mich gab es nur Jamie Oliver, Nigella Lawson und ab und an ein paar Rezepte aus dem Internet. Seit ich deine Seite entdeckt habe füllen sich mein Bücherregal und meine Wunschliste 🙂 Ich habe mir zu aller erst dieses Buch gekauft, weil ich schon von der Rezension und den Rezepten hier überzeugt war. Und ich muss sagen, umwerfend gut. Ich habe letzte Woche gleich 2 Rezepte nachgekocht und mein Liebster ist immer noch total begeistert und schwärmt noch immer von dem guten und sauleckeren Essen. 🙂 Absolute Kaufempfehlung.

    Danke Danke Danke 🙂

    • Katharina

      Liebe Corinna, mich erreichen Deine Zeilen im Urlaub und sie freuen mich total. Wie schön, dass du unsere Inspiration gefunden hat. Weiter ganz viel Freude! Herzlichst Katharina

  2. Helma

    Auf den ersten Blick ähneln sich die Bücher, aber Sosa experimentiert viel heftiger. Deswegen tu ich mir mit manchen Rezepten auch schwer. Von Tim Kime habe ich schon viel gemacht, bin erstaunt, das es nicht neu aufgelegt wurde. Es ist eins meiner Liebelingskochbücher! Auch sein Streetfood Kochbuch ist sehr zu empfehlen!

  3. Katja

    Oh schade, den Tom Kime scheint es nur noch antiquarisch zu geben. Zu spät … Vielen Dank aber für den Tipp!

    • Katja

      Upps, Überschneidung. Stimmt, die engl. Ausgabe gibt es noch. Das muss ich mir doch gleich mal näher ansehen 🙂

  4. Susanne

    Ja definitiv. Oh ich habe gerade festgestellt, dass das Original bei Kyle Books erschienen ist. Die Veröffentlichungen dort sind super. Ich muß mir das Buch nun doch genauer anschauen.

    • Susanne

      Original heißt Tasting: The Art of Combining Hot, Sour, Salty and Sweet in 150 Recipes

  5. Katja

    Hallo Susanne,
    Tom Kimes Buch habe ich leider noch nie in der Hand gehabt – sehr spannend! Kannst Du es empfehlen?
    Grüße
    Katja

  6. Susanne

    Dieses Buch erinnert mich stark an das Werk von Tom Kime „sweet + spicy: Tom Kimes Aromaküche“.

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