Kochbuch von Anat Fritz: Raw Food! Vitaminreich & pur – Rohkost genießen

Kochbuch von Anat Fritz: Raw Food! Vitaminreich & pur – Rohkost genießen ★★★★☆

Raw Food! Vitaminreich & pur – Rohkost genießen
Anat Fritz, Fotos Brigitte Sporrer
Dorling Kindersley Verlag (2014)
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Stefanie Will

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Mein erster Ausflug in die Welt der Rohkost geschah zufällig. Es war ein heißer Sommer. Ich war noch ein Allesesser und allein zu Hause. Mein Mann, der heimliche Star-Koch in unserem Haushalt, war geschäftlich verreist. Also begann ich Melonen zu essen. Die sahen toll aus, wie sie da prall auf dem Wochenmarkt herumlagen. Sie schmeckten herrlich erfrischend. Und die Küche konnte kalt (und sauber!) bleiben. Tolle Sache!

Erst morgens, dann mittags und bald auch abends. Ja, ich kam mir blöd vor. Ja, ich machte mir Sorgen, dass ich zunehmen würde – der viele böse Fruchtzucker und so. Ich wollte mich doch im anstehenden Urlaub am Strand räkeln und nicht wie ein Wal stranden. Ich hörte schon die Greenpeace-Aktivisten. Zu meinem Erstaunen passierte das Gegenteil. Ich wurde fitter, konnte schneller und öfter joggen, klarer denken, brauchte weniger Schlaf, dafür aber ziemlich bald neue Sommerklamotten – eine Größe kleiner.

Damals, das war vor vier Jahren. In Deutschland war Rohkost alles andere als gesellschaftsfähig, aber in den USA, meine Güte! Im Internet tat sich mir ein ganzes Raw-Food-Universum auf. Eine Bewegung, die nun auch endlich nach Deutschland schwappt. „Raw Food!“ von der Berlinerin Anat Fritz mausert sich zu meiner Küchenperle. Sie ist Rohkost-Köchin in der Münchner „Gratitude Organic Eatery“. Ungelernt. Einfach so, weil es ihre Leidenschaft ist. Und weil sie es kann. Auf 150 Seiten präsentiert sie nun ihre 75 besten Rezepte, die allesamt von Brigitte Sporrer wunderschön und modern fotografiert wurden. Kein Schickimicki, keine komplizierten Sachen, für die man 734 verschiedene Zutaten aus Timbuktu (oder wahlweise aus der Raw-Food-Hochburg Los Angeles) teuer importieren müsste. Und vor allem: keine Dogmen. Glasnudeln zum Beispiel überbrüht sie mit heißem Wasser, „damit kann ich als Rohköstlerin leben“, schreibt Fritz, die sich seit zwei Jahren roh ernährt. „Und Sesamsamen röste ich auch – ich liebe das Aroma und will darauf nicht verzichten.“

Verzicht ist ohnehin so ziemlich das Letzte, was einem durch den Kopf geht, wenn man in „Raw Food!“ blättert. Es geht los mit einem Vorwort und einer vierseitigen Einleitung, in der Fritz erklärt, was Rohkost bedeutet (nichts darf über 38-42 °C erhitzt werden), warum sie so gut tut und was beachtet werden muss. Schnörkellos und sympathisch. Vorausgesetzt sie haben auch nur minimalstes Interesse an ihrem eigenen Wohlbefinden, sollten selbst militante Fleischesser an dieser Stelle Appetit auf was Frisches bekommen. Es folgt die Unterteilung des Buches in drei simple, übersichtliche Kapitel „Frühstück & Smoothies“, „Salate, Snacks & Lunch“ sowie „Desserts & Kuchen“. Auf Anhieb spricht mich, nun ja, alles an. Also probiere ich drauf los. Ein Schoko-Brownie zum Frühstück? In der Rohkost geht alles! Aber fangen wir doch einfach mal von vorne an…

kochbuch-anat-fritz-war-insideWer auf Herzhaftes am Morgen steht, bekommt hier bereits Probleme. Deftig gibt’s nicht wirklich, eher fruchtig und frisch. Einzig die Rohkost-Brote erinnern an ein typisches Frühstück. Für die muss man allerdings einen teuren Dörrautomaten haben. Alternativ kann man im Ofen bei leicht geöffneter Tür dörren. In beiden Fällen dauert die Prozedur je nach Rezept aber 6-10 Stunden! Nachhaltig ist was anderes. Deshalb ziehe ich einen Stern ab. Es gibt in diesem Buch nämlich so einige Gerichte, die einen Dörrautomaten oder eben das Trocknen im Ofen vorsehen. Ja, ich mag Rohkost-Brot. Aber das kann man sich auch online bestellen. Davon abgesehen bin ich aber im Paradies gelandet: Smoothies über Smoothies! Die mach ich mir seit einigen Jahren jeden Morgen, und nun so eine Bandbreite an neuen Rezepten und Ideen zu haben – toll! Wer was zu kauen will: Das Buchweizen-Frühstück bedarf zwar etwas Vorbereitung, schmeckt aber fantastisch und lässt sich auch leicht mitnehmen, etwa als Mittagessen im Büro.

Im nächsten Kapitel geht es dann ans Eingemachte! Schwierig sind die Rezepte nicht, aber meist verbunden mit viiiel Schnippelarbeit. Langweilig wird es auch nicht. Zucchini-Pasta etwa ist per se immer das Gleiche, dank fantastischer Saucen aber immer wieder ein neues kulinarisches Erlebnis. Sushi ist wohl das gängigste pseudo-rohe Rohkostgericht. Hier kommen die köstlichen Röllchen sogar ganz ohne gekochten Reis aus! Der Hit waren aber die Frühlingsrollen, die zwar etwas Fingerfertigkeit erfordern, dafür aber nicht in Fett frittiert, sondern in ihrer knackigen Urform verspeist wurden. Nun ja, mein Mann hat seine in die Pfanne geschmissen. Rohkost ist eben nicht für jeden, aber definitiv einen Versuch wert!

Aber spätestens bei den Desserts geht jeder noch so große Skeptiker in die Knie. Da gibt es Torten, Brownies, Crumbles, Schoko-Kugeln … Hach! Und das alles ohne schlechtes Gewissen. Die Rezepte mögen zunächst sehr wuchtig erscheinen, weil die Füllungen und Kuchenböden meist auf Nussbasis sind, aber man braucht nur sehr wenig, um vollkommen befriedigt zu sein. Die „Cookie Dough Chocolate Chip Cookies“ erinnern mich an meine Kindheit, als meine Mutter Chocolate Chip Cookies machte, während ich versuchte, möglichst viel rohen Teig in mich reinzulöffeln. Raw Food machte mir eben schon in jungen Jahren Spaß.

Ein tolles Buch für alle, die Rohkost mal probieren wollen. Die Zutaten sind leicht erhältlich, die Zubereitung recht einfach. Einen Stern Abzug gibt es wegen der häufigen Verwendung eines Dörrautomaten. Zudem kann man nur die wenigsten Gerichte mal eben auf die Schnelle zaubern. Nüsse etwa müssen über Nacht eingeweicht werden, um verarbeitet werden zu können. Wenn man aber etwas Planung, Zeit und Geduld mitbringt, wird man mit herrlich erfrischenden Gourmet-Kreationen verwöhnt, die nicht schwer im Magen liegen, sondern gesund und glücklich machen.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Oktober 2014

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