Kochbuch: So frühstückt die Welt

Kochbuch: So frühstückt die Welt ★★★☆☆

So frühstückt die Welt –
Rezepte und Geschichten
Idee Melanie Jonas
Text und tlw. Fotos Margitta Schulze Lohoff
Fotos Holger Talinski
Gestaltung Diana Müller
Delius Klasing (2015)

Sylvia Peters

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

„Das redaktionelle Konzept lässt Magazinerfahrung erkennen: Reportageanfänge mit schlagzeilenartigem Titel und Anreißer – kontrastreiche Initiale und Absätze mit Leerzeilen – Zitate mit typographischem Schmuck – Fotos immer ganz nah am Geschehen“, steht unter anderem in der Begründung der Jury der Stiftung Buchkunst. Das Bändchen gehört zu den schönsten Büchern des Jahres in der Rubrik Sachbücher.

Das Buch hat einen Festeinband mit sogenannter Softtouchfolie als angenehmer Handschmeichler. Trendige Pastellfarben kolorieren einen der Gründe, morgens gern und rasch aus den Federn zu hüpfen – ein leckeres Frühstück. Mein Frühstück in der Woche – Kaffee und eine Melange aus Quark, Joghurt, Banane und Zimt mit Müsli. Das Frühstück am Wochenende – ausgiebig, sättigend, glücklich machend. Selbst gemachte Marmelade, diverse Eierspeisen, Kartoffeltortilla, mal Weißwurst, mal Zimtschnecken, Bananenbrot oder Champagner und Käsehäppchen.

Ich stehe morgens lieber eine halbe Stunde eher auf als auf die erste Mahlzeit des Tages zu verzichten, auch wenn Kinder in Schule und Kita müssen, die Hektik groß ist – ohne Frühstück verlässt hier niemand das Haus! Entsprechend hoffnungsvoll und neugierig auf neue Rezepte und Anregungen, um mein morgendliches, kulinarisches Programm zu erweitern, halte ich den hellgrün-steinfarbenen Band in Händen.

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Genauer: Die Welt frühstückt in Berlin

Dass die Autoren passionierte Frühstücker sind, ist schon daran abzulesen, dass sie ihr Alter in Frühstücken angeben und sich quer durch alle möglichen Frühstückskulturen gefuttert haben wie durch den süßen Brei. Drei Kapitel hat die Reise ins Frühstücksland – Frühstück in Deutschland, in Europa und in der Welt, wobei die Autoren sich gar nicht weit bewegen mussten, denn die Welt frühstückt in ihrer ganzen Bandbreite in Berlin. Leute aus China, Norwegen, Simbabwe, Frankreich, den USA, Korea , Dänemark, England, Litauen und Neuseeland haben hier ihre Geschichten beigetragen und die Autoren in ihre Küchen gelassen.

Eine Reportage über einen Bio-Bauernhof, eine hellblaue Extraseite über das Kochen des perfekten Eis und ein Interview mit einer Ernährungsexpertin runden das Ganze ab. Es findet sich ein historischer Exkurs vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit, aus dem u.a. zu erfahren ist, dass das Frühstück bis ins 13. Jahrhundert nur der ärmeren Bevölkerung vorbehalten war und dass im späten 18. Jahrhundert in England die ersten Frühstückspartys zelebriert wurden.

Die Stärke: die Geschichten im Magazin-Style

Viele unterschiedliche Menschen mit ihren ganz persönlichen Frühstücksstories kommen zu Wort – Blogger, Café-Inhaber, Supperclub-Gründer, Bar-Besitzer, Köche … Aber auch ein lautes „no, grazie” schallt einem entgegen von einem Südtiroler Frühstücksverweigerer. Eine litauische Heimat- und Familiengeschichte, ein Rundgang (sprich Rundessen) durch Berlins Cafés, die fast ganztägig Frühstück anbieten, ein dänisch-hanseatisches Paar, die Kraft der Avocado und eine molekulare Überraschung – hier bleibt kein Thema unangeschnitten. Das ist die absolute Stärke des Buches – die Geschichten, Fotos, Informationen, Tipps, Vorschläge. Ich habe mich vor allem ästhetisch inspiriert gefühlt: mal wieder etwas auf einer Etagere servieren, Salat besonders schön drapieren und aus der Uraltkiste mal wieder gefüllte Eier hervorholen.

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Hm, ein paar Unstimmigkeiten

Die Rezepte sind so vielfältig wie die Herkunft der Speisen – vom einfachen mit Mayonnaise und Dill gefüllten Ei-Klassiker über einen kleinen Porridge-Löwen bis hin zum simbabwischen Ochsenleber-Schmortopf ist alles Erdenkliche dabei. Allerdings nur 30 Rezepte auf 160 Seiten, bei denen ich leider insofern Pech hatte, dass ich in jedem der spontan ausgesuchten Rezepte Unstimmigkeiten oder Ungenauigkeiten entdeckt habe.

Bei den Franzbrötchen mit Streuseln stimmen für den Butter-Zucker-Zimt-Aufstrich die Mengen in beschreibendem Text und in der Zutatenliste nicht so recht (mal abgesehen davon, dass die Protagonistin, die hier als große Franzbrötchen-Liebhaberin vorgestellt wird, dafür Fertigteig aus dem Kühlregal benutzt – nicht schlimm, aber dann muss man nicht so ein Gesumms drum machen, von wegen in den Bäckereien gibt’s nichts Adäquates).

Bei den dunklen Frühstücksfladen wird ein Vorteig angerührt, dann aber nicht weiter beschrieben, wann genau dieser zum Einsatz kommen soll, und bei den buntwilden Tomaten-Vanille-Müsliriegeln steht unter Zutaten etwas von Knusper-Streuseln, ohne einen Hinweis darauf, was das konkret bedeuten soll.

Beim wirklich appetitanregenden Graved Lachs liegen auf dem Foto Spiegeleier oben auf, ohne dass diese im Rezept erwähnt werden. Nicht, dass ich kein Spiegelei hinkriege, aber ich hätte doch gerne die Geschichte dazu gelesen. Muss das so in Dänemark? Spiegelei auf Lachs? Dann her damit! Von diesen Rezepten habe ich mich also sogleich verabschiedet und sie nicht ausprobiert, ich mag nichts wegwerfen, wenn etwas nicht gelingt und bin so beim Ausprobieren bei eher Bewährtem gelandet, das ich so oder ähnlich ohnehin auf den Tisch bringe. Immerhin: beim Nachkochen wiederholte sich das nicht.

„Das Frühstücksprojekt erscheint wie ein gemäßigtes Magazin, das von der würdigen Ausstrahlung der Buchform profitiert.“ Nochmal die Stiftung Buchkunst. Und ich ergänze: Ein schönes für Ästheten, zum Neben-die-Kaffeemaschine-Legen, zur Inspiration und Anregung – für mehr Frühstück im Alltag! Nur als Kochbuch im klassischen Sinn hätte es mehr Aufmerksamkeit gebraucht.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im November 2015

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