Interview: Kochbuchautor Jamie Oliver

Interview: Kochbuchautor Jamie Oliver

Interview zu: 7 mal anders.
Je 7 Rezeptideen für deine
Lieblingszutaten
Jamie Oliver
Fotos: Levon Biss
Dorling Kindersley Verlag (2020)
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Jamie Oliver gehört zu den prägendsten Autoren des Kochbuchmarkts. Als seine erste Rezeptsammlung „Kochen mit Jamie Oliver“ (engl. Titel: „Naked Chef“) 2002 erschien, löste er den sachlichen und unpersönlichen Duktus ab. Plötzlich durften wir beim Kochen Spaß haben. 23 Kochbücher und 18 Jahre später sieht die kulinarische Welt anders aus. Welches Konzept holt die Jamie-Fans jetzt ab? Ein Gespräch über gekochte Avocado, Fake-Aways und leere Kühlschränke.

Katharina: Herzlichen Glückwunsch, Jamie. „7 mal anders“ heißt dein neues Kochbuch. Es ist das erste Mal, dass eine Neuerscheinung zeitgleich in Deiner Heimat England und Deutschland erscheint. Erzähl uns bitte mehr über den Inhalt: Was erwartet den Leser und wie ist es entstanden?

Kochbuch von Jamie Oliver: 7 mal anders

Jamie: Dank dir. Nun, der Entstehungsprozess für „7 mal anders“ unterscheidet sich fundamental zu all meinen Kochbüchern zuvor. Normalerweise folge ich meiner Leidenschaft und Neugierde. Dieses Mal bin ich anders vorgegangen. Für „7 mal anders“ haben wir mit einer Analyse riesiger Datenmengen begonnen. Der Plan war, herausfinden, was die Menschen regelmäßig einkaufen. Unsere Idee war ein Kochbuch, mit dem der Leser direkt aus seinen Vorräten loskochen kann. Wir wollten, dass er nicht seine Einkaufsgewohnheiten ändern muss, und es ging auch nicht um die Frage, was man essen soll. Zusammen mit meinem 4-köpfigen Team habe ich zunächst vier Monate nur damit verbracht, diese Frage anhand der Daten zu analysieren. Das war erst mal echt langweilig.

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Der nächste Schritt war es, aus den wichtigsten Lebensmitteln – wie Brokkoli und Bratwurst – die Kapitel zu formulieren. Wir haben uns auf achtzehn konzentriert. Dann haben wir weitere zweihundert Grundzutaten ermittelt, die meist regelmäßig eingekauft werden. Damit stand das Setting fest, aus dem wir die Rezepte entwickelt haben, und um das Zusammenspiel davon mit einem Bild zu beschreiben: Die Hauptzutaten sollten die Bandleader sein, die Grundzutaten der Chor.

Katharina: Gab es bei der Analyse eine Überraschung für Dich?

Jamie: Ja, Avocado. Sie schmeckt lecker, hat eine tolle Textur, ist gesund, dabei wird sie hier nicht angebaut. Das Interessante bei unserer Recherche war jedoch auch die Feststellung, dass sie bei uns im Wesentlichen nur roh verwendet wird für Guacamole, Dips und Salate. Das war es. Bei meinen Reisen nach Mexiko und in Länder, in denen Avocado angebaut wird, sieht es ganz anders aus. Dort gibt es mehr Gerichte, bei denen sie gekocht verwendet wird. Das ist für viele erst mal eine Überraschung. Für mein Kochbuch habe ich genau das aufgegriffen.

Katharina: Was ist außerdem an Avocado interessant?

Kochbuch von Jamie Oliver: 7 mal anders

Jamie: Ernährungswissenschaftlich ist sie spannend, weil sie vor allem Fett enthält. Mit diesen Eigenschaften habe ich zunächst experimentiert und herausgefunden, dass sie verarbeitet wie Olivenöl einsetzbar ist. Das habe ich in die Rezepte einfließen lassen. Darauf baut zum Beispiel die Avocado-Quiche mit Erbsen und Käse auf und die Avocado-Hollandaise, die angelehnt ist an den Klassiker. Beides schmeckt fantastisch und die Sauce gerinnt übrigens bei Weitem nicht so schnell wie mit Eiern zubereitet. Ich bin super gespannt und hoffe sehr, die Leute mögen diese neuen und modernen Gerichte.

Katharina: Sind alle Rezepte so innovativ?

Jamie: Nein. Mir kam es bei „7 mal anders“ auf die richtige Balance an. Mir war wichtig, dass das Kochbuch den Lesern auch vertraute und super leckere Wohlfühlrezepte bietet. Ich glaube aber, dass die Menschen offener geworden sind gegenüber neuen Geschmäckern und Methoden. Sie haben mehr Lust, auszuprobieren. Deshalb habe ich Aromen und Techniken fremder Länderküchen wie aus Südamerika, Asien und Indien einfließen lassen, die ich spannend finde und die es lohnt zu kennen.

Kochbuch von Jamie Oliver: 7 mal anders

Außerdem sollten die Rezepte auch preiswert sein. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist mein One-Pan-Gericht Pasta mit Blumenkohl und Käse, dass hier in England 44 Cent pro Portion kostet. Es schmeckt super gut: cremige Spaghetti mit knusprigen Knoblauch-Bröseln. Meine ganze Familie liebt es! Was mich als Kochbuchautor aber so richtig zufrieden daran macht, ist die Tatsache, dass das Rezept auf Zutaten basiert, die die Leute im Grunde fast immer zu Hause haben, und dass es Leftovers reduziert. Die Brotbrösel lassen sich aus altbackenem Brot zubereiten, was eine klasse Sache ist, denn wir werfen 30–40 Prozent des Brotes weg.

Katharina: Eine Reihe der Rezepte nennst Du „Fake-Away statt Take-away“. Was hat es damit auf sich?

Jamie: Immer mehr Leute kaufen und bestellen Take-Away-Essen. Auslöser hierfür sind die digitalen Anwendungen. Es ist so einfach geworden! Das ist im Grundsatz natürlich in Ordnung. Aber die Wahrheit ist, dass selbst Take-Aways, die preiswert sind, es nicht wirklich sind. Deswegen habe ich mir die beliebtesten Gerichte angeschaut und meine Version als Rezept im Kochbuch aufgenommen.

Katharina: Nigel Slater sagte einmal, dass er möglichst wenig nach rechts und links sieht, um sich auf seine Idee von Food zu fokussieren. Wie gelingt Dir das?

Jamie: Ich schätze Nigel und seine Arbeit – auch für seine Haltung, die du gerade beschrieben hast. Wenn Du ein Autor bist, der eine klare Vorstellung hat über das Konzept von Rezepten, und genau weißt, was die Philosophie eines Gerichts und daran relevant ist, dann ist es klug, sich Vorwärts zu fokussieren. Mit einer Ausnahme: der Blick in die Vergangenheit. Wahrscheinlich die einzigen Bücher, die ich kaufe, sind sehr alte Kochbücher – 200 bis 300 Jahre alt. Vor einem halben Jahr habe ich einen ganzen Tag in einer britischen Bibliothek verbracht. Ich wollte besser verstehen, aus einer eher ethnologischen Perspektive, was die Menschen damals gemacht haben, wer hat gekocht, was gab es für Rezepte und Fleisch-Zuschnitte. Ich finde das faszinierend. Man entdeckt Muster, die sich wiederholen. Das gilt auch für mich und meinen Food-Aktivismus – das ist nicht neu, das passiert etwas alle 50 Jahre.

Katharina: Eine letzte Frage: Was fordert Deine Kreativität mehr heraus – ein leerer oder ein voller Kühlschrank?

Jamie: Definitiv ein leerer.

Katharina: Herzlichsten Dank, Jamie!

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Veröffentlicht im September 2020

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