Katja Mutschelknaus: Frauen mit Geschmack

Katja Mutschelknaus: Frauen mit Geschmack

Frauen mit Geschmack
Vom Vergnügen, eine gute Köchin zu sein
Katja Mutschelknaus, Elisabeth Sandmann Verlag, 2010

Gourmet-Journalistin Katja Mutschelknaus widmet sich in der spannenden Neuerscheinung Frauen mit Geschmack – Vom Vergnügen, eine gute Köchin zu sein der weiblichen Seite der Kochgeschichte. Sie schreibt reich an Details und Porträts über historische Zusammenhänge und die Entwicklung des weiblichen Küchenalltags. Vom weiblichen Appetit über höfische Genüsse und das Kochen im bürgerlichen Zeitalter schlägt sie den Bogen zur Küche als Sehnsuchtsort.

Bekannte Persönlichkeiten und weniger prominente Perlen werden vorgestellt wie z.B. Köchin Jeanne von Alice B. Toklas und Gertrude Stein sowie die kulinarische Bildungspionierin Catharine Beecher. Natürlich ist auch einer der berühmtesten Kochbuchautorinnen dabei: Henriette Davidis (1801 – 1876). Hier Katja Mutschelknaus’ Worte zu Werk und Wirken der Pionierin.

DavidisKAPITEL 7: “Du kleine Kochkünstlerin…” – Das Kochbuch oder: Erziehung zur Hausfrau

Schlag nach bei Henriette
Als dieses Kochbuch auf den Markt kam, war die Tradition der Hausväterliteratur bereits in weibliche Hände übergegangen. Ein Kochbuch zu schreiben eröffnete den Frauen die Tür zu einer Welt, die bis dahin fast ausschließlich Männern vorbehalten war. Es bot ihnen die Möglichkeit, berufstätig zu sein (wenn auch innerhalb des schicklichen Umfelds von Küche, Keller, Kinder), über ein eigenes Einkommen zu verfügen, aus der anonymen Sphäre der privaten Häuslichkeit herauszutreten und sich in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit einen Namen zu machen. Aus diesem Grunde wird Henriette Davidis, eine der berühmtesten Kochbuchautorinnen des 19. Jahrhunderts, mitunter als Revolutionärin beschrieben, obgleich sie es ihrem Weltbild nach keineswegs war. Immerhin jedoch schaffte sie es, ihren Namen zur Marke zu machen – eine beachtliche Leistung, nicht nur gemessen an den Maßstäben ihrer Zeit. Von ihren Bewunderern heute noch respektvoll »die Davidis« genannt, ist sie so etwas wie die Mrs. Beeton Deutschlands – eine Art Hausmutter der Nation, die Grande Dame der gutbürgerlichen Kochbuchliteratur der Gründerzeit.

Johanna Friederika Henriette Davidis kommt als zehntes von dreizehn Kindern einer Pfarrersfamilie im westfälischen Dörfchen Wengern zur Welt. Altes Bauernland, Stall und Vieh und Weiden ringsherum, das Elternhaus streng protestantisch. Die Mitgift ist gering; zweimal sterben Henriette die von den Eltern ins Auge gefassten Verlobten weg, und so ist der Weg vorgezeichnet: Das Kind besucht eine Töchterschule und geht anschließend in Stellung. Die junge Henriette lernt Handarbeiten und Kochen und »das Erziehungsfach«, wie man damals sagte. Sie nimmt eine Stelle als Handarbeitslehrerin an der Mädchenschule Sprockhövel bei Wuppertal an und erwirbt sich einen Ruf als talentierte Pädagogin. Fast ihr ganzes Leben lang wird sie im Haushalt wohlhabender Familien als Erzieherin tätig sein.

DavidisMit 44 Jahren ist sie zu jenem späten Mädchen herangereift, das man damals mit »Fräulein« anzureden pflegte: Das Haar unterm Häubchen straffgescheitelt, den Hals bis zum Kinn mit Spitzenchleifen umschnürt. In diesem Alter beginnt sie zu schreiben. Sie kann kochen, in der Familie, in der sie lebte, hat sie unzählige Rezepte kennengelernt und gesammelt, und diese Erfahrungen lässt sie nun in ihre Bücher einfließen. Fast alle werden zu Bestsellern, vor allem ihr »Praktisches Kochbuch«(Abbildung links) von 1845, dessen erste Ausgabe den wortreichen Titel trägt: »Zuverlässige und selbstgeprüfte Recepte der gewöhnlichen und feineren Küche. Praktische Anweisung zur Bereitung verschiedenartiger Speisen«. Es folgen: »Der Gemüsegarten« (1850), die Mädchenkochbücher »Puppenköchin Anna« (1856) und »Puppenmutter Anna« (1858) sowie die Renner für angehende Ehefrauen: »Beruf der Jungfrau« (1857) und »Die Hausfrau« (1861).

Doch Henriette schreibt noch mehr: Rezeptbücher zur Verbesserung der Armenernährung sowie Ratgeber für die weibliche Gemütsbildung. Standardwerke, die zahllose Neuauflagen erleben. Als sie 1876 stirbt, geht die 21. Auflage ihres »Praktischen Kochbuchs« in Druck.
In ihren letzten Lebensjahren war Henriette finanziell so gut gestellt, dass sie sich wenigstens die Miete für eine kleine Wohnung leisten konnte. Dort saß sie dann in ihrem Stübchen, umgeben von Efeuranken und Nippesvögelchen aus Glas und Porzellan. Sie war so berühmt, dass die deutsche Kaiserin Augusta (1811 – 1890) nach Henriettes Tod Geld für ein Grabmal auf dem Dortmunder Ostenfriedhof spendete.

Als eine der ersten deutschen Autorinnen konnte die Davidis in bescheidenem Umfang von den Tantiemen ihrer Bücher leben. Das mag sie, zumal im Alter und als ledige Frau, als Glück empfunden haben. Doch einen Wegweiser für die gesellschaftliche Zukunft des weiblichen Geschlechts mochte sie darin nicht sehen. In der Hausfrau hatte sie ihren Leserinnen empfohlen: »Es sei und bleibe ihre schönste Aufgabe, dem Hause würdig vorzustehen, es zum angenehmsten Aufenthalt des Mannes zu machen, nur ihm gefallen zu wollen, auf alle seine Wünsche, insofern sie zum wahren häuslichen Glücke dienen, die größte Rücksicht zu nehmen und nie zu vergessen, daß der Mann der Versorger der Familie ist.«

Nicht einmal den Lorbeerkranz als Autorin wollte sich Henriette Davidis aufsetzen lassen: »Ich bin weit davon entfernt, dieses Buch als eine eigene Arbeit hochstellen zu wollen«, schrieb sie im Vorwort zum »Praktischen Kochbuch«. Dieser nüchterne Blick auf ihren persönlichen Anteil am Zustandekommen der Rezeptesammlung offenbart ihr sicheres Gespür für die Wurzeln, aus denen das Genre der weiblichen Kochbuchliteratur hervorgegangen ist: Haushaltswissen als Teil der mündlichen Tradition. Die Autorinnen der ersten Kochbücher für Frauen waren Vermittlerinnen populären Überlieferungsgutes. Ihr Verdienst ähnelt dem von Redakteuren, die Inhalte in lesbare Form bringen.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im April 2010

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