Interview: Kochbuch-Übersetzerin Susanne Kammerer

Interview: Kochbuch-Übersetzerin Susanne Kammerer

Ich koche zu gerne aus englischsprachigen Kochbüchern. Dabei macht sicherlich Übung den Meister, aber ich stolpere regelmäßig über fremde Zutaten und Begriffe, die mich zu genaueren Recherche “nötigen”. Wie ergeht es wohl einem Profi? Als ich die Kochbuch-Übersetzerin Susanne Kammerer anlässlich meines Adventskalenders kennen lernte, sah ich meine Gelegenheit für einige Fragen gekommen.

Valentinas-Kochbuch.de: Wie bist Du Kochbuch-Übersetzerin geworden?

Susanne Kammerer: In meinem ersten Job als Übersetzerin habe ich Computerhandbücher übersetzt. Die anfängliche Freude über den ersten Job und die Tatsache, dass ich nun endlich etwas mit meinem geliebten Englisch anfangen konnte, war schnell dahin und ich musste einsehen, dass das einfach nicht meine Welt ist. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Denn ich war Übersetzerin geworden, weil ich den kreativen Umgang mit Sprache liebe.

Generell habe ich als Berufsanfänger zunächst so ziemlich alles übersetzt, was angefragt wurde. Was bedeutet, dass ich mich für jeden Auftrag in ein spezielles Fachgebiet einarbeiten musste. Das war äußerst zeitintensiv und nicht wirklich befriedigend. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis mir klar wurde, dass ich mich auf ein Fachgebiet spezialisieren muss und zwar auf eines, das mir wirklich Spaß macht. Ein Blick auf meine Kochbuchsammlung – und die Entscheidung war gefallen.

Dafür erntete ich zwar anfangs noch ungläubige Blicke oder wurde auch schon mal milde belächelt („Englische Kochbücher? Was soll DAS denn sein? Seit wann können denn die Engländer kochen, haha…“ – das höre ich auch heute noch von uninformierten Zeitgenossen…), aber ich wollte es zumindest probieren. Ich verschickte eine ganze Menge Blindbewerbungen und bekam genau eine Chance. Ich durfte für den Christian Verlag eine Probeübersetzung anfertigen, was schließlich dazu führte, dass ich vor mittlerweile zwölf Jahren meine erste „richtige“ Übersetzung angeboten bekam: ein wunderschönes Buch über Schokolade (Das Schokoladenkochbuch von Patricia Lousada). Und da wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Mittlerweile übersetze ich drei bis vier Bücher pro Jahr. Dabei kommt es natürlich sehr darauf an, welchen Umfang und welchen Schwierigkeitsgrad die Übersetzungen haben, und wie ich den oft nervenzermürbenden Spagat als selbständige (Vollzeit-)Übersetzerin und (Vollzeit-)Mutter hinbekomme, da ich zwei Kinder habe.

Kochen, Backen, Genießen und Sprache – das alles liebe ich sehr. Und das ist auch deshalb unglaublich wichtig, weil Übersetzen, wie so viele andere Jobs, oft richtige Knochenarbeit ist, der ohne diese Liebe und Begeisterung sowohl die Motivation als auch die Seele fehlen würde. Das Gute am Übersetzen von Kochbüchern ist natürlich auch, dass man ständig sein Wissen erweitert, neue Anregungen erhält und interessante Rezepte kennen lernt. Ein Wermutstropfen ist allerdings, dass man sich bei knappen Abgabeterminen privat auf schnelle Küche beschränken muss, weil kaum Zeit zum Kochen bleibt – wenn man da gerade Drei-Sterne-Rezepte übersetzt, kann das schon etwas deprimierend sein…

Valentinas-Kochbuch.de: Worin liegen die Besonderheiten bei Übersetzung von kulinarischen Werken?

Susanne Kammerer: So unterschiedlich Kochbücher sind, so unterschiedlich sind auch die Probleme, auf die man beim Übersetzen stoßen kann.

Zunächst wäre da mal der „äußerliche Unterschied“ zwischen dem Englischen und dem Deutschen: Die deutsche Übersetzung ist um etwa 20 % länger als der englische Ausgangstext, was für das Layout eines Kochbuchs bzw. für die Übersetzung, die gegebenenfalls entsprechend gekürzt werden muss, durchaus problematisch sein kann.

Dann gibt es nicht nur Unterschiede im britischen und amerikanischen Englisch, in der individuellen Ausdrucksweise der Autoren und der Art des Kochbuchs (viele oder gar keine Anekdoten, blumiger oder sachlicher Text, viel oder gar keine Warenkunde, Anfänger- oder Sternekochbuch, Themen- oder Länderküchekochbuch, usw.), sondern auch Unterschiede in den landestypischen Zutaten, die entweder schwer oder gar nicht in Deutschland erhältlich sind und eventuell für deutschsprachige Kochbuchleser ersetzt werden müssen.
Das ist zum Beispiel bei britischen Milchprodukten und amerikanischen Zuckersorten noch vergleichsweise einfach, bei exotischen Obst- und Gemüsesorten oder bei Spezialprodukten, die es nur im Gastronomiefachhandel gibt, schon komplizierter.
Derzeit bin ich auf der Suche nach einer typisch britischen Süßigkeit, die in einem raffinierten Sternedessert verwendet wird und die ich selbst nicht kenne und daher auch nicht weiß, durch welche deutsche Süßigkeit ich sie ersetzen könnte. Für eine solche Recherche kann dann schon mal richtig Zeit draufgehen.

Generell recherchiere ich im Internet, das für schwierige Zutaten und alles Aktuelle unschlagbar ist. Auf diese Weise trifft man auch „reale Menschen“, die einem teilweise wunderbar weiterhelfen. Eine Übersetzung ohne Internet ist für mich kaum noch vorstellbar. Natürlich arbeite ich auch mit den einschlägigen Lexika, Wörterbüchern, Kochschulen und Themenkochbüchern, die ich in ihrer Papierform nicht missen möchte.

Schwierig sind auch Kochbücher, in denen als Mengenangabe nur „cups“ zu finden sind, da 1 cup Zucker logischerweise nicht dasselbe Gewicht hat wie 1 cup Salat. Auch wenn vor einigen Jahren der Assistent einer Autorin etwas ungehalten nachfragen ließ, was an folgender Umrechnung so kompliziert sei: 5 cups green salad wären doch einfach 1,2 Liter Salat, basta! So einfach kann Umrechnen sein :-).

Die Verlage haben zwar Umrechnungslisten, die sie den Übersetzern zur Verfügung stellen, und in denen auch viele Zutaten aufgeführt sind, aber eben meist nicht alle, die man benötigt. Und als Übersetzerin habe ich gewöhnlich nicht die Zeit, größere Vergleichsstudien durchzuführen. Einzelne Zutaten wiege ich natürlich schon mal nach, aber zum Glück sind Kochbücher mit cup-Angaben eher die Ausnahme.

Ansonsten können auch Kochbücher mit geschichtlichem Hintergrund, viel Länderkunde und einer ausgedehnten Warenkunde (wie das Standardwerk zum Thema Currys von Madhur Jaffrey) und mit detaillierten Beschreibungen von Lebensmittelverarbeitung und -zubereitung und Tierhaltung (wie Das Duchy Originals Kochbuch von Johnny Acton und Nick Sandler) extrem rechercheintensiv sein.

Da Übersetzer nach übersetzten Standardseiten (und nicht etwa nach der tatsächlich aufgewendeten Zeit) bezahlt werden, kann die Qualität einer Übersetzung sehr variieren, je nachdem, wie ernst ein Übersetzer seinen Beruf nimmt und wieviel Zeit er/sie in seine Arbeit zu investieren bereit ist.

Ganz heikel – und zum Glück wohl auch eher die Ausnahme – sind Übersetzungen von Übersetzungen. Das habe ich bisher nur einmal erlebt, und ich kam mir dabei vor wie bei dem Spiel „Stille Post“. Da geht unterwegs einfach zuviel verloren, vor allem, wenn der „erste Übersetzer“ offensichtlich keine Lust zum Übersetzen hatte und u.a. meint, pineapple mit pamplemousse übersetzen zu müssen, munter einige Mengenangaben verändert und willkürlich Zutaten unterschlägt… In solchen Fällen empfiehlt es sich, als idealistischer „zweiter Übersetzer“ das Original anzuschaffen und Wort für Wort zu vergleichen (Stichwort unverhältnismäßiger Aufwand…).

Valentinas-Kochbuch.de: Was passiert mit Dir beim Übersetzen von Rezepten? Bekommst Du z. B. Hunger?

Susanne Kammerer: Beim Übersetzen kann so einiges passieren – zuallererst wächst natürlich meine persönliche Nachkochliste. Es gibt kein Kochbuch, in dem ich nicht beim Übersetzen Rezepte gefunden hätte, die ich unbedingt nachkochen wollte. Während einer Übersetzungsphase fehlt mir leider oft die Zeit, so richtig ausgedehnt zu kochen. Schnelle (frische) Küche finde ich generell in Ordnung, aber nicht auf Dauer, da fehlt mir einfach was.

Besonders viele Rezepte habe ich aus Madhur Jaffreys Currys nachgekocht, das ich allen Liebhabern der indischen Küche wärmstens empfehlen kann. Es gab kein einziges Rezept, das ich nicht noch einmal kochen würde (bzw. bereits vielfach gekocht habe), und das nicht wirklich köstlich und hocharomatisch war. Besonders reizvoll finde ich auch mein letztes Übersetzungsprojekt, ein Drei-Sterne-Kochbuch. Zum Nachkochen eines der Gerichte (oder gar eines ganzen Menüs) braucht man allerdings richtig viel Freizeit, daher werde ich das wohl in eine Übersetzungspause verlegen müssen.

Allerdings sieht man beim Übersetzen auch gleich, dass einige der Einzelkomponenten, aus denen die Gerichte bestehen, wunderbar ins bereits vorhandene Repertoire passen bzw. sich bestens mit weniger zeitaufwendigen Gerichten kombinieren lassen und so wieder in greifbare Nähe rücken. Zudem lernt man bei anspruchsvollen Übersetzungen natürlich auch ausgefallenere Zubereitungsmethoden und Kombinationen kennen. Und ja, ich bekomme regelmäßig Hunger beim Übersetzen 🙂

Schließlich stoße ich bei meiner Tätigkeit auch auf Zutaten, die ich noch nicht oder in genau dieser Kombination bisher nicht kannte und werde auf diese Weise angeregt, neue Produkte ausfindig zu machen, was im besten Fall eine Bereicherung und im schlimmsten Fall eine interessante Erfahrung bedeutet.

Dann finde ich beim Recherchieren im Internet häufig neue interessante Infoseiten oder auch Foodblogs, die ich noch nicht kannte. Das ist natürlich eine gute und hilfreiche Sache, man muss nur aufpassen, dass man den Faden nicht verliert und vor lauter Infos nicht mehr zum Übersetzen kommt…

Apropos Foodblogs: Ich bin schon seit Jahren großer Foodblogfan und finde es immer wieder genial, wie unkompliziert man bei Fragen zu diversen Rezepten zuverlässig Antwort und Hilfestellungen bekommt – und wie nett die Menschen sind, die sich so intensiv mit kulinarischen Themen beschäftigen. Ich habe selbst schon sehr viele Rezepte aus deutsch-, englisch- und französischsprachigen Foodblogs nachgekocht und nachgebacken, für mich sind diese Vielfalt und die dazugehörigen Erlebnisberichte das reinste Paradies – privat und beruflich.
Und so verschlinge ich auch die Bücher von Foodbloggern und -bloggerinnen; die meisten davon sind außerordentlich inspirierend und eine zuverlässige Quelle für wirklich gute Rezepte, da sie von „ganz normalen Menschen im ganz normalen Alltag“ immer wieder getestet und weiterentwickelt wurden und deshalb auch funktionieren.

Valentinas-Kochbuch.de: Du warst an der Übersetzung der deutschen Ausgabe vom Larousse Gastronomique beteiligt. Ein Mammutprojekt! Wie sieht so ein Projekt konkret aus in der Umsetzung?

Susanne Kammerer: Ja, der Larousse war in der Tat ein Mammutprojekt. Insgesamt waren zwölf Übersetzer- und -innen beteiligt und wir hatten das Glück, von einer sehr erfahrenen Lektorin betreut zu werden, bei der alle Fäden zusammenliefen. Allein vom logistischen Aufwand her ist eine Übersetzung dieses Umfangs eine große Sache: Bei der schieren Menge an Informationen ist es mehr als eine anspruchsvolle Aufgabe, diese zu prüfen, Ungenauigkeiten oder gar Fehler aufzuspüren und kompetent zu beheben, und natürlich muss die Übersetzung auch über alle Texte und Übersetzer/innen hinweg konsistent sein – auch im Hinblick auf Einträge, Verweise und Tabellen und in welcher Form das Neusortieren der alphabetisch geordneten Einträge im Deutschen organisiert werden soll.

Zudem müssen in der deutschen Ausgabe natürlich deutsche Verhältnisse und aktuelle Informationen berücksichtigt werden, was jedoch sehr sensibel gehandhabt werden muss, da es sich schließlich um die weltweit größte – und eben im Original französische – Koch-Enzyklopädie handelt, die in ihrem Wesen nicht zu stark verändert werden sollte.

Wenn man dann noch bedenkt, dass ein solches Buch auch von zahlreichen Profiköchen genutzt wird, kann man sich vorstellen, dass sowohl Anspruch als auch Druck enorm hoch waren. Wobei ich natürlich nur für mich und nicht für die Kollegen/innen sprechen kann: Auch wenn ich einen vergleichsweise kleinen Teil des Larousse Gastronomique übersetzt habe, war diese Übersetzung eine Herausforderung auf ganzer Linie. Der Zeitaufwand überstieg den einer gewöhnlichen Übersetzung ganz erheblich, was neben der reinen Textmenge hauptsächlich an der erforderlichen ausführlichen Recherchearbeit lag.

Einerseits war es eine tolle Erfahrung, an der Übersetzung eines so wichtigen Werkes mitgewirkt zu haben und mitzuerleben, wie ein solches Werk entsteht, andererseits hat diese Übersetzung (sicher nicht nur) mich an den Rand meiner Belastbarkeit gebracht und mir einige schlaflose Nächte beschert.

Valentinas-Kochbuch.de: Herzlichen Dank für Deine Zeit und Antworten!

Susanne KammererMEHR VON SUSANNE
Susanne Kammerer stellt auf ihrer Site www.translation-for-gourmets.de eine ganze Reihe von Informationen zusammen. In der Rubrik Food for thought sind ihre Empfehlungen für Kochbücher, Recherchequellen und mehr nachzulesen. Zur Website

Veröffentlicht im Februar 2010

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