Kochbuch von Alison Roman: Dining In

Kochbuch von Alison Roman: Dining In ★★★★★

Dining In – Freche Rezepte genial
einfach und verblüffend im Geschmack
Alison Roman
Fotos: Michael Graydon & Nikole Herriott
Unimedica Verlag (2019)

Katharina Höhnk

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Es gibt immer wieder kulinarische Blitzkarrieren. Autorin Alison Roman hat so eine hingelegt. Gestern noch Food-Autorin aus Brooklyn mit nur einer Pfanne, heute New-York-Times-Kolumnistin und Instagram-Star. Sogar das Wirtschaftsmagazin Bloomberg Businessweek, das sich sonst wenig um Kochbücher schert, sondern eher um den Aktienindex von Nestlé, erhob sie kürzlich zur Garde von wichtigen Persönlichkeiten als „one to watch“.

Zugegeben – Alison Roman ist ein Hingucker: glamourös, witzig und nie ohne lackierte, knallrote Fingernägel. (Dabei ist doch wirklich gar nichts unpraktischer als eine Maniküre vor dem Kochen.) Auf Insta zeigt sie sich in frechen Tigerlilly-Kleidern oder lachsfarbener, anschmiegsamer Seide. Ihre Lust am Essen und Kochen transportiert eine fast frivole Unbeschwertheit und ist zweifellos ansteckend.

Kochbuchautorin Alison RomanSo fancy!

Das könnte zum Schluss führen, dass wir in oberflächlichen Zeiten leben, wenn der Erfolg eines Food-Autoren von Social-Media-Plattformen abhängt. Das tun wir zweifellos, aber Alison Romans Blitzstart ist kein Beleg dafür. Denn die knapp 35-jährige Roman kocht professionell, seit sie 19 Jahre alt ist. Sogar das College hat sie sausen lassen, gesteht sie. Zuletzt verdiente sie sich für Christina Tosi in der Milk Bar, einer innovativen Bäckerei, die zum Momofuku-Restaurant-Unternehmen gehört. Danach lernte sie das Schreiben, war vier Jahre für das US-Magazin Bon Appétit als Editor tätig (für Leser desselben übrigens unübersehbar) und verlegte den Fokus auf das Entwickeln von Rezepten.

Alison Roman hat bisher zwei Bücher geschrieben: Ganz frisch auf dem US-Kochbuchmarkt ist Nothing Fancy, dass zweifellos mit der Tatsache spielt, dass sie als Person in jedem Fall fancy ist, sowie der Erstling Dining In, das als deutsche Ausgabe den Weg in meine Küche fand.

In so einem Fall bin ich hin- und hergerissen. Nur der erste Eindruck trägt natürlich nicht, obwohl der bombig ist. Denn das Buch passt mit meinen Prioritäten Veggie vs. Fleisch ausgezeichnet zusammen: Die erste Hälfte des Inhaltsverzeichnisses offeriert nur Rezepte für Gemüse, Salate, Frühstücksgerichte und Körner. Dazwischen gibt es kurze Essay-Sprenkel zu Themen wie „Warum heißt es immer wieder, die Nusskerne zu rösten“ oder Kohlrabi („tragisch unterschätzt“) und „Ich liebe gekochte Kartoffeln“ (ich auch!). Erst auf der folgenden zweiten Hälfte präsentieren sich quantitativ weniger Rezepte für Fisch, Fleisch sowie süße Sachen.

Dining In ist aber auch ein Buch, das mit einer kreativen Perspektive glänzt und unterhaltsam ist. Roman teilt die Rezepte für Salate auf in Messer-und-Gabel-Salate sowie (herzhafte) Obstsalate. Ihre Erklärung: Sie liebe große, deftige Blattsalate, bei denen man mit Messer und Gabel hantieren müsse, denn sie laden ein, in Gesellschaft genossen zu werden, so zum Beispiel bei den halbierten Romana-Herzen mit eingelegten Rüben und zitronigem Tahini-Dressing oder dem großblättrigen Radicchio-Salat mit Sardellen-Brotbröseln und (rohem!) Eigelb. Aber man könne natürlich die Salatblätter auch praktisch zerkleinern. Ich gebe zu, so habe ich diese Männerhände-großen Blätter noch nie betrachtet, mundgerecht serviert fand ich bisher praktisch.

Dieser Aspekt spielt keine Rolle bei ihren sogenannten Obstsalate wiederum – sie sind nicht das, was wir darunter kennen: Salate NUR aus Obst, nein, es sind herzhafte Salat-Kompositionen, die durch die Süße von Obst abgerundet werden wie bei Chicorée-Salat mit Petersilie und Mandeln.

Kochstil: Low-fi

Kulinarisch bedient Alison Roman in ihrem Kochbuch alle Länderküchen. Der fantastische Fenchel-Rub für die Schweinekoteletts mit einem Esslöffel Rohrzucker ist der US-Küche zuzuordnen. Der gegrillte Kalmar mit Knoblauchbohnen und Tomaten der mediterranen Küche und die Räucherforelle mit Blattsenf, Boskop und Estragon Frankreich. Aber auch Einflüsse der Levante (Tahini) und Kimchi säumen die Seiten.

Wer über den Basisvorrat für diese Küchen verfügt, den lädt das Buch zu spontanem Nachkochen ein, denn die Rezepte sind einfach, aber nicht banal. Das erreicht Alison Roman durch intensive Aromenkontraste wie beim Fenchelsalat mit der süß-herben Pomelo und einem Dressing aus Honig, Sumach und Limetten, aber auch Texturenspiel von dem knackigen Fenchel und saftiger Zitrusfrucht. Manchmal vielleicht ein Touch zu viel, aber das ist letztlich Geschmackssache.

Roman selber bezeichnet ihren Stil als Low-fi (im Gegensatz zu Hi-fi). Sie meint damit: sehr alltagstauglich und ohne komplizierten Zutaten, aber kreativ. Ich würde sogar ergänzen: divers, gesund und veggielastig. Lässt man nur die Auswahl und Zutaten nämlich auf sich wirken, wird deutlich, dass Romans Kochstil die Errungenschaften der gesunden und grünen Küche der letzten Jahre als Lektion vollständig inkludiert hat, aber sich auf den Genuss fokussiert. So finden sich Rezepte mit Dinkel und Emmer, aber sie erwähnt nur nebenbei den Gesundheitsvorteil, wichtiger ist ihr, dass sie in reichlich Fett gebraten werden, sodass sie innen weich und außen knusprig und somit „wahnsinnig lecker“ seien. Ich finde diesen Ansatz sehr klug, denn gesunde Aspekte mögen vernünftig sein, aber sie sind nicht so ansteckend wie Begeisterung am Geschmack.

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Das traf auf einige ihrer Rezepte zu, die ich nachgekocht habe. Wie zum Beispiel die krossen Smashed Potatoes, die erst mit Schale 10 Minuten gedämpft, dann in der Pfanne gebraten und mit Chili, Röstzwiebeln und Petersilie serviert werden – sie sind jetzt schon Evergreens, auch weil ich Kartoffeln liebe. Das Gericht unterstreicht ihre cremige Textur durch die knusprige Schale, die hier sogar Sinn bekommt und nicht auf den Kompost kommt. Romans Rezepte weisen typischerweise mehrere Ebenen auf hinsichtlich Optik, Aromen und Texturen. Wo noch der Biss fehlt, fügt sie aromatisierte karamellisierte Nüsse hinzu wie beim Kaki-Salat mit würzigen Pekannüssen.

Gestolpert bin ich, wenn überhaupt, über die Übersetzung: Persimonen statt Kaki, Sommerkürbis statt Zucchini, Haushaltszucker? Hm. Dafür stimmt die Bildsprache: Sie knüpft an viel Sonnenlicht, kräftigen Farben und vollen Tischen an.

Alison Romans Dining In liegt immer noch aufgeschlagen in meiner Küche – und das heißt etwas. Ihr Kochstil repräsentiert aufs Beste die moderne Küche. Ihre Rezepte sind kreativ und stillen meine Lust und Freude am Ausprobieren. Der Aufwand passt tatsächlich in meinen Alltag. Aber Dining In hat für mich auch einen besonderen Unterhaltungswert. Romans in Leichtigkeit und Witz gekleidetem Wissen höre ich gerne zu.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Januar 2020

4 Kommentare

  1. Beatrix

    Ich halte Alison Roman für sehr überschätzt. Sie kann gut schreiben und sich gut verkaufen, aber ich habe beide ihrer Kochbücher und viele der Rezepte funktionieren einfach nicht.

    • Katharina

      Wie schade, Beatrix. Magst du die Do-not-work-Rezepte, die du probiert hast, aus diesem Buch mit uns teilen? Das fände ich interessant.

  2. Ingrid

    Hallo, liebe Katharina,

    so eine schöne (euphorische) Rezension! Ich habe es also auch wieder getan… 🙂
    Eine Frage habe ich aber an die Rezensentin: im Buch wird Yuzu Kosho (engl. Version) überschwänglich gepriesen. Hast Du Erfahrung damit? Und sollte ich jetzt dafür das Internet bemühen??

    Bin gespannt!
    LG Gritt

    • Katharina

      Wie schön! Zu deiner Frage; Yuzu ist eine japanische Zitrusfrucht, mit ganz speziellem fast blumigen Aroma. Sehr lecker!! Auch für Kuchen.
      Früchte habe ich hier noch nie bekommen, Saft in kleinen Fläschchen immer häufiger. Die Paste mit Salz und Chili gibt es immerhin bei Amazon.
      Alternative ist Zitrone. Aber habe es noch nicht probiert, da Yuzu-Saft in meinem Vorrat. Viel Freude!

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