Kochbuch von Hugh Fearnley-Whittingstall:  Täglich vegetarisch

Kochbuch von Hugh Fearnley-Whittingstall: Täglich vegetarisch ★★★★★

Täglich vegetarisch – Die schönsten Rezepte aus dem River Cottage
Hugh Fearnly-Whittingstall, Fotos Simon Wheeler, AT Verlag 2013
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Annick Payne

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Schreiben Fleischesser die besseren vegetarischen Kochbücher? Nach Ottolenghi beweist auch Hugh Fearnley-Whittingstall: sie schreiben keine schlechteren. Knapp 1,4 kg Kochbuch liegen neben mir, auch inhaltlich ein Schwergewicht im besten Sinne. Als langjähriger Fan erkenne ich gleich: dies ist ein typischer Fearnley-Whittingstall. Klares Design, wunderschöne Fotos von Simon Wheeler. Das erste Blättern gefällt, leise und unaufdringlich, je mehr man sich auf die gut 200 Gemüserezepte einlässt, um so mehr Ansprechendes findet man. Spätestens beim Kochen springt der Funke endgültig über. Und einige Tage später kann ich dies großartige Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ach Huggie, schön, dass Du zurück bist!

Es fing für den Autor alles eher unrühmlich an: Hugh Fearnley-Whittingstall verlor sein Stelle als Koch im Londoner River Café, weil er zu chaotisch und langsam arbeitete. Er sattelte zum kulinarischen Journalisten um, und schreibt auch heute noch regelmäßig für den Guardian. Seit Jahren engagiert er sich als unbeugsamer Streiter für saisonale, ethisch hergestellte Lebensmittel. Seine gegenwärtige Kampagne Hugh’s Fish Fight zielt gegen eine EU Richtlinie, aufgrund derer etwa die Hälfte aller in der Nordsee gefangenen Fische tot über Bord geworfen werden müssen.

Als Fernsehmoderator feiert Hugh ebenfalls Erfolge, v.a. als Hauptdarsteller der “River Cottage” Serie (Video, siehe unten), die ihn dabei begleitet, sich als Selbstversorger im ländlichen Dorset zu etablieren. Idylle pur, die aber durch die Fernsehserie sicherlich finanziell abgesichert war. So kann man sich das Aussteigerleben gefallen lassen! Mitterweile ist das kleine River Cottage zu einem nicht unbeträchtlichen Unternehmen herangewachsen, zu dem u.a. eine Kochschule und zwei Themenrestaurants gehören. Einen spannenden Einblick gewährt der Reisebericht der deutschen Bloggerin Claudia, die dort zu Besuch war (Tag 1; Axminster Canteen).

Nach Themenkochbüchern zu Fisch und Fleisch nun also ein vegetarisches Kochbuch, denn wer, fragt der Autor, laufe schon Gefahr, zu viel Gemüse zu essen? Meist ist das Problem doch eher, dass einem allzubald die Ideen ausgehen. Aber hier wird Abhilfe geschaffen. Die Auswahl ist überwältigend, zu vielen Rezepten gibt es Varianten, meine Nachkochliste sprengt jeden vernünftigen Rahmen. Zum Glück bin ich ein Morgenmuffel, oder ich würde schon zum Frühstück aus diesem Buch kochen. Scherz beiseite, dieser Band hat mein Herz im Sturm erobert. Hier ein kleiner, völlig subjektiver Vorgeschmack: chinesischer Nudelsalat mit Gurken, Bohnen und Erdnüssen; Ziegenkäsegnocchi; Kopfsalat-Frühlingszwiebel-Käse Tart; Lauchrisotto mit Kastanien; Vegeree; Dinkelrisotto mit Grünkohl und Ziegenkäse; Ofenkartoffeln und -auberginen; Tarte Tatin von Roter Beete; Kürbiskuchen; Mangold-Kartoffel Curry.

Die Buchkapitel sind themenorientiert, beispielsweise “Wohlfühlessen”, “Rohkost”, “Brotlastiges”, “Gegrilltes” oder “Beilagen”. Ich lese und kombiniere querbeet und sehe mich schon in Zukunft im Register die ein oder andere Zutat nachschlagen, für die ich Ideen suche. HFW schreibt, dass sich das Essverhalten seiner Familie durch die Arbeit an diesem Kochbuch stark verändert hat, wo früher große Hauptgerichte auf dem Tisch standen, findet man heute immer öfter viele kleine, vegtarische Gerichte. Das kann ich nur bestätigen, selbst ohne dies zu planen, verfällt man leicht in eine Mezze-artige Esskultur: kleine Reste früherer Mahlzeiten werden um neue Gerichte ergänzt. Eine tolle Art, zu kochen und sogar naschbar – kleinere Überbleibsel verdünnisieren sich in der Küche ganz von alleine. Übrigens lassen sich aus diesen Resten großartige, vielfältige Mittagessen zum Mitnehmen zaubern (hilfreich: eine japanische Bentobox mit abgetrennten Fächern). Im Anhang gibt HFW noch einige Tipps zum Vorbereiten einer Lunchbox. Eine echte Bereicherung für den Familienalltag.

Der Clou aller HFW Kochbücher ist nämlich, dass die Rezepte unheimlich alltagstauglich sind. Vieles ist eher einfach, doch immer lecker, ganz selten lässt sich mal kritisieren, dass etwas unnötig kompliziert ist. Oft dagegen lernt man durch einfaches Ausprobieren eines Rezeptes den ein oder anderen Kniff hinzu. Die Gerichte sind bodenständig, ohne langweilig zu sein, für mich eine sehr gelungene Alltagsküche. Wenn sich nicht bald ein deutscher Verlag erbarmt, kann ich nur dazu raten, fleißig Englisch zu lernen – es lohnt sich!

PS. Mich hat die folgende – leicht unfaire – Frage stets begleitet: Ottolenghi oder Fearnley-Whittingstall? Aus ganzer Überzeugung antworte ich “beide”, denn sie bieten ganz Unterschiedliches. Erstaunlich, aber auch bereichernd, wie wenig Schnittpunkte es hier gibt.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im März 2013

7 Kommentare

  1. Irmela

    So, das Kochbuch gibt es ja inzwischen auch auf deutsch. Ich habe es gestern bekommen und den Wälzer vor lauter Begeisterung sogar als Bettlektüre hergenommen. Die Aufmachung ist wunderschön, die Texte erfrischend, gut geschrieben und mit vielen praktischen Tipps versehen. Allein schon die Hinweise auf Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Gerichten und zu Variationen der Rezepte sind Gold wert. Ich bin noch nicht zum Kochen gekommen, aber allein beim Lesen läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen. Bei der Anordnung der Rezepte gehe ich davon aus, daß dieses Buch sehr viel praktischer im Alltag ist als der von mir sehr geschätzte Ottolenghi, bei dem ich Probleme habe, eine vollständige und sättigende MahlzeitMenü zusammenzustellen. Danke, danke, danke für den Tipp und die sehr nützliche Rezension von Annick Payne!

  2. Manuela

    Ich kann mich meinen Vorgängerinnen nur anschliessen. Habe lange gerungen und seit das Buch da ist sind wir unzertrennlich. Zur Frage von oben: Ottolenghi oder Fearnley-Whittingstall? Natürlich beide aber ich tendiere wirklich mehr zu Fearnley-Whittingstall. Komisch, dass Bloombury Berlin sich da nicht ran traut…

    • Katharina

      Ja, erstaunlich. Wir sind doch Beweis genug, man ist hierzulande reif für Huggie. 🙂

  3. Franziska

    Hugh Fernley Whittingstall’s Rezepte sind einfach toll. Ich wundere mich auch schon seit Jahren warum seine Buecher nicht ins Deutsche uebersetzt werden. Ich finde Hugh’s Rezepte besser als Jamie Oliver’s und seitdem er sein River Cottage Veg Buch rausgebracht hat koche ich sehr viel mehr vegetarisch! Ich denke doch dass die meisten Leute mittlerweile soviel Englisch sprechen um seine Rezepte zu verstehen. Und wenn nicht, ein Grund mehr Englisch zu lernen 🙂 Ich kann auch das Handbook No. 3 empfehlen, da geht’s um Brot.

    • Katharina

      Da bin ich ganz bei Dir. Man könnte sogar fast formulieren: Gibt es eine köstlichere Art Englisch zu lernen? 🙂 Danke für Deinen Tipp.

  4. Barbara

    Ich habe nach dieser Rezension eine Weile mit mir gerungen, ob ich mir ein englisches Kochbuch zutraue, aber ich konnte letztendlich nicht widerstehen und seit ein paar Tagen wird hier in jeder freien Minute rumgeblättert. Es ist wirklich superschön, macht sehr viel Appetit aufs Nachkochen und auch in einem leicht so verständlichen Englisch geschrieben. Vielen Dank für diesen Tip!

    • Katharina

      Das freut mich sehr. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes englischsprachiges Kochbuch, das River Cafe Cookbook, es ging unerwartet gut.

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