Kochbuch: Ganz entspannt kochen für Freunde und Familie

Kochbuch: Ganz entspannt kochen für Freunde und Familie ★★★★☆

Ganz entspannt kochen für
Freunde und Familie
Aglaia Clam-Martinic, Annabelle Knaur-Trauttmansdorff
Fotos N. Oliveira, Brandstätte Verlag (2013)
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Sylvia Peters

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Ich sag mal so – der Titel hat mich angezogen wie ein italienischer Edelschuhladen. Gaaaanz entspannt kochen. Und dann noch für Freunde und Familie. Das klingt nach himmlischer Ruhe im hektischen Alltag, nach Mühelosigkeit, schnell gezauberte Köstlichkeiten, die alle beglücken und dazu eine Hausfrau und Mutter, die Ruhe selbst, kokett-modisch gekleidet usw. Auf so was falle ich sofort rein. Ich kann aber sehr ärgerlich werden, wenn Versprechen und Versprechungen nicht eingelöst und gehalten werden.

Auf den ersten beiden Seiten stellen sich die Autorinnen vor, die eine Köchin und Autorin, die andere Redakteurin und hier verantwortlich fürs Styling. So weit – so sympathisch. Aber schon das Vorwort lässt zwei kleine Böckchen auf meinem Kopf wachsen. Ich werde hier belehrt, dass ich es mir zur Gewohnheit machen soll, gemeinsam mit Familie und Freunden zu kochen und zu essen – dabei würden wunderbare Gespräche entstehen und man wachse zusammen. Solche banalen Allgemeinplätze ärgern mich.

Außerdem steht da, dass die Autorin fertige und gefrorene Menüs vermeidet. Potzdonner! Hab ich da gestaunt! Desweiteren steht da volltönend und laut trötend, dass die Autorin in vielen Ländern gelebt hat und sich von vielen Küchen hat inspirieren lassen, wogegen nichts einzuwenden wäre, wenn sich das dann tatsächlich in den Rezepten sichtbar niederschlagen würde. Aber dazu später.

Ladies Get Together

Leicht vorgesäuert durchblättere ich das Buch von vorne nach hinten und von hinten nach vorne. Antipathie auf den ersten Blich hin oder her – es gibt viele, viele Dinge, auf die ich sofort Appetit habe und die ich mir notiere. Linke Seite großes Foto – rechte Seite Rezept plus „Tipp“ und „Guests`Choice“. Die Einteilung erfolgt in „Breakfast With The Familiy“, „Sunday Leisure“, „Ladies Get Together“, „Potluck“, „Kids Cooking Party“ „Cocktail Hour“, „Dinner With Friends“, „Aglaia`s Style“ und ein Rezeptverzeichnis.

Weiß der Geier, warum das alles englisch sein muss, wo doch die Österreicher so schöne Worte wie Schlagobers (Schlagsahne) und Eiskasten für Kühlschrank haben. Soll vermutlich Weltläufigkeit demonstrieren.

Die Fotos, soweit sie schnödes Essen zeigen, finde ich wunderschön, alles appetitlich, sommerlich leuchtend und Appetit anregend, dazwischen gibt es zahlreiche Fotos von schönen Menschen, die sich zuprosten, selig lächeln oder gut betucht und mit schickem Schuhwerk auf der Couch rumsitzen. Plus zahlreiche Kinder, die selbst kochen und backen – allesamt schneeweiß, unbekleckst und mitten in der Natur. Wie aus der Werbung für diverse französische Frisch- und Weichkäse. Das kann man mögen oder auch nicht. Ich bin da Purist: Kochbuch = Rezepte, Modezeitung = Menschen in Klamotten.

Oh & Ah

Genug der Meckerei. Ich hab unsere Nachbarn eingeladen und fröhlich drauflos gekocht. Eine klare Einkaufsliste war die Hauptsache – die Zubereitung sämtlicher Gerichte ist total simpel. Packungsanleitung lesen und los geht`s.

Da die Kapitel immer mit einer Seite beginnen, auf der das Menü steht – mitsamt Drink, Vorspeisen, Hauptspeisen und Desserts, könnte man das auch gut kopieren und als Einladungskarte an Gäste verschicken – es war alle einfach umzusetzen, vom Rebujito (der aus Sherry und Sprite und Minze besteht) über eine feine Bruschetta, die Kresse-Vichyssoise, Pasta, auf der Hautseite gebratener Fisch und Schokoladentarte. Kein Ausreißer nach unten dabei.

Die Gäste machten „oh“ und „ah“ und „lecker“, so wie es sich gehört. Alles war im Handumdrehen gemacht, die Minutenangaben für Vor- und Zubereitung stimmen haargenau und manchmal sind auch die zusätzlichen Tipps auf der Seite hilfreich –  zur Zeitplanung, Vorkochen oder -braten, einfrieren usw. Leider beschränken sich die Tipps nahezu auf „kann man problemlos schon am Vorabend backen/marinieren/anbraten“. Das ist dann für jede Seite ein bisschen dünn. Banal finde ich auch Hinweise darauf, dass man statt Koriander Petersilie nehmen kann, dass Mozarella der Klassiker bei Bruschetta ist und dass ein Käsekuchen auch am nächsten Tag noch schmeckt.

Neuentdeckung Popovers

Aber durch die vielen leckeren Sachen, selbst ein simples Rezept für Zitronen-Lassi und die Neuentdeckung Popovers, kleine Teilchen, die wie fluffige Milchbrötchen schmecken, bin ich milde gestimmt. Die Schokoladentarte hat sogar mein Rezept für meinen Lieblingsschokokuchen abgelöst und die Ingwerbutter ist zum Standardgenuss geworden. Auf meiner Agenda stehen noch Zitronen-Thymian-Huhn und im Ofen gebackenes Lachsfilet mit Zitronen-Creme-fraiche. Auch auf die Himbeer-Muffins freue ich mich schon.

Das volltönende, oberlehrerhafte im Gestus hat mich etwas abgeschreckt. Etwas mehr Bescheidenheit hätte ich angenehmer gefunden, zumal es auch Gerichte gibt wie „Ice Cream Sundae“, bei der man das Eis kaufen muss und dann nur Karamell- und Schokosauce herstellt oder einfach Thunfischtoast mit Kresse, für deren Darstellung es nicht je zwei Seiten braucht, das handeln andere Bücher in zwei Zeilen ab. Aber das Grundsolide, das hinter jedem Rezept steckt, und vor allem die Tatsache, dass wirklich alles in kurzer Zeit wohlschmeckend umgesetzt werden kann, man weder besonders teure Zutaten noch wahnsinnig exotische Gewürze braucht, hat mich total überzeugt. Liebe auf den zweiten Blick sozusagen. Kann lange halten.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juni 2013

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