Interview: Dorothea Steinbacher, Kochbuch-Redakteurin

Interview: Dorothea Steinbacher, Kochbuch-Redakteurin

Wenn wir ein Kochbuch aufklappen, dann erwarten uns – im besten Fall – köstliche Rezepte, nachvollziehbar und inspirierend verfasst. Wir sehen nicht die Vorarbeit, die endlosen Diskussionen um Details, das Ringen um Perfektion. Dorothea Steinbacher kennt diese Seite zu gut. Sie ist Kochbuch-Lektorin. Sie hat inzwischen an 65 Kochbüchern mitgewirkt. Worauf es dabei ankommt, welche Besonderheiten es gibt und wie es sich anfühlt, wenn der Postbote ihr das gerade gedruckte Kochbuch bringt, das hat sie mir in diesem Interview verraten.

Katharina: An wie vielen Kochbüchern arbeitest Du zurzeit?

LaferDorothea: Zurzeit nur an einem gleichzeitig – ein Luxus! Allerdings ist ein anderes großes Kochbuch, an dem wir intensiv gearbeitet haben und das wunderschön wird, gerade in Druck gegangen, damit es wie vorgesehen am 3. Januar erscheinen kann: Johann Lafers Heimatküche über die Steiermark mit vielen Rezepten aus seiner Heimat, darunter die Lieblingsrezepte aus seiner Kindheit.

Katharina: Wenn ein Kochbuch erscheint, sind eine Menge Personen von der Idee bis zum Druck beteiligt gewesen. Wie sieht ein Kochbuch-Team typischerweise aus?

Leanne kitchenDorothea: Nun, die Idee zum Buch kommt entweder vom Verlag, der sich dann eine Autorin sucht, oder von der Autorin. Oder, weitere Möglichkeit, Autorin und Verlag sind sich zunächst nur einig, dass sie ein Kochbuch zusammen machen wollen und entwickeln gemeinsam Idee, Thema und Konzept.

Ganz am Anfang ist vielleicht nur die Programmleitung mit der Autorin zugange oder eine Redakteurin des Verlags hat die Autorin für den Verlag gewonnen – da gibt es viele Möglichkeiten, je nachdem, wie im einzelnen Verlag die Autoren angesprochen werden – manchmal läuft der Kontakt auch über eine Agentur. Dann wird in der Regel ein Grobkonzept erstellt und intern besprochen, abgesegnet oder verworfen und ein grober Erscheinungszeitraum festgelegt. Und erst wenn sicher ist, dass das Buch gemacht wird, der Autorenvertrag unter Dach und Fach ist, übernimmt eine Redakteurin im Haus die Betreuung des Titels. Und diese Redakteurin beauftragt mich als freie Lektorin mit dem Lektorat des Buches.

In bestimmten Fällen kann es sein, dass an dieser Stelle eine Testköchin mit dem Nachkochen aller oder eines Teils der Rezepte beauftragt wird. Wenn alles glatt geht (was seltenst der Fall ist – es gibt immer wieder spannende Fragen/Probleme, deren Lösung die Arbeit nicht langweilig werden lässt…), wenn also alle auftretenden Probleme beseitigt sind, wird dann eine Foodfotografin beauftragt, die Gerichte zu fotografieren. Diese arbeitet mit einer Foodstylistin, die kocht, Geschirr, Textiles etc besorgt, dekoriert und stylt – im Verlag koordiniert von der Redakteurin und der Bildredaktion. Die Rezepte und sonstigen Texte werden gesetzt, vorher hat eine Grafikerin das Layout gestaltet, gesetzt wird dann entweder von ihr oder einer weiteren Setzerin/DTP-Betrieb. Zwischen Setzerin, Verlag und Außenlektorat laufen dann mehrere Korrekturläufe hin und her, wenn die Foodfotos abgenommen sind, erhält die Setzerin die Bilddaten und passt die Bilder ein.

Zum Schluss korrigiert ein Korrektor, der meist auch externer Dienstleister ist, noch einmal alle Texte. Meist ist dann die Zeit schon knapp, denn der Drucktermin ist fix – den legt die Herstellung fest aufgrund des vorgesehenen Erscheinungstermins. Dann erfolgt die Druckfreigabe – ein spannender Zeitpunkt, denn mit dem Imprimatur („Es werde gedruckt“) gibt man die Arbeit vieler Tage, Wochen und Monate aus der Hand in der Hoffnung, nichts übersehen zu haben und in dem Wissen, dass man jetzt nichts mehr korrigieren kann. Text- und Bilddaten gehen an die Druckerei und einige Wochen später liegt das Buch in den Buchhandlungen.

Das sind natürlich erstens nur die ganz groben Abläufe, zweitens vor allem die redaktionellen Abläufe – es fehlen Vertrieb, Werbung, Marketing – und drittens die Abläufe, die in den meisten Verlagen gleich sind. Jeder Verlag hat eigene Vorgehensweisen.

Katharina: Wenn Du als Lektorin an einem Kochbuch mitarbeitest, wie sieht Dein Part aus?

WienerDorothea: Das ist bei fast jedem Kochbuch anders. Mal existiert nur die Idee, mal schon ein Thema und eine Autorin ist gewonnen worden. Dann setzen wir uns zusammen mit Autorin, Redakteurin im Haus und/oder Programmleitung und entwickeln ein Grobkonzept, später dann in kleinerer Besetzung das Feinkonzept. Ein andermal ist diese Arbeit bereits geschehen, wenn ich dazustoße. Dann bearbeite ich das Manuskript, die Rezepte und sonstigen Texte, bearbeite Korrekturläufe und Umbrüche, manchmal briefe ich den Foodfotografen, die Stylistin, in anderen Verlagen macht das die Bildredaktion.

Ich schreibe Werbetexte, Klappentexte, erstelle das Register. Arbeite dabei eng mit Autorin, Verlag, Fotografen zusammen. Wenn die Foodfotos fertig sind, kontrolliere ich genau, ob sie mit dem Rezept übereinstimmen: Hat der Fotograf eine andere Beere als Deko verwendet? Ist das Brot länglich wie im Rezept oder hat er es rund geformt? Sind die Kräuter im Salat die angegebenen, woher kommen die Punkte im Apfelkompott – da war doch weit und breit keine Vanille im Rezept etc. Evtl. müssen einige Foodfotos nachgeschossen werden.

Wenn ich ganz von Anfang an bei der Manuskriptentwicklung dabei bin, also nicht nur das fertige Manuskript zum Lektorieren bekomme, ist mir immer wichtig, dass jedes Rezept sicher testgekocht ist. Wenn die Autorin das nicht genau so, genau nach dem Rezept, das mir vorliegt, gekocht hat – normalerweise hat sie das ja – , beauftragen wir/ich unter Umständen eine Testköchin. Nicht, weil ich den Autoren misstraue, sondern weil die Autoren oft andere Küchen und Voraussetzungen haben als die Kundin, die das Buch kauft und eine normal ausgestattete Küche daheim hat, in der die Rezepte funktionieren sollen. Eine Autorin, die aus einer Restaurantküche kommt, hat ganz andere Voraussetzungen.

So hatten wir einmal einen Brotteig, der zwei längliche Brote ergeben sollte, die man beide nebeneinander auf ein Blech legen und backen sollte. Die Teigmenge war aber viel zu groß, unsere Testköchin hat im heimischen Herd 6 Brote daraus bekommen. Des Rätsels Lösung waren dann die Abmessungen des Backofens der Rezeptautorin – dessen Abmessungen ich schließlich am Telefon erfahren habe. Die Bleche waren dort gut einen Meter lang…

Manche Rezepte koche/backe ich auch selbst nach – einfach aus Interesse, weil mich das Rezept interessiert oder weil ich mich frage, wie das schmeckt oder ob das so funktionieren kann, oder ob ich einen komplizierten Vorgang richtig verstanden habe. Den kann ich dann erst verständlich beschreiben, wenn ich es selbst nachgekocht habe.

Die Schlusskorrektur nimmt dann aber immer ein Korrektor vor, der wirklich nur auf Tippfehler, Duden-Schreibweise oder Schreibweise nach Verlagsstandards achtet und auf Zeichensetzung und Einheitlichkeit (haben wir immer Zimt oder Zimtpulver oder gemahlener Zimt geschrieben? Korianderblätter oder Koriandergrün? Gemahlene Muskatnuss oder Muskat oder Muskatnuss, gemahlen?. Denn jeder, der schreibt, weiß: In Texten, die man x-mal gelesen hat, die man fast auswendig kann, sieht man manche Fehler einfach nicht mehr. Da braucht es ein „frisches“ wachsames Auge von außen.

Katharina: Welche Rolle spielen die Verlagsvertreter bei der Realisierung eines Kochbuchs?

Dorothea: Die Vertreter haben den engsten Kontakt mit dem Buchhandel bzw. den Händlern, die das Buch dann verkaufen sollen. Deshalb sehen sie den Coverentwurf in einem Stadium, in dem er noch verworfen und neu konzipiert werden kann. Auf einer großen, meist halbjährlichen Vertretertagung präsentieren die meisten Verlage ihre Konzepte bzw. fast fertigen Titel den Vertretern – und nicht selten werden die Anregungen der Vertreter dann noch umgesetzt.

Katharina: Worauf kommt es beim Kochbuchlektorat an? Was ist besonders kniffelig?

SteinbacherDorothea: Darüber könnte ich nun Bände schreiben … Jedes Kochbuch und jedes Kochbuchmanuskript ist anders. Ich muss mich immer in die Position des Lesers, der Kundin, der Kochbuchbenutzerin versetzen. Denn ich bin die erste Nutzerin der Rezepte und die, die sich wahrscheinlich vor den Lesern als erste am besten mit den Rezepten auskennt. Dazu muss ich wissen: Wer ist die Zielgruppe: Sind das blutige Laien, Kochanfänger, gute Laienköche, die neue Anregungen suchen, Profis? Muss ich jeden Schritt erklären, sodass jemand, der noch nie so etwas gemacht hat, das Gericht erfolgreich nachkochen kann? Dann brauche ich Platz, viel Platz.

Beispiel Pfannkuchen: Schreibe ich: „Aus dem Teig 8 Pfannkuchen backen“. Punkt fertig. Oder: „Einen Esslöffel Butterschmalz bei mittlerer Hitze in der Pfanne erhitzen. Einen Schöpflöffel Teig in die Pfanne gießen und durch Schwenken der Pfanne auf dem Pfannenboden verteilen. Einige Sekunden backen lassen. Sobald die Unterseite beginnt zu bräunen, den Pfannkuchen mit einem Pfannenwender vorsichtig wenden und die zweite Seite ebenfalls hellbraun backen. Den fertigen Pfannkuchen auf eine vorgewärmte Platte legen und warm halten. Den restlichen Teig auf die gleiche Weise zu Pfannkuchen backen.“ – man sieht: In einem Anfängerkochbuch wäre die Seite dann schon fast voll! Bei einem Grundkochbuch muss ich Begriffe wie blanchieren, pochieren, Zitronenzesten, Orangen filetieren, abschäumen, eine Brühe klären, Tortenboden dreimal durchschneiden etc so genau erklären, dass es jeder versteht. Wenn ich in jedem Kochbuch jeden Schritt, den jemand nicht genau verstehen könnte, so genau erkläre, reicht mir der zur Verfügung stehende Platz nicht – das ist immer ein Abwägen zwischen Platz und Detailgenauigkeit.

Das Gleiche gilt für die Zutaten: „1 Karotte“ kann von 50 g bis 200 g alles sein. Oder „Ein Stück Ingwer“ – schreibe ich „walnussgroß“, „2 cm lang“, „daumengroß“? In Wirklichkeit misst der Autor das nicht mit dem Lineal ab. Wer Ingwer mag, nimmt ein großes Stück nach eigenem Belieben, wer ihn hasst, lässt ihn weg. Wenn ich aber nur „Etwas Ingwer“ schreibe, gibt es garantiert jemanden, der moniert, dass die Zutatenangabe nicht genau ist. Andererseits ist die Kritik der Benutzer aber immens wichtig, sie zeigt immer wieder, dass das, was uns ganz klar ist, sich noch lange nicht jedem Leser sofort erschließt – dass etwa, wenn man gekochte Johannisbeeren „durch ein Sieb passieren“ soll, die Kerne im Sieb zurückbleiben und weggeworfen werden. Da steht dann nicht extra: „Die im Sieb zurückbleibenden Kerne wegwerfen.“ Aber die Leser fragen im Verlag an, was sie denn dann mit den Kernen machen sollen. Zu Recht – das muss aus dem Rezept hervorgehen und es sollte dabei stehen – wenn nur die leidige Platzfrage nicht wäre…

Insgesamt versuche ich also, mich so in die Leserin hineinzudenken, dass ich sie in der Küche stehen sehe, wie sie meine Arbeitsschritte nachvollzieht. Und ich muss ihr genau sagen, wann sie was tun muss und wie es dann aussieht, was übrigbleibt, was man beiseite stellt, was in der Zwischenzeit erledigt werden kann, während die Kartoffeln kochen etc. Denn die Autorin ist die noch viel erfahrenere Köchin und beschreibt manche Vorgänge so kurz, dass sie für Laienköche u.U. nicht verständlich sind.

Katharina: Rezepte sind ja wie mathematische Aufgaben. Am Ende sollte eine “0” auftauchen, d.h. alle Zutaten sollten verbraucht sein und das Gericht sollte köstlich sein. Wie gelingt das am besten?

HomDorothea: Da hat vermutlich jede Kochbuchlektorin ihre eigene Vorgehensweise. Ich stelle mir wie eben beschrieben tatsächlich im Geiste vor, wie eine Person meine Handlungsanweisungen liest und eine Zutat nach der anderen vorbereitet und verbraucht. Wenn dann irgendwann die Eier getrennt werden, das Eigelb in den Teig kommt und die Eiweiß zur Seite gestellt werden, muss ich mich später daran erinnern, dass wir noch den Eischnee schlagen und unterheben müssen – nicht mehr auftauchende Eiweiß sind ein Klassiker unter den Kochbuchfehlern!

Ebenso häufig: Die Autorin braucht dreimal Butter: 20 g zum Anbraten der Zwiebeln, 50 g zum Andünsten der Pilze, 50 g zum Einmontieren in die Suppe am Schluss. Das fasse ich am Anfang zusammen zu „120 g Butter“, die dann im Lauf der Zubereitung in einzelnen Portionen verbraucht werden. Da muss ich mir immer wieder in Erinnerung rufen, wie viel Butter jetzt noch übrig ist und irgendwo in der Zubereitung auftauchen muss.

Meist ist die Zutatenliste nicht so umfangreich, dass man den Überblick verliert. Wenn doch, mache ich mir aber schon Notizen bei der Bearbeitung oder hake die verbrauchten Zutaten ab.

Allerdings ist es in den seltensten Fällen so einfach: Ich muss auch darauf achten, dass die Menge der Glasur für den Kuchen ausreicht und die Menge der Füllung für die Teigtaschen – nicht zu wenig und nicht zu viel. Wenn im Rezepttitel von „Himbeercoulis“ die Rede ist, entscheidet sich die Autorin während des Schreibens nicht selten, doch eine Brombeersauce oder ein Erdbeercoulis zum Parfait zu servieren. Dann tauchen in der Überschrift Himbeeren auf, in den Zutaten Brombeeren und im Zubereitungstext womöglich Erdbeeren – das muss mir auffallen.

Ganz banal: Autoren vergessen manchmal Salz und Pfeffer – einfach, weil ihnen das Nachwürzen und Abschmecken in Fleisch und Blut übergegangen ist. Manchmal fehlt schlicht die Hauptzutat: Einmal hatten wir ganz raffinierte Rehmedaillons mit vielen tollen Zutaten – allein das Rehfleisch fehlte im Manuskript. Da könnte ich noch unzählige Beispiele bringen – mir hilft da eine gute visuelle Vorstellungskraft. Ich sehe die Küche vor mir und den Ablauf der Zubereitung und so klappt der Arbeitsschritt am besten. In vielen Fällen geht das gar nicht anders: Manche Autorinnen beschreiben die Zubereitung jeder Beilage einzeln und nacheinander, obwohl ich in der Küche ja, während der Braten im Ofen gart, die Beilagen zubereite und schon mal die Zutaten für die Sauce vorbereite. Das muss ich beim Lektorat dann integrieren und die Zubereitungsschritte für die einzelnen Gerichte, die gleichzeitig fertig sein sollen, ineinander verzahnen.

Katharina: Welche Besonderheiten musst Du bei Kochbuchübersetzungen berücksichtigen?

RamsayDorothea: Übersetzungen von fremdsprachigen Kochbüchern ins Deutsche erfordern ganz eigene Arbeitsschritte. Die Kochbücher werden ja von einer Übersetzerin (männliche Kochbuchübersetzer sind mir noch nicht begegnet) übersetzt. Die Übersetzung wird dann von mir lektoriert und das Manuskript den deutschen Gegebenheiten angepasst. Wenn ich Glück habe, ist die Übersetzerin gut und auf Kochbücher spezialisiert.

Die meisten Lizenzen kommen bei uns ja aus dem englischsprachigen Raum. Dann sollte die Übersetzerin die besonderen Maßeinheiten schon zuverlässig ins Deutsche übertragen, das Gleiche gilt für Zutaten, die es in Deutschland nicht gibt. Also ounces in Gramm – 1 oz sind ca 28 g. Die Umrechnung ergibt also immer ungerade Zahlen. Da sollte man vorher besprechen: Rundet sie das schon beim Übersetzen, und wie runden wir das? Runde ich das im Lektorat? Ich kann ja nicht 3 oz Zucker mit 84 g Zucker übersetzen. Ähnliches gilt für die beliebte englische „cup“-Maßeinheit. Bleibe ich bei Cups, schreibe ich Tassen, Becher oder rechne ich um in 250 ml – oder macht das bereits die Übersetzerin? Hefe oder Backpulver verwendet man bei uns gern aus Portionstütchen ohne aufgedruckte Gewichtangabe. In englischen Rezepten steht da gern: 10 g Trockenhefe. Das muss ich für die deutsche Ausgabe in Tütchen umrechnen oder in Klammern dazuschreiben.

Golden syrup, self raising flour, clotted cream – wie gehe ich mit Zutaten um, die es hier nicht an jeder Ecke gibt? Im Französischen haben wir ähnliche Probleme mit Zutaten wie petits suisses, fromage blanc battu etc.

Dann sind in GB Springformen üblich mit anderen Durchmessern und höherem Rand – da passt dann mehr Teig rein bzw. der Kuchen darf mehr in die Höhe gehen ohne überzulaufen. Da muss ich die Formengrößen für deutsche Verhältnisse anpassen bzw. ich muss das Problem und unzählige ähnliche erst einmal feststellen!

Dann die Art der Rezepte, die fremde Esskultur: Amerikanische Süßspeisen sind für deutsche Gaumen oft viel zu süß – belasse ich das so oder passe ich die Süße an? Franzosen essen sehr viel mehr bei uns kaum bekannte Meeresfrüchte, sie lieben Vorspeisen in Aspik, sie servieren immer mehrere Gänge, Käse ist ein Muss zum Abschluss – das kann ich entweder eins zu eins übersetzen oder dem deutschen Geschmack anpassen. Aber all das muss diskutiert und entschieden werden.

Da ist wie gesagt eine Übersetzerin immens wichtig, die sich nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit der Esskultur einer anderen Nation auskennt, die die Supermärkte, die Küchen und die Restaurants im anderen Land kennt.
Auch bei Kochbüchern aus dem deutschsprachigen Raum gibt es übrigens solche Fragen: Der Fleischschnitt ist im Ausland anders, also wo welche Fleischteile aus dem Rind oder Schwein geschnitten werden und wie sie bezeichnet werden. Was entspricht dem österreichischen Schulterscherzl, was ist ein Wadschinken und was ein Rinderlungenbraten (letzterer ist übrigens ein gebratenes Rinderfilet!)?

Katharina: Wenn ich das lieferbare Kochbuchangebot durchstöbere, könnte man meinen, dass es schon alles gibt. Wo holst Du Dir Ideen für Kochbuchkonzepte?

wienerDorothea: Nun, die ursprünglichen Ideen kommen ja in den meisten Fällen nicht von mir, sondern von der Autorin bzw. vom Verlag. Ich bin in manchen Fällen bei der Entwicklung dabei und bei der Ausarbeitung eines Konzepts. Dann sind meine Ideen gefragt und das ist etwas, was mir auch ungeheuer Spaß macht. Ich beobachte den Kochbuchmarkt auch international sehr genau.

Für die Tendenzen abseits des gedruckten Kochbuchs – im Netz zum Beispiel (wink, liebe Katharina!) lese ich Blogs, aber ganz bewusst sehe ich mich auch im real life um: Ich schaue den Leuten ganz genau in den Einkaufswagen und überlege mir, wer das wohl ist, was der/die wohl kocht bzw. was er wohl niemals kocht…

Ich gehe regelmäßig ganz bewusst durch solche Regalreihen im Supermarkt, in denen ich nie was kaufe, um festzustellen, was es gibt, wie die Leute kochen und wie sie ticken: Fertiggerichte, Tütensuppen, ich staune, was da in letzter Zeit alles angeboten wird: Milchreis aus der Packung!! Fertigteig für Muffins!! Da brauche ich fürs Aufreißen der Packung ja schon genauso lange wie ich fürs Mischen eines vernünftigen Teiges aus guten Zutaten brauche! Ich lese nicht nur Kochzeitschriften, auch ausländische, sondern auch Frauenzeitschriften, Wohnzeitschriften etc. Und ab und zu stelle ich mich in große Buchhandlungen in die Kochbuchabteilung und beobachte Kundinnen dabei, wie sie Bücher in die Hand nehmen und welche Kommentare sie dann ihrer Begleitung gegenüber abgeben – köstlich! – bzw. was sie kaufen.

Nicht zu vergessen die Unterhaltungen mit diversen Freunden, Freundinnen, Bekannten und Nachbarinnen – was sie essen, was sie kaufen, was es tolles Neues gibt…Das gibt insgesamt ein interessantes Bild von der Ess- und Kochkultur der Nation.

Und auf Reisen schaue ich natürlich überall in die Kochtöpfe, löchere die italienische Wirtin, bis ich verstanden habe, wie sie einen Teig zubereitet und womit sie die Zucchiniblüten füllt etc.

Katharina: Was ist typisch für Kochbücher, die in Deutschland konzipiert und realisiert werden? Was mögen die Kunden und was die Verlage?

Sarah wienerDorothea: Heute kauft man ja kein Kochbuch, weil man dringend ein Rezept für einen Käsekuchen braucht. Man kauft ein Gefühl, ein Erlebnis, ebenso wie ich mit einer Armanitasche ein Gefühl und eine Lebenseinstellung und einen Status erkaufe und nicht eine Tasche, die ich dringend brauche, weil ich meine Autoschlüssel irgendwo reinlegen muss.

Das Gefühl, das im Moment gern gekauft wird, ist das Landlustgefühl: Backen und Kochen in der Landhausküche, wie bei der Großmutter, das Heimwehgefühl nach der guten alten Zeit, in der alles noch regional, bio und saisonal war und die Pilze zum Trocknen auf dem Kachelofen lagen. Der schnelllebigen Aussenwelt, der Hetze, der Digitalisierung, dem Leben im Web2.0, der grassierenden Virtualisierung der Lebensumwelt und der Technisierung versucht man wohl so zu begegnen, indem man wieder kleinräumig wird, selber anbaut, mit den Händen etwas erschaffen möchte oder das zumindest erstrebenswert findet. Man will wissen, welches Schwein wo glücklich grunzte, bevor es fürs Schnitzel starb und will sicher sein, dass die eigenen Speisen nicht mit Zutaten aus dem globalen Lebensmittelwahnsinn zubereitet wurden. Dass viele dieser Sehnsuchtskochbücher nur durchgeblättert werden und erschreckend viele Leute überhaupt nicht mehr kochen können, steht auf einem anderen Blatt.

Katharina: Viele träumen davon, einmal selber Autor eines Kochbuch zu sein. Wie stellt man es am besten an? Schreibt man erst eines und sucht dann den Verlag oder sollte man zunächst ein Konzept vorschlagen?

Dorothea: Niemals ein Manuskript fix und fertig schreiben und dann einen Verlag suchen – das gilt für alle Sachbücher und Ratgeber, nicht nur fürs Kochbuch. Jeder Verlag hat eigene Vorstellungen von Gestaltung und Umfang, Konzept und Schreibweise. Kochbücher erscheinen oft in Reihen, da muss der Titel dann an die Reihengestaltung angepasst werden. Also unbedingt zunächst nur ein Konzept anbieten.

Katharina: Online ist ja fast alles korrigierbar. Ein gedrucktes Buch ist bis zur nächsten Auflage endgültig. Wie ist es, wenn ein Kochbuch, das Du als Redakteurin/Lektorin betreut hast, bei Dir frisch aus dem Druck ankommt?

Dorothea: Das ist einer der grausamsten Momente bei der Entstehung eines Buches: Immer, bei jedem einzelnen Buch, habe ich auch nach zig Büchern noch die Angst, dass ich das frische, schöne, neue Buch aufschlage und mir der erste Fehler ins Auge springt. Ich lasse das Vorabexemplar deshalb meist eine Weile liegen, bis ich mich traue, es aufzumachen – um dann festzustellen, dass das Buch schön geworden ist, ich keinen Fehler finde und ich mich ganz allmählich auch freuen kann über das neue Werk.

Katharina: Deine drei Lieblings-Kochbücher? Zurzeit :-)!

Dorothea: Puh – schwierig! Meine aktuellen Lieblinge neueren Datums werden ständig von anderen abgelöst. Zu meinen All-Time-Favourites in Bezug auf die Rezepte gehören Alice Vollenweiders Italiens Provinzen und ihre Küche, das Curry-Kochbuch von Camellia Panjabi und Die echte italienische Küche von GU – und, auf jeden Fall, und besonders um die Weihnachtszeit, das Plätzchenbuch von Olli Leeb: Ich kenne kein anderes, das so viele wirklich gute Plätzchenrezepte versammelt wie dieses Standardwerk. Unbedingt natürlich auch die Kochbücher der Brüder Obauer, allen voran Die neue österreichische Küche. Von den neueren finde ich rundum gelungen Nicole Stichs erstes Kochbuch Delicious days – Gestaltung, Fotos, Rezeptauswahl finde ich toll.

Junge Erwachsene, die Kochen lernen wollen, habe ich schon öfter mit Jamies Kochschule beglückt, die finde ich für den Zweck sehr gut gelungen. Und der dritte aktuelle Favorit muss erst in der Praxis getestet werden, da hat mir eine Kollegin neulich ein Backbuch aus einem kleinen neuen Verlag zugeschickt, das mich ziemlich begeistert, aber – wie gesagt – erst teste ich es mal, dann berichte ich…

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Veröffentlicht im Dezember 2011

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