Interview: Kochbuch-Verleger Joachim Graff

Interview: Kochbuch-Verleger Joachim Graff

Foto: privat

Joachim Graff ist Geschäftsführer des Walter Hädecke Verlags. Der familiengeführte Kochbuchverlag mit Sitz in Weil der Stadt feiert dieses Jahr sein 90-jähriges Jubiläum. Herr Graff nimmt seit den 60ern Jahren als Aussteller an Frankfurter Buchmesse teil und kennt das Business bestens.

Valentinas-Kochbuch.de: Herr Graff, Sie nehmen als Aussteller des Walter Hädecke-Verlages seit den 60ern an der Frankfurter Buchmesse teil. Was steht für Sie bei dabei im Mittelpunkt?

Joachim Graff: Auf der Buchmesse stehen für uns die persönlichen Kontakte im Mittelpunkt und die immer wieder spannende Reaktion der Buchhändler, Journalisten und des Publikums auf unsere Neuerscheinungen. In jedem Buch steckt ja eine Menge Herzblut, sowohl der Autoren als auch der Lektoren und Buchgestalter. Die Messe ist für uns der „Marktplatz“, an dem wir aus erster Hand erfahren, wie die Bücher, die wir „angerichtet“ haben, den Leserinnen und Lesern „schmecken“.

Der zweite sehr wichtige Faktor ist der Blick über den Tellerrand auf die Kochbücher, die bei den Kolleginnen und Kollegen im Ausland gemacht wurden oder vorbereitet werden. Da wir als kleiner Verlag keine Literaturagenten oder Scouts haben, gehen wir in Frankfurt gerne als „Topfgucker“ auf Entdeckungsreise zu den bekannten großen Verlagen und mit besonderer Spannung zu kleineren, weniger bekannten Häusern, die zum Teil echte Überraschungen bieten. Das können Verlage in England oder USA sein, die (was manche immer noch überrascht) kulinarisch ganz hervorragende Bücher machen, wie Verlage in Ländern, die für ihre gute Küche bekannt sind, wie Frankreich oder Italien, und Häuser in anderen Nachbarländern wie Holland oder Skandinavien, deren Küchen leichter kompatibel sind.

Valentinas-Kochbuch.de: Wie sieht die Praxis des Lizenzgeschäfts aus?

Joachim Graff: Aus der eben beschriebenen „Trüffelsuche“ resultieren dann im selben oder folgenden Jahr konkrete Lizenzverhandlungen, oft mit knappen Messeterminen im Halbstunden-Takt. Wir treffen allerdings selten ad-hoc-Entscheidungen und bitten meistens um ausführliches Material nach der Messe, stellen aber häufig fest, dass unser erstes Bauchgefühl später bestätigt wird und wir richtig schöne neue Kochbücher entdeckt haben. Dazu gehört zum Beispiel ein kleines „Risotto“-Kochbuch, das sich zum Best- und Dauerseller entwickelt hat, oder eines mit Rezepten für „Tajines“, das sehr schnell eine zweite Auflage erlebt hat. Eine meiner ersten Lizenzeinkäufe war ein Buch, das wir heute noch im Programm haben, „Die Kunst des Kochens“ mit Rezepten von Toulouse-Lautrec. Bei einem Messerundgang mit meiner Frau, Innenarchitektin mit enormem Kunstversand und bis heute die beste Kochbuchlektorin im Verlag, stießen wir bei einem Schweizer Kunstverlag auf dieses wunderschöne Buch. Obwohl das schon über 40 Jahre her ist, bin ich auf diese Entdeckung immer noch stolz, zumal wir für die Übersetzung und deutsche Bearbeitung einen der besten Kochbuchautoren gewinnen konnten, den damaligen Fernsehkoch Horst Scharfenberg.

Valentinas-Kochbuch.de: Wenn Sie überlegen, ob Sie eine Kochbuch-Lizenz einkaufen, wie prüfen Sie die Qualität der Rezepte?

Joachim Graff: Die Frage führt mich direkt zu einem ganz wesentlichen Kriterium beim Einkauf von Kochbuchlizenzen. Ohne einen kulinarisch versierten Übersetzer und/oder Bearbeiter der deutschen Ausgabe geht es nicht. Es gibt immer Unterschiede, die man berücksichtigen muss. Das beginnt bei verschiedenen Maßeinheiten und endet bei speziellen Zutaten, die man hierzulande nicht oder nur schwer bekommt und für die geschmacklicher Ersatz gefunden werden muss. Trotz des oben erwähnten Bauchgefühls kann es bei genauerer Prüfung zu einer Magenverstimmung kommen, die uns von der Veröffentlichung abhält. Daher machen wir auch bei Rezepten, die uns merkwürdig erscheinen, Stichproben. Wenn die nicht stimmen, wird das Buch nicht gemacht, sei das Thema auch noch so verführerisch. Gute Lektor(inn)en müssen aber nicht jedes Rezept nachkochen. Wie ein Dirigent, der eine Partitur vor sich hat und sich schon sehr genau vorstellen kann, wie das Werk klingen wird, wissen sie beim Lesen des Rezepts ziemlich genau, wie es schmecken wird.

Beim Einkauf von Lizenzen werden sehr oft Bücher eingekauft, die noch gar nicht erschienen sind, für die es aber fertige Konzepte, Musterseiten und Fotos gibt. Eigentlich ist das ganz ähnlich wie beim Kauf eines Hauses oder einer Wohnung, die erst in Planung ist und für die es fertige Pläne, Ansichten, evtl. Computeranimationen gibt, anhand derer man sich genau vorstellen kann, wie das Objekt später aussehen wird. International agierende Verlage bieten Ihrer Bücher auf diese Art an und sind als „packager“ darauf seit vielen Jahren spezialisiert.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Die für mehrere Sprachen gleichzeitig produzierten Bücher werden wesentlich preisgünstiger, weil das, was wirklich Geld kostet, die so genannte „Vorstufe“ auf eine wesentlich höhere Gesamtauflage verteilt wird.

Valentinas-Kochbuch.de: An welche Länder verkaufen Sie Ihre Lizenzen vorwiegend?

Joachim Graff: Hier haben in den letzten Jahren zunehmend osteuropäische Verlage an Bedeutung gewonnen. Aber auch Verlage in Frankreich oder den BeNeLux-Ländern sind interessante Partner und gelegentlich gab es sogar Verträge mit Verlagen in New York oder San Francisco.

Valentinas-Kochbuch.de: Welches Kochbuch in Ihrem Regal weist die meisten Gebrauchsspuren und Notizen auf?

Joachim Graff: Es gibt zwei Kochbücher, die mit Randbemerkungen und Notizen gespickt sind wie ein Rinderbraten: Das „Kochbuch für die Hausfrau von heute“ unseres bereits erwähnten Autors Horst Scharfenberg, das für den sinnvollen Einsatz elektrischer Küchengeräte im Haushalt geschrieben wurde, zur Zeit aber nicht lieferbar ist, und unser Klassiker, das „Kiehnle Kochbuch“, das den Verlag beinahe seit seiner Gründung vor 90 Jahren begleitet. Darin findet man so gut wie alles vom Eierkochen bis zum großen Gänsebraten, der in den kommenden Wochen wieder aktuell ist.

Valentinas-Kochbuch.de: Besten Dank!

Toulouse

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Veröffentlicht im Oktober 2009

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