Interview: Kochbuchautorin und Gastgeberin Bianca Gusenbauer

Interview: Kochbuchautorin und Gastgeberin Bianca Gusenbauer

Zu Gast in der geheimen Schnatterei
Kulinarische Erzählungen in 12 Menüs
Bianca Gusenbauer, Jürgen Pletterbauer
Porträt © www.matschedolnig.com
Eigenverlag, 2012
Mehr über das Buch

Was passiert, wenn eine promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und ausgebildete Köchin sich auf ihre Leidenschaft besinnt und dem Lauf der Dinge eine neue Richtung geben möchte? Im Fall von Bianca Gusenbauer entsteht Die geheime Schnatterei. Ein „Ort“, an dem die Kunst des Gastgebens und der Zufall der Gäste zusammentreffen.

Katharina: Zu Gast in der geheimen Schnatterei! – das ist der Titel Deines Kochbuchs. Was ist Die geheime Schnatterei?

gusenbauer-schnatterei-coverBianca: Die geheime Schnatterei ist der Name meines Social Dining-Projektes, das ich 2010 ins Leben gerufen habe. Zu langweilig und kompliziert ist mir das Leben geworden, zu passiv in der Freizeitgestaltung und immer festgefahrener der Freundes- und Bekanntenkreis, in dem man sich bewegt. Von meinen vielen Reisen kenne ich hingegen ein Leichtigkeitsgefühl und Menschen mit interessanten Lebensläufen, die einen spontan und teilweise intensiv begegnen. Genau dieses Lebensgefühl und neue spannende Menschen habe ich in Wien zu vermissen begonnen. Aber mit Wien hat es eigentlich nichts zu tun, sondern mit einem Lebensstil, der sich in einem gewissen Alter plötzlich einschleicht.

Daher habe ich mir ein Projekt überlegt, bei dem ich genau das bekomme, was ich in meinem Alltag vermisst habe: spontane und offene neue Menschen in einem kulinarischen Rahmen zusammen bringen, da ich selber gerne koche und organisiere. Kurz gesagt: Gastgeber laden mich ein, dass ich bei und mit ihnen für uns gleichermaßen unbekannte Gäste koche und durch den Abend führe.

Katharina: Ein klassischer Supper-Club lädt in die eigene Räume ein. Du nicht. Du bereitest das Mahl vor, aber der Gastgeber ist jemand anderes. Warum hast Du Dich dafür entschieden, dass jemand anderes seine Türen öffnet und Fremde willkommen heißt?

Bianca: Ein Supper-Club am gleichen Ort wäre mir zu langweilig und zu wenig Konzept gewesen. Ich wollte Aufregung und Adrenalin auf allen Ebenen, da ich auch immer neue Rezepte ausprobiere. Durch neue Gastgeber ist jeder Abend einzigartig und nie vorhersehbar und es kommt zu keiner Routine. Die Zusammenarbeit mit den Gastgebern ist immer eine Herausforderung für mich, da ich sie und ihre Küchen meistens ja auch nicht oder nur kaum kenne, aber trotzdem das Küchenzepter schwinge.

Ich glaube, wenn man nie dabei war, kann man sich das nur schwer vorstellen, wie das funktionieren soll und welche Menschen dazu bereit sind, dass ich in ihrem Wohnraum Die geheime Schnatterei stattfinden lasse. Aber durch die Bereitschaft und Offenheit meiner Gastgeber und Gäste ist jeder Abend voll von positiver Energie.

Katharina: Als promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin hast Du ein besonderes Auge für Zusammenhänge zwischen Ökonomie und sozialen Aspekten des Zusammenlebens. Wie wirkt sich Wohlstand hierzulande tendenziell auf die Geselligkeit aus – theoretisch und praktisch? 

Bianca: Mit steigendem Einkommen und größeren Wohnraum werden die Menschen tendenziell komplizierter und unspontaner, d.h. die eigenen vier Wände werden immer seltener geöffnet. Vielmehr trifft man sich auswärts zum Essen und ein neues Biedermeiertum hat sich dadurch entwickelt: wenn dann mal eingeladen wird, dann muss alles perfekt sein und die Auswahl der Gäste ist gezielt getroffen worden. Die Einladungen werden dadurch bedeutungsschwanger und die Lockerheit und Offenheit der Studien- und Lehrzeit sind leider längst Vergangenheit.

Katharina: Zu meinem Erstaunen bist Du ein Fan der Sitzordnung. Wirkt sich eine Sitzordnung nicht extrem ungesellig aus?

gusenbauer-schnatterei-insideBianca: Ja, eine Sitzordnung ist sehr wichtig für einen Abend – insbesondere wenn es eine große Runde ist, wo es kein Tischgespräch mehr gibt und sich die Leute untereinander ja nicht kennen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die Leute erleichtert sind, wenn ihnen wenigstens diese Entscheidung abgenommen wurde und zumindest diese Struktur gegeben wurde. Aber ich erkläre immer sofort, nachdem wir an der Tafel Platz genommen haben, dass diese Sitzordnung nur für den ersten Gang gilt, d.h. nach dem Motto „neuer Gang, neue Chance“ mischen wir nach jedem Gang die Tischordnung ja wieder durch, sonst wäre mir das ja zu statisch.

Katharina: Welche Reaktionen erlebst Du bei Deinen Events? Was freut Dich besonders?

Bianca: Am meisten freut mich, wenn die Leute aktiv sind und verstehen, dass ich nur den Rahmen, aber keine Abendunterhalterin bin und auch nicht im Mittelpunkt des Abends stehen möchte. Nach dem Motto „Der Abend ist nur so gut wie seine Gäste“ fühle ich mich für den individuellen Verlauf des Abends nicht verantwortlich und freue mich sehr, wenn sich die Leute auf die Situation einlassen können.

Katharina: Zu Deinem Buch. Ich hätte nicht gedacht, dass man ohne Verlag so ein Buch stemmen kann. Es enthält 12 viergängige Menüs, ist reich bebildert inklusive Ablaufplan und Einkaufsliste. Letztere gibt es sogar online per Barcode als Google-Dokument, was ich großartig finde, denn ich vergesse dauernd meine Einkaufszettel. Das Buch wirkt extrem professionell. Welche Arbeit steckt dahinter und – unter uns – was hat Dich das gekostet?

Bianca: Das Buch war eine totale Bauchentscheidung, denn rückblickend betrachtet frage ich mich manchmal auch „Habe ich das wirklich gemacht? In der kurzen Zeit?“ Genau wie beim Entstehen der Geheimen Schnatterei, habe ich mir auch beim Kochbuch gedacht, wann, wenn nicht jetzt? Blauäugig und unerfahren habe ich mit dem Projekt begonnen und natürlich einen Fotografen, eine Layouterin und einen Lektor engagiert, die mich bei der Umsetzung unterstützten. Das wirtschaftliche Risiko habe ich allerdings alleine getragen und das war eine neue Erfahrung für mich. Als ich schön langsam die Kosten begriffen habe, gab es kein Zurück mehr und generell bin ich der Typ, begonnene Projekte durchzuziehen. Daher habe ich mich zwischendurch, als die Zweifel kurz aufgeflackert sind, damit beruhigt, dass sich andere Leute ein Auto und ich mir halt ein Kochbuch leiste. Aber grundsätzlich war ich schon überzeugt von dem Projekt, denn sonst hätte ich gar nicht erst damit begonnen und es war ja auch ein sehr persönliches Buchprojekt und nicht ein klassisches Kochbuch. Kleine Zweifel zwischendurch sind menschlich.

Katharina: Was ist der Schlüssel eines entspannten Abendessens mit Freunden und Fremden?

Bianca: Mut zur Lücke und Gelassenheit sind die wesentlichen Zutaten, um einen Abend genießen zu können. Als Vorbereitung würde ich daher empfehlen, immer ausreichend Brot selber zu backen oder einzukaufen und mindestens zwei der geplanten Speisen – Aperitif und Nachspeise – vorzukochen. Generell bin ich ein großer Fan des Aperitifs, wo es schon kleine, einfache Happen zu essen gibt und sich die Gäste entspannen und der erste akute Hunger gestillt wird. Gutes Brot und Olivenöl helfen auch, wenn ein Gang daneben gehen sollte und die Gäste noch Hunger haben. Generell begeistert selbst gebackenes Brot meine Gäste immer am meisten, obwohl es wirklich sehr einfach zu machen ist.
Außerdem, wer unsicher ist, keine unnötigen Experimente bei neuen Rezepten oder à-la-minute-Gerichte.

Katharina: Ein kurzes Wort zu den Ablaufplänen Deiner Menüs zwecks Vorbereitung: Schreibst Du Dir auch selber einen? Worauf muss man dabei achten?

gusenbauer-schnatterei-ablaufplanBianca: Wenn ich ein Menü zusammenstelle, dann denke ich den Ablauf gleich mit. Ich habe das mittlerweile internalisiert und im Rahmen meiner Kochausbildung oft Ablaufpläne zeichnen müssen, die mir natürlich beim Strukturieren geholfen haben.
Meine Ablaufpläne entstressen! Auch ungeübtere Köche und Köchinnen können dadurch problemlos 4-gängige Menüs kochen und dabei entspannt am Tisch sitzen. Es gibt ja nichts Schlimmeres, als wenn die Gastgeber nichts vom Abend haben und nur gestresst in der Küche stehen.

Katharina: Wie geht man als Gastgeber mit Küchenkatastrophen um?

Bianca: Das ist natürlich abhängig vom Ausmaß der Katastrophe, aber verschweigen hilft, denn die Gäste wissen ja nicht, was geplant war und überhaupt: man ist ja kein professionelles Lokal! Daher darf auch mal was daneben gehen und ist kein Weltuntergang. Gutes Brot mit Olivenöl oder Aufstrichen sättigt auch. Wer wirklich unsicher ist, sollte lieber eine Packung gute Nudeln, Knoblauch und Parmesan als Reserve einkaufen, um im wirklichen Worst-Case einfach einmal Spaghetti algio e olio zaubern. Das wichtigste ist aber immer: ruhig Blut!

Katharina: Wie würdest Du Deine kulinarische „Handschrift“ beschreiben? Was haben Deine Rezepte gemeinsam?

Bianca: Mein Fokus liegt auf regionalen und saisonalen Grundprodukten, d.h. ich verwende lieber einfache Zutaten und pimpe sie mit Gewürzen und Kräutern. Obwohl ich in Österreich geerdet bin, bin ich durch meine Reisen weltweit kochsozialisiert worden. Ich beherrsche alle Teige und Zubereitungsarten, aber lasse mich gerne von meinen Reisen inspirieren.

Katharina: Du schreibst zurzeit an einem zweiten Buch. Erzählst Du etwas davon bzw. kann man daran teilhaben? 

Bianca: Bei meinem neuen Projekt bin ich mit der geheimen Schnatterei on Tour und reise durch die Küchen meiner ausländischen Freunde. Seit März 2013 bin ich on Tour und schreibe darüber sowohl auf meinem Blog Gib Bianca Futter!, als auch in der österreichischen Tageszeitung derstandard.at. Ein schönes Kochreisebuch soll daraus entstehen.

Katharina: Vielen Dank!

Zu den Rezepten des Autors

Veröffentlicht im Dezember 2013

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