Kochbuch von Amber Rose: Natürlich Backen mit Amber Rose

Kochbuch von Amber Rose: Natürlich Backen mit Amber Rose ★★★★☆

Natürlich Backen mit Amber Rose
Süßes für alle Sinne
Amber Rose, Fotos Ali Allen
Knesebeck Verlag (2014)

Sylvia Peters

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

In dicker sahniger Creme versunkene Heidelbeeren auf einem Leckerknusperteig zeigt das Titelbild. Höchst verlockend. Aber dann der Titel – „Natürlich backen“ – irgendwie habe ich die Assoziation einer Backnudistin, die nur naturbelassene Zutaten, die nicht weiter entfernt sind als 20 Meter, in den Teig lässt. Natürlich aus dem eigenen Garten. Natürlich alles Bio. Natürlich alles natürlich. Und drinnen tönt es lautstark , dass dieses Buch „in dem gewaltigen Angebot an Backbüchern etwas ganz neuartiges bietet“. Na, na, na, wer wird denn da den Mund so voll nehmen?

Ich bin schnell verärgert, aber auch schnell wieder zu besänftigen. Gefüllt werden die Töpfchen hier laut Vorwort mit alten Getreidesorten wie Dinkel, Roggen und Buchweizen sowie Nussmehlen, was eine gesunde Alternative zu Weißmehl sei. Das ist soo neu ja nun auch wieder nicht. Desweiteren trötet es munter aus der Einleitung heraus, wie gesund die Rezepte sind. Kuchen zählt meines Erachtens per se nicht zu den gesündesten aller Lebensmittel, weshalb kann man das Kind nicht gleich zu Beginn beim Namen nennen und sagen, ja, Kuchen ist süß, enthält tonnenweise Kalorien und ist einfach nur lecker, wie es am Ende der Einleitung auch zart anklingt? Nein, es muss immer unter dem zarten Mäntelchen Bio-Okö-Ganzheitlich-Bewusst transportiert werden. Gehts nicht eine Nummer kleiner? Aber ach, gleich tapp ich in die erste Foto-Falle. Da sitzt eine zauberhafte Dame (ganz offensichtlich die Autorin) in Gummistiefeln mit ebenso zauberhaftem blondem Wallehaar und noch zauberhafterem kleinen Sohn. Eine liebende Mutter, die ihrem geliebten Sohn Kuchen bäckt!! Da ich auch liebende Mutter bin, die ihrem geliebten Sohn gern Kuchen bäckt, ist spätestens ab hier der Rezensenten-Blick leicht rosarot eingetrübt. Also her mit dem ollen staubigen Dinkelmehl aka alter Getreidesorte und los gehts.

„Süßes für alle Sinne“, so der Untertitel, ist eingeteilt in sechs Kapitel – Für jede Jahreszeit, Desserts, Süße Tartes und Baisers, Kleingebäck, Cremes, Puddings und Kompotte, Kräutertees plus Einleitung und Register. Dazwischen Informationen zu Eiern, Ahornsirup, Zucker, Olivenöl, Honig, alten Obst- und Getreidesorten und essbaren Blüten, die in vielen Rezepten eine Rolle spielen. Hier wird das neblig-verschwommene deutlich konkreter mit Hinweisen zu Mineralgehalt, Antioxidantien, Spurenelementen und allen möglichen ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen. Das ist konkret und lehrreich.

Die Rezepte sehen auf den ersten und auch den zweiten Blick bekannt aus, verblüffend ähnliches findet sich in dem Buch „Kuchenliebe“, dessen Rezepte aus dem angelsächsischen Raum kommen oder auch bei Ottolenghi. Die gleichen Frostings oder etwa das Prinzip, die Kuchen durchzuschneiden und einfach mit Marmelade oder Früchten zu befüllen, außerdem die nussigen Möhren- und Lavendelkuchen oder Verwendung von Ingwer, Trockenfrüchten und Rosenwasser.

Die ersten Rezepte könnte man unter „Rührkuchen“ zusammen fassen – gleiche Anteile jeweils an Dinkelmehl, Butter und Ahornsirup plus-minus einige Eier und Backpulver. Hier mal ein Tröpfchen Rosenwasser, da mal Zitronensaft und mal Honig statt Ahornsirup. Das hätte man glatt auf einer Seite mit ein paar Variationen untergekriegt. Auf jeden Fall kein weißer Zucker! Böser Zucker! Pfui! Dann werden die Kuchen bzw. kleinen Torten durchgeschnitten, mit Mascarpone oder Sahne gefüllt und mit Früchten und/oder Blüten dekoriert.

kochbuch-amber-roseBegleitet von stimmungsvollen Fotos mit Blüten, feinem Besteck, gestärkten Tischdecken, meist vor edlen stein- und pastellfarbenen Hintergründen. Und das soll jetzt das neuartige sein? Dinkel statt Weißmehl, Ahornsirup statt Zucker? Um es vorweg zu sagen, das ist schon alles, was an Neuem geboten wird. Es wird immer noch abgewogen, gerührt, vorgeheizt, eingefettet und gebacken, was ja auch nicht schlimm wäre, hätte es eben eingangs nicht so laut posaunt.

Die Zutaten sind allesamt leicht zu beschaffen – Dinkelmehl gibt es mittlerweile in fast jedem Supermarkt, Ahornsirup ebenso und auch die Beschaffung von Rosenwasser ist nicht schwierig. Immer noch skeptisch bereite ich die Haferkekse mit Zitrusnote zu und verstoße gleich damit gegen eins meiner persönlichen Backgebote – „Gib immer deinen Nachbarn was ab“. Nicht mal eine Kostprobe hat`s nach Gegenüber geschafft.

Weiter backe ich mich durch Honig-Madeleines, Dinkelkekse, Muffins, Tartes und Baisers und siehe da, alles, ja, alles, Skeptizismus hin oder her, ist wirklich super-ober-Ausrufezeichen lecker. Nicht, dass ich nicht die eine oder andere Abwandlung parat hätte – Madeleines sollten meiner Erfahrung nach unter 200 Grad und nicht, wie hier bei 220 Grad gebacken werden und es muss auch nicht wirklich immer und hundert Prozent Ahornsirup sein. Und wenn es keiner weiter sagt, beim zweiten Nachbacken habe ich manchmal, pssst, ganz normalen raffinierten, pssst, Haushaltszucker genommen. Einige Rezepte verlangen nach 250 ml Ahornsirup, das ist eine ganze Flasche und mit Verlaub, recht teuer. Es gibt viele Kuchen, deren Zutaten neugierig gemacht haben – der „Kernige Muskatnusskuchen“ beispielsweise, mit einem Teelöffel Muskatnuss oder der Möhrenkuchen mit Knusperkruste (mit Hanfsamen und Leinsamen), selbst im letzten Kapitel zu den selbst gemachten Kräutertees finden sich feine, bemerkenswerte Sachen wie Orangenblütentee.

Etwas schwächer als die reinen Kuchen- und Tartes-Kapitel fand ich die Kapitel „Desserts“, das hauptsächlich aus gebackenen frischen Früchten plus Sahne, Mascarpone oder ähnliches besteht und das Kapitel Cremes, Puddings und Kompotte – für Apfel-Kompott mal mit Kardamom, mal mit Birne oder Pflaumenkompott bleibt bei mir die Küche kalt. Aber das kann man auch ganz anders sehen. Alles ist ästhetisch bebildert, die Mengenangaben und Arbeitsanleitungen sind passgenau und die Autorin mischt sich außer mit Hinweisen auf Lieblingskuchen ihres Sohnes nicht weiter störend biographisch ein. Bemerkenswert finde ich außerdem, und das ist ja eins der wichtigsten Kriterien, dass alle Endprodukte dem jeweiligen Foto bis aufs Töpfelchen glichen, was bei den äußerst verlockenden Bebilderungen ein großer Genuss ist. Und außer einem hausgemachten „Ausrutscher“, nämlich der Verwendung eines starken Waldhonig an sensibler Stelle, war alles gäste-, nachbarschafts, kinder- und eigenen-Mann-Verwöhntauglich.

Zum Schluss ist zu sagen, dass ich von den im letzten Jahr mühsam runtergehungerten sechs Kilo vier wieder drauf habe. Trotz Dinkelmehl, Ahornsirup und Gesundkuchen. Noch ein Stück, bitte, Frau Rose!

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juni 2014

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