Claudia Winter: Ausgerechnet Soufflé!

Claudia Winter: Ausgerechnet Soufflé!

Claudia Winter, Ausgerechnet Souflè!
AAVAA E-Book Verlag UG (2010)

Claudia Winters (Foto unten) Romanheldin Katharina Lehner ist gerade mit ihrem Leben am Tiefpunkt angelangt. Aber da blitzen viel versprechende Aussichten auf, auch kulinarischer Natur.

“Ich führe das ganz und gar durchschnittliche Leben einer Singlefrau in Köln. Mit dem gros meiner Leidensgefährtinnen habe ich vor allem eines gemein: Ich habe mein langweiliges Dasein ordentlich satt. Tagein, tagaus ertrage ich in einer renommierten Anwaltskanzlei einen übellaunigen Boss, lecke Klebestreifen von Briefumschlägen an, koche sagenhaft schlechten Kaffee und vertröste die Gattin des Chefs am Telefon auf nirgend wann. Die Höhepunkte des Tages bestehen im Feierabendstempeln und in haltlosen Bollywood-Kochgelagen mit meiner Freundin Britta. Beides tue ich täglich.

WinterIrgendwann geht die Sache schief. Eigentlich geht nur eine Akte schief. Doch das ist sauteuer und sozusagen wegweisend. Ich halte die Türklinke in der Hand. Und zwar von außen. Da stehe ich nun, Katharina Lehner. Ohne Job, ohne Mann, ohne Plan. Mein unwiderstehlicher Nachbar zählt nicht, den traue ich mich nicht mal anzusprechen.

Aber ich habe ja das, was ich manchem nicht unbedingt vorbehaltlos wünschen würde: Ein Rezept für jede Lebenslage, ein paar Flaschen sündhaft teuren Wein und eine durchgeknallte Busenfreundin. Wir ertränken meinen Kummer gemeinsam und hecken einen genialen Plan aus: Wir eröffnen einen Kochbuchladen mit Bistro und Kochstudio.“ „Himmelherrgott nochmal! Hätte mich nicht mal jemand vorwarnen können?!”

Ein Textauszug aus dem Roman
(…) Zuhause habe ich Mühe, die Tür zu öffnen. Ich hatte heute Morgen die Wochenzeitung achtlos auf den Altpapierstapel im Gang gelegt, der wohl damit sein Maximum erreichte und entkräftet zusammenbrach. Der ganze Flur ist von alten Zeitungen, Zeitschriften und sonstigem Schriftkram überflutet. Auch wenn mir der Gedanke äußerst missfällt: Ich komme womöglich nicht umhin, den Müll zu den Papiercontainern hinunter tragen zu müssen. Warum ich das unangenehm finde?

Kennen Sie den Film, der in den 80ern durch alle Frauenherzen seufzte? Richtig. Dirty Dancing. Natürlich fällt Ihnen dazu unwillkürlich jene Szene ein, in der die süße, unschuldige Jennifer Grey dem scharfen Patrick Swayze begegnet. Der tolle Typ wirbelt ihre pubertären Hormone dermaßen durcheinander, dass von ihrem Verstand nicht viel mehr übrig bleibt als folgende Worte: „Ich hab´ eine Melone getragen.“

Jede Frau um die Dreißig kennt diesen Satz. Ich hab ihn erlebt.
Es war ein Freitag. Das weiß ich genau, da ich nämlich üblicherweise an Olgas Putztag immer meinen Papiermüll runter trage. Ich stolperte also auf dem Weg zu den hausgemeinschaftlichen Tonnen über leere Umzugskisten und allerlei Gerümpel, das an diesem Tag überall da rumlag, wo es nicht rumliegen sollte. Ich rieb mir fluchend das Schienbein und setzte an, die Person, welche da ungerührt ihre Kisten ablud, verbal ordentlich zusammen zu falten. Ich sah das Meer. Türkisblau. Mit Spiegelungen von goldenem Sonnenlicht darin. Es verschlug mir nicht nur den Atem. Gleichzeitig saugte ein überdimensionaler Gefühlsstaubsauger fein säuberlich sämtliche Gehirnzellen aus meinem Kopf. Ich starrte in diese wunderbaren Augen, dachte ans Vögeln und stammelte im Geiste den Satz aus meinem Lieblingsfilm:
„Ich hab´ eine Melone getragen.“
„Wie bitte?“
Oh mein Gott. Hatte ich das etwa laut gesagt?

Ich drehte mich um und ergriff mit hochrotem Gesicht die Flucht.
Später stellte ich fest, dass das Objekt meiner Begierde genau gegenüber, mitsamt Panoramablick von meinem in sein Küchenfenster, eingezogen war. Mutti bewunderte kurz darauf das Muster meiner blickdichten Vorhänge und fragt sich bis heute, wie ich im Dunkeln arbeiten kann. Für meinen Balkon fiel mir noch nicht die optimale Lösung ein.
Nun. Seitdem meide ich auch den Hinterhof. Ich vermag dem Mann unmöglich unter die Augen zu treten, nachdem ich mich dermaßen lächerlich gemacht habe. Mit den natürlichen Folgen muss ich eben leben. Ich holte mir quasi den Papiercontainer in die Wohnung und sehe mich seither gezwungen, meinen Hausmüll heimlich nachts woanders zu entsorgen. Ja, ich weiß, dass das nicht die feine Art ist.
Etwas unschlüssig taste ich nach meinem Schlüssel auf der Anrichte. Der unwiderstehliche Nachbar wird schon nicht mitten in der Woche zur Mittagszeit da unten auftauchen.

Fast bin ich ein bisschen enttäuscht. Meine Zeitungen landeten ohne Zwischenfall im Container auf dem Hof. Auf dem Rückweg begegne ich im Hausflur dem zwar freundlichen, aber reizlosen Postboten. Leider überreicht er mir weder Fleurop-Blumen von einem unbekannten Verehrer und auch nicht das ersehnte Päckchen vom Onlineshop. Sondern ein Einschreiben mit persönlicher Zustellung. Noch Minuten später und längst in meiner Wohnung angekommen, drehe ich den schmalen, eleganten Briefumschlag unschlüssig in den Händen. Das Briefpapier ist mir wohlbekannt. Besonders der Geschmack der Klebestreifen beim Anlecken. Ein wenig Vanille vereint mit einem Hauch Mandarine und Fensterreiniger. Mein Blick sucht unauffällig nach einem Ort, wo ich das Kuvert diskret ablegen und vergessen kann.

Ich bekam noch nie eine waschechte, schriftliche Kündigung. Während meiner Schul- und Ausbildungszeit jobbte ich in diversen gastronomischen Lokalitäten. Man begnügte sich dort, mir mit unbewegter Miene eine Rechnung für das zerschlagene Porzellan auszustellen und mich höflich zu bitten, am nächsten Tag nicht mehr zu erscheinen. Dabei ging ich regelrecht beflügelt ans Werk. Vielleicht habe ich ein kleines bisschen übertrieben. Im Fernsehen funktioniert das stets, wenn der coole Barkeeper die Cocktails meterweit die blank polierte Thekenfläche entlang sausen lässt. Bei mir klappte das leider nicht so gut. Der Maître meinte auch, es sei in einem 4-Sterne-Lokal nicht üblich, dem Gast sein Champagnerglas absichtlich über den Armani-Anzug zu gießen. Ich schwöre, ich hatte den unflätigen Kerl vorgewarnt. Zweimal bat ich ihn freundlich, seine Hand von meinem Hintern zu nehmen, die er dort versehentlich ablegte. Meiner dritten Aufforderung verlieh ich lediglich mittels Inhalts seines Glases etwas Nachdruck. Ich gebe zu, dass diese Methode nur bedingt der Etikette entspricht. War aber sehr wirkungsvoll. Danach stellte ich sowieso fest, dass die Gastronomie nicht mein Ding ist. Der Maître teilte meine Meinung. Ich kam ihm bloß zuvor.

Ich öffne den Brief der Kanzlei Dr. Hennemann, Frentzen und Partner betont langsam. Beim Herausziehen des Schreibens blinzelt mir der vertraute, großspurige Briefkopf entgegen und treibt mir glatt die Schamesröte auf die Wangen. Meine Handinnenflächen werden feucht und meinem Magen behagt das Ganze auch nicht sonderlich. Ich überlege es mir kurzfristig anders. Der Umschlag samt ungelesenem Schrieb darin fliegt aus Versehen auf den Kühlschrank, um Staub und Spinnweben Gesellschaft zu leisten. Und ich wende mich meinem viel erfreulicheren Milchkaffee zu. Ich halte es da wie der berühmte Vogel Strauß: Nix gesehen. Nix da. Natürlich streift mein Blick nur zufällig den gegenüberliegenden Balkon. Beinahe hätte ich das wohlschmeckende Heißgetränk ausgespuckt.

Ich kannte mal jemanden, der sowohl vitamin- als auch sportresistent war. Er hielt Brokkoli für eine tschechische Biersorte und Aerobic für ein Beatmungsgerät. Todsicher sah dieser Mensch nie in seinem Leben ein Sportstudio von innen. Ich schaute an dem Abend, als ich in den Genuss seiner Bekanntschaft kam, entweder nicht genau hin oder stand unter dem Einfluss alkoholischer Substanzen. Jedenfalls bemerkte er auf mein entgeistertes „Oh!“, das mir entschlüpfte, als ich seines mächtigen Bauches ansichtig wurde (man erspare mir, auszuführen, wieso ich überhaupt in diese prekäre Lage kam):
„Wozu brauche ich ein Sixpack, wenn ich doch ein Fass haben kann?“
Und seine Plauze waberte und bebte, als er über seinen eigenen Witz lachte.
Keine Ahnung, warum mir jetzt dieser Spruch in den Sinn kommt. Das hier ist eindeutig kein Bierfass. Nicht mal ein Kleines. Das ist der Prototyp eines perfekten Abdomens aus einem Lehrbuch der Sportmedizin. Und die passende Brust und Oberarmmuskulatur wird gleich noch der Einfachheit halber exemplarisch mitgeliefert.

Dieser Nachbar besitzt die Dreistigkeit, mit nacktem Oberkörper in seiner Küche zu stehen und an seinem Mixer rumzufummeln. Ich weiche in den Sichtschutz meines Vorhangs zurück den Impuls unterdrückend, mir das Haar zurecht zu streichen und an meinem Kleid zu zupfen. Er sieht mich ja gar nicht. Ich ihn allerdings schon. Aus rein anatomischem Interesse greift meine Hand nach dem Fernglas, welches ich neulich zufällig erworben habe. Es war ein Schnäppchen, ehrlich, und ich hätte es bestimmt irgendwann bereut, wenn ich nicht zugegriffen hätte. Nicht im Geringsten stand mir beim Kauf der Sinn danach, es auch tatsächlich zu benutzen. Andererseits besteht just die Gelegenheit, es auf seine Funktionalität zu überprüfen.

Seine Muskulatur ist von nahem betrachtet weitaus beeindruckender, als erwartet. Mit einem kleinen Schwenker findet der Sucher der Linse sein Gesicht. Offensichtlich war die Zeit heute zu knapp, sich zu rasieren. Der Feldstecher erfasst präzise jedes Fältchen seiner Haut. Wie alt er wohl sein mag? Nicht älter als Mitte, Ende dreißig. Cognacfarbene Strähnen durchziehen sein dunkelblondes Haar. Gewiss riecht es nach Zitrone oder etwas anderem, frischen, wie Minze. Aus der Ferne vermag ich seine Größe schwer einzuschätzen, aber ich gebe ihm über eins achtzig. Seine langgliedrigen Finger, die soeben lieblos an dem gläsernen Mixeinsatz rütteln, sind gepflegt und ohne sichtbare Schwielen. Vermutlich arbeitet er nicht damit. Gerade gießt er einen Liter Milch in den Becher und schneidet Bananenstücke hinein. Er macht sich einen Shake, grinse ich und neige mich weiter nach vorne, um den Sucher genauer auszurichten. Die Zungenspitze erscheint zwischen seinen Zähnen, als er konzentriert den Deckel auf den Aufsatz dreht und den Hebel umlegt. Irgendwie süß. Dann trifft er mich zum zweiten Mal. Der ozeanblaue Blick aus diesen langbewimperten Augen. Ich halte unwillkürlich den Atem an. Hinter dem dichten Vorhangstoff sieht er mich garantiert nicht. Trotzdem fühle ich mich ertappt, sowohl von ihm als auch von meinem moralischen Gewissen.

Katharina Lehner ist ein Stalker.
Schnell lege ich das Fernglas zur Seite. Leider werde ich zukünftig nie mehr rein zufällig aus dem Fenster schauen.

Nur so zum Zeitvertreib schreibe ich die Dinge auf, die ich über ihn erfahre. Wann er aufsteht. Wann zur Arbeit geht. Wann er Feierabend macht. Ich wünsche ihm einen guten Morgen und sage abends liebevoll gute Nacht. Inzwischen überblicke ich den Inhalt seines Kleiderschranks samt der genauen Anzahl an Hemden und Jeans. Und amüsiere mich stets königlich darüber, wie lange er braucht, bis er sich für eine Kombination entscheidet. Meist zieht er sich währenddessen mehrmals um. Erstaunlicherweise trägt er keine Socken. Nie. Auch nicht in Lederschuhen. Schokocreme mag er besonders. Er schmiert sie zweifingerdick auf sein Frühstücksbrötchen und lächelt dabei. Er lächelt oft. Ab und an erwische ich ihn sogar nachts am Kühlschrank, wenn er das sündige Nougat-Zeug löffelweise direkt aus dem Glas nascht. Kochen scheint nicht sein Ding zu sein. Stattdessen isst er aus Schachteln. Unzählige Pizzakartonagen und diese niedlichen, viereckigen Schächtelchen vom Chinesen stapeln sich in seinem Mülleimer. Man denkt nicht, wie viele Informationen in einer Mülltüte stecken können. Inzwischen kenne ich die Adresse seines Fitnessstudios, die Höhe seiner Telefonrechnung und den Sachbearbeiter seiner Krankenversicherung. Ein wirklich netter Mann mit einer angenehmen Stimme. Ich rate Ihnen, liebe Leserin, kaufen Sie sich einen Schredder.

Mein Nachbar telefoniert permanent und trinkt währenddessen schwarzen Kaffee aus einer apfelgrünen Tasse mit Henkel. Ab und an liegt eine Spiegelreflexkamera auf seinem Küchentisch, die er oft in die Hände nimmt und eingehend betrachtet. Meine Recherche im Internet ergab, dass das Fabrikat des Geräts zur teuren Gattung eines namhaften Herstellers gehört und ausschließlich von Profis benutzt wird. Er reinigt die Kamera regelmäßig und verbringt Stunden damit, sie auseinander zu schrauben und wieder zusammenzusetzen. Ebenso häufig und liebevoll beschäftigt er sich mit seiner Zimmerpflanze, einem Philodendron, den er mit Hingabe wässert. Weitere Sozialkontakte zu Lebewesen scheint er nur außerhalb seines Refugiums zu pflegen. Er empfängt selten Besuch, nur montags und donnerstags holt ihn stets derselbe Kumpel zum Training ab. Bisher wurde ich bloß der schlaksigen Gestalt des Besuchers und dessen Hinterkopfs mit kreisrundem Haarausfall ansichtig. Wähnte ich mich nicht auf verborgenem Posten, so könnte man meinen, der Fremde entzieht sich bewusst meinen neugierigen Blicken. Aber das kann natürlich gar nicht sein.

Meine Aufmerksamkeit richtet sich an diesem Tag auch vielmehr auf den Zeitpunkt seiner Rückkehr vom Sport. Beim Hereinkommen zieht er sein T-Shirt aus, um es in den Wäschekorb unter der Spüle zu stopfen. Meine Aufzeichnungen brechen an dieser Stelle stets rapide ab.
Was ich nicht kenne, ist sein Parfum und sein voller Name. Der ergab sich auch nicht aus seiner Post. Auf dem Klingelschild steht F. Sander. Draufzudrücken traue ich mich nicht. (…)

Veröffentlicht im April 2010

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