Dietmar Grieser: Die guten Geister – Sie dienten den Großen dieser Welt

Dietmar Grieser: Die guten Geister – Sie dienten den Großen dieser Welt

Die guten Geister: Sie dienten den Großen dieser Welt – Köchin, Butler, Sekretär
Dietmar Grieser,  Haymon Verlag ( 2010)

Wer waren sie, die treuen Haushälterinnen, Sekretärinnen, Pfleger und Diener, die den großen Künstlern und Denkern zur Seite standen? Autor Dietmar Grieser begibt sich auf Spurensuche und porträtiert 30 “Perlen” in seinem Buch Die guten Geister.

GrieserKrieg in der Küche – Johann Strauß und sein Personal von Dietmar Grieser

Die meisten sind auf Postkartengröße zugeschnittene Kartons – einige auch größer, andere kleiner, wieder andere im Visitkartenformat. Die Zeichnungen sind teils mit Bleistift, teils mit Tuschfeder ausgeführt, einzelne leicht koloriert. Es sind durchwegs Karikaturen von Personen, die der Zeichner in für sie typischen Situationen festgehalten hat – die einen en face, die Mehrzahl im Profil. Eine gewisse Flüchtigkeit und Zweidimensionalität der Strichführung lassen darauf schließen, daß die Porträtierten dem Künstler nicht bewußt Modell gesessen, sondern heimlich und in aller Eile von ihm konterfeit worden sind. Einige der Blätter sind auf der Rückseite beschriftet – wir lesen Vermerke wie „Stubenmädchen“ oder „Diener“, dazu eine Reihe von Namen, die sich sonstwie der Biographie des Zeichners zuordnen lassen; andere sind entweder gar nicht zu entschlüsseln oder nur mit Fragezeichen. Ihre Identifizierung ist auch dadurch erschwert, daß es keinerlei Datierung gibt. Was am geringsten ins Gewicht fällt, ist das Fehlen der Signatur: Da die achtundachtzig Blätter einen Teil des Johann-Strauß-Nachlasses bilden, der in der Handschriftensammlung der im ersten Stock des Wiener Rathauses untergebrachten Wien-Bibliothek gehütet wird, unterliegt ihre Urheberschaft keinem Zweifel: Der Walzerkönig höchstpersönlich ist es, der hier zum Zeichenstift gegriffen hat.
Es ist eine der vielen Marotten von Johann Strauß Sohn: Es macht dem zu Schabernack Neigenden einen Riesenspaß, Menschen aus seiner nächsten Umgebung, Zeitgenossen, denen er bei dieser oder jener Gelegenheit begegnet, oder Freunde, die er bei sich daheim zu Gast hat, zu karikieren. Jetzt kommt es nur noch darauf an, daß das jeweilige Objekt, wenn der Meister das Resultat seiner Kunst herumzeigt, von den Betrachtern auch erkannt wird. Für Heiterkeit ist also gesorgt. Der Meister des Dreivierteltakts will auch als Schnellzeichner gewürdigt sein.
Johann Strauß ist um die vierzig, als er sein diesbezügliches Talent erkennt, und damit aus dem Talent ein Hobby wird, das auch vor den Augen der Mitwelt bestehen kann, nimmt er eigens Zeichenunterricht: Der renommierte Wiener Landschaftsmaler Anton Hlavaček ist es, der dem siebzehn Jahre Älteren die Kunst des Porträtierens beibringt.
Im Hause Strauß gehen die Berühmtheiten ein und aus, werden zum Ka.ee oder zum Essen eingeladen: die Kollegen Brahms und Bruckner, Goldmark und Puccini, die Musiker Rubinstein und Grünfeld, der Klavierlehrer Theodor Leschetizky und der Klavierfabrikant Ludwig Bösendorfer, die Musikkritiker Eduard Hanslick und Max Kalbeck, der Theaterdirektor Franz Jauner, der Schauspieler Alexander Girardi, der Schriftsteller Ludwig Ganghofer, der Bildhauer Victor Tilgner, der Chirurg Theodor Billroth. Daß er sich an diesen allen nicht mit seiner Zeichenfeder „vergreift“, hat einen plausiblen Grund: Es könnte die erlauchte Gesellschaft irritieren, könnte den harmonischen Ablauf der gemeinsam eingenommenen Mahlzeit stören.
Leichter hat es der Karikaturist Johann Strauß mit den Leuten vom Personal: Diener und Gärtner, Kutscher und Stubenmädel, Köchin und Küchenhilfe sind ihm willige Opfer – er braucht sie nur bei ihren täglichen Verrichtungen zu beobachten und mit ein paar Zeichenstrichen einzufangen. Für sie ist es entweder eine Ehre, oder sie bekommen die Prozedur gar nicht mit.
Auf diese Weise erfahren wir jedenfalls – zu einer Zeit, da noch nicht so viel photographiert wird –, wie „Peter der Große“, sein langjähriger Diener, wie Gärtner Thomas, wie Stubenmädel Rosa oder wie Köchin Anna ausgesehen haben. Vor allem letztere verdient unser Interesse – wir werden noch von ihr hören. Doch zunächst einmal ein Blick ins Hausinnere: Seit 1878 wohnt der Walzerkönig in der Igelgasse 4.
Alle drei Ehegattinnen – und jede auf ihre Weise – sind mit dem stolzen Besitz auf der Wieden eng verbunden: Jetty hat noch bei der Planung des Neorenaissance-Palais mitgewirkt, Lily hat die Bauarbeiten überwacht, für Adele und ihn wird es der Alterssitz, den Strauß bis zu seinem Tod beibehält. Es ist ein großbürgerlichgrundsolider, zweistöckiger Bau, den Architekt Arnold Heymann zwischen 1876 und 1878 nach den Wünschen des Meisters errichtet hat.
Zu diesen Wünschen zählt unter anderem, daß der leidenschaftliche Billardspieler gleich nach Durchschreiten des Entrées in einen langgestreckten, holzgetäfelten Saal tritt, in dessen Mitte ein mit allen nötigen Spielrequisiten ausgestattetes Billardbrett steht. Sitzgelegenheiten, eine Kartenspielecke und ein Blumentisch bilden das weitere Mobiliar. Strauß nennt es liebevoll „mein Kaffeehaus“. Im angrenzenden Arbeitszimmer dominieren das Stehpult, wo der Meister im Negligé aus dunklem Samt oder hellem Flanell pfeiferauchend seine Noten niederschreibt, sowie das Harmonium, auf dem er Gattin Adele seine jeweiligen Einfälle vorspielt, nachdem er die während des Komponierens in ihre Kemenate „Verbannte“ über ein eigens installiertes Läutwerk aus dem Obergeschoß herbeigerufen hat.
Empfängt der „gnädige Herr“ Besuch, so treten als erste Wachhund Croquet, ein schlohweißer Bernhardiner, und Faktotum Peter in Aktion, der den Gast in den Billardsaal geleitet. Läßt sich Strauß noch ein wenig Zeit bis zur Begrüßung des Ankömmlings, wird zu einem Rundgang durch den Gartenhof gebeten, wo in einem verschlossenen Pavillon die laufend einlangenden Lorbeer- und Blumenkränze vor sich hin welken und wo im 
Pferdestall die beiden feurigen Rappen bewundert werden können, die dem Hausherrn für seine Ausfahrten zur Verfügung stehen. Zur Unterhaltung der Gäste wird gern auch die immer wieder kolportierte Geschichte aufgewärmt, daß es in derselben Gasse, nur ein paar Häuser weiter, einen zweiten Johann Strauß gibt: einen Fleischhauer, mit dem der Meister seinen Namen teilt. Laufend kommt es zu den kuriosesten Verwechslungen, und Strauß hat seinen Spaß daran.
überhaupt geht es bei Besuchen im „Igelheim“, wie der Hausherr sein Domizil zu nennen pflegt, locker zu: Alles Zeremonielle tritt hinter schlichter Herzlichkeit zurück. Was das mit den Gästen einzunehmende Mahl betrifft, so ist bestens vorgesorgt: Die Speisekammer ist ständig prall gefüllt, im Keller lagern die erlesensten Weine und Champagner. Die Rezepte, nach denen gekocht wird, sind ein Erbstück von Johann Strauß’ Schwester „Tante Netti“. Zu den Standardgerichten zählen Altwiener Spezialitäten wie Beuschel mit Knödel, gebackener Rostbraten mit Erdäpfelsalat, Kipfelbröselstrudel mit Zwetschkenröster und Erdäpfelnudeln mit Weinberln. Als traditionelle Vorspeise wird Gulasch gereicht.
Klar, daß bei alledem Gattin Adele Regie führt – mit ebenso kundiger wie leichter Hand. Nur, wenn die Frau des Hauses einmal abwesend ist, kann es geschehen, daß auch der „gnädige Herr“ ins Haushaltsgeschehen eingreift. Wie sehr er den Umgang mit dem Küchenpersonal genießt, bezeugt ein Brief, der sich im Strauß-Nachlaß erhalten hat. Adele ist verreist, der daheimgebliebene Ehemann schildert ihr in epischer Breite, welche Kämpfe er mit seiner „Perle“ auszufechten hat:
„Meine Adele! Folgende Geschichte spielte sich bei meinem Nachhausekommenab: Anna legte mir schlaftrunken (sie hatte die ganze Nacht bis zum frühen Morgen getanzt) ihr Programm für das nächste Sonntagsmahl vor. Sie begann mit dem Vorschlag, ihres Renommees halber das Diner recht fein zu halten. Ich machte ihr darauhin begreiflich, daß von einem Diner keine Rede sein könne – es solle nur ein Mittagsmahl gewöhnlicher Art sein …“
Dieses bißchen Meinungsverschiedenheit soll für Johann Strauß schon ein Grund sein, seiner Adele einen zwei Seiten langen Klagebrief zu schreiben? Nun, wir wissen ja bis jetzt nicht, wie sich der Diskurs zwischen Hausherr und Köchin weiter entwickeln wird. Anna findet, ein Sonntagsmahl für fünf Personen sei nicht etwas, was mit der linken Hand zu schupfen sei, sondern müsse ihr die Gelegenheit verschaffen, „ihre Fähigkeiten an den Tag zu legen“. Was die ehrgeizige Küchenfee freilich noch nicht weiß: Strauß hat sich vor kurzem vorgenommen, seine Großzügigkeit als Gastgeber künftig einzuschränken. Er nennt es „ökonomische Prinzipien“, denen er fortan huldigen wolle – wohl aus einer plötzlichen Anwandlung von Altersgeiz. Es entwickelt sich folgender Dialog:
Anna: „Als ersten Gang schlage ich Ragoutsuppe vor.“
Ich: „Nein, höchstens Lungenstrudel.“
Anna: „Doch aber Forellen nach der Suppe?“
Ich: „Nein, höchstens Sardellen.“
Anna: „Doch aber Lungenbraten?“
Ich: „Da wir schon Lungenstrudel in der Suppe haben, ist der Lungenbraten überflüssig. Wir wollen Rindfleisch wählen und zwar das, was zur Suppe nötig war. Wenn’s nicht zu viel ausgesotten wird, schmeckt’s recht gut.“
Anna: „Und was dazu?“
Ich: „Nichts – ich finde, daß jede Soße den Geschmack des Fleisches nur beeinträchtigt.“
Anna: „Entschuldigen vielmals – aber irgendetwas müssen wir dazugeben. Ich habe Salzgurken, die zwar nicht gut sind, aber ich will sie nicht verderben lassen.“
Ich: „Haben Sie denn genug für fünf Personen?“
Anna: „Ja!“
Ich: „Dann servieren Sie sie.“
Anna: „Aber da sie nicht gut sind, werde ich doch eine Soße dazu machen.“
Ich: „Was fällt Ihnen ein? Zu Salzgurken schmeckt keine Soße. Nichts kommt dazu!“
Anna: „Aber ich bitte, wir können uns doch nicht ausrichten lassen!“
Ich: „Trachten Sie nur, daß alles zur rechten Zeit auf den Tisch kommt; um das andere haben
Sie sich nicht zu kümmern!“
Anna: „Dann bitte ich Euer Gnaden, mir zu sagen, welchen Braten Sie wünschen, wenn Ihnen der Lungenbraten nicht recht ist?“
Ich: „Man muß nicht das ganze Fleisch sieden, man kann etwas davon abbraten und auch mit kleingeschnittenen Stückchen, wenn’s geschickt gemacht wird, eine Schüssel vollkriegen.“
Anna: „Dann wird die Suppe zu schwach.“
Ich: „Es ist ganz ungesund, starke Suppen zu genießen. Die Ärzte sagen, daß Suppe nur den Magen überschwemmt. Lassen wir sie ganz weg.“
An diesem Punkt der Auseinandersetzung gibt Köchin Anna auf. Sie ist von der durchtanzten Nacht noch ganz benommen, kann sich kaum auf den Beinen halten. Nur eines steht für sie fest: Ein solch karges Mahl, wie es der gnädige Herr wünscht, läßt sich nicht mit ihrem Gewissen, nicht mit ihrer Standesehre vereinbaren. Sie bittet um Vertagung der Diskussion, zuerst muß sie sich ausschlafen. Ihr resolutes Schlußwort: „Entschuldigen, aber ein solches Diner in unserem Haus – nein, nein, nein! Ich werde morgen früh nochmals anfragen. Küß die Hand, Euer Gnaden.“
Was dann an jenem Sonntagmittag im Hause Strauß tatsächlich auf den Tisch kommt, entzieht sich unserer Kenntnis: Der streitlustige Hausherr beschränkt sich in seinem Brief an Gattin Adele auf die wortgetreue Wiedergabe der Auseinandersetzung mit der aufmüpfigen „Perle“. Nur eines kann sich der Leser dieses einzigartigen Dokuments unschwer vorstellen: wieviel Spaß die abwesende Hausfrau mit dem Küchenkriegsbericht ihres Mannes gehabt haben muß. Und noch etwas lernen wir aus dieser Episode: daß der Emanzipationsprozeß des Herrschaftspersonals nicht erst im 20. Jahrhundert eingesetzt hat. Kämpferische Annas hat’s auch schon im alten Wien gegeben.

Veröffentlicht im September 2010

Themen:

Schreib' uns!

Meistgelesen

Themen A-Z