Kochbuch: Konfitüren, Chutneys & Gelees

Kochbuch: Konfitüren, Chutneys & Gelees ★☆☆☆☆

Konfitüren, Chutneys & Gelees
Thorbecke Verlag (2011)
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Annick Payne

Von

Ein Stern: Am besten umtauschen.

Selten hat mich ein Buch so schnell so stutzig gemacht. Lange bevor ich das erste Rezept probiere, bin ich frustriert. Aber ganz von vorne.

Beginnen wir mit dem Positiven. Layout und Aufbau sind vielversprechend: Süße Konfitüren und eingekochte Früchte, Marmeladen und Gelees, Herzhaftes und Pickles, Chutneys und Relishes. Der Druck ist angenehm zu lesen. Eine besondere Note sind Kopf- und Fußzeilen in einer Schrifttype, die an Stickerei erinnert – hübsch.

Es folgt der Frust beim ersten Schmökern. Es handelt sich um eine Übersetzung, welche gnadenlos die Gegebenheiten des deutschen Marktes ignoriert. Das Humorige zuerst: Die Übersetzung Kastorzucker scheint mir eine besonders unglückliche Wahl für “castor sugar” (S. 7), denn die Assoziation mit Atommüll ist nicht gerade appetitanregend. Schon mal von Allzweckmehl gehört (S. 22; etc.)? Ein unsinniger Begriff in einem deutschen Kontext, ein Übersetzungsfehler, der sich aus dem Original ergibt: Im Englischen unterscheidet man “all purpose” und “self-raising flour”, letzteres eine Mehl-Backpulver-Mischung.

Dies ist leider nicht das einzige Beispiel einer mechanischen Übersetzungstechnik, aus der sich zwar für den Linguisten das Original rekonstruieren lässt, die den Koch aber nur verwirren. Zutaten wie diese lassen mich gequält aufschreien: “345 g weicher, brauner Zucker, fest zusammengepresst” (S. 54; etc.). Zucker muss man weder zum Wiegen noch zum Marmeladekochen zusammenpressen – wohl aber wenn man wie die Amerikaner Hohlmaße verwendet. Und weicher, brauner Zucker hat auch bei uns den gleichen Namen wie auf Englisch, Muscovado. Den kriegt man mittlerweile selbst in der Provinz in besseren Supermärkten.

Wer besitzt ein 18 × 28 cm großes Backblech (S. 54)? Richtig, beispielsweise die Engländer, die kleine Bleche auf den Rost stellen, statt wie wir ein Blech in Rostgröße zu verwenden. Sinnvoller wäre bei diesem Rezept also die Angabe: rollen Sie den Teig auf eine Größe von 18 × 28 cm aus, statt verwenden sie ein Backblech in dieser Größe. Noch ein Beispiel: “Es gibt wohl kaum etwas Wohltuenderes als einen warmen Mince Pie an einem kalten Wintertag”. Das Rezept endet: “Lassen Sie sie auf einem Kuchengitter vollständig auskühlen.” (S. 56)

Auch der Pektintest ist höchst sonderbar. Um zu prüfen, ob das Fruchtpüree genügend Pektin enthält, soll man zu einem TL Fruchtmasse 2 TL Brennspiritus geben (S. 6). Keine Zutat, die ich in meiner Küche verwenden will! Ich gehe davon aus, dass diese Mischung hochgiftig ist und weggeschmissen werden muss, auch wenn dies mit keinem Wort erwähnt wird.

Was soll ich von folgender Angabe halten: “Mixed Spices (fertige Gewürzmischung aus Kümmel, Kreuzkümmel, Piment, Koriander und Ingwer)” (S. 139; auf S. 54 übrigens ohne Kümmel – eine andere Mischung oder ein Übersetzungsfehler?)? Wie viel bitte davon? Gleiches gilt für das Kürbiskuchengewürz (S. 52), das wohl eher in den Ländern, die traditionell Pumpkin Pie essen, verbreitet ist, als bei uns.

Das Rezept für Fruchthack verwendet eine “fertig abgepackte Talgmischung” (S. 54). Kommentarlos, ohne Alternativen. Ärgerlich. Es handelt sich um „suet” (Nierenfett vom Rind oder Lamm), in England ein verbreitetes Lebensmittel, das es in jedem Supermarkt zu kaufen gibt, bei uns unbekannt. Und die Liste geht weiter. Aber ich höre hier auf, bis auf den Hinweis, dass die Palette deutscher Gelierzucker keinerlei Erwähnung findet. Aber das versteht sich von selbst. Dafür wird erwähnt, dass Butter ungesalzen sein soll – bei uns selbstverständlich.

Eins noch. Irritiert hat mich auch das Rezept “Pickle aus grünen Tomaten”. Man liest doch immer, grüne Tomaten seien giftig (abgesehen von grünen Züchtungen). Und hier, das erläutert die nachfolgende Doppelseite, handelt es sich tatsächlich um unreife rote Tomaten. Ich hätte gerne mehr dazu etwas gelesen, ob sie nur roh giftig sind, gekocht aber nicht? Das ist hierzulande nicht als Allgemeinwissen vorauszusetzen, auch wenn der Film Grüne Tomaten uns gelehrt hat, dass grüne Tomaten im Süden der USA durchaus eine kulinarische Rolle spielen. (Zudem suche ich vergeblich nach einer Angabe, wieviel Marmelade das jeweilige Rezept produziert. Fehlanzeige.)

Die Lust zu kochen, ist mir vergangen, auch großartige Ergebnisse der nur mäßig inspirierenden Rezepte könnten nicht wettmachen, dass die Mängel dieses Bandes mit Leichtigkeit hätten entfernt werden können. Es hätte gereicht, das Manuskript von jemanden, der in diesem Land kocht und einkauft, gegenlesen zu lassen. Bleibt zu hoffen, dass dies ein Ausreißer im sonst sehr schönen Programm des Thorbecke Verlags ist. Denn der Leser hat Besseres verdient!

Das machen wir selten. Wir haben aus diesem Kochbuch keine Rezepte ausprobiert. Sehenden Auges in die Katastrophe macht kein Spaß.

Veröffentlicht im Oktober 2011

7 Kommentare

  1. Veronique

    Konfitüre von grüne (unreife) Tomaten, gemischt mit Möhren und Kürbis, macht meine Mutter manchmal im Herbst. Gekocht sind grüne (unreife) Tomaten ziemlich ungefährlich, weil die “Solanine” (so heisst die Toxin in französisch) durch Erhitzung stark (aber nicht komplett – ist eh in reife Tomaten auch noch vorhanden) abgebaut wird.

    (Mein richtiger Name wird hier als nicht korrekt erkannt. :- Stehe unter Schock…)

    • Katharina

      Oh, diese Dürftigkeit der Technik. Da sieht man mal wieder, noch liegt die Intelligenz bei den Menschen – wenn schöne Namen nicht mal erkannt werden. Vielen Dank auch für die Erläuterung zu den Tomaten. Jetzt wissen wir mehr. 🙂

  2. Samya

    Amüsante Rezension…. 🙂

  3. Katharina

    Mir wurde ja beim Kastorzucker ganz schwindelig. Da hatte jemand Humor, oder?

  4. Lena

    Das es dem Verlag nicht peinlich ist so etwas zu veröffentlichen. Ich bin erstaunt, dass es sowas überhaupt gibt.

  5. katha

    huiuiui, aber amüsant zu lesen, wenn jemand wie du so genau liest 😉

  6. Kim

    Oh dear… das ist nicht schön, in der Tat… Als Gutachterin für Übersetzungen würde mich so etwas ja noch amüsieren aber nicht, wenn ich Geld für ein Kochbuch ausgegeben habe und mich auf einen schönen Nachmittag in der Küche freue! Gut zu wissen, denn das Original gefällt mir so gut, dass ich überlegt habe, es meiner Mutter auf Deutsch zu Weihnachten zu schenken. Danke, Annick, ich suche weiter!

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