Jörg Zipprick: In Teufels Küche – Ein Restaurantkritiker packt aus

Jörg Zipprick: In Teufels Küche – Ein Restaurantkritiker packt aus

In Teufels Küche: Ein Restaurantkritiker packt aus
Jörg Zipprick, Foto Sophie Henkelmann, Eichborn Verlag, 2011

Das Buch In Teufels Küche brachte mich zwei Nächte um meinen Schlaf. Ich konnte es (fast) nicht aus der Hand legen, obwohl sich beim Anblick des Untertitels “… packt aus” eine kleine Müdigkeit angekündigt hatte. Es kam dann ganz anders. Jörg Zipprick berichtet sehr spannend und abwechslungsreich von seinen Abenteuern als Restaurantkritiker und dem, was hinter der glänzenden Fassade der kulinarischen Welt passiert. Er greift dabei Themen auf, die gerade in der Luft liegen wie z. B. “Gutes aus deutschen Landen – Warum das Ausland nie über hiesige Köche spricht” oder die sofort Neugierde wecken wie “Der Koch, der fast drei Mal starb – Begegnungen mit Alain Ducasse”.

In Teufels Küche ist auch so lesenswert, weil Jörg Zipprick als Autor seine “Muskeln” spielen lässt: Ist es hier pointierter Witz, der zum Weiterlesen antreibt, so ist es an anderer Stelle die investigative Beharrlichkeit, mit der er Themen nachgeht. Sehr empfehlenswert! Katharina

zipprickTEXTAUSZUG aus der Neuerscheinung In Teufels Küche von Jörg Zipprick

Gesetz gegen Genuss – Wie Europas Gütesiegel normale Industrieprodukte adeln

Sicher, die ersten Jahre in Spitzenrestaurants, da war alles schön, prachtvoll und wohlschmeckend, das Leben und die Welt erschienen in schillernden Regenbogenfarben. Aber ich bin von Natur aus neugierig. Zu neugierig, um die Geschehnisse hinter den Kulissen zu ignorieren. Manchmal verdirbt mir das nicht nur den Appetit, sondern beißt mir ins Gewissen. Sie erinnern sich vielleicht, zwischen Mittag- und Abendessen, manchmal auch davor, geht es zu Züchtern, Händlern, Käsereien. Deren Inhaber schlugen fette Risse in besagtes Regenbogenkuchenland, das permanent von den Köchen in irisierenden Farbtönen beschrieben wurde. Es ist leicht, in der Zeitung von irgendeiner Fangquotenkonferenz mit Expertendebatte zu lesen: Experte 1 mahnt pflichtbewusst den Schwund der Bestände von Kabeljau und rotem Thunfisch an und zeichnet eine traurige Exponentialkurve, Experte 2 widerspricht ihm und erläutert ein alternatives Messverfahren. Am Ende reichen sich alle die Hände, das Problem ist vertagt, die Debatte wird auf der nächsten Konferenz fortgesetzt.

Es ist nicht ganz so leicht, einem Fischer morgens um 5.30 Uhr dabei zuzuschauen, wie er seinen kargen Fang an Land zieht. »Bei uns an der Küste gibt es fast keinen Fisch mehr«, sagte der Mann zu mir. »Die kleinen Krustentiere, die werden es schaffen. Krevetten, Garnelen, die haben kurze Reproduktionszyklen. Aber der Fisch? Da draußen warten die ganz großen Trawler, die mit Schleppnetzen und Radar.« Quer durch Europa sei es immer schwieriger, Fisch zu fangen. Kein Fischer konnte mir vorrechnen, wie es um die Bestände stand. Das brauchten sie auch nicht, der Blick auf den Fang reichte aus. Beamte, Sachverständige und gutes Essen, das ist selten eine schmackhafte Mischung.

Der erste Besuch der Krawattenträger ließen den Lyoner Metzger noch kalt. Wieso bei ihm der Schinken auf Weinhefe lagere, hatten sie gefragt. Wieso die Terrinen in Buchenholzformen gebacken würden? »Weil das bei mir immer schon so war!« Ein paar Wochen später kamen die beiden Krawatten zurück. Freundlich aber bestimmt räumten sie dem Metzgermeister eine Frist für die Umstellung seiner Fertigungsmethoden ein. Eine sechsstellige Summe müsse er investieren. Der Betroffene kannte eine bessere Anlageform für seine Francs: Er ging in den Ruhestand und nahm seine Rezepte mit. Solche und ähnliche Geschichten hatte ich bei meinen Besuchen kulinarischer Handwerker immer wieder gehört. Neue Regelungen, neue Gesetze für Groß und Klein, für Umsatzriesen und Familienbetriebe.

Was nicht auf den Teller kommt, das kann niemand herausschmecken. Doch über gesetzliche Rahmenbedingungen, die letztendlich den Genuss verhindern, schreibt vielleicht das Greenpeace-Magazin, selten jedoch die Gourmetpresse. Christian Prosper, einer der besten Metzger von Paris und mein ehemaliger Nachbar, strich sich immer dann über den kahlen Schädel, wenn er an Besson dachte: »Wir Metzger haben unseren Beruf verloren, seit uns das Gesetz verbietet, selbst zu schlachten. Mein Vater betrieb in der Normandie eine Metzgerei. Kilometerlange Transporte, die unsere Schlachttiere jetzt stressen, existierten nicht. Der Bauer bekam neben seinem Entgelt auch ausgesuchte Fleischstücke für zu Haus, er wusste dann selbst, ob sein Tier schmeckte. Heute wissen wir nicht mehr, woher die Tiere kommen, wie sie ernährt wurden. Die Folgen sind bekannt.«

Christian konnte stundenlang von Vater und Großvater erzählen. Wie sie das Vieh 14 Tage vor dem Schlachten in die Nähe von Bächen und Flüssen treiben ließen, dort, wo das Gras besonders fett und saftig schimmerte. Wie sie Rinderkoteletts wochenlang abhingen, um sie zarter zu machen, bis sie außen schwarz waren. »Fäule? Edelfäule war das! Wie bei Süßweinen. Solche Stücke schnitten wir links und rechts ab.« Christian zog mit seinen Zeigefingern eine Linie von etwa 15 Zentimetern.

Und wie schließlich der Fiskus alles zunichte machte: »Es stimmt. Wir Metzger haben viel schwarz gearbeitet. Noch zu Vaters Zeiten erhielten die Tiere dann Ohrmarken, damit ihr Fleisch ordnungsgemäß verbucht werden konnte. Doch viele Rinder und Schweine haben infolge kleiner Verletzungen ihre Ohrstecker verloren. Dann kamen die großen Schlachthöfe. Dort wurde streng kontrolliert. Erst waren es viele kleine, dann wenige große. Mit den großen Schlachthöfen kamen die Tiertransporte.«

Die meisten Handwerker, die ich auf meinen Touren traf, hatten längst resigniert: »Die da oben hören eh nur auf Lobbyisten der Großindustrie.« Brüssel blieb in den Köpfen der Menschen auch dann der Schuldige, wenn die Gesetze auf nationaler Ebene erlassen worden waren. Die Justitia des neuen Jahrtausends war nicht nur blind, man hatte ihr auch die Zunge herausgeschnitten. Für Qualität existierten nur noch wenige Kriterien: Größe, Durchmesser und bei Bananen vielleicht noch der Krümmungsgrad.

Abschreckende Beispiele gab es genug. Etwa die fünf Prozent »Fremdfett« in der Schokolade. Die Tafeln konnten auf einmal auch aus anderen Stoffen als Kakaobutter bestehen. Traditionellen Chocolatiers schmeckte das nicht. Angerichtet hatte die »Richtlinie 2000/36/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23. Juni 2000 über Kakao- und Schokoladeerzeugnisse für die menschliche Ernährung, die auch den Kakaobutterersatz definierte: »Die pflanzlichen Fette nach Artikel 1 sind einzeln oder als Mischungen Kakaobutteräquivalente und entsprechen folgenden Kriterien: a) Es sind nicht-laurinsäurehaltige pfl anzliche Fette, die reich an symmetrischen, einfach ungesättigten Triglyceriden vom Typ POP, POSt und StOSt (1) sind; b) sie sind mit Kakaobutter in jedem Verhältnis mischbar und mit deren physikalischen Eigenschaften kompatibel (Schmelzpunkt und Kristallisierungstemperatur, Schmelzgeschwindigkeit, Notwendigkeit einer Temperierung); c) sie werden nur durch die Verfahren der Raffination und/ oder Fraktionierung gewonnen; enzymatische Veränderung der Triglyceridstruktur ist ausgeschlossen.«

Brüsseler Texte sollte man immer im Originalton lesen, nur so klingen sie richtig im Ohr, nur so hören wir die Bürokraten mit Stempeln und Füllfederhaltern rasseln. Rein umgangssprachlich enthält Schokolade jetzt weniger Schokolade, stattdessen steckt in den Tafeln auch Illipe (Borneo-Talg), Palmöl (Elaeis guineensis, Elaeis oleifera), Sal-Butter (Shorea robusta), Shea (Vitellaria paradoxa), Kokum gurgi (Garcinia indica) und Mangokern (Mangifera indica). All diese Stoffe haben eines gemeinsam, und damit meine ich nicht die Abwesenheit von Laurinsäure oder die Triglyceridstruktur: Sie sind schlicht und einfach günstiger als beste Kakaobutter, erheblich günstiger.

Offiziell freilich machen Gurgi und Shea extravagantere Schokoformen möglich, die Schokolade wird haltbarer, sie läuft nicht mehr weiß an. Sparen am Rohmaterial ist ein angenehmer Nebeneffekt, den Big Playern im Süßigkeitensegment, die tonnenweise Schokozeugs verkaufen, hilft die Richtlinie finanziell. Handwerklich arbeitende Schokoprofis mögen sie nicht. Was kann schon besser schmecken als Schokolade aus Kakaobutter.

»Je weniger die Leute wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie!« Das wusste schon Otto von Bismarck. Currywurst, Bratwurst, Nürnberger, wir Deutschen sind halt ein Volk von Wurstessern. Doch wer einmal die »Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse« gelesen hat, entwickelt sich schon nach den Begriffsbestimmungen für Separatorenfleisch zum Vegetarier. Butter aus dem Holzfass – wie unhygienisch. Schokolade nicht ausschließlich mit reiner Kakaobutter, sondern durch Zusatz von Fremdfett zu erzeugen, ist zwar wenig appetitlich, aber erlaubt. Holzformen für Terrinen – die reine Volksvergiftung. Jeder kennt die sprichwörtlichen Regelungen zum Krümmungsgrad von Bananen und Gurken, zum Mindestdurchmesser von äpfeln. Denn der Apfel definiert sich durch seinen Durchmesser. Er muss nicht nach Apfel schmecken. Im 19. Jahrhundert zählte der Botaniker André Leroy 527 Apfelsorten. Davon sind meist ganze zwölf auf unseren Märkten erhältlich, unter denen das Trio Golden, Gala, Granny dominiert. Justitia kennt nur Gewicht und Größe. Für Geschmack oder Reife gibt es kein Gesetz. Freilich hauen und stechen ganze Länderdelegationen auch während der Verhandlungen um den »Codex Alimentarius«, frei übersetzt den »Katalog des Essbaren der Welt«, um Knollengrößen und es zum Beispiel in Sachen äpfel rund: Die USA plädierten für ein Beibehalten der Klassifikation nach Farben, Thailand und Indien empfahlen diverse Anforderungen an das Apfelstengelchen, das nur wenige Leute mitessen werden.

Standard für Lebensmittel in Europa sind inzwischen Richtlinien für amerikanische Astronautennahrung. Seit dem 1. Januar 2006 dürfen in der EU nur noch Lebensmittel, die die HACCP-Richtlinien erfüllen, gehandelt und eingeführt werden. HACCP steht für Hazard Analysis and Critical Control Point, frei übersetzt »Gefahrenanalyse kritischer Kontrollpunkte«. Die EG- Verordnung 852/2004 schreibt die Anwendung des HACCP143 Konzepts in allen Unternehmen, die mit der Produktion, der Verarbeitung und dem Vertrieb von Lebensmitteln beschäftigt sind, verpflichtend vor. Was aber ist das HACCP-Konzept? »In der Gefahrenanalyse kritischer Kontrollpunkte müssen:

  • alle im Verantwortungsbereich eines Unternehmens vorhandenen Gefahren für die Sicherheit der Lebensmittel analysiert werden
  • die für die überwachung der Lebensmittel kritischen Punkte ermittelt werden
  • Eingreifgrenzen für die kritischen Lenkungspunkte festgelegt werden
  • Verfahren zur fortlaufenden überwachung der Lebensmittelsicherheit eingeführt werden
  • Korrekturmaßnahmen für den Fall von Abweichungen festgelegt werden
  • Prüfungen stattfinden, ob das System zur Sicherstellung der Lebensmittelsicherheit geeignet ist
  • alle Maßnahmen dokumentiert werden«

Das HACCP-Konzept, entwickelt von der amerikanischen Pillsbury Company, hat sich unter extremen Bedingungen bewährt. Die Company erhielt 1959 von der NASA den Auftrag, sichere Astronautennahrung herzustellen. Diese wurde nach HACCP-Richtlinien fabriziert. Austronautensicher, da kann doch eigentlich mit unserer Ernährung nichts mehr schiefgehen, oder? Woher kommen aber dann die ganzen Gammelfleisch-Skandale? Woher kommt das Acrylamid in Kartoffelchips? Woher stammt der Dioxin-Mozzarella? Was macht das Melamin im Milchpulver, das aus China kam? 2008 musste Nestlé seine Milch »Dairy Farm« in Hongkong vom Markt nehmen. Hongkong hatte Grenzwerte für Melamin eingeführt: 1 Milligramm pro Liter für Säuglingsnahrung und stillende Mütter, 2,5 Milligramm pro Liter für alle anderen Produkte. In Europa und der Schweiz lag der Grenzwert bei 30 Milligramm pro Kilo Lebensmittel. Strengere Grenzwerte in Hongkong als im Ideal-Europa. Wüssten wir nicht, dass wir in der besten aller Ernährungswelten leben, hätte uns das zu denken geben müssen.

Selbst in Frankreich, dem Land der Feinschmeckerei, bestimmt die Industrie den Speiseplan: Supermärkte bieten neun Sorten Surimi (eine künstlich aromatisierte, in Form gepresste Fischpampe), aber keine frischen Meerestiere. Wer nach Frankreich kommt, sollte sie gesehen haben, die Auchan-Märkte, die Géant Casinos. Da gibt es gummiartige, abgepackte Käsestücke für zwei Euro, selbst in ausgesprochenen Käseregionen wie der Brie ist in vielen Märkten kein handwerklich korrekter Käse zu finden. Industrieware, so weit das Auge reicht. Oft findet man ein Restaurant namens »Flunch« in den Hangars der Mega-Märkte. Das Essen schmeckt wie »Flunch« klingt.

Nun dreht sich in diesem Buch fast alles um die Gastronomie, um das Restaurant, nicht um den Supermarkt. Unsere großen Köche versichern uns auch täglich, dass es bei ihnen nur feinste Viktualien gäbe und zitieren seit Kurzem auf den Karten auch europäische Gütesiegel. Rindfleisch oder Geflügel tragen jetzt Zusätze wie »g.g.A.« oder »I.G.P«. Denn Brüssel möchte inzwischen die kulinarische Tradition schützen. So wurden mit der »garantiert traditionellen Spezialität«, der »geschützten Ursprungsbezeichnung« und der »geschützten geografischen Angabe« schon vor Jahren an das französische AOC-System angelehnte Gütesiegel für Nahrungsmittel eingeführt. Medaillen im permanenten Wettbewerb der Viktualien, die eine Orientierung für Feinschmecker bieten könnten.

Doch was ist »garantiert traditionell«? Ich zitiere den Behördenjargon: »Die garantiert traditionelle Spezialität (g.t.S.) bezieht sich nicht auf einen geografischen Ursprung, sondern hebt die traditionelle Zusammensetzung des Produkts oder ein traditionelles Herstellungs- und/oder Verarbeitungsverfahren hervor. Die geschützte Ursprungsbezeichnung (g.U.) besagt, dass Erzeugung, Verarbeitung und Herstellung eines Erzeugnisses in einem bestimmten geografischen Gebiet nach einem anerkannten und festgelegten Verfahren erfolgen müssen. Bei der geschützten geografischen Angabe (g.g.A.) besteht eine Verbindung zwischen mindestens einer der Produktionsstufen, der Erzeugung, Verarbeitung oder Herstellung und dem Herkunftsgebiet oder es kann sich um ein Erzeugnis mit besonderem Renommee daraus handeln.« Es handelt sich hierbei wohlgemerkt um Auszeichnungen für besondere Lebensmittel, nicht um Standardnormen für die Food-Industrie. Backen wir gemeinsam eine garantiert traditionelle Pizza Napoletana, nach dem Rezept guter Brüsseler Bürokraten. Das beginnt natürlich mit einer Definition: »Die ›Pizza Napoletana‹ STG ist eine kreisförmige Backware mit variablem Durchmesser von höchstens 35 Zentimenter mit erhabenem Teigrand (cornicione) und mit Belag bedecktem Inneren. Das Innere ist 0,4 Zentimeter dick, wobei eine Toleranz von ± 10 Prozent zulässig
ist, der Teigrand ist 1-2 Zentimeter dick. Die Pizza ist ins gesamt weich und elastisch und lässt sich leicht wie ein Buch zusammenklappen. «Dann präzisieren Eurokraten das Mehl:

»Das Mehl hat folgende Merkmale:

  • W: 220-380
  • P/L: 0,50-0,70
  • Absorption: 55-62
  • Stabilität: 4-12
  • Value index E10: max 60
  • Falling number: 300-400
  • Gluten trocken: 9,5-11 g %
  • Proteine: 11-12,5 g %«

Selbstverständlich benötigt auch der Teig eine detailverliebte Würdigung:
»Der Teig hat folgende Merkmale, mit einer Toleranz von jeweils ± 10 %:

  • Gärtemperatur: 5 °C
  • endgültiger pH-Wert: 5,87
  • titrierbare Gesamtsäure: 0,14
  • Dichte: 0,79 g/cc (+ 34 %)«

Wir sind jetzt noch nicht beim Auftragen der Tomaten: »Die ›Pizza Napoletana‹ wird nach dem nachfolgend beschriebenen Verfahren gewürzt …

  • man gibt mit einem Löffel in die Mitte der Teigscheibe 60-80 g geschälte, zerkleinerte Tomaten und/oder geschnittene kleine Frischtomaten,
  • mit einer spiralförmigen Bewegung werden die Tomaten auf der ganzen Innenfläche verteilt,
  • mit einer spiralförmigen Bewegung wird Salz auf die Tomatenoberfläche gegeben,
  • 80-100 g in Streifen geschnittene Mozzarella di bufala campana DOP wird auf die Tomatenoberfläche gestreut,
  • auf die Pizza gibt man einige Blätter frisches Basilikum,
  • mit einer ölflasche mit Ausgießer verteilt man in einer spiralförmigen Bewegung von der Mitte aus 4-5 g natives Olivenöl extra mit einer zulässigen Toleranz von + 20 %.«

Verwendet man statt Basilikum eine Prise Oregano braucht man 70 bis 100 Gramm Tomaten. Außerdem erlauben es die Vorschriften, auf geschnittene kleine Frischtomaten zu verzichten. Die Menge der Tomaten bleibt dann gleich. Meine beste Pizza wurde mir von Signore Ernesto Cacialli serviert. Der kam aus Napoli und wusste, wie man Pizza machte. Nie hat Ernesto den Rand gemessen, er bot weiche Pizzen und knusprige Pizzen. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was »titrierbare Gesamtsäure« war. Wahrscheinlich hat er täglich gegen geltende Pizza-Gesetze verstoßen. In aller Regel genießen Rezepte von Köchen und Pizzaiolos keinen Schutz. Die Normen sind auf Handwerk und Industrie zugeschnitten. Unsere traditionellen Würste und Schinken zum Beispiel, die würden doch Schutz und Gütesiegel verdienen, oder? So dachte ich, bevor ich mich durch das entsprechende Datenmaterial kämpfte. Zum Beispiel der Ardenner Schinken. Der kann durch ein g.g.A.-Siegel geschützt werden. Was ein Ardenner Schinken mit Europa-Gütesiegel ist, regelt das entsprechende cahier des charges (Pflichtenheft): »Der Schinken muss in der Provinz Luxemburg oder in einem der Kantone von Beauraing, Gedinne, Rochefort, Dinant, Stavelot, Malmedy, Saint-Vith, Louveigné, Spa und Eupen sowie in den Gemeinden Ferrières, Vieuxville, Werbomont und Xhoris hergestellt worden sein (oder vorgeschnitten worden sein). Das Vorschneiden muss in der Europäischen Union erfolgt sein …« Ardenner Schinken heißt also Ardenner Schinken, weil er im weitesten geografischen Sinne in den Ardennen geschnitten und gepökelt wurde. Eine Lagerung oder Reifung in den Ardennen ist fakultativ. Schweinefleisch aus dieser Region muss nicht verwendet werden.

Doch bei uns in Deutschland, da herrscht noch Ordnung, oder? Den letzten Schwarzwälder Schinken bekam ich bei meinem Frankfurter Freund Harald und seiner Lebensabschnittsgefährtin. »Harald, dieser teure Schwarzwälder Schinken, den du da letztens gekauft hast, der schmeckt wie jeder andere Schinken auch«, meinte Letztere. Harald brummte. Da wollte er der Familie was Gutes tun, verwöhnte sie mit traditionellen Spezialitäten inklusive Gütesiegel, und schon hagelte es verbal Prügel. Prüfend betrachtete Harald die letzte Schinkenscheibe, rieb sie zwischen den Fingern, steckte sie zögernd in den Mund. Siehe da: Wo Frau recht hatte, hatte sie recht. Dieser Schinken schmeckte wie jeder andere. Morgen, sagte sich Harald, morgen gehe ich bei dem Metzger vorbei. Dann kriegt der was zu hören.

Lieber Harald, den Weg solltest du dir sparen. Wahrscheinlich hat der Metzger den Schinken gar nicht selbst gemacht, sondern auf das Europasiegel vertraut. Schon beim Antrag auf das g.g.A.- Siegels haben sich die Beamten geschickt um eine wichtige Zutat des Schinkens herumgeschrieben. Die Rede ist vom Schweinefleisch. Das erwähnen die Verfasser eher knapp: »Die zur Herstellung von Schwarzwälder Schinken benötigten Hinterschinken werden Schweinen entnommen, die in Bezug auf Haltung, Fütterung und Typ (Fleischschwein) Gewähr für die gewünschte ›Spizenqualität‹ [ich zitiere hier nur, steht genau so, ohne ›t‹, im Antrag] in der Endstufe der Verarbeitung bieten.« Angaben zur Rasse, Haltung, vielleicht sogar Auslauf und Alter bei der Schlachtung, Präzises zur Fütterung, das sucht man vergebens. Schinken kommt vom »Fleischschwein«. Punkt. Es gibt dann noch eine »dreiwöchige Schinkenreifung«. Oder betrachten wir das »Halberstädter Würstchen«. Ein »feines, längliches Brühwürstchen im zarten Naturdarm (Schafsaitling), welches ausschließlich als konserviertes Produkt angeboten wird.« Auch hier liefern die Beamten das Rezept zur »Zusammensetzung der Würstchen«:

  • Schweinefleisch: ca. 45 %
  • Rindfleisch: ca. 15 %
  • Schweinespeck: ca. 15 %
  • Naturdarm (Schafsaitling): ca. 1,5 %
  • Trinkwasser: ca. 18 %
  • Nitritpökelsalz: ca. 2 %
  • Gewürze (insbesondere weißer Pfeffer und Muskatblüte): ca. 1,5 %
  • Zusatzstoffe: ca. 2 %
  • Fettgehaltsstufe: 20 % (± 5 %)
  • Bindegewebseiweißfreies Fleischeiweiß: mindestens 7,5 %

Wenn ich als Metzger mein Würstchen ohne zwei Prozent Zusatzstoffe herstellen will, habe ich dann trotzdem Anrecht auf das Europasiegel? Oder wird das Würstchen durch die Additive zum Halberstädter? Thüringer Rostbratwurst gelingt zum Beispiel auch ohne Zusatzstoffe. Zumindest sind sie nicht im »offiziellen« Rezept zur Erteilung eines g.g.A.Siegels. Außerdem müssen »mindestens 51 Prozent der verwendeten Rohstoffe … aus der Region Thüringen stammen«. Die »verwendeten Rohstoffe«, das sind »grob entfettetes Schweinefleisch, Schweinebacken ohne Schwarte, evtl. entsehntes Kalb oder Rindfleisch für das Brät, nicht umgerötet; die Gewürzmischungen variieren je nach überlieferter Rezeptur oder regionaler Ausprägung; neben Salz und Pfeffer werden insbesondere Kümmel, Majoran und Knoblauch verwendet.« Im Klartext: Für eine Thüringer Rostbratwurst mit Gütesiegel darf fast die Hälfte des Fleisches von wo-auch-immer eingeführt werden.

Ja, die geografische Herkunft ist eine der zentralen Fragen Brüsseler Tuns: Nehmen wir mal das Beispiel Stopfleber, Foie gras, ein besonders umstrittenes Produkt, das natürlich zuweilen mit europäischen Gütesiegeln ausgezeichnet wird. Ich gestehe, selbst Foie gras gegessen zu haben. Manchmal schmeckte sie mir. Außerdem bin ich mehrfach durch den französischen Südwesten gereist und habe dabei neben Restaurants diverse Erzeuger von Stopfleber besucht. Es gibt einige Bauern, die sich um das Wohlergehen ihrer Tiere sorgen. Und es gibt Mastbetriebe, die einem Höllenbild von Bosch ähneln. Der Marktführer in Sachen Foie gras heißt Euralis. Er besitzt die Stopflebermarken Montfort, Bizac, Pierre Champion und Rougié. über deren Erzeugnisse heißt es im Katalog des deutschen Feinkosthandels Bosfood unter dem Stichwort »Entenstopfleber, entnervt, von Rougié, TK, 500 Gramm«: »Durch eine schonende aber gezielte Fütterung der Tiere, für die der Begriff Stopfen eigentlich falsch ist, erreichen diese Lebern eine gewisse Größe. Diese Größe darf jedoch nie ein bestimmtes Maß überschreiten. Der Maßstab ist dabei die Größe, welche sich die Tiere auch in der Natur anfressen. Jenseits dieser Größe wäre eine Leber auch kulinarisch unbrauchbar. Sie gilt als Delikatesse.« So weit, so gut.

Euralis handelt nicht nur mit Entenerzeugnissen, sondern auch mit Mais, Gemüsen, Saatgut und Weinbaubedarf. Der Umsatz des Unternehmens betrug 2008/2009 rund 1,29 Milliarden Euro, Stopflebern und Geflügelprodukte trugen mit 428 Millionen Euro zu diesem Ergebnis bei. Angesichts dieser Zahlen ist es recht unwahrscheinlich, dass die Stopfgänse in Euralis-Betrieben mit einem persönlichen Gute-Nacht-Küsschen des Züchters zu Bett geschickt werden. Einmal zerrte Euralis einen Veterinär, der schlechte Foie gras öffentlich bemängelte, vor Gericht. Mit Erfolg. Auch Tierärzte unterliegen der Schweigepflicht, egal, wie es in einem Betrieb aussieht. Prozessiert wurde auch gegen eine Journalistin, die über Praktiken im Hause Euralis berichtete. Ohne Erfolg. Ausgerechnet ein Lieferant leistete heftigen Widerstand gegen den Marktführer in Sachen Stopfgeflügel. Er heißt Philippe Lapaque und steht heute vor dem Ruin. Der Streit mit seinem Auftraggeber und die Prozesskosten haben ihn buchstäblich auf gefressen. Auch Lapaque erzählte, dass der Begriff »Stopfen« für Foie gras eigentlich falsch ist. Allerdings meinte er das ganz und gar nicht so wie der rheinische Feinkosthändler.

Dem Bauern aus dem französischen Südwesten wurden von Euralis Enten zum Stopfen geliefert, die an der »Derszy-Krankheit« litten. Das bedeutet, sie bleiben klein und sterben jung. überleben sie, sind diese Enten nur schwer und mit extremer Quälerei auf Stopfentenformat zu füttern. Lapaque sagte, sie seien »fragil wie Glas«. Im Internet berichtete er am 26. November 2008 auch über die Zustände in der Schlachterei: Die toten Vögel werden aussortiert, die anderen mit dem Kopf nach unten aufgehängt, Luftbefeuchter nebeln sie ein, denn als nächstes wartet die Elektronarkose. Stromschläge betäuben die Enten bis zur Schlachtung.

Zum Image moderner Lebensmittelindustrieller passt diese Vermarktungsstrategie: Die Leber kranker Enten wird den Kunden laut Lapaque sogar als besondere Köstlichkeit angeboten. Als »Foie gras Montfort« mit europäischem g.g.A-Gütesiegel, der geprüften geografischen Angabe. Hersteller eines »Feinschmeckerproduktes« speisen die Kunden mit Teilen kranker Tiere ab. Bon appétit!

Schlimmer noch, nach den Bestimmungen für Gütesiegel ist all dies vielleicht sogar legal: Das Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften (1999/C 274/03) regelt die Herkunftsregion, bestimmt die Fütterung mit Mais und erklärt den Ursprungsnachweis: »Von der Brüterei bis zur Fertigstellung des Endproduktes besteht für den gesamten Produktionsprozeß ein System der Herkunftssicherung in Form registrierter Dokumente und der Bestandsbuchführung durch alle Marktbeteiligten (Brüterei, Halter, Mäster, Schlachthof, Zerlegebetrieb, Konservenhersteller und Lebensmittelhändler).« Ein Mindestgewicht ist für Leber und Entenbrust vorgeschrieben, nicht aber für Jungtiere. »Geprüfte geografische Angaben« orientieren sich nun mal an der Geografie.

Bei Fragen wie Lagerungs- und Reifefristen will man in Brüssel ebenfalls nicht päpstlicher sein als der Papst, pardon: metzgerischer als der Metzger. Oder saurer als die Essigfabrikanten, wie das Beispiel Aceto Balsamico aus Modena zeigt. Jeder Importeur bewirbt den Essig als flüssiges Gold, jahrzehntelang gereift. Hier bietet die Anleitung zum Gütesiegel endlich einmal Klarheit: Aceto Balsamico di Modena wird aus teilvergorenem und/oder eingekochtem und/oder eingedicktem Traubenmost gewonnen, dem ein Anteil von mindestens 10 Prozent mindestens zehn Jahre altem Essig sowie von mindestens 10 Prozent reinem Weinessig zugefügt wird … In jedem Fall erfolgen Veressigung und Veredelung … über einen Zeitraum von mindestens 60 Tagen nach Zusammenstellung der zu verarbeitenden Rohstoffe.«

Also: Zehn Prozent alter Essig, 60 Tage lagern, schon gibt es ein Gütesiegel für den Aceto Balsamico di Modena. Was das Siegel nicht erklärt: Die weit besseren Qualitäten tragen den Namen »Aceto Balsamico Tradizionale di Modena«. Wohlgemerkt, hier handelt es sich nicht um Durchschnittsware aus dem Supermarkt, sondern um »Feinschmecker-Produkte« mit Qualitätsabzeichen! Im großen Europa der Nahrungsmittel verdient vieles Gütesiegel: der schottische Zuchtlachs (»Die Farbe des Fleisches muss mindestens die Intensität 26 auf der Roche-Skala erreichen«), genauso wie die »Kiwi de l’Adour«. Die wurden in meinem Geburtsjahr von einem gewissen Henri Pedelucq in Südwestfrankreich angesiedelt. Sieben Jahre später verkaufte Pedelucq die gesamte erste Kiwi-Ernte, rund 700 Kilo, nach Westdeutschland. Etwa 300 Gramm davon landeten prompt in meiner Familie. Zusammen mit Vater und Mutter fragte ich mich zuerst, wie man dieses behaarte, braune Ei aß und ob uns der grüne Inhalt wirklich schmeckte. Zumindest bei uns fiel die Reaktion auf die »Kiwi de l’Adour« verhalten aus. Dennoch, Kiwi aus Südwestfrankreich, das ist mittlerweile anscheinend Tradition, Tradition ist gut und braucht Gütesiegel.

Eine Ausnahme? Die italienische Latina-Kiwi tauchte noch später auf den Märkten auf und kann trotzdem mit g.g.A.-Siegel ausgezeichnet werden. Zu den Argumenten der Antragsteller zählte auch die Auswertung des Pressespiegels: »In der Tagespresse und der nationalen und internationalen Fachpresse (Il Messaggero, Latina Oggi, Economia Pontina, L’Informatore Agrario, Terra e Vita, Italia Agricola, Lazio Agricolo, Rivista di Frutticoltura, Asiafruit Magazine, um nur einige Titel zu nennen) fand die schrittweise Entwicklung des Kiwi-Anbaus in der Provinz Latina ihren Niederschlag; in zahlreichen Artikeln wurden unter anderem die optimalen bodenklimatischen Verhältnisse und die quantitativ und qualitativ äußerst wettbewerbsfähigen Anbaubetriebe beschrieben.«

Der Hinweis auf die lobende Presse ist bei solchen Anträgen auf europäische Gütesiegel kein Einzelfall. So wurden bei der »Veröffentlichung eines Eintragungsantrags nach Artikel 6 Absatz 2 der Verordnung (EG) Nr. 510/2006 des Rates zum Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel« bezüglich Rindfleisch aus Bazas (Frankreich) der Anspruch auf ein Siegel durch ganze zwei Medienquellen untermauert: »

  • der Artikel im Figaro vom 16. Februar 2003 mit der überschrift: Le boeuf gras fait son carnaval (»Der Mastochse feiert Fastnacht«)
  • das Rezept »Kross gebratener Ochsenschwanz aus Bazas- Rindfleisch mit in der Pfanne gebratener Entenstopfleber aus den Landes«, das in der auf France 5 ausgestrahlten Sendung Les escapades de Petitrenaud vorgestellt wurde«

Ja, wenn der Mastochse im Figaro Fastnacht feiert und es sogar schon ein Rezept gibt, dann ist Brüsseler Handeln gefordert. Natürlich ist der Grundgedanke der EU-Gütesiegel lobenswert, natürlich gibt es Anträge, in denen sorgsam gedrechselte Wortgebilde die Feinheiten der Herstellung und die historischen Ursprünge traditioneller Spezialitäten beschreiben. Natürlich existieren Interessengruppen, die auch die besten Initiativen unterlaufen oder instrumentalisieren. Und natürlich gibt es in der Auswahl Kuriositäten: In Deutschland wurden Unmengen von Mineralquellen mit Gütesiegeln bedacht, von »Siegsdorfer Petrusquelle «bis zu »Höllen-Sprudel«. Frankreichs Agrar-Barone ließen sich Geflügel aus nicht weniger als 32 Regionen mit einem Gütesiegel versehen. Das verstehe, wer will.

Gelegentlich vermag die riesige Maschine Brüssel jedoch zu überraschen: Zum 1. Juli 2009 wurden zum Beispiel die spezifischen Vermarktungsnormen für 26 Arten Obst und Gemüse aufgehoben. Europäische Regelungen zu Größe und Form vieler Obst- und Gemüsesorten galten auf einmal nicht mehr. »Der 1. Juli steht für die Rückkehr der krummen Gurke und der knorrigen Karotte in unsere Regale«, sagte die für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung zuständige Kommissarin Mariann Fischer Boel. »Etwas ernsthafter betrachtet ist dies ein konkretes Beispiel für unsere Bemühungen, unnötige Bürokratie abzubauen. Solche Dinge müssen nicht auf EU-Ebene geregelt werden. Es ist viel besser, dies den Marktbeteiligten zu überlassen. Die Veränderungen bedeuten auch, dass die Verbraucher aus einer möglichst breiten Produktpalette auswählen können. Es ist sinnlos, einwandfreie Erzeugnisse wegzuwerfen, nur weil sie die ›falsche‹ Form und Größe haben.« Ich habe mich sehr über das Comeback der krummen Gurke gefreut. Befreit wurden außerdem, in beliebiger Reihenfolge, alle Mitglieder der Familien der Aprikosen, Artischocken, Spargel, Auberginen, Avocados, Bohnen, Rosenkohl, Karotten, Blumenkohl, Kirschen, Zucchini, Zuchtpilze, Knoblauch, Haselnüsse in der Schale, Kopfkohl, Porree, Melonen, Zwiebeln, Erbsen, Pflaumen, Staudensellerie, Spinat, Walnüsse in der Schale, Wassermelonen sowie Chicorée.

Die Normen gelten allerdings weiterhin für zehn Obst- und Gemüsesorten, die 75 Prozent des EU-Handelswerts ausmachen: äpfel, Zitrusfrüchte, Kiwis, Salate, Pfirsiche und Nektarinen, Erdbeeren, Gemüsepaprika, Tafeltrauben und Tomaten. Nachdem hier im Gemüsebereich effektiv Bürokratie abgebaut wurde, könnten die Bürokratiebausteinchen jetzt anderswo verwertet werden. Etwa beim Thema Aromen. Diese Labor-Erzeugnisse stecken nicht nur in Fertigfutter, sondern auch in zahllosen Erzeugnissen für Restaurants: »Natürliche Aromen« etwa kommen aus natürlichen Grundstoffen. So weit, so gut. Meist sind diese Grundstoffe spezielle Bakterien, Hefen oder Pilze, deren optimierte Aromen durch Destillation, Extraktion, enzymatische oder mikrobiologische Prozesse, Fermentieren oder chemische Lösungsmittel wie Cyclohexan, Ethylmethylketon und Diethylether gewonnen werden. Die chemischen Helfer werden in weiteren Arbeitsschritten wieder entfernt.

Die relativ neue EU-Verordnung 1334/2008 macht die Verwirrung für Verbraucher komplett: »Naturidentische Aromastoffe« und »künstliche Aromastoffe« sind jetzt zu »Aromastoffen« zusammengefasst. Merken Sie was? Die Wörtchen »künstlich« und »naturidentisch« sind weggefallen. Stattdessen haben wir jetzt »Aromavorstufen« wie zum Beispiel Kohlenhydrate, Oligopeptide und Aminosäuren, die Lebensmittel durch chemische Reaktionen, die während der Lebensmittelverarbeitung ablaufen, Aroma verleihen. Außerdem gibt es »sonstige Aromen«, eine Art Reste-Rampe von Stoffen, »die nicht unter die Begriffsbestimmungen der zuvor genannten Aromen fallen«. Wirbt ein Etikett hingegen mit »natürlichem Orangen-Pfirsich-Karotten-Aroma«, wird ein Ausgangsstoff angegeben und somit sollten mindestens 95 Prozent des Aroma bestandteils aus dem genannten Stoff gewonnen sein. Natürliches Orangenaroma stammt also teilweise aus Orangen. Außerdem im Programm: »Natürliches Karottenaroma mit anderen natürlichen Aromen.« Hier wurden weniger als 95 Prozent des aus der Karotte gewonnenen Aromabestandteils verwendet. Ihr Aroma ist jedoch immer noch präsent und die anderen Stoffe entstammen ebenfalls natürlichen Quellen wie Bakterien, Hefen oder Pilzen. Alles klar? Nein? Macht nichts. Es ist stets ein schlechtes Zeichen, wenn Lebensmittel mit Aromen oder Geschmacksverstärkern gemischt werden. Wenn die vielbeschworenen »guten Zutaten« nach endloser Lagerung oder endlosen Arbeitsschritten an Geschmack verlieren, wenn minderwertige Lebensmittel oder gar Futtermittel, die Normalesser als Abfallstoffe empfinden (denken Sie daran, die Industrie wirft nichts weg – auch nicht Kröpfe und Vorderzehen), verwendet werden, dann helfen die Zauberkünstler des Food-Designs durch solche Stoffe nach. Geschmacksfülle wird vorgetäuscht. Geschmack ist eine Illusion. Es ist ein hübscher Erfolg präventiv arbeitender Lobbyisten, jetzt die naturidentischen und künstlichen Aromen durch einen Federstrich abzuschaffen. Schließlich war die Gesetzeslage schon vorher mehr als großzügig.

Doch was nicht gelobt werden kann, das gehört versteckt. Denn die Gastronomie ist schön.

Veröffentlicht im Februar 2011

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15 Kommentare

  1. Cornelia

    Da lese ich hier den Herrn „Gourmetpilot“ und blättere mal kurz durch seinen Blog. Die Fotos sind ja wunderhübsch, aber meist geht es darum, in was für tollen Hotels der Pilot schlief, was für tolle Weine er getrunken hat, neben welch tollen Köchen er gestanden hat und was es dort für fantastisches Essen gab. Ein toller Hecht! Oder vielleicht auch ein Fall der Egomanie oder des Narzissmus?
    Vehemente Schelte gegen Leute, die zufällig anderer Meinung sind, hat bei diesem Piloten ja Tradition: Drüben, im „Essen und Trinken Forum“ gibt es die Rubrik „La Bourse ou la vie Paris“, wo “Gourmetpilot“ mehrfach gegen einen Leser schimpft, der von einem Restauranttipp enttäuscht war: http://www.essen-und-trinken.de Dieser Restauranttipp stammte von Joerg Lehmann, Fotograf in Paris und das Geschnattere dauerte so lange, bis jemand erklärte, dass Lehmann der „Gourmetpilot“ ist. Den Artikel über seine Tipps hatte er da schon ausgiebig gelobt. Dann war Stille und der Gourmetpilot wurde bei „e&t“ nicht mehr gesehen.

    • Katharina

      Puh! Jetzt bin ich etwas sprachlos des dortigen Threads und es fällt mir keine geistreiche Antwort ein. 🙂

      • Doro

        Es ist auffällig, dass etliche Kommentatoren auf dem Internet gegen Zipprick wettern, aber keiner seine Argumente widerlegt. Zusatzstoffe für Köche und Convenience gibt es natürlich, beides wird in großen Mengen hergestellt und verkauft. Logisch, dass der Lehmann den Zipprick angreift. Einer arbeitet für und mit Köchen, der andere kritisiert sie.

  2. gourmetpilot

    das buch muss man wohl nicht lesen. alte schwafelei und selbstverliebter krimskrams. von einem dem man sonst nicht zuhört. köche abzuwatschen etc. kann jeder, kochen kann er nicht. geld lieber spenden!

    • Katharina

      Ich finde nicht, dass man als Restaurantkritiker kochen können muss. Von einem Ballettkritiker erwarte ich auch nicht, dass er tanzen kann wie eine Primaballerina. 🙂 Wundert mich, dass Du den hier geposteten Text von Zipprick als Schwafelei bezeichnest.

      • gourmetpilot

        ich kenne den mann seit langer zeit und weiss wie er arbeitet. man muss zwar als restaurantkritiker nicht zwingend kochen können, sollte aber die verhältnismässigkeiten der dinge wahren. sein rundumschlag seit jahren gegen adria und kollegen ist mega langweilig und es wäre mal zeit mit dem thema abzuschliessen. offensichtlich fällt ihm aber nichts intelligentes ein. hinzu kommt, dass er völlig überschätzt wird. wenn du dir mal die texte von vincent klink ansiehst oder francois simon in paris, dann weisst du wie man schreiben kann, undzwar mit witz und wissen. zipprick ist ein frustrierter egomane der mehr und mehr leuten auf die nerven geht. und mir auch!

        • Katharina

          Nö, auch in Anbetracht von Vincents Texte fühle ich mich immer noch von Zipprick gut unterhalten. Da sind wir unterschiedlicher Meinung. Und offen gestanden – das ist doch kein Rundumschlag. Es ist doch eher wie Uwe (s.o.) beschreibt, dass der Untertitel “…packt aus” etwas hoch gegriffen ist.
          Vielleicht langweilen Dich seine Ausführungen auch, weil Du Dich zu gut auskennst als super gefragter Fotograf? Welchen der vielen berühmten Köche, die Z. erwähnt, hast Du noch nicht persönlich getroffen?
          Immer warst Du aber nicht so streng mit Z: Schau mal, seinen Text für den Feinschmecker über bernard pacaud hast Du in deinem Blog sogar empfohlen: gourmetpilot.blogspot.com/2009/02/restaurant-lambroisie-paris.html Was ist passiert?

          • gourmetpilot

            was passiert ist, ist dass mr. z. öffentlich schmutzige wäsche wäscht. das kommt nicht so gut an. ich musste sein buch beim verlag leider etwas “stutzen” lassen, da er auch bei mir versucht hat, mein privatleben in einem ganzen kapitel durch den dreck zu ziehen. ich bin hier nicht allein in frankreich mit der meinung, dass sich der mann überschätzt. die pacaudstory gab es weil meine bilder dort drin waren, nicht wegen des textes.
            aber eigentlich ist es so, dass mir natürlich seine texte wurscht sind ich ich ganz gut ohne sie lebe 🙂 ich mag nur wadenbeisser nicht und bezweifle auch seine kompetenz als selbsternannter gastrokritiker, nicht sein schreiben. stilistisch schreibt es normal, wie man so eben als halbtalentierter schreiber schreibt. seine einschätzungen aber der gastroszene teile ich im ganzen nicht, im detail hier und da schon.

          • Jörg Zipprick

            Als Autor von „In Teufels Küche“ habe ich einige Zeit überlegt, wie ich mit den öffentlichen Äußerungen von Herrn Joerg Lehmann alias gourmetpilot umgehe. Mein Problem: Seine Behauptung „ich musste sein buch beim verlag leider etwas “stutzen” lassen“ ist klar unzutreffend. Auch andere Aussagen sind fragwürdig: „ich kenne den mann seit langer zeit und weiss wie er arbeitet“ etwa. Ich habe seit Anfang 2008 keinerlei Kontakt mit Herrn Lehmann. Wie, für wen und woran ich arbeite durfte für ihn deshalb höchstens bruchstückhaft durch Hörensagen einzuschätzen sein. Sollte ich mich äußern oder nicht? Letztendlich versucht Herr Joerg Lehmann, meine Glaubwürdigkeit als Person und Journalist zu schädigen. Deswegen äußere ich mich auch hier. Herr Jörg Lehmann hat mir gegenüber am 13.10.11 eine Erklärung in der er sich verpflichtet, es zu unterlassen wörtlich oder sinngemäß die Behauptung aufzustellen und/oder zu verbreiten „was passiert ist, ist dass mr. z. öffentlich schmutzige wäsche wäscht. das kommt nicht so gut an. ich musste sein buch beim verlag leider etwas “stutzen” lassen, da er auch bei mir versucht hat, mein privatleben in einem ganzen kapitel durch den dreck zu ziehen“.

            Ansonsten bin Ich sicher, dass dieser Thread, in Verbindung mit dem Meinungsaustausch bei „Essen und Trinken“, genug über Herrn Lehmann aussagt.

          • Katharina

            Zu Deinen Fotos: So ist es, sie kommen ganz ohne Text auskommen – wahrlich! (Hattest Du dieses Mal wieder eine Ausstellung bei der Kochbuchmesse?)
            Nun, vielleicht beruhigt es Dich zu wissen, dass man als Leser zu diesen persönlichen Details eh Distanz hält. Außerdem gleicht man Texte, die stark von Meinungen statt Tatsachen geprägt sind, vor allem mit seiner eigenen Einschätzung ab. Das macht den Spaß daran ja aus, aber deshalb gibt man seinen Standpunkt nicht gleich auf. Ich fand ganz andere Aspekte an diesem Buch interessant, wie auch diesen Text hier, die ja eine ganz andere Thematik haben.
            Klar, als Betroffener sind Wadenbeisser ein kaum willkommene Spezies.

          • gourmetpilot

            danke für deine antwort. ich kommentiere anderer leute arbeit ja auch nie im netz. jeder hat seine berechtigung was auch immer zu schreiben oder zu photographieren. die qualitätsdiskussion ist immer ambivalent. guten geschmack hat auch nicht jeder.
            bei der kochbuchmesse hatte ich eine ausstellung, die sich um käse und marionetten handelte. mit diesem eigensinnigen ansatz, wollte ich auf spurensuche gehen und herausfinden, welcher caracter wohl zu welchem käse passt. alain ducasse war ganz begeistert, wollte aber lieber die ganze marionettensammlung von mir kaufen (1890 aus der tschechei). das will ich aber nicht. lieber die bilder verticken.

          • Katharina

            Klasse Idee. Hätte ich gerne gesehen. Viel Erfolg beim Verticken!

  3. Uwe Stark

    Hallo Katharina,
    ich fand das Buch zwar auch interessant, war aber nach der Lektüre etwas ernüchtert, mag sein sogar ein wenig enttäuscht, weil die auf dem Umschlag angekündigten Themen (z.B. “skandalöse Fakten über Johann Lafer, Paul Bocuse, Ferran Adrian und andere Gourmet Köche” oder “…blickt in die Töpfe renommierter Restaurants…”) nicht so intensiv wie von mir erwartet angegangen werden. Schwerpunkt ist die Molekularküche, ihre Verfechter und die Foodindustrie dahinter.
    Herzliche Grüße
    Uwe

    • Katharina

      Hallo Uwe, schön, Dich hier zu treffen! Dank Dir für Deine Einschätzung. Herzlichst Katharina

  4. Gerd

    Kritik immer da wo Sie an gebracht ist.

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