Ethischer Genuss: Die Theorie und die Praxis

Ethischer Genuss: Die Theorie und die Praxis

The Ethicurean Cookbook
Ebury Press, 2013

Annick Payne

Von Annick Payne

Ist der Gourmet der Zukunft ein Gutmensch? Wenn man Sarah Wiener glauben kann, ja. Sie entwirft in ihrer Streitschrift „Zukunftsmenü“ ein nicht ganz neues, aber dennoch aktuelles Modell für die Foodies der Zukunft und Gegenwart. Auf gut zweihundert Seiten erklärt sie, warum wir die Welt nur mit Genuss retten können.

Die Theorie

Natürlich hat Wiener den achtsamen Umgang mit dem, was wir essen, nicht erfunden, aber es gelingt ihr in ihrem Plädoyer auf sympathisch undogmatische Art und Weise zu erneuter Selbstreflektion einzuladen; wer sich bereits mit der Herkunft seiner Nahrungsmittel befasst, wird hier zwar viel Bekanntes lesen, doch schafft es die Autorin, ihren Lesern in kleinen Häppchen neue Impulse mitzugeben. Forderungen und Ideale werden mit Aufnahme des Ist-Zustandes und persönlichen Erlebnissen der Autorin verwoben, das Endprodukt ist kurzweilig, lesbar, aber sicherlich nicht seicht.

Wiener_SZukunftsmenueMich sprach besonders ihr Kapitel zum Thema Plastik an, weil es für mich auf den Punkt brachte, worum es bei dieser Art des Weltrettens geht: etablierte Muster selbstkritisch zu überdenken. Plastik wird routinmäßige seit vielen Jahren recycelt, muss ich darüber nachdenken? Ja, wenn ich Frau Wiener zustimme, dass mein Konsumverhalten einen Einfluss hat. Es lohnt, über den Tellerrand zu schauen, Einsparpotential gibt es immer. In Kombination mit genüsslichem Essen bedeutet das z.B., dass ich mein eigenes Behältnis für den losen Quark auf meinem Wochenmarkt mitbringe – natürlich schmeckt er besser, als Supermarktware, und nur hier habe ich die Wahl, die Art der Verpackung zu beeinflussen. Das wiederum kleine Verbraucherentscheidungen durchaus einen Einfluss auf die Großen des Lebensmittelmarktes haben kann, zeigt der Film Food Inc. (gekürzte deutsche Fassung „Was essen wir wirklich“) sehr anschaulich.

Sarah Wiener widmet sich in den vier Kapiteln politisch – achtsam – gesund – genussvoll essen unterschiedlichen Themen. Sie erzählt, erläutert und führt Tischgespräche mit Experten und Kollegen, nie mit erhobenen Zeigfinger, sondern stets mit der ihr eigenen Überzeugung, dass Genuss und Nachhaltigkeit einanander bedingen. Unter dem Schlussstrich steht dann: gutes Essen. Ihr Zukunftsmenü bietet Ideen, Informationen, Impulse, nicht zuletzt auch einige Rezepte, die quasi als Ansporn zur Auseinandersetzung mit dem Thema dienen. Sie streitet vergnügt für Genuss – als solchen habe ich auch die Lektüre dieses Buches empfunden.

ethicuranDie Praxis

Wer Ideologien umsetzen will, sucht natürlich nicht nur Anleitungen, sondern auch Vorbilder und praktische Inspiration. Die findet der Ethikuräer u.a. bei nachhaltig geführten Restaurants wie dem englischen Ethicurean. Wer nicht, wie beispielsweise die Verfasser dieses Blogs das Vergnügen hatte, vor Ort die Köstlichkeiten zu probieren, kann nun im jüngst erschienen Kochbuch eine Vielzahl spannender Rezepte nachlesen und zu Hause nachempfinden, wie ethisch korrekter Genuss aussehen kann. Alleine die Farbenpracht der Foodfotografien lässt einem das Wasser im Munde zerlaufen; das allerste Rezept könnte ebenfalls als Stilleben Karriere machen, doch halt, es ist keine Abbildung zum Thema „Schattierungen des Glücks“, nein, was uns hier in gelb, orange, rosa und burgunder entgegenblickt ist ein Salat von roter (bzw. gelber, etc.) Beete.

In der Nähe von Bristol haben sich vier junge Leute den Traum verwirklicht, einen viktorianischen, von Mauern umschlossenen Garten zu bewirtschaften und dessen Produkte zur Grundlage ihres auf Nachhaltigkeit ausgelegten Restaurants zu machen. Die englischen „walled gardens“ sind Relikte einer anderen Zeit, einst selbstverständliche Grundlage der Haushalte von Großgrundbesitzern, heute meist verlassen und verfallen. Ist die Geschichte des Ethicurean zu gut, um wahr zu sein? Oder lebender Beweis, dass man seine Visionen nur leben muss? Wie gerne würde ich dies vor Ort erkundschaften, doch mir bleibt erstweilen nur das Kochbuch für einen Vorgeschmack. Sicherlich kein Trostpreis, alleine das Design schreit „haben wollen“, der Band ist so schön, dass man ihn in einem unbeobachteten Moment auch ruhig mal streicheln könnte.

Die Autoren erläutern ihre Philosophie und bieten einen Schatz an jahreszeitlich angeordneten Rezepten, die die ganze Bandbreite von einfach bis ambitioniert abdecken. Auch Getränke nehmen einen großen Raum ein, denn der Ethikuräer macht nach Möglichkeit alles selbst. Für Bastler dann auch das Rezept für hausgemachten Wermut, für den erst 20 unterschiedliche Kräutertees angefertigt werden müssen; für den abenteuerlustigen Koch eine unwiderstehliche Herausforderung! Teil dieses zukunftsträchtigen Genussmodells ist, ganz im Sinne von Frau Wiener, eine Rückbesinnung auf alte Traditionen, so wird im Januar „Wassail“ gefeiert, ein altes keltisches Fest, fürs leibliche Wohl sorgt ein warmer Cocktail auf gewürztem Bier und Bratapfelmus namens „Lamb’s Wool“. Wenn die Zukunft so aussieht, bin ich dabei!

DIE BÜCHER
Sarah Wiener: Zukunftsmenü – Warum wir die Welt nur mit Genuss retten können, Riemann Verlag

The Ethicurean Cookbook: Recipes, foods and spirituous liquors, from our bounteous walled garden in the several seasons of the year, Ebury Press

Veröffentlicht im November 2013

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