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Katharina Höhnk

Interview mit Arta Ramadani zu ihrem Kochbuch „Brot, Salz und Herz“

Brot, Salz und Herz – Familienrezepte aus dem Kosovo, Arta Ramadani & Halim Meißner, Fotos: Halim Meißner & Christina Lourenço, Wieser Verlag (2022)

Schon einmal von Fli, Kifle oder Revani gehört? Das sind Spezialitäten aus dem Kosovo. Über die Köstlichkeiten, aber auch die Landesküche generell ist in Deutschland wenig bekannt. Das ist erstaunlich, denn ein stattlicher Bevölkerungsanteil ist hierzulande biografisch mit der jungen Republik verbunden. Zudem ist das Land lediglich knapp 1.300 km entfernt, eine Tagesreise.

Arta Ramadani, Journalistin aus Mainz und geboren in Pristina, ändert das nun. Sie ist zusammen mit ihrem Schwager Halim Meißner, einem ausgebildeten Koch, Autorin der frisch publizierten 94-Seiten-Rezeptsammlung Brot, Salz und Herz.

Im Mittelpunkt stehen 16 Familienrezepte ihrer albanischen Großmütter Zelihe Rahimi-Ramadani (1932-2016) und Havishe Bernjashi-Veliu (1932-2018). Arta Ramadani informiert über deren Zubereitung, Geschichte und Bedeutung der kosovarischen Nationalgerichte bis heute. Ich habe ihr dazu interviewt.

 

Katharina Höhnk: Eure Rezeptsammlung verspricht Familienrezept aus dem Kosovo. Wie ist das Kochbuch entstanden?

Kochbuch von Arta Ramadani & Halim Meißner: Brot, Salz und Herz

Arta Ramadani: Während des zweiten Lockdowns waren wir, wie so viele Menschen in der BRD, zu Hause. Wie so viele Bundesbürger haben wir auch Brot gebacken. Eines Tages fiel uns die Rezeptansammlung unserer Mutter in die Hände, die sie 1994 mitgebracht hatte, als wir mit wirklich wenig nach Deutschland kamen. Da war es um uns geschehen. Wir haben begonnen, einige Speisen unserer Mutter zu kochen bzw. zu backen. So entstand die Idee, ein Kochbuch daraus zu machen, weil wir dachten, es sei doch wunderbar diese leckeren Rezepte mit den Menschen in Deutschland zu teilen.

Katharina: Welche historischen und regionalen Einflüsse kommen in der Küche zusammen?

Arta: Nun, wenn ich was gelernt habe während der Recherche zu diesem Kochbuch, dann eines. In diesen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens verhält es sich mit „Burek und Kifle“, genau wie mit „Hummus und Falafel“ im Nahen Osten. Sie essen ähnliches Essen und wenn sie satt sind, dann gehen sie aufeinander los.

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Das war für mich die größte Überraschung, dass fast alle, ob Kroaten, Bosnier, Serben oder Albaner, Kifle, Burek, Revani und Gurabia essen. Das ist eindeutig auf die osmanischen Eroberer zurückzuführen, die fast 500 Jahre auf dem Balkan herrschten. Sie brachten nicht nur den Islam gewaltsam ins Land, sondern veränderten auch das Leben und die Essgewohnheiten der Einheimischen.

Bis heute werden in meiner Familie Geschichten erzählt, wie die Einheimischen dem Osmanischen Reich dienten als Berater, Soldaten oder Köche. Selbst die bekannte türkische Kochbuchautorin Nevin Halici bestätigt, dass die Türken beeinflusst wurden von den Küchen der Länder, die sie durchquerten.

Katharina: Welche landwirtschaftlichen Erzeugnisse spielen in der traditionellen Küche des Kosovo eine stärkere Rolle als hierzulande?

Kochbuchautoren Arta Ramadani & Halim Meißner
Kochbuchautoren Arta Ramadani & Halim Meißner

Arta: Der Kosovo ist ein sehr fruchtbares Land, dort wächst fast alles. Neben Obst, Gemüse, Wein, die dort auf dem Land angebaut werden, hat auch der Fleischkonsum eine hohe Bedeutung. Neben Rindern und Hühnern, werden dort auch Büffel, Puten, Schafe und andere Nutztiere gehalten. Die Menschen essen im Kosovo heute gerne und viel Fleisch, im Gegensatz zu der Küche meiner Großmütter.

Nach wie vor hat aber Weizenmehl Kultstatus dort. Ich denke, viele Brote und viele Teiggerichte werden nach wie vor aus Weizenmehl hergestellt. Es spielt in der traditionellen Küche des Kosovo eine stärkere Rolle als hierzulande.

Katharina: In eurem Kochbuch stellt ihr kulinarische Klassiker der Küche in ihrem kulturellen und sozialen Kontext vor, was bis in die Gegenwart reicht. Über die Nationalspeise Fli – Kuchen der Sonne – berichtest Du, dass er beliebt sei bei jungen Leuten, um ihre Heimatverbundenheit in den Sozialen Medien mit dem Land ihrer Eltern auszudrücken. Welcher weitere Aspekt hat Dich bei der Recherche für das Kochbuch überrascht?

Kochbuch von Arta Ramadani & Halim Meißner: Brot, Salz und Herz
Kochbuch von Arta Ramadani & Halim Meißner: Brot, Salz und Herz

Arta: Überrascht hat mich die Tatsache, dass es kaum Kochbücher gibt über die Küche der Albaner im deutschsprachigen Raum. Es gibt einen einzigen Koch, der für mich ein stiller Held ist. Bledar Kola heißt er. Er hat sein eigenes Restaurant in Tirana, „Mullixhiu“, und hat die Küche der Albaner in Westeuropa bekannter gemacht. Er hat auch vor ein paar Jahren ein Kochbuch in deutscher Sprache veröffentlicht. Seine Kenntnisse haben mir sehr geholfen, unser Kochbuch zu gestalten. Ich habe ihn oft zitiert und bin dankbar, dass es ihn gibt.

Die Albaner haben viel zu bieten, landschaftlich und landwirtschaftlich. Leider sind sie sich dessen oft nicht bewusst. Sie haben sehr viel Leid, Hass, Ablehnung, Diskriminierung erfahren. Heutzutage lehnen sie zum Teil ihr eigenes Essen und ihre eigene Kultur ab. Selbst ich musste eine etwas traurige Erfahrung machen.

Als ich befreundeten Albanern erzählte, dass mein Schwager und ich ein Kochbuch schreiben über die Küche meiner Großmütter, kamt prompt, wie aus der Pistole geschossen: „Was gibt es denn da zu erzählen?“ Ich habe verstanden, dass viele Albaner ihr eigenes Essen, ihre eigene Kultur zum Teil für minderwertig halten. Da sind Menschen wie Bledar Kola unglaublich wichtig. Sie werten die albanischen Speisen auf, geben den Albanern so etwas wie Würde.

Kochbuch von Arta Ramadani & Halim Meißner: Brot, Salz und Herz
Kochbuch von Arta Ramadani & Halim Meißner: Brot, Salz und Herz

Positiv berührt und wirklich fasziniert hat mich meine Mama. Ich habe sie durch die Gestaltung dieses Buches viel besser kennengelernt. Meine Mama ist eine sehr starke und tapfere Frau, die immer berufstätig war. Sie ist aber keine passionierte Köchin. Das, was sie kocht und backt, schmeckt gut, aber sie tut sich schwer in der Küche. So hat sie bereits in Prishtina begonnen, als junge Frau Rezepte aufzuschreiben, was sie interessant fand, wenn sie mal zum Essen eingeladen wurde, oder eben was ihre Mutter und später dann die Schwiegermutter gekocht haben. Sie tat das, um Inspirationen zu bekommen und um unseren Speiseplan zu Hause aufzupeppen. Dies wurde die Rezeptansammlung, die sie 1994 nach Deutschland mitgebracht hat, als wir hierher kamen. Wir hatten wirklich nicht viel dabei, Klamotten, Papiere und etwas Geld. Und dieses Rezeptbuch.

Katharina: Welche Rolle spielt Brot in der Küche der Albaner?

Arta: Das Brot hat in der albanischen Kultur Alleinstellungsmerkmal. Es war lange Zeit Grundnahrungsmittel. Die Albaner im Kosovo kennen gute Zeiten, aber auch schlechte Zeiten. Vor allem als die Milošević-Regierung an die Macht kam, verloren viele Albaner im Kosovo ihre Arbeit und lebten unter harten Bedingungen, geprägt von Angst und Armut. Brot aus Weizenmehl oder Maismehl hat viele Familien für eine lange Zeit satt gemacht.

Oft ersetzt das Wort „Bukë“ (Brot) Begriffe, wie Mittag- oder Abendessen. Dann heißt es bis heute noch vor allem im ländlichen Gebiet oder im alltäglichen Gebrauch: „A ke honger bukë“ anstatt „Hast Du schon zu Mittag gegessen“. Das Brot ist den Albanern bis heute heilig!

Katharina: Euer Kochbuch umfasst 16 Familienrezepte. Welches ist Dein persönlicher Favorit?

Arta: Mein persönlicher Favorit sind die Hörnchen, wir nennen sie Kifle (Foto oben), weil sie mich sofort in meine Kindheit zurückversetzen, an eine Zeit als ich umgeben war von Tanten, Großmüttern, an eine Zeit mit der ich Leichtigkeit, Harmonie und sehr viel Liebe in Verbindung bringe.

Kifle sind multifunktional einsetzbar und schmecken köstlich. Aber, auch die Nationalspeise Fli weckt bei mir nostalgische Gefühle. Oder die Pogatsche, die ich sehr liebe. Ich liebe die Brotkultur der Albaner. Diese Brote kann man süß und salzig essen und sie schmecken immer gut, auch nach Tagen. Wenn ich mich entscheiden müsste, dann würde ich mich immer für die Kifle und die Pogatsche entscheiden.

Ich habe für mich beschlossen, dass ich, egal wo ich lebe, egal wo ich hingehe, durch diese Rezepte, durch dieses Buch immer ein Stück albanische Identität bei mir haben werde. Dieses Stück Identität, das Essen meiner Großmütter, das Essen meiner Kindheit aus dem Kosovo, kann ich überall ausleben und mitnehmen, das kann mir nie jemand wegnehmen. Egal ob ich in Mainz, in Berlin, Hamburg oder auf Hawaii lebe. Selbst bei meiner Freundin Elea in New York kann ich die Rezepte meiner Großmütter kochen. Das zu wissen und sich dessen bewusst zu sein, ist ein sehr schönes Gefühl.

Katharina: Vielen Dank und viel Erfolg für euer Kochbuch!

Veröffentlicht im Januar 2023

3 Kommentare

  1. Birgitta

    Zu diesem Kochbuch gibt es leider keinen „Blick-ins-Buch“ – nicht einmal beim Verlag. Sehr bedauerlich, denn so könnte der kochbegeisterte Leser erfahren, ob der Inhalt seinen Erwartungen entspricht. Nach dem Bericht im SWR habe ich mir das Buch freudig und interessiert bestellt. Das Durchblättern hat mich dann jedoch ziemlich enttäuscht. Durch den TV-Bericht hatte ich mehr erwartet. Vor allem mehr Rezepte, vielseitigere, allgemeinere Rezepte und weniger Brotrezepte. Schade.
    Liebe Grüße
    Birgitta

    • Katharina

      Liebe Birgitta, vielen Dank für Deinen Kommentar. Das tut mir Leid. Ja, es ist immer sehr schade, wenn es keinen „Blick-ins-Buch“. Ich finde das online auch so wichtig. Wegen Deiner Zeilen auch an dieser Stelle der Hinweis von oben nochmal, dass es sich gesamt um 16 Rezepte und deren kulturelle Bedeutung bis heute handelt. Vielleicht nochmal aus diesen Aspekt mehr betrachten? Herzlichst Katharina

      • Birgitta

        Liebe Katharina, danke für Deine Antwort. Ja, ich hatte mir das im Hinblick auf den Hintergrund des Buches auch wirklich lange überlegt…. auch, weil die Arta Ramadani mir durch den Film sehr sympathisch war und mich ihre Idee absolut überzeugte. Aber für manche Gerichte, wie z.B. den Paprika-Dipp, u.a. benötige ich wirklich kein Rezept und da schrumpft die echte Rezept-Anzahl ziemlich schnell… Ein paar der Brot- oder besser gesagt Gebäckrezepte fand ich schon interessant, aber letztendlich sind 25,-€ dafür schon viel. Auch, wenn es hier für einen guten Zweck wäre.
        Herzliche Grüße Birgitta

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