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Valentinas-Kochbuch.de – kochen, essen, glücklich sein | September 22, 2017

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Interview: Ariane Bille über Foodblogs

Interview: Ariane Bille über Foodblogs
Leute

Foodblogs und ihre besten Rezepte

Kulinarische Momentaufnahmen

Ariane Bille, Hädecke Verlag (2013)
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Ariane Bille ist eine erfahrene Grafikerin, inspirierende Bloggerin und frischgebackene Autorin. Es gibt viele Gründe mit ihr zu sprechen. Aber heute und hier steht nur ihre Neuerscheinung „Foodblogs“ im Mittelpunkt. Das Buch bringt viele Perspektive zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.

ariane-bille-foodblogsKatharina: Ariane, in Deinem Buch stellst Du 12 Foodblogger per Interview und mit Rezepten vor. Wie ist das Projekt entstanden?

Ariane: Die Idee zu meinem Buch entstand während der Themenfindung für meine Diplomarbeit. Am Ende meines Kommunikationsdesign-Studiums war ich mir sicher, dass ich mich mit dem sinnlichen Thema Kochen und Essen beschäftigen wollte. Und so war das Thema gefunden und das Medium naheliegend: Ein Kochbuch sollte es werden.

Doch all die kostenlosen Rezepte im Internet und der übersättigte Kochbuchmarkt sprachen auf den ersten Blick scheinbar gegen ein gedrucktes Buch. Ich machte mich also auf die Suche nach einer Möglichkeit, die Stärken beider Welten, der analogen und der digitalen, miteinander zu verknüpfen.

Während der Recherche im Web stieß ich dann immer wieder auf Foodblogs. So bunt und vielfältig wie eine gut sortierte Kochbuchhandlung präsentiert sich auch die Welt der Foodblogs. Inspiriert von dieser Vielfalt, kam ich auf die Idee, die deutschsprachige Foodbloglandschaft genauer unter die Lupe zu nehmen und so entstand unter dem Titel »Foodblogs und ihre besten Rezepte« ein Buch, dass einen Ausschnitt dieser sich ständig verändernden Sphäre zeigt.

Ich bin immer noch unfassbar glücklich, dass es nun nach langer Verlagssuche endlich veröffentlicht wurde!

Katharina: Du hast 2009 begonnen für das Buch zu recherchieren. Wie hat sich die Perspektive auf Foodblogs seitdem verändert?

Ariane: Am meisten hat sich meine Perspektive auf die Foodbloggerei durch das Schreiben meines eigenen Blogs »Kulinarische Momentaufnahmen« verändert. Dies war auch Teil meiner Diplomarbeit: Ich wollte die Foodblogosphäre von innen heraus verstehen und startete einen Selbstversuch: Alle 48 Rezepte der Blogger /-innen, die für das Buch ausgewählt wurden, habe ich nachgekocht und fotografiert. Die Hälfte davon habe ich dann anschließend in meinem eigenen Blog dokumentiert. So wurde ich selbst Teil der Sphäre. Ich tauschte mich mit den Autoren über Missgeschicke aus, bekam hilfreiche Tipps und motivierende Kommentare von anderen Foodbloggern
und Lesern, die auf mein Projekt aufmerksam wurden. Ich wurde sehr herzlich in der Szene aufgenommen und mittlerweile schreibe ich den damaligen Projektblog als persönlichen Blog weiter.

Ich bin also mittendrin und habe einige Protagonisten des Buchs (und auch andere Foodblogger/Innen) im echten Leben kennengelernt. Die Begegnungen waren ein spannender Perspektivwechsel und die schönste Erfahrung, die ich während dieser Zeit erlebt habe. Es ist veblüffend, welch interessante Persönlichkeiten sich hinter den Blogs verbergen und wieviel man über, von und mit ihnen über dieses so sinnliche Thema lernen kann.

Katharina: Welche Rolle spielen aus Deiner Sicht Foodblogs bei dem medialen Aufgebot in Sachen Kochen & Essen?

ariane-bille-foodblogs-sebastianAriane: Das Aufgebot der Medien in Sachen Kochen und Essen ist in der Tat riesig. Wo Kochbücher und Magazine zu den für mich entschleunigenden Medien zählen, für die ich mir bewusst Zeit nehme und Geld ausgebe, sehe ich Foodblogs als eine Art Tageszeitung: »Mein täglich Brot«, wie Sebastian Dickhaut im Interview so schön sagt. Außerdem bieten Foodblogs kochbegeisterten Menschen ein Zentrum des persönlichen Austauschs. Die Autorin oder der Autor ist für mich als Leser viel greifbarer. Ich kann Fragen stellen, meine Meinung kundtun, Diskussionen anregen oder Tipps geben – und bekomme in den meisten Fällen sofort eine Reaktion darauf. Das macht den Reiz aus und Foodblogs zu einem festen und wertvollen Bestandteil der Food-Medienlandschaft.

Katharina: Gibt es Gemeinsamkeiten, die Deine Porträtierten verbindet über die Leidenschaft zum Kochen hinaus? Was denkst Du?

Ariane: Neben der Leidenschaft für das Kochen, gutes und vor allem bewusstes Essen und Genuss in allen Lebenslagen verbindet die Protagonisten meines Buchs, in unterschiedlich ausgeprägter Form, ein gewisser Hang zum Voyeurismus. Sie lassen sich von wildfremden Menschen in die Kochtöpfe blicken, sie virtuell an ihren Küchentischen sitzen, teilen Familienrezepte, kleine und große Missgeschicke in der Küche und einige andere persönliche Dinge mit ihren Lesern und haben einfach Spaß daran sich nach außen zu produzieren.

Katharina: Es ist aus meiner Sicht ein spannender Moment, wenn jemand den Schritt zur Tat unternimmt, ein Blog eröffnet und Unbekannte in die Küche bittet. Was haben Dir Deine Interviewpartner darüber erzählt? Wie sind sie zum Bloggen gekommen?

Ariane: Ich denke bei vielen wird der Blog als eine Art Vehikel genutzt: So hat Claudio Del Principe von Anonyme Köche z.B. sein Umfeld mit den ständigen Diskussionen übers Essen verschonen wollen und diese einfach auf seinen Blog ausgelagert. Inzwischen hat der selbstständige Texter durch Anonyme Köche nicht nur viele Leser, sondern auch neue Auftraggeber gewonnen und arbeitet als Foodautor im deutschsprachigen Raum.

Auch Astrid Paul von Arthurs Tochter Kocht erzählt im Interview, dass sie einem Drang verspürte sich über Themen rund um den Genuss im Internet austauschen zu können, weil es in ihrem engeren Freundeskreis niemanden gab der diese Leidenschaft in diesem Ausmaß teilte.

Der Austausch über das Essen und allem was dazu gehört, steht wohl bei den meisten Foodbloggern im Vordergrund. Übrigens: Auch Astrids Foodbloggerei führte dazu, dass sie sich ihren Traum erfüllte, sich selbstständig machte und nun als Köchin und kulinarische Berichterstattung durch die Lande reist.

Die Verknüpfung von Beruf(ung) und Leidenschaft wird auch bei einigen anderen meiner Interviewpartner genannt, aber das ist nicht immer der Fall: So antwortet Robert Sprenger von lamiacucina z.B. auf meine Frage, warum er sich nach seiner Pensionierung so intensiv mit dem Kochen beschäftigt wie folgt: »Die Verpflichtungen, die mit regelmäßigen, beinahe täglichen Beiträgen einhergehen, geben mir eine Tagesstruktur, verzögern den Alterungsprozess, übertünchen vordergründig die fortschreitende Vereinsamung im Alter.«

Heike von Au hatte bevor sie Kochzeilen ins Leben rief so ihre Vorurteile gegenüber Foodblogs. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, wer all diese Dinge lesen sollte. Nachdem ihr dann als Notlösung als Ersatz ihrer bis dahin statischen Webseite ihr Blog eingerichtet wurde, um von einer kulinarischen Reise berichten zu können, kam sie auf den Geschmack und wurde selbst zur Bloggerin.

So unterschiedlich wie die Protagonisten meines Buchs, sind also auch ihre Beweggründe fürs Bloggen. Spannend!

Katharina: Wie spielen Persönlichkeit und Foodblog zusammen?

ariane-bille-foodblogs-clausAriane: Persönlichkeit und Foodblog sind sehr eng miteinander verknüpft. Die für mich interessantesten Foodblogs sind meiner Meinung nach die, mit viel Persönlichkeit. Und wenn die Autorinnen und Autoren es schaffen, dabei keine One Man Show zu sein und sich selbst und ihre Passion nicht allzu ernst nehmen, bin ich doppelt glücklich. Um wie Sebastian Dickhaut zu reden: »Essen ist viel zu wichtig um es ernst zu nehmen.«

Katharina: Welche Bedeutung nimmt das Kochen bei den von Dir porträtierten Foodbloggern ein? Was hast Du da rausgehört?

Ariane: Das Kochen nimmt bei allen Porträtierten eine übergeordnete Rolle im Leben ein. So erzählt Eveline Exner von Küchentanz im Interview: »Ich liebe das Kochen. Dazu kommt das Verrückte. Wenn ich ein Menü plane, habe ich im Halbschlaf Rezeptideen (und zwar nicht die schlechtesten!). Ich finde es vergnüglich, insgesamt so 8–10 Stunden zu planen und zu kochen, um gleichgesinnten Freunden ein Menü zu servieren, das im Bereich meiner Fähigkeiten möglichst gut schmeckt. Dieses Streben nach Perfektion habe ich nur beim Kochen.«

Auch Sebastian Dickhaut zelebriert seine Auswüchse der Kochleidenschaft: »Wenn ich an meinem Herdblock steh und vor mir sitzen Leute, die mir beim Warten auf ihr Essen zuschauen und ich da nach meinem Credo ganz frisch koche,mit dem, was da ist, und mich dabei um die Grundtechnik herum inspirieren lasse und erzähle, was ich mache, dann fühle ich mich in den besten Momenten wie so ein alter Jazzer, der sich durch die Jahre die Sicherheit angespielt hat, es einfach laufen zu lassen. Das ist dann wie Spielen, Singen, Tanzen auf einmal. Und wenn wir einen Kochkurs machen, wird’s zu einer Jamsession mit mir als Leader.«

Katharina: Verändert das Kochen fürs Blog das Kochen an sich?

ariane-bille-foodblogs-rezeptAriane: Ja, bis zu einem gewissen Punkt bestimmt. Das mag je nach Blogger/in unterschiedlich ausgeprägt sein, aber gerade bei den Blogs die fast täglich »gefüttert« werden, ist das gar nicht anders möglich. So wie z.B. bei Zorras Kochtopf: »Ich koche vielfältiger und backe Sachen, an die ich mich früher nie herangetraut hätte. Vor meiner Foodblogzeit hatte ich vielleicht 30 Gerichte im Repertoire, die ich immer wieder kochte. Inzwischen gibt es selten ein Gericht mehr als zweimal, außer unsere absoluten Lieblingsgerichte.«

Sebastian Dickhaut (rettet das mittagessen) stellt wiederum fest: »In der Hochphase habe ich zum einen Rezepte gekocht, die sich gut verbloggen ließen – gute Geschichte, interessante Zutaten oder Zubereitung, besonderer Anlass. Und das Kochen hat länger gedauert, weil ich immer fotografieren musste. Inspirierend fand ich die Erkenntnis, dass ein aufgeschriebenes Rezept nicht in Stein gemeißelt ist und dass es durch Kommentare und Korrekturen nicht beliebiger wird, sondern mehr Charakter bekommt. Und weil wir inzwischen mehr als 20 Basic-Cooking-Bücher haben, denke ich da auch manchmal beim Schrauben an Texten: ›Na, lass es jetzt mal so, du kannst ja beim nächsten Mal dran weitermachen.‹«

Katharina: Erzähl uns, wie sich und vor allem in welcher Hinsicht das Leben der Blogger verändert? Was erzählen sie dazu?

Ariane: Die Frage ist pauschal schwierig zu beantworten, weil die Lebensgeschichten der Bloggeri/Innen unterschiedlicher nicht sein könnten und die Bloggerei einen unterschiedlichen Stellenwert im Leben der Gefragten spielt. Was ich aber bei fast allen als bleibende Erinnerung herausgehört habe, sind die Begegnungen, die es von der Virtualität in die Realität geschafft haben. Auf meine Frage, welche kulinarische Begegnungen im Netz sie nie wieder vergessen werden, antworten meine Interviewpartner in einem Credo:

»Unzählige! Und mehr als ich je erwartet hätte: treue Leserinnen und Leser, die seit Beginn mitlesen, kommentieren und sich mit mir austauschen, fantastische Foodblogger, von denen ich mir immer wieder eine Scheibe abschneiden kann, oder Verleger, Autoren, Fotografen, Illustratoren, Gastronomen, Produzenten und letztendlich auch Auftraggeber, mit denen die Arbeit doppelt Spaß macht.« Claudio Del Principe (Anonyme Köche)

»Die Begegnungen, die aus dem Blog entstanden sind, möchte ich allesamt nicht missen. Die Freundschaften, die ich in den vergangenen Jahren geschlossen habe, entstanden fast alle durchs Bloggen.« Inés Guttiérez (Vorspeisenplatte)

»Meine Begegnung mit Stevan (NutriCulinary) war sehr ungewöhnlich. Wir hatten im Rahmen des Brigitte-Awards hin und wieder Kontakt und als ich für ein paar Tage in Hamburg war, hatte er einen Abend Zeit für mich. Wir trafen uns bei seinem Freund Michalis, dem Griechen aus Monsieur, der Hummer und ich, und hatten zwischen sagenhaften griechischen Köstlichkeiten und unglaublichem Wein einen tollen Abend, an den ich mich leider nur noch in Episoden erinnern kann.« Alexander Hansen (Chef Hansen)

»Jede, die mehr als bloßer Informationsaustausch ist. Seien es Sprachwitz und Schwestern oder Brüder im Geiste, sei es eine harte, aber achtsame inhaltliche Auseinandersetzung, seien es Begegnungen, die sich im Real Life fortgesetzt haben – da kamen schon einige zusammen im Verlauf der Jahre –, oder solche, die sich durch besondere Liebenswürdigkeit, Hilfsbereitschaft und Anteilnahme auszeichnen. Da gibt es keinen Unterschied zu Begegnungen, die ›außerhalb‹ des Netzes entstanden sind. Warum auch?« Katharina Seiser (esskultur)

Katharina: Herzlichen Dank!!

Geschrieben im Januar 2014